Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-01-30 · 5 (30.1.1903) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021499--12414-3037007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Ur. 5 Bloch’s Jahrgang XX Centrslorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. * — =* A. k. Postsp«rraffrn-A«rk Clearing-Verkehr Nr. 810.976. LrdarNon und Adminifirslior» Viru IX/1, Berggaffr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. m --= - ■-* Wien, 30. Jänner 1903. -- Erscheint jeden Freitag. ->■ ■> - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. * — -OK Se;ug«prLi» für Sester reich Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller, . Für'» Ausland: Halbjährig 10 Krone» Ganzjährig 20 . A n,eigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. W- ..—--M Inhalt: Leitartikel: Antisemitisches Schulwesen. — Protokoll vom 20. Jänner 1903. — Die Antwort des Lord-Mayors von London an . den Präsidenten des „Allgem. Oesterr.-Jsraelitischen Bundes." — Vom Jahrmarkt des Levens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Die jüdischen Frauen von Einst und Jetzt. Aus dem Tagebuche Ferdinand Lassalle's. Die Stellung der israelitischen Bewohner Ungarns im Mittelalter. — Unser Vereinsleben — Wilhelm Liebknecht und der Antisemitismus. — Professor Ernst Eurtius über die Juden. — Wilhelm von Humboldt über die Juden-Emancipation. — Correspondenzen: Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien. Wien, Budapest, Olmütz, Prag, Agram. Die Fremdenfrage in Rumänien. Constantinopler Briefe. London, Wilna, New-Aork, Chicago. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten, der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Liesing, Klattau, Dobrisch, Zalaegerszeg. Lemberg, Brünn, Dobrisch, Gewitsch, Berlin, Budweis, Temesvar, Jitschin, Virovitica. — Feuilleton: Drei R. — Briefkasten. — Inserate. Antisemitisches Schnimese«. Herr von Härtel ist ein liberaler Mann. Wer seine Reden auf diversen Congreffen, namentlich aber auf der letzten Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte in Karlsbad gelesen hat, kann an dieser Thatsache keinen Augenblick zweifeln. Der oberste Verwalter des österreichischen Unterrichtswesens gehört zur Blüthe unserer' heimischen Gelehrtenwelt, sein Fühlen und Denken ist wissenschaftlich und in Folge dessen steht Herr von Härtel auf dem Standpunkte der freien Forschung. Stünde in unseren Staatsgrundgesetzen nicht schon der Satz: „Die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei", so wäre Herr von Härtel der Mann dazu, diesen Satz neu zu schaffen. Aber Herr von Härtel ist liberal nach jeder Richtung. Liberal auch gegenüber dem Einflüsse aller bildungsfeindlichen Elemente auf den Volksschul- und höheren Unterricht. Diese Duldsamkeit, dieser schlaffe Verzicht auf die Betätigung eigener Kraft gegenüber reaktionären Bestrebungen ist ja das charakteristische Merkmal des alten Liberalismus. Der Unterrichtsminister des Cabinetes Koerber würde es gewiß als eine persönliche Beleidigung empfinden, wenn man ihm vorwerfen wollte, daß er konfessionellen Vorurtheilen nachgebe und dem Racenhaffe auch nur die geringste Berechtigung einräume. In seinen officiellen Kundgebungen bietet Herr von Härtel auch keinerlei Anhaltspunkte für einen solchen Vorwurf. Dennoch muß es wiederholt werden, daß er liberal nicht nur im fortschrittlichen Sinne ist, sondern liberal auch gegenüber rückschrittlichen Strömungen. Der Antisemitismus ergreift mehr und mehr Besitz von unseren Volks- und Mittelschulen. Die Unterrichtsverwaltung sieht es und verschränkt dazu die Arme, obwohl auf diesem Gebiete mehr als anderswo der Antisemitismus nur der siegreiche Vorläufer des Clericalismus ist. O! Der wiffenschaftlich denkende Herr von Härtel würde sich energisch dagegen zur Wehre setzen, wenn man ihm zumuthen wollte, durch einen officiellen Act das antisemitische Princip anzuerkennen. Aber es bedarf ja eines solchen Actes nicht; schon Herr von Gautsch hat den Clericalen deutlich genug zu verstehen gegeben, daß fie nicht allzustarrköpfig auf einer Abänderung des Reichsvolksschulgesetzes beharren mögen, er werde ihnen dafür im Verordnungswege oder im Wege einer geräuschlosen Praxis umso mehr geben. Die gleiche Taktik befolgt der kluge Herr von Härtel. Langsam, Tropfen für Tropfen, aber in stetiger Folge sickert das Gift des Racenhasses in die Schule durch, das Gehirn der Lehrer und das Gemüth der Schüler in gleicher Weise verseuchend. Bor drei Jahren haben die Christlich-Socialen die Trennung der Schulkinder nach Confeffionen lärmend gefordert, und als sich dagegen Widerstände erhoben, wurde der Spectakel eingestellt, allein die Trennung der Schulkinder vollzieht fich nunmehr in aller Stille und ohne jeden Einspruch. Dem niederösterreichischen Landesschulrathe und dem Wiener Bezirksschulräte läßt er in der Drangsalirung der freisinnigen Lehrerschaft freie Hand. Die geistliche Censur der Schulbücher wird schärfer als je gehandhabt. Und nun sind wir bereits soweit, daß Lehrpersonen öffentlich die gemeinsten Schmähungen und Verdächtigungen gegen die Angehörigen der jüdischen Glaubensgemeinschaft schleudern können und daß in Schulbüchern der blutrünstigste Judenhaß propagirt werden darf, ohne daß die Schulverwaltung dagegen mit den entsprechenden Mitteln einschreitet. Vor Kurzem hat in einer öffentlichen Wählerversammlung der k. k. Realschulprofefsor Josef Sturm die verleumderische Behauptung ausgestellt, daß die jüdischen Religionsschriften ihren Bekennern gebieten, alle Nichtjuden als Nichtmenschen zu betrachten und daß gegen diese Nichtmenschen jedes Verbrechen: Diebstahl, Raub und Mord, gestattet sei. Es geschah nicht zum erstenmale daß dieser k. k. Professor seiner Gehässigkeit gegen die Juden öffentlich die Zügel schießen ließ, ohne von zuständiger Stelle an die Pflicht gemahnt zu werden, die ihm der erhabene Beruf eines Lehrers auferlegt. Der niederösterreichische Landesschulrath ist mit dem Disciplinarverfahren sofort zur Hand, wenn ein Lehrer im Gegensätze zu der herrschenden Partei seine freiheitlichen Gesinnungen allzu laut manifestirt. Wenn aber ein k. k. Professor eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft in gemeinster Weise beschimpft, ja wenn er die Quelle besudelt, aus welcher die Grundlehren des Christenthums hervorgegangen find, dann ist der Landesschulrath nirgends zu finden. Langsam, Tropfen für Tropfen sickert das antisemitische Gift durch. Im k. k. Schulbücherverlage ist ein Lesebuch für die erste Mittelschulclaffe erschienen, in welchem das Rückert'sche Gedicht „Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt" enthalten ist. In diesem Gedichte wird bekanntlich „der Jude" als Dieb der goldenen Blätter bezeichnet. Das genannte Lesebuch erschien bereits in mehrfachen Auflagen. In einer früheren Ausgabe hatte eine vielleicht wohlmeinende, aber ungeschickte Hand an Stelle des „Juden" einen „Räuber" gesetzt und in der jüngsten Ausgabe wurde der Rückert'sche Urtext wiederhergestellt. Es bleibt nunmehr dem antisemitischen Scharfsinne der nichtjüdischen Primaner überlaffen, die Gleichung „Jude" „Räuber" „Jude" aufzulösen, und fie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.