Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Bloch's WochVNsthrrfk. Rr. 4 Seite 56 von der bösen Schwiegermutter, vom bornirten Leutnant, vom verliebten Backfisch und vom klugen Dackel. Will man einen Witz genießen, dann darf man nicht empfindlich sein. Man muß eine« guten Witz ertragen können, auch ■ wenn er auf Kosten der eigenen werthen Person gemacht ist. Ich bin über einen guten jüdischen Witz, über einen, der das Innere des Inden trifft/ sehr erfreut, auch wenn er scharf ist. Aber die guten jüdischen Witze sind meistens die alten, die man schon .oft gehört hat. Was man heute als jüdischen Witz in den Blattern verzapft, das ist weder gut noch jüdisch. Die meisten sind erlogen, maskirt, künstlich jüdisch zugestutzr. Darüber ist nicht zu lachen, sondern zu weinen. Sie erregen Unbehagen, oft Ekel, ohne zu erheitern. Man nimmt einfach alle schlechten Witze, setzt ihnen eine Judennase auf, um dem antisemitischen Geschmack einer gewissen Claffe zu schmeicheln und bildet so die Karrikatur eines Witzes. Sehen wir uns diese „jüdischen" Witze genauer an, dann finden wir. daß sie nicht nur ungerecht und geschmacklos, sondern auch unsinnig find. So tritt alles Protzige im jüdischen Gewände auf und trägt den Namen Cohn, Levy oder gar Veilchenblüth. Ist das nicht Uebertreibung und Unsinn? Gewiß gibt es auch jüdische Parvenüs mit unfeinen Manieren, das wird Niemand leugnen. Die vornehme Lebensart und das tactvolle Empfinden ist das Erziehungswerk langer Generationen, und die Emancipation der Juden in Deutschland ist noch keine drei Generationen alt. Ich wundere mich nicht, daß es wenige Juden mit unschönen Manieren gibt, sondern darüber, daß es viele , Juden mit den feinsten Lebensformen und einem geradezu krankhaft zarten Empfinden gibt. Jeder, der das Leben kennt, wird aber zugeben, daß der jüdische Protz, der langsam den Weg von der Rosenstraße bis zum Thiergarten gefunden hat, noch lange nicht so unerträglich ist. wie der zum Rentier avancirte Budicker, der ehemalige Metzger ünd heutige Villenbesitzer oder der zum Millionär gewordene Schöneberger Bauer. Der Jude ist stets bemüht, sich etwas Bildung anzueignen und wenigstens den Kindern eine ausgezeichnete Erziehung angedeihen zu lassen. Der Bauer und der Budicker verleugnen ihre Vergangenheit selten, und auch ihren Kindern haftet noch das Unsichere, Läppische an. Noch komischer ist es, wenn man alles Geizige in jüdischer Gestalt vorführt. Gerade der Jude ist stets bestrebt, weil die Verhältnisse es erheischen, mehr auf den Schein zu geben als auf die Wirklichkeit, und oft mehr Geld auszugeben, als es die Verhältnisse gestatten. Ebenso thöricht ist es, wenn man alles Lüsterne und Perverse als jüdisch hinstellt. Der Jude ist kein Engel und in seinen Adern rollt heißes Blut, aber der Sinn für Familienleben ist ihm ebenso angeboren. Die Statistik zeigt uns, daß alle Entartungen der Sinnlichkeit ' bei den Juden seltener als bei Nichtjuden Vorkommen. Es ist also hier, oft mit der -irecten Absicht der Hetze, etwas Unnatürliches und Ungerechtes geschaffen und ein Typus gebildet, der gar nicht typisch ist. Und dann die Sprache, in der diese Witze abgefaßt sind! Jeder Jude, der darin vorkommt, mauschelt, nicht blos der Schnorrer, sondern auch der Commerzienrath, ja noch der hochstehende Sohn oder Enkel des getauften Juden mauschelt. Ist das nickt kindisch? Im Großen und Ganzen bemühen sich die Juden, ein ausgezeichnetes reines Deutsch zu sprechen, und die Provinzialismen, sowie die dialektischen Verkrüppelungen kommen bei ihnen nicht häufiger wie bei andern vor. Wohl erkennt man die meisten Juden an der Art des Sprechens, an der Wärme des Tonfalls, an der lebhaften eigenen Manier, aber nicht am Mauscheln. Man zeige mir erst einen jüdischen Commerzienrath, der so spricht, wie er in den Witzblättern geschildert wird. So tauge ick es nicht gesehen habe, glaube ich nicht daran. Schon diese Mauschelei allein macht die Sache widerlich, weil sie zeigt, daß das Ganze künstlich erfunden ist mit einer gewissen Absicht. Die Sache ist auch nicht so harmlos, wie man anzunehmen pflegt, denn dadurch wird die Unart des Mauschelns beim Scherzen immer mehr verbreitet. Die Manschelei ist und bleibt aber eine der häßlichsten Eigenschaften, mag sie im Ernst oder im Scherz gebraucht werden. Ich will hier nicht alle Witzblätter in einem Tone nennen. Es gibt darin eine Abstufung in Bezug auf Bedeutung und Anständigkeit. Man wird z. B. Blätter wie die „Jugend" und den „Simpliciffiwus". die neben ihrer künstlerischen Leistung auch die anständige Absicht haben, die Verhältnisse der Zeit in all ihren kranken Auswüchsen zu karrikiren, nicht mü den gemeinen und klobigen Wiener Blättern, die nur einen Zweck kennen, Anttsemitismus zu treiben und blasirte Männer zu kitzeln, vergleichen dürfen. Auch unsere ausgesprochenen politischen Witzblätter („Kladderadatsch", „Ulk", „Lustige Blätter". „Der wahre Jakob" u. s. w.) und unpolitischen („Meggendorfer". „Fliegende Blätter" ic.) stehen, was Richtung und Geschmack betrifft, auf einem viel höheren Niveau als die Wiener Blätter. Denn wer bei diesen Blättern keinen Ekel bekommt, an dem ist überhaupt nicht viel zu verderben. Aber ganz von antisemitischen Anwandlungen haben sie sich, mtt wenigen Ausnahmen, alle nicht ftei zu halten gewußt. Gewiß geschieht es bei den meisten ebenso unbewußt, aber darum hört es nicht auf, eine Unsitte zu sein. .Der Jude bildet einen prägnanten Typus der Gesellschaft, und da der Karrikaturenzeichner in Wort und Bild Alles herausgreist, was charakteristisch ist, so wird man ihm auch nicht das Recht bestreiten, jüdische Figuren und jüdische Verhältniffe unter seine Lupe zu nehmen. Die Juden sind kein noli me tangere für den freien Menschen, und sie müssen sich wie die Anderen gefallen lassen, in die Arena des Lachens hinabzusteigen. Aber Eines kann und mutz von jedem anständigen Witzblatt verlangt werden, daß es nicht übertreibt, , sich an religiösen Dingen vergreift, und daß es wirkliche Juden vorführt, und nicht mit einem antisemitischen Gehirn ausgetistelte. Man mache sich ftei von . den Vorurtheilen der Menge und von den Ammenmärchen finsterer Zeiten, dann wird man in der Behandlung der Juden wie in anderen Dingen den' richtigen Tact und die Grenze des Geschmackes finden. Correspondenzen. Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien vom 18. Jänner 1903 unter dem Vorsitze des Präsidenten kaiserl. Rath Klinger. Beginn der Sitzung halb 11 Uhr Vormittags. Im Einlaufe werden bekanntgegeben: An Spenden: Von Herrn David Schwarzmann Kr. 2000.—, zur weiteren Verstärkung der zur Errichtung eines Stiftungsbettes in der israelitischen Bersorgungsanstalt erlegten Beträge; von Herrn Jsak Thenen Kr. 520.— zur Vertheilung in Beträgen von je Kr. 40.— an die Armenanstalt, den Waisenverein, den Frauen-Wohlthätigkeitsverein, die Versorgungsanstalt, das Blindeninstitut, das Taubstummeninstitut, den Volksküchenverein, die Allianz, die Kinderbewahranstalt. den Handwerkerverein, den israelitischen Studentenverein, den Hilssverein für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien; von Herren Gebrüder Gutmann Kr. 200.— zur Bekleidung armer israelitischer Schulkinder für die Bezirke XU—XV; Von Frau Charlotte Blau und Frau I. Wiener je Kr. 10.— zur Verköstigung armer israelitischer Schulkinder in der Brigittenau; Von Herrn Johann Seelenfried 3 Flaschen Cognac zu Heilzwecken für die Jnsasien des israelitischen Siechenhauses. Zur Verlesung gelangt eine Zuschrift des Herrn S. Heller, Dircctors des israelitischen Blinden-Jnstitutes, mit dem Danke für die ihm anläßlich der erhaltenen Allerhöchsten Auszeichnung übermittelten Glückwünsche des Cultusvorstandes. Die am 11. Jänner 1903 unter dem Vorsitze des Präsidenten kaiserl. Rath Klinger stattgefundene Constituirung der ständigen Commissionen und der Special-Comites wird zur Kenntniß gebracht. Im Präsidialberichte beglückwünscht der Vorsitzende unter lebhafter Zustimmung des Cultusvorstandes Herrn Baurath Stiaßny anläßlich der ihm zutheil gewordenen Allerhöchsten Auszeichnung auf das Herzlichste. Weiters erbittet sich der Vorsitzende die Ermächtigung, dem um die Ausgestaltung des Spitales so überaus verdienten Director desselben, Herrn Professor Dr. Oser, welcher durch Verleihung des Hosrathstitels ausgezeichnet wurde, aus diesem Anlässe die Glückwünsche des Cultusvorstandes auszudrücken. (Zustimmung.) In einer an den Präsidenten der Cultusgemeinde gerichteten Zuschrift theilt Herr Dr. Adolf Schorstein mit. daß er im Namen der Erben, nach der am 1. Octöber 1902 verstorbenen Frau Fanni Apfel, Witwe des Herrn Simon Apfel, der Cassa der israelitischen Cultusgemeinde L 14.000 übermittelt zu nachfolgender Verwendung: K 12.000 zur Errichtung einer auf den Namen „Simon und Fanni Apfel" lautenden Bettstiftung im Wiener israelitischen Siechen- oder Altersversorgungshause und K 2000 zur Vertheilung an Wiener israelitische Wohlthätigkeits- Anstalten und Institutionen, deren Auswahl dem Ermessen des Präsidenten der Cultusgemeinde überlassen bleibt, welcher im Sinne der Erblasserin die betreffende Verfügung bereits getroffen hat. Der Präsident gedenkt bei diesem Anlässe anerkennend der seinerzeitigen vieljäbrigen Thätigkeit des verewigten Herrn Simyn Apfel als Mitglied des Bethausvorstandes. Der Inhalt der Zuschrift wird mit wärmstem Danke zur Kenntniß genommen. Der Vorsitzende bringt zur Kenntniß, daß die am 11. Jänner 1903 unter dem Vorsitze des Herrn Leopold v. Lieben unter Mitwirkung der Herren Hermann Eltbogen, kaiserl. Rath Hirsch, kaiserl. Rath Pollak, Gottlieb Taußig, Heinrich Teltscher und kaiserl. Rath Weil vorgenommene Buchrevision, sowie die am selben Tage durch die Herren Hermann Eltbogen, kais. Rath Pollak und kais. Rath Weil vorgenommene Caffen-Revision die Ordnung der Buchführung und die Richtigkeit der Cässa-