Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 70 Dr. Bloch's Wmtzvnfchrifl. Nr. s Wichel« Kebknecht ««i» der Antisemitismus. Das „Deutsche Volksblatt" hat es neuerdings fertig gebracht, Wilhelm Liebknecht wegen feiner eigenartigen Haltung in der Dreyfusaffaire zu einem antisemitischer Regungen und Neigungen verdächtigen Politiker zu stempeln. Wie wenig ks dazu berechtigt ist, geht aus vielen von Liebknecht im Reichstag gemachten Bemerkungen gegen die Antisemiten hervor. Ganz besonders bezeichnend aber sind die Auslegungen Liebknechts über sein Berhältniß zum Judenthum und zum Antisemitismus in dem im „Weltkalender" für 1901 veröffentlichten Artikel „Aus meiner Schulmeisterzeit". Er schrieb da: „In Leipzig, wo der Kampf um's Dasein sich Anfangs recht schwierig gestaltete, war es besonders eine Familie — die eines Kaufmannes Eppstein, den ich im Leipziger Arbeiterbildungsverein durch Bebe! kennen lernte — die mir freundlich entgegenkam und zur Ausübung der Lehrthätigkeit behilflich war. Es waren Juden. Den Dank, den ich ihnen schulde, habe ich dadurch abzutragen gesucht, daß ich der niederträchtigsten und rohesten »Hetze", welche in neuerer Zeit zu den gemeinsten Zwecken in Scene gesetzt ward, ich meine die »Judenhetze", mit aller Kraft entgegengetreten bin. Gießen, meine Geburtsstadt, liegt in der Nähe und in der Einflußsphäre von Frankfurt am Main, einer Stadt, in welcher die Juden seit einem vollen Jahrhundert eine geachtete, ja beinahe gebietende Stellung einnehmen. Diesem Umstand und der Aufgeklärtheit meiner Erzieher mag es zuzuschreiben sein, daß ich auch in meiner Kindheit kein Vorurtheil gegen die Juden einsog. Blos die Katholiken erschienen mir damals als Menschen zweiter Clafse, zum Mindesten als etwas verdächtig, was sich daraus erklärt, daß es in unserer Gegend so gut wie keine Katholiken gab. und daß meine Familie, trotz liberaler Anschauungen, auf die von ihr fest geglaubte und von hessischen Genealogen behauptete Abkunft von Dr. Martin Luther nicht wenig stolz war. Zum Andenken an den berühmten Urahn wurde mir auch der Vorname Martin zu meinen anderen vier Namen noch zugelegt. Eine Judenfamilie, die uns gegenüber wohnte und meinen früh verstorbenen Eltern befreundet gewesen war, lud mich öfters zu sich ein — einmal zum Laubhüttenfest, welches einen tiefen Eindruck auf mich machte. Bald wurde ich noch mit anderen Juden bekannt und befreundet, und auch auf der Universität hatte ich Juden unter meinen besten Freunden. Ich rede hier nur von der Zeit, ehe ich durch die Verhältnisse zum Acteur aus der politischen Bühne gemacht wurde und in dem Juden Johann Jacobh ein verehrtes Vorbild und in dem Juden Carl Marx meinen unsterblichen Lehrer kennen lernte. Als Fürst Bismarck vor 1878, um den Volkszorn ob des Großkornwuchers und der ganzen junkerlichen Raubpolitik von den wahren Schuldigen abzulenken, den Antisemitismus aus der modrigen Rüstkammer des Mittelalters hervorholte und Stöcker, den biederen Scheiterhaufenmann, auf die Juden losließ, da tauchten die frühesten Jugenderinnerungen in mir auf. und neben den politischen Erwägungen kamen auch meine persönlichen Sympathien für die Juden zur Geltung. In England hatten sich diese Sympathien erweitert, vertieft und gewissermaßen eine wissenschaftliche Basis gewonnen. Disraeli, von allen englischen Staatsmännern mir der intercffanteste, bat in seinen literarisch wie politisch gleich bedeutenden, lange nicht nach Verdienst geschätzten Romanen die Theorie aufgestellt und genial verfochten, daß die Angelsachsen und Juden die zwei begabtesten und zur Weltherrschaft oder Weltregierung berufensten Racen der Welt seien. Sagen wir statt angelsächsisch germanisch, so gelangen wir zu einem Judo-Germanismus, in dem jedenfalls mehr Kern und mehr Wahrheit steckt, als in der verlogenen Hofschranzenlehre des Christo-Germanismus oder der sogenannten ^christlichgermanischen Weltanschauung". Und nicht blos mehr Kern und Wahrheit: vor Allem auch mehr Freiheit. Der Judengott Jehovah unh die Judenhelden, voran die Makkabäer, sind es gewesen, die einen Cromwell zum Befreiungskampf anstachelten — wo hingegen im Namen des Christenthums nie ein Freiheitskampf der Völker geführt worden, wohl aber unzählige Kämpfe zur Unterdrückung der Völker. Das einzige Land, in welchem der Freiheitskampf des Volkes einen religiösen Charakter trug, ist England — und in England war es nicht das Neue Testament, das den Kämpfern das geistige Rüstzeug lieferte, sondern das Alte Testament. Die englische große Revolution in der Mitte des 17. Jahrhunderts — nicht mit der Spießbürger-,Revolution" zu Ende desselben zu verwechseln — war das That gewordene und auf die politische Bühne gebrachte Buch der Makkabäer. Die Geschichte der Juden nach der Zerstörung des jüdischen Staates und der Zerstreuung des Judenvolkes über die Erde war für mich schon in frühester Jugend ein Räthsel gewesen und ein Wunder; mit wahrhaftem Grausen hörte ich als Kind von den gräßlichen Judenverfolgungen des Mittelalters, von der entsetzlichen Rohheit und Barbarei, welche die Christen wegen unmöglicher, nur dem blödesten Stumpfsinn und blindesten Vorurtheil glaubhaften Verbrechen an Juden bethätigt haben. Wenn ich nun sah, wie Männer, in denen mein junges Herz die edelsten und tapfersten Vorkämpfer der Freiheit verehrte — ein Börne, ein Johann Jaeoby Juden waren, so übertrug sich unwillkürlich die Verehrung für diese Männer auf ihre Race. War hierin etwas von Schwärmerei, so mußte doch auch die reifere Kritik späterer Jahre sich vor der Thatsache verneigen, daß für das Wohl und die Freiheit der Menschen, für Kunst, Literatur, Wissenschaft von den Juden im Berhältniß zu ihrer Zahl mehr geleistet worden ist, als von irgend einem anderen Volke. Ich erklärte mir schon früh diese Erscheinung daraus, daß der durch zweitausendjährige Unterdrückung erschwerte „Kampf ums Dasein" die geistigen Fähigkeiten der Juden außerordentlich geschärft und die kräftigeren Geister, die sich nicht biegen, nicht brechen ließen, zu revolutionärem Kampf gegen Unterdrückung und Unrecht gedrängt hat. Nicht daß ich mein Auge den Fehlern der Juden verschlossen hätte. Allein diese Fehler sind, wie die Tugenden, das natürliche Product der Unterdrückung. In dem Umstand, daß die Juden durch ihre 'politische und sociale Aechtung und durch das Verbot der Ausübung „ehrlicher" Berufe zum Gelderwerb gezwungen und zu Pionnieren der modernen Bourgeoisie künstlich gezüchtet worden sind, erblickte ich immer eines der lehrreichsten und amüsantesten Beispiele von „Ironie der Weltgeschichte". Man könnte auch sagen von Nemesis. Nemesis ist's auch, daß die Urenkel der Raubritter, welche die Juden ausplünderten und quälten, fast allesammt im Schuldbuch ber Urenkel jener Aus geplünderten sind, Und Nemesis ist's ferner, daß unsere „Edelsten der Nation", welche den Juden mit sittlicher Entrüstung vorwersen, daß sie Wucherer seien, jetzt selber Großkornwucherer geworden sind und den Kornwucher, wie überhaupt den Lebensmittelwucher in solchem Umfang gewerbsmäßig betreiben, daß Alles, was die Juden insgesammt jemals an Wucher geleistet haben, daneben ein wahres Kinderspiel ist. Apropos Wucher! Wenn den Juden der „Wucher" vorgeworfen wird, dann fällt mir immer auch ein, daß, während mir in meinem Leben oft von Juden Gutes und Freundliches gethan worden ist. der einzige Wucherer, dem ich je in die Hände gefallen bin und der mir manche angstvolle Stunde bereitet hat, ein guter Christ war, ein protestantischer Mustermensch, der jeden Sonntag zwei Mal zur Kirche ging." Professor Ernst Enrtms «der die Inden. Dr. Professor Ernst Curtius in Berlin, war nicht nur einer der erlauchtesten, fruchtbarsten Vertreter seiner Wissenschaft, sondern auch einer der muthigsten, redegewaltigsten Wortführer der Glaubensduldung und Bürgereintracht. Als zu Beginn der antisemitischen Bewegung hervorragende Männer aus allen Berufsschichten mahnend ihre Stimme erhoben, fehlte Ernst Curtius nicht, und als dann ein Jahrzehnt später ein gleich illustrer Kreis das öffentliche Gewissen zur ,Abwehr wachrief, schloß sich der greise Historiker, an dessen Gesinnungslauterkeit auch die wüsteste Schmähsucht sich nicht heranwagte, willigst ihnen an. In der Festrede, welche er in der Akademie der Wissenschaften bei der Feier des Geburtstages weiland Kaiser Wilhelms I. am 23. März 1876 gehalten und dann gedruckt herausgegeben hat, behandelte er die Beziehungen zwischen Juden und Hellenen, zunächst die beiden gemeinsame Eigentümlichkeit, sich gegen Fremdes abzuschließen, und fährt hierauf fort: „Bei beiden Völkern war es ein geistiger Besitz, der ihnen das stolze Selbstgefühl gab; beide waren kleine Völker,