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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-01-23 · 4 (23.1.1903) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
4 (23.1.1903)
Date
1903-01-23
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 62 Dr. Bloch's Wochsnschrifl. Str. 4 meindeinstitutionen. Er war correfpondirendes Mitglied des israelitischen Freitischvereines in Prag und durch mehrere Jahre bekleidete er das Ehrenamt eines Obmannes der Chewra-Kadischa. Das Leichenbegängniß fand Dienstag den 13. Jänner unter ganz besonderer Betheiligung statt. Der Verblichene hinterließ eine hochbetagte Mutter, eine Gattin und vier unversorgte Kinder. Seine Krankheit datirte von dem Tage des Todes seines hochbetagten Vaters, der circa vor sechs Wochen eintrat. Der verstärkte Vorstand, erweitert durch die Vertretung der „Ehewra-Kadischa", durch den Präses des „Chorgesangs- und Geselligkeitsvereines", durch den Lehrkörper der israel. Schule, hielt am Todestage eine außerordentliche Sitzung ab, in welcher eine Trauerkundgebung stattfand und zugleich beschlossen wurde, der Witwe Frau Antonie Treichlinger schriftlich das tiefste Beil id auszudrücken. Der Präses der Cultus gemein de, Jur.- Doctor Isidor Fleischer, hielt eine tiefempfundene Ansprache an die Versammelten, welche die Rede stehend anhörten und dann die schriftliche Trauerkundgebung an die Witwe unterfertigten. Die Versammlung beschloß, das Begräbniß des verdienstvollen Vorstehers auf Gemeindekosten zu veranstalten und die Ehewra-Kadischa erbot sich ein kostenfreies Ehrengrab zu bewilligen. Die Leiche wurde im Gemeindehause aufgebahrt und von hier aus formirte sich auch der Leichenzug. Daselbst sprach Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Wolf das Abschiedsgebet und der Obercantor Herr Leo Kornitzer sang mit seinem wohlgeschulten Chore, der von Herrn M. Dr. Reiser dirigirt wurde, ein tief ergreifendes Abschiedslied. Nachdem wurde der Sarg in den Leichenwagen gehoben. Es war ein schier unabsehbarer Zug, voran die Schulkinder der israelitischen Schule mit dem Lehrkörper, der dem Sarge das Geleite gab. Israeliten aus Nah und Fern, Deputationen der verschiedenen hierortlichen Vereine, der Herr Bürgermeister Maschek, sein Stellvertreter Herr Dr. Hostas mit einigen Stadträthen, der Director des hiesigen k. k Gymnasiums Lorenz und mehrere schulfreie Professoren u. s. w. Am Gottesacker hielt der Rabbinatscandidat Herr O. Kraus aus Prag die Leichenrede in böhmischer Sprache und am offenen Grab nahm der Präses- Stellvertreter Jur.-Doctor Fleischer rührenden Abschied von seinem Freunde und Cultusvorsteher Josef Treichlinger, der in den Worten ausklang: Viel, unendlich viel hast Du geleistet, darum soll Dein Andenken auch nie vergeffen werden, Du hast Dir in unseren Heiden ein bleibendes Denkmal errichtet, fester als Stein und Erz. Nach dieser Rede, die tief ins Herz der Zuhörer eindrang, verrichtete Se. Ehrwürden Herr Dr. Wolf das übliche Grabgebet und Herr Obercantor den Schlußchoral. Die Frau A. Treichlinger hat einen größeren Betrag unter die Stadt- und Cultusgemeindearmen vert heilen laffen. — a. Karlsbad. Die Repräsentanz der Cultusgemeinde hat HerrnMed.-Dr.Richard Rosenfeld zum unentgeltlichen Ehrenamte eines Chefarztes des israelitischen Kaiser Franz Joseph- Hospizes gewählt. Zala-Egerszeg. Dem Obercantor BÄa Guttmannaus Wien, der Anfangs dieses Monats seine unweit von hier gelegene Heimatsgemeinde St. Laszlo nach vieljähriger Abwesenheit besuchte, wurden bei uns vielfache Ehren bewiesen und große Auszeichnungen zutheil. Als die Nachricht von der Ankunft Guttmann's sich verbreitete, bildete sich ein Empfangscomitä. das ihn am Bahnhofe in St. Ivan, bis wohin man ihn entgegeugefahren war, wärmstens begrüßte. In Zala-Egerszeg selbst wurde Guttmann vom kaufmännischen Vereine, mit dem Präsidenten Professor B a l a s s a an der Spitze, festlich eingeholt. Am nächsten Tage wurde dem Gaste zu Ehren ein Festbankett veranstaltet, dem eine glänzende Gesellschaft anwohnte: der Präsident der Cultusgemeinde Dr. B o s ch a n mit den Vorstandsmitgliedern, vielen Stadthonoratioren und deren Damen. In begeisterten Toasten wurde Guttmann als Landeskind, Künstler und als der Stolz des Comitates Zala gefeiert. Endlosen Jubel rief es wach, als Guttmann die Toaste in claffischem Ungarisch schlagfertig erwiderte, und als sich derselbe anschickte, das Festlocale zu verlassen, erhob sich die ganze Gesellschaft und brach in stürmische Ovationen aus, während die Musikcapelle den Rakoczymarsch intonirte. Samstag vor dessen Abreise wurde zu Ehre» Guttmann's im „Hotel Lamm" ein Festabend arrangirt. Die Elite der Stadt füllte alle Räume und Logen des Saales. Es waren erschienen: Der Bürgermeister mit vielen Stadtverordneten, der Gerichtshofprästdent, Oberphysicus, Comitatsobernotar, Oberingeuieur, mehrere städtische Oberbeamte mit ihren Familien und, was als eine besondere Auszeichnung zu gelten vermag, der greise, hochgeachtete und gelehrte Oberrabbiner Dr. Engelmann nebst Gemahlin. Guttmann executirte einige klassische Lieder, die nichtendenwollenden Beifall fanden, so daß derselbe bemüffigt war, stets Zugaben zu machen. Der Besuch Guttma.in's in unserer Stadt wird lange in freudigem Gedächtniß bleiben und die demselben zutheil gewordenen Ehrungen mögen ihm als beredtes Zeugniß dienen für die lebhaften Sympathien, deren er sich im. ganzen Comitate Zala erfreut. Feuilleton. Drei Novelle von Babette Fried» Prag. (Fortsetzung.) Indessen war die Katastrophe, welche alle Hoffnungen, die Malke auf die Zukunft ihrer Tochter setzte, nicht ohne Einfluß auf die Gesundheit der alten Frau geblieben. Sie wurde auf einmal eine Greisin, die sich bisher den Schein von Kraft noch bewahrt hatte, die sich noch jung gefühlt hatte, mit fast jugendlicher Kraft gearbeitet, mit jugendlichem Geiste gedacht, gefühlt, gesprochen hatte. Die Sinnsprüche und talmudischen Gleichnisse und Sentenzen, welche sie bei jeder passenden Gelegenheit anwendete. nahmen allmälig eine immer düstere Färbung an, sie erzählte so oft Anekdoten von Malach hamoves, bis er wirklich kam und sie eines Tages auf seine schwarzen Fittige nahm und hinübertrug in das Land, von dem noch Niemand zurückgekehrt ist, dorthin trug, wo sie den Lohn für ihr tugendhaftes, echt religiöses Leben empfangen sollte. Gar traurig war ihr Lebensende gewesen, da sie sich eingestehen mußte, daß sie ihr einziges Kind, ihre Perl, ganz unversorgt und schutzlos zurücklassen mußte. Sie ahnte es, die gute Mutter, daß die böse Welt ihrem armen Kinde selbst dasjenige mißgönnen werde, was doch andere arme Frauenzimmer besitzen, was ihnen ein Trost in ihrer Verlassenheit, die Achtung und das Mitgefühl der Menschen. Perl hatte beides verloren. Bei den ersten Schritten, die sie ins Leben hinaus machte, mußte sie gewahr werden, daß sie als eine Geächtete, Verfehmte unter ihre Mitmenschen trete. Niemandem hatte sie was zu Leide gethan, Niemanden wissentlich gekränkt, und doch wendete sich Alles voller Abscheu hinweg von ihr, als wäre sie eine Aussätzige. Hier in dieser kleinen Gemeinde war ihres Bleibens nicht länger. Vergessen war das Andenken an ihren ehrwürdigen Vater, der hier gelebt, gewirkt und gelitten, vergeffen war die fromme Mutter, die noch vor Kurzem Leidende getröstet, Kranke gepflegt und Todte bestattet, deren Beispiel in der kleinen Gemeinde so erfolgreich gewirkt hatte. Für die Bewohner dieser undankbaren Gemeinde war sie nicht die Tochter des gelehrten Reb Mardche und der frommen Malke, für sie war sie blos eine geschiedene Frau. Ja, jetzt verstand Paula die Bitterkeit, welche die fremde Frau an jenem verhängnißvollen Jom Kipur in die Worte legte: Geschieden, gemieden. Paula machte die geringen Habseligkeiten nach ihrer Mutter so nach und nach zu baarem Gelde und wollte damit weit weg, irgendwohin, wo Niemand sie kannte. Da verbreitete sich die Nachricht, daß ihr ehemaliger Gatte aus Prag mit einem seiner Kameraden entflohen ist, mit Hinterlassung enormer Schulden und nachdem sie falsche Wechsel in beträchtlicher Höhe ausgestellt hatten. Paulas Freude über diese Nachricht war nicht eigentlich boshafter Natur, sondern sie begrüßte dieselbe als eine Art von Ehrenrettung für sich selber. Nunmehr, so hoffte sie, werde die Welt, welche so erbarmungslos über sie urtheilte, einsehen, welchen Charakter derjenige hatte, vor dem sie geflohen war. Arme Paula! Wie schlecht kannte sie die sogenannte Welt! Nicht nur, daß sie in deren Augen durch dieses sensationelle Ereigniß nicht entlastet wurde, nein, man nahm noch, Anlaß, einen Stein mehr auf die Verfolgte zu werfen. An Allem ist sie Schuld, sagte man. Der Verrath des geliebten Weibes hat ihn um jeden sittlichen Halt gebracht, hat ihn in Kreise gedrängt, welche seinen Ruin herbeigeführt haben. Denn, daß er sie wirklich geliebt habe, das stand ja außer Frage. Hätte denn sonst der gutsituirte junge Mann das arme Mädchen genommen? Er galt als das unselige Opfer seiner Vertrauensseligkeit, sie allein als die Schuldige. Dies mußte die Unglückliche erfahren, als sie abermals ihre Heimat verließ und nach Prag übersiedelte. Nachdem Werner entflohen war, fühlte sich Paula in Prag sicher vor seiner Verfolgung und hoffte, in der Stadt, woselbst sie ihre Studien absolvirte, wo sie einen aus gebreiteten Bekanntenkreis hatte, bald einen Posten oder lohnende Beschäftigung zu finden. Aber sie täuschte sich. Die Worte: „Eine geschiedene Frau," waren der Cherub, welcher sie mit dem

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