Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. S Vr» Blvch's Wochenschrift» Sette 69 und eine zu gute Meinung von mir zu haben, gehe ich zu irgend einer Versammlung. Da erscheine ich in meiner ganzen Jämmerlichkeit. Nein, die Deutschen sind die besten und bedeutendsten Vereinsmenschen. In keinem Lande der Welt haben sich die Juden so sehr alle Gewohnheiten der nichtjüdischen Bevölkerung angeeignet, wie in Deutschland. Bezüglich der Vereinsthätigkeit sind die Juden den Deutschen sogar weit über. Dies sreut mich sehr. Denn warum sollen wir Juden nicht in irgend einem Zweig des gesellschaftlichen Lebens besonders hervorragend sein? Ich kann nur von Berlin sprechen, wo jüdische Vereine zu Hunderten vorhanden sind; außerdem gehören die Juden den meisten nichtjüdischen Vereinen an. Wohl gibt es Vereine, in denen keine Juden zu finden sind — das sind solche/ die kein Geld brauchen. Wo man aber Geld braucht, sind auch die exclusivsten Christen und Arier tolerant und vorurtheilslos. Es gibt Vereine, die Männer von sehr hoher Stellung in der Leitung haben — diese bedeutenden Männer sind aber einfache Decoration. Der Verein selbst besteht aus reichen Juden, und jeder hält es für eine Ehre und eine Auszeichnung, seinen Beitrag einem Vereine geben zu dürfen, dessen Vorsitzende Herr Graf Soundso ist, oder dessen Ehrendamen Frau N. N. und Frau £. I. sind. Sehen wir von den Wohlthätigkeitsvereinen ab, die meiner Meinung nach der staatlichen Controle dereinst doch verfallen werden. Auf die Dauer wird es nicht angehen, daß, namentlich in den großen Städten, Leute zusammen kommen werden, um im Namen der Wohlthätigkeit große Summen einzuheimsen. Gesetzt den Fall, daß es da mit lauter Ehrlichkeit zugeht — was aber leider nicht immer der Fall ist — so darf man nicht vergessen, daß die Wohlthätigkeit heutzutage einen wichtigen Theil der Socialpolitik, d. h. des gesellschaftlichen Lebens ausmacht. Wohlthätigkeit ohne Verstand und Ueberlegung kann mitunter großen Schaden anrichten. Um mein sechsjähriges Kind in der Kunst des Lesens und Schreibens zu unterrichten, bedarf der Lehrer oder die Lehrerin einer staatlichen Approbation; an der Volkserziehung aber soll Jeder Mitwirken dürfen, und es ist schon genug, wenn er ehrlich nnd uneigennützig ist. Lassen wir dieses Thema, das ich für unerschöpflich halte. Ich will nur noch hinzufügen, daß man in Frankreich bereits die Anregung gemacht hat, die gesammte Vereinsthätigkeit, soweit sie sich auf die Werke der Menschenliebe bezieht, unter staatliche Aussicht zu stellen. Für heute iuteressirt mich aber mehr das Vereiuswesen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Literatur. Zuerst die materielle Seite dieser Frage. Wir haben der Vereine viel zu viel und der eine stört den anderen in seiner Thätigkeit und in seiner Entwicklung. Einer meiner Bekannten, der nicht nur geistreich, sondern auch reich ist, sagte vor wenigen Tagen in einer öffentlichen Versammlung: Wenn sich ein Armer an mich mit der Bitte um eine Unterstützung wendet, bekommt er etwas; melden sich aber zehn Arme, so erhalten nicht nur sie nichts, sondern auch die nächsten fünf. Tatsächlich zersplittern sich unsere Kräfte, die materiellen, wie die geistigen, in den verschiedenen Vereinen, die alle auf unseren Geldbeutel und auf unsere Arbeitskraft Anspruch erheben. Hier wäre weniger gewiß mehr. Ueberhaupt sollte bei jeder Vereinsgründung genau erwogen werden, ob der Verein zumindest soviel Nutzen zu bringen verspricht, als er schon durch sein Vorhandensein Schaden stiftet. Ich glaube, daß man diese Angelegenheit von dieser Seite noch nicht betrachtet hat. Da unser geistiges Leben vom Staate nicht beaufsichtigt wird — was vielleicht gut ist — so ist bei uns Alles Privatsache. Oft ist bei uns die Rede von der Ausbildung der Rabbinen gewesen, die in Deutschland lediglich von einem Verein abhängig ist. Es entsteht eine Gesellschaft zur Unterhaltung einer theologischen Lehranstalt; ist sie rührig, so bekommt sie Geld, wenigstens soviel, daß die Anstalt nothdürftig bestehen kann. Die Leitung des Vereines beruht auf dem bloßen Zufall; sie kann ebenso gut wie schlecht sein. Nichtsdestoweniger maßt sich die Anstalt den Charakter der öffentlichen Autorität an, die ihr gar nicht zukommt. Es ist nicht meine Absicht, der einen oder der anderen theologischen Lehranstalt etwas am Zeug zu flicken; ich halte sie alle für einwandsfrei und vorzüglich. Ich will nur in Erinnerung bringen, daß keine von der Judenheit in legaler Weise autorisirt ist, ich also nicht verpflichtet bin, sie zu respectiren. Wenn der Gemeindevorstand eine solche Anstalt unterhalten würde, so stünde sie unter der Controle der Gemeinde. So oft der Vorstand neu zu wählen wäre, könnte man auch an ihr Kritik üben. Eine Privatanstalt aber hängt von irgend einem Verein ab, und dieser wird von zwei bis drei Personen geleitet. Was kann in dieser Weise Ersprießliches entstehen? Es geht so mit allen literarischen Vereinen, die alle auf dem Zufall beruhen; sie können gut oder schlecht sein. Eine Generalversammlung ist nicht im Stande, wissenschaftliche Fragen zu discutiren, und wie der Vorstand die Sache handhabt, Wandel zu schaffen ist absolut unmöglich. Viel Nutzen können solche Vereine nicht bringen; aber unter gewissen Umständen schaden sie auch nicht. Bedenklich werden sie erst dann, wenn sie unser geistiges Leben beeinflußen und überhaupt die einzigen Centren unseres geistigen Lebens bilden. Es ist ein großer Mißstand, daß solche Gesellschaften, weil sie auf reiche Spenden angewiesen sind, von Leuten geleitet werden, die viel Geld besitzen, auch recht achtbare Leute sind, aber sonst nichts. Ich finde darin die einzig richtige Motivirung der unleugbaren Thatsache, daß wir in den letzten zwanzig Jahren, trotzdem wir eine Unmenge von Vereinen haben, unser geistiges Niveau zu heben, nicht von der Stelle gekommen sind. Immer heißt es, wir müssen dies oder jenes thun; uns fehlen gute Volksbücher, wissenschaftliche Schriften, Methoden u. s. w. Man hört auf Schritt und Tritt von neuen Unternehmungen, dem vorhandenen Bedürfniß abzuhelfen. Wo bleibt aber die Wirkung? Die kann sich unmöglich zeigen, so lange wir in all' unseren Thun so gedankenlos sind. Es brauchen sich nur zwei Menschen zusammen zu thun, deren Kühnheit größer ist, als ihr Können; sie gründen eine Gesellschaft, finden einige social hochstehende Personen, die gerne bei allem sein möchten — und die Suche ist fertig. Auf die gedruckten Aufrufe kommt immer Geld ein — mehr oder weniger. Ich behaupte nicht, daß das Geld nicht seinem Zweck zugeführt werde; aber der Zweck ist nicht immer ein guter, und die Leute sind nicht immer geeignet, für einen guten Zweck die geeigneten Mittel anzuwenden. Kurz, auf diesem Gebiete wird oft sehr viel gesündigt. Sogenannte gelehrte Gesellschaften bestehen überall. Aber anderswo werden sie von der Oeffentlichkeit besser controlirt; außerdem leistet der Staat für die Culturaufgaben so viel, daß es auf die Vereine nicht viel ankommt. Wir haben leider nichts außer den wenigen Spenden zu wissenschaftlichen und literarischen Zwecken, und diese Spenden werden in den seltensten Fällen richtig verwendet. Ich will gegen keinen dieser Vereine den Kampf aufnehmen, nicht etwa aus Furchtsamkeit, sondern aus Gerechtigkeit. Es kommt mir nämlich nicht gerecht vor. Einen aus der Gesammtheit herauszureißen und ihn für die Mängel und Schwächen einer ganzen Zeit verantwortlich zu machen. Aber nach meiner Ansicht müßte die Vereinsthätigkeit auf dem Gebiete der Wissenschaft und Literatur neu und neuarttg organisirt werden; sie müßte aufhören, Privatsache zu sein. Unsere geistigen Güter gehören der Gesammtheit an und müssen von ihr verwaltet werden. Ich komme darauf zurück, was ich schon einmal in dieser Zeitschrift gesagt habe. Die Gemeindeverwaltungen sollten einmal aufhören, sich mit der materiellen Wohlthätigkeit zu beschäftigen — das ist nicht ihre Sache. Jüdische Gemeinden müssen in erster Reihe sich mit der Pflege des Judenthums, mit unseren kulturellen Aufgaben befassen. Dr. S. Bernfeld.