Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hrtte 66 Br. Bloch's Wochvnschrifl. Nr. 6 find darin wahrhaftig nicht faul. So oft das Rückert'sche Gelauteren journalistischen Speculation, der Vertheidigung des dicht zur Verlesung gelangt, sind die jüdischen Schüler Gegen- Ritualmordaberglaubens und die Bemerkung, daß er das Anstand ebenso billiger als naheliegender Spöttereien. denken seines Vaters besudele, vollständigst zurückziehe. Das Gedicht »Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt" ist in harmlosem Volkstöne gehalten und Friedrich Rückert hat gewiß nie daran gedacht, welche Bedeutung die Wiener Christlich-Socialen dem Worte „Jude" unterschieben würden. Aber Herr von Härtel und seine für den Schulbücherverlag verantwortlichen Organe mußten daran denken. Und so wenig die Katholiken es sich gefallen lasten, daß in den Lehr- und Lesebüchern in den Volks- und Mittelschulen auch nur die geringste hämische Bemerkung gegen die katholische Kirche und deren Institutionen vorkommt, so wenig hat man ein Recht, gerade solche Lesestücke auszuwählen, welche eine gehäffige Deutung gegenüber den Juden möglich machen. Die Frequentanten der ersten Mittelschulcloffe werden dieselbe Fertigkeit im Lesen erlangen, wenn statt des erwähnten Gedichtes eine andere Blüthe deutscher Dichtung Aufnahme finden wird. So geringfügig dieses Gravamen erscheinen mag, so ist es doch symptomatisch für den Geist, der gegenwärtig unsere ganze Unterrichtsverwaltung beseelt. Während das Ministerium Korber in mannigfachen Erlösten strenge Befolgung der Gesetze und volle Unparteilichkeit gegenüber allen Elasten der Bevölkerung empfiehlt, wird das Gift des Racenhaffes und der confestionellen Gegensätze mittelst Contrebande in das gesammte öffentliche Leben und nicht zum Wenigsten in die Schule eingeschmuggelt. Es gibt keine ärgere Nichtswürdigkeit als die Verhetzung der Jugend, als die Verseuchung der kindlichen Gemüther. Man kann hier nicht von Unachtsamkeit oder Schlendrian sprechen; es liegt System darin , daß der Antisemitismus durch Hmterthüren einbricht, weil ihm von vorne durch die Gesetzgebung die Pforten verschloffen sind. Herr von Härtel gilt allerdings nach wie vor für einen liberalen Mann. Pr. V. 98/2 35 Protokoll vom 20. Jänner 1903. Ausgenommen beim k. k. Landes gerichte Wien, Abth. V. Gegenwärtig: Beginn 11 Uhr. K. k. O.-L.-G.-R. Schwab. Rpt. Dr. Lechner. Gegenstand: Strafsache Karl Kraus contra Dr. Josef S. Bloch wegen Ehrenbeleidigung. Erschienen sind über Einladung des Vorsitzenden Privatankläger und Angeklagter persönlich, Ersterer in Begleitung des Herrn Dr. Jacob Meisl, Letzterer in Begleitung des Herrn Dr. Friedrich Elbogen. Beide Theile werden vom Vorsitzenden befragt, ob sie die vorliegende Strafsache nicht in gütlicher Weise durch einen Vergleich zum Austrag zu bringen gesonnen sind. Herr Dr. Bloch erklärt, er werde keinen Anstand nehmen, dem Herrn Karl Kraus Satisfaction zu geben, wenn er vorerst darüber beruhigt sein wird, daß die von Herrn Karl Kraus in der von ihm herausgegebenen „Fackel" in mehreren Artikeln gegen das Judenthum in seiner Totalität und dessen Glaubensbekenntniß gerichteten Schmähungen zurückgenommen werden. Darauf erklärt Herr Karl Kraus, er habe nichts zurückzunehmen, weil es ihm ferne gelegen sei, das Judenthum in seiner Totalität oder dessen Glaubensbekenntniß zu beschimpfen. Seine Angriffe beziehen sich lediglich auf einzelne Erscheinungen innerhalb des Judenthums, und er verweise darauf, daß über seinen Standpunkt insbesondere in der Ritualmordfrage umsoweniger ein Zweifel obwalten könne, als er in dem Artikel Nr. 100 der „Fackel" sowohl, als auch in zahlreichen anderen Artikeln in Spott und Ernst diesen Aberglauben gegeißelt habe und lediglich die nach seiner Anschauung verfehlte Art der Abwehr dieses Aberglaubens getadelt habe. Darauf erklärt Herr Dr. Bloch, daß er die in Nr. 18 der „Oesterr. Wochenschrift"' v. I. unter dem Titel „Brimanus der Jüngere" gegen den Herausgeber der „Fackel", Herrn Karl Kraus gerichteten Anwürfe sowohl in ihrer Totalität, als auch iusbesondere die Beschuldigung der Corruption und der un- Herr Dr. Josef Bloch verpflichtet sich, diese vorstehende Ehrenerklärung in der nächsten oder zweitnächsten Nummer der »Oesterr. Wochenschrift" an der gleichen Stelle (wie der) an der der incriminirte Artikel gestanden war, zu veröffentlichen. Darauf erklärt der Kläger, die vorliegende Anklage vom 19. Ociober 1902, Pr. XXXV nach geschehener Veröffentlichung zurückzuziehen. Beide Theile bitten sohin um Vertagung der für den 27. d. M. angeordneten Hauptverhandlung und um Zustellung einer vidimirten Abschrift dieses Protokolles zu Händen ihrer obengenannten Vertreter. - Karl Kraus m. p. Dr. Bloch m. p. Dr. Jacob Meisl m. p. Dr. Friedrich Elbogen m. p. Dr. Lechner m. p. Schwab m. p. Die Antwort de« Kord-Mayor« von Kondor» an den Präsidenten dr« „AUgem. Orsterr.-Israelitischen Kunde»". Wir haben kürzlich in einer Uebersetzung aus dem „Jewish Chronicle“ die Adresse mitgelheilt, welche der „Allgem. Oesterr.-Jsraelitische Bund" an den Lord-Mayor von London, Sir Marcus Samuel, gerichtet hat. Wir sind heute in der Lage, in wortgetreuer Uebersetzung auch das interessante Schreiben zu veröffentlichen, mit welchem der Lord-Mayor seinerzeit sofort die erwähnte Kundgebung beantwortete. Das an den Präsidenten des „Allgem. Oesterr.- Jsraelitischen Bundes", Herrn Dr. Alfred Ster n, gerichtete Schreiben lautet: The Manison House London E. C. 16. December 1902. Geehrte Herren! Ich habe Ihre Zuschrift (Adresse) am 15. d. M. erhalten und aus derselben mit größter Freude und aufrichtiger Genugthuung entnommen, daß mein Eintreten für unsere Glaubensgenossen in Rumänien die Zustimmung und Anerkennung der österreichischen Juden gefunden hat, welche so viel besser als ich in der Lage sind, das System der Verfolgungen, unter welchem dieses unglückliche Volk dermal zu leiden hat, zu erkennen. Ich werde dafür Sorge tragen, daß Ihre bedeutsame und wohlwollende Kundgebung unter den Juden dieses Landes Verbreitung finde. Dieselben mögen daraus ersehen, mit welchen Gefühlen der Sympathie und des Mitleides Sie die traurige Lage Jener verfolgen, in deren Interesse ich aufgetreten bin, Gefühle, die wir ganz und voll mit Ihnen theilen. Ihr freundlichst ergebener Marcus Samuel, Lord-Mayor. An den Präsidenten des „Allgemeinen Oesterreichisch-Jsraelitischen Bundes" in Wien.