Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Str. 4 Or. Oloch's Wochrnschrift. «eite 63 flammenden Schwerte der Verachtung aus dem Paradiese einer gesicherten Stellung vertrieb, wo immer sie sich auch niedergelassen hatte. Geschieden, gemieden. Ihre Geldmittel neigten sich dem Ende zu. Vergrämt und verbittert wie sie war, von nagender Sorge für die Zukunft erfüllt, verzweifelnd an Gott und der Welt, war es auf einmal das Grab der Mutter, wohin es sie mit unwiderstehlicher Gewalt zog. Dort finden wir sie zu Anfang unserer Erzählung. Sie verstand jetzt wohl die Zurückhaltung und an Demuth grenzende Bescheidenheit jener Schnorrerin, welche in ihr die erste Idee einer Ehescheidung erweckt hatte. Trotzdem sie an den Folgen dieses verhängnißschweren Schrittes so unsäglich zu leiden hatte, so war sie ihr doch im Geiste dafür dankbar, daß sie, ihrer Anregung folgend, ein Band löste, welches ihr nur Kränkung und Herzleid gewährte und sie jetzt als Gattin des Flüchtigen in Gefahr und Schande gestürzt hätte. Der Zufall hatte Paula in das Engelmann'sche Haus geführt, welches sie gleich nächsten Tages verlassen wollte, um getröstet uns ermuthigt durch das am Grabe der Mutter verrichtete Gebet wieder den Wanderstab zu ergreifen, um eine Stelle zu suchen. Jedoch die reizenden Kinder der Frau Engelmann hatten sich derart an die Fremde geschlossen, daß sie so lange baten und bettelten, bis deren Mutter die Fremde aufforderte, noch einige Zeit hier zu bleiben und von hier aus ihre Bemühungen um eine Stelle fortzusetzen. Während Paula auf die Antwort' auf eines oder das andere der von ihr eingereichten Offerte wartete, machte sie sich im Hause so nützlich als möglich. Besonders befaßte sie sich viel mit den Kindern, welche von ihr fast nicht wegzubringen waren. Nach einer geheimen Unterredung machte die alte Frau, welche Paula sehr zugethan war, dieser den Vorschlag, bis zur Erlangung eines definitiven Postens bei ihrer Tochter zu bleiben, und sich die etwas vernachlässigte Erziehung der Kinder angelegen sein zu lassen, sonst auch der Frau bei allen Obliegenheiten auszuhelfen natürlich gegen ein zu vereinbarendes Salair. Wer war glücklicher als Paula? Jedoch war dieses Glück nicht schattenlos. Es war jetzt nothwendig geworden, wenigstens der alten Frau ihr Schicksal und die zweideutige Stellung, die sie in der Welt einnahm, zu erzähleu. Klopfenden Herzens begann sie zu sprechen. Doch angesichts der theilnahmsvollen Miene der gütigen Dame wuchs mit dem Sprechen ihr Muth und sie verschwieg nichts, weder die Angriffe der boshaften Welt auf ihre Ehre, noch ihren eigenen nicht immer versöhnungsvollen Gemüthszustand. Die vielleicht nur scherzhaft gemeinten Worte meiner Mutter, daß man eine Tochter niemals los wird, daß sie selbst nach dem Tode die Grabesruhe durch Weinen und Klagen störe, hat mich lange Zeit abgehalten, ihr Grab zu besuchen, und nur meine gänzliche Verlassenheit und Hoffnungslosigkeit hat mich bestimmen können, es diese Tage aufzusuchen. Glauben Sie mir, gnädige Frau, ich war nahe daran gewesen, meinen elenden Leben freiwillig ein Ende zu bereiten. Nicht das Andenken an meine frommen Eltern hat mich von dieser sündigen That abgehalten, sondern es war ein bloßer Buchstabe, welcher mir die Kraft verliehen hat, dieses unselige Leben weiter zu tragen. Es ist der Buchstabe R. »Drei R möchte ich gerne erreichen: Rechtfertigung, Rache, dann Ruhe/ »Armes Weib*, sagte Frau Trebitsch voller Theilnahme, wie empfinde ich mit Ihnen all Ihren Schmerz, Ihre Sorge, Ihre Seelenqual. Wie gerne würde ich Ihnen hier ein Asyl bieten und zu Ihnen sprechen: Ruhe hier aus, Du gequälte Seele, Du hast Deine drei R erreicht, Rechtfertigung hast Du bei mir und bei denen, die gleich mir denken, gefunden, den Gedanken an Rache lass' fahren, der entstellt eine zarte Frauenseele, und Ruhe vor allen Verfolgungen findest Du bei mir hier. Aber die Entscheidung liegt nicht in meiner Hand. Meine Tochter und deren Gatte haben sie zu treffen. Ich werde ihnen die Sache Vorbringen und ins günstigste Licht stellen. Leider kann ich Ihnen keine großen Hoffnungen machen, denn meine Tochter hat niemals im Leben etwas Schweres mitgemacht, kennt daher die Nachsicht nicht, welche überstandenes Ungemach dem Menschen einflößt. Indessen, ganz ungetröstet sollen Sie uns, selbst im schlimmsten Falle, nicht verlassen. Es wird schon ein Mittel sein, für Sie etwas zu thun. Ueberlaffen Sie dies getrost nur mir/ Paula ergriff die Hand der gütigen Dame, um einen Kuß auf dielbe zu drücken. Frau Trebitsch entfernte sich. Also in der Hand der stolzen Frau Irma lag die Entwicklung ihres Schicksals. Sie erwartete wenig davon. In den wenigen Tagen, während welcher sie in ihrem Hause weilte, hatte Paula die Besitzerin desselben als eine hochmüthige Frau erkannt, welche blutwenig von der Herzensgüte ihrer Mutter, der Frau Trebitsch, aufzuweisen hatte. Sie tyrannifirte ebensowohl ihren mehr als gutmüthigen und nachgiebigen Gatten, als auch die Dienerschaft, die deshalb auch öfters gewechselt werden mußte, als für das Wohl des Hausstandes ersprießlich war. Trotzdem sie ihren Kindern eine wahre Affenliebe angedeihen ließ, neigten sie doch mehr dem Vater zu, dessen immer gleichmäßig heitere Laune ihnen sympathischer war, als die wechselnde ihrer Mutter. Die alte, gute Großmama wurde von ihnen wie eine Heilige verehrt. Die Befehlshaberlaune der nervösen Hausfrau machte gar oft allen Bewohnern des Hauses dieses zur Hölle, und die Kinder flüchteten manchmal ganz erschreckt in's kleine Zimmerchen der Großmama, um nur von den Zornesausbrüchen der Mutter verschont zu bleiben. Mit der Ankunft Frau Eisners kam neues frisches Leben in die verschüchterte Kinderschaar. Der Gedanke an die Abreise dieser lieben Frau, die so schön zu erzählen verstand, die sie so herrliche Spiele lehrte, welche sie selber mit ihnen einübte, war den Kindern unerträglich. Sie wandten sich an die Großmama, welche ihnen noch keine Bitte abgeschlagen hatte, damit sie Frau Eisner hier behalten dürften. Sie versprach, mit Mama darüber zu sprechen. »Bitte Großmama, sprich lieber mit Papa darüber, Mama ist wieder so nervös, da thut sie gerade das nicht, was man von ihr will/ Großmama seufzte. Wie hätte sie denn diesen vertrauenden Kindern sagen mögen, daß der Papa im Hause gleich Null ist, daß er Alles thut, was seine Frau will, weil sie nervös ist und geschont werden müsse. Auch Paula wußte dies und ein Gefühl bitteren Neides quoll in ihrem Herzen auf. Dieses Gefühl hatte sie bisher nicht gekannt. Neidlos war sie an dem Glücke der vom Schicksale Begünstigtern vorübergegangen, war zufrieden mit dem, was ihr bescheert war. Aber hier konnte sie die Frage nicht unterdrücken : »Wie kömmt diese Irma dazu, daß sie alles das besitzt, was mir, der Bessern, abgehet? Haus und Hof und Reichthum aller Art, einen rechtschaffenen Gatten, der sie trotz ihrer bösen Launen verehrt, so liebe Kinder, welche zu den schönsten Hoffnungen für die Zukunft berechtigen, und das Beste — ein treues Mutterherz. Ach, seufzte sie, besäße ich dieses Eine Kleinod nur, alles andere würde ich gerne missen / (Fortsetzung folgt.) Literatur. Fest- und Sabbathpredigten von Dr. I. I. Unger. Freudig und bereitwillig werden die jüdischen Zeitschriften ihre Spalten öffnen, um eine Predigtsammlung von Dr. Unger in den bleibenden Besitzstand der jüdischen Literatur und Wissenschaft klangvoll einzuführen. Daß diese 40 Predigten voll denkwürdiger Zeitmomente in einem historisch bedeutungsvollen Zeiträume von 40 Jahren, mit mächtigen zur Sprache kommenden Weltereignissen, farbenreich, vortrefflich und lesenswerth sind, daß sie nicht erst um die Palme der Meisterschaft zu ringen brauchen, dafür bürgt der Name des Autors, dessen Ruf als Gelehrter, Dichter und hervorragender Kanzelredner schon seit lange fest begründet ist. Es gilt uns aber die besondere Eigenart und das Arsenal zu kennzeichnen, aus welchem sich ein solcher Meister seine feingeschliffenen und nie versagenden Klingen holt. Welcher Art bibel- und talmudknndig Dr. Unger ist, mit welcher Sicherheit und Ueberlegenheit er die Halacha beherrscht, das dürften im ganzen Umfange nur Diejenigen abzuschätzen wissen, die im vertrauteren Verkehre mit ihm standen und seinen klaren Geist, seinen enormen Fleiß, sein scharfes Urtheilsvermögen zu würdigen verstehen. Daher seine Ueberfülle an schönen, blendenden, eindrucksvollen biblischen und agadischen Texte, die der Meister mit wahrhaft künstlerischer Begabung ins Deutsche, ins Mundgerechte und Zeitgemäße zu übersetzen versteht. Der Reichthum dieser Texte erinnett uns geradezu an den Jaaroth Debhasch von Eibenschitz. Diesem Vorzüge eines jüdischen Moralpredigers kommt aber kein anderer so leicht gleich. Nur derartigen Rednern kann es nachgerühmt werden, daß ihrem edlen Munde die Süßigkeit und Milde, die Weisheit und rührende Wahrheit der jüdischen Lehre entströmt, daß sie erschöpfend, erbauend und rettend den Geist des Judenthumes zur Darstellung bringen.