Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 4 Seite 55 Dr. Bloch's Wochenschrift' Herodes' erschöpfte Lebensgeister blitzten wieder auf beim Anblick der Opfer, die seinem Rachegefühle verfallen waren. Beim Verhöre mußte er Worte hören, die ihm bewiesen, daß er doch zu schwach war, den zähen Volkswillen zu brechen. Die Gefangenen gestanden ohne Furcht ihre That ein, rühmten sich derselben, und auf die Frage: „wer sie dazu gereizt, antworteten sie: „das Gesetz". Er ließ sie sämmtlich als „Tempelschänder" lebendig verbrennen und machte sogar Miene, die Verfolgung weiter auszudehnen, von der ihn jedoch wohl eher die Furcht als die Milde zurückgehalten haben mochte. Der Hohepriester Mathias, welcher bei dieser Adlerzerstörung irgendwie betheiligt war, wurde abgesetzt und dafür ein römisch gesinnter Hoherpriester, Joasar aus dem Geschlechte der Boethos mit der Würde bekleidet." — Soweit Grätz.*) Nun urtheile selbst, freundlicher Leser, ob unsere beiden Märtyrer, die für ihre Nation und Religion den Heldentod starben, nicht eine ganz andere Darstellung verdient hätten, als jene ist, die ihnen unsere neueste Geschichtschreibung widmet? Das hat doch selbst der Römerfreund Josephus empfunden und hat ihnen einen würdigen Gedenkstein gesetzt. Aber, wird der Leser fragen, ist dieses auch Alles, was Grätz von den beiden Märtyrern zu sagen weiß? Gewiß. — Doch nein; es soll nichts übergangen werden. Er kommt noch einmal auf sie zu sprechen, und zwar in einer Note (das. S. 485). Aber hier concentrirt er sein ganzes Interesse darauf, den Beweis zu erbringen, daß die beiden „Zeloten Juda b. Zippori und Mathia b. Margal, welche die Jugend in ihren Lehrhäusern gegen Herodes aufgestachelt haben", der Richtung des „politischen Zelotismus der Schule Schammais" angehört hatten. Uno wiederum lieft er in seiner Voreingenommenheit in Josephus hinein, was gar nicht darinnen steht. In seinem uns ganz unverständlichen Eifer, die beiden Märtyrer zu zelotischen Schammaiten zu stempeln, sagteer: „Man könnte sogar in Josephus'Worten, daß die beiden pharisäischen Aufwiegler am peinlichsten in den väterlichen Gesetzen waren, die Schammaiten wiedererkennen;" — Aber so lauten ja gar nicht die bezüglichen Worte des Josephus; sondern: daß sie als die gründlichsten Kenner und Ausleger der väterlichen Gesetze galten.**) Das ist doch ganz was anderes, als dasjenige, was Grätz in diesen Worten findet, daß nämlich Judas und Mathias wie die Schammaiten „am peinlichsten in den väterlichen Gesetzen waren." Nein, von „schammaitischen Erschwerungen" ist in dem ganzen Berichte über das Martyrium der beiden Schriftgelehrten Judas und Mathias auch nicht ein Sterbenswörtchen enthalten; wohl aber ein schwerer Vorwurf über das in der jüdischen Geschichte immer wiederkehrende Verhallen der „Häupter der Juden", sowie die selbst von Josephus zugestandene Thatsache, daß es sich hier um die Abwehr schwerer Gesetzesverletzungen und heidnischer Einrichtungen handelte, um derentwillen die beiden Lehrer und ihre Schüler den Tod erlitten, „die", wie es bei Josephus heißt, „für die Rettung und A u f r e ch t er h al tu n g d es Besteh enden fielen"; um eine Abwehr, zu der jeder Jude — wie dies denn auch, einige Jahrzehnte später unter der Regierung des Kaisers Caligula der Fall war — gleichviel ob er der schammaitischen oder hillelitischen Richtung angehörte, sich verpflichtet fühlen mußte. Gleichwohl dürfte die Zeit nicht mehr fern sein, wo historische Personen von der Qualität der genannten Schriftgelehrten, deren Märtyrertod auf das Volk einen so tiefgehenden Eindruck machte, daß es den Mond sich darüber verfinstern ließ, eine andere Behandlung und Würdigung als bisher finden werden. Fr. *) Gesch. d. Juden. Ill 2, S. 103. Vgl. Das. Note 23. S. 485. **) Bell. Jud. I, 33, 2: mälista dokountes akriboun tä pätria. Vgl Jos. Anth. XVII. 6,2: logis patriae interpretee praestantissimi. Das waren ja auch die Hilleliten! Meder jüdische und antisemitische Witze. Lachen und Weinen sind zwei Pole des menschlichen Gemüths' In ihnen concentrirt sich die Seele des Volkes. Man sagt nichts Geistreiches, wenn man behauptet: „wie ein Volk lacht und weint, so ist es." In den Gefühlen höchster Freude und tiefsten Schmerzes offenbart sich eben das Innere eines Volkes. Daher bildet zweifellos der Witz ein wichtiges Charakteristikon einer Nation. Denn jedes Volk hat seine Witze, die mehr oder minder in Inhalt und Form einen organischen Theil seines Wesens bilden. Aber die Witze find auch dem Zeitgeist unterworfen, sie ändern ihr Wesen im Laufe der Zeit. Jede Zeit hat ihre Witze, sie können nur aus dem Geiste dieser Zeit beurtheilt werden. Wie der deutsche Witz sich vom französischen unterscheidet, so unterscheidet sich auch der moderne deutsche Witz von dem des sechzehnten oder siebzehnten Jahrhunderts. Daher bilden die Witze einer Zeitperiode auch ein Kriterium für ihre Beurtheilung. Auch die besonderen Stände und Elasten haben ihre eigenen Witze. Wir besitzen Theater-, Studenten-, Soldaten- und Börsen-Witze, die für diese Gruppen charakteristisch find. Und sie charakterisier» sie mit ihren Fehlern und Tugenden, sie photographiren sie gewissermaßen in heiterer Beleuchtung. Man muß sich daher oft auch einen beißenden, ja auch derben Witz gefallen laffen. Der Witz kann sogar eine wohlthuende „sittliche" Wirkung üben, wenn er uns die Blößen und Schwächen getreu vorführt. Man verstehe mich nicht falsch mit dem Worte „sittlich". Ich bin kein Moralschnüffler. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt, daß man in Witzen Moral suchen soll, und rümpfe nicht die Nase, wenn ein Witz etwas scharf gewürzt ist. Witze sind da, um die Lachmuskeln zu bewegen, das ist ihre Mission. Das Leben ist ernst, und wir bedürfen der Erfrischung, der Erheiterung wie der Sonnenstrahlen und der Blumen Duft. Ein Leben ohne Witz und Humor ist mager und armselig Nur zimperliche Pensionsmütter finden das laute Lachen unschön. Wohl dem, der noch mit ganzer Seele lachen kann! Wohl dem, der die Witze wie eine erquickende Frucht genießt! Die Moral der Witze ist ihr guter Geschmack und ihre natürliche Freiheit. Ja. ein guter Geschmack soll sich in den Witzen manifestiren. Sie sollen nicht roh sein und nicht verrohend wirken. Sie sollen keine zarten Saiten des Gemüthes verletzen, sie sollen sich nicht an Dem vergreifen, was einem Einzelnen oder einer Gesammtheit heilig, ist. Diese Grenze kann mit Worten nie bezeichnet werden, der Geschmmk muß sie innehalten. Die Witze sollen aber auch nicht flach und oanctl sein, sie müssen urwüchsig wirken. Sie sollen wie ein Stück Ncttckr, wie eine lachende Landschaft wirken, nicht gesucht sein, nicht nach einem Schema fabricirt sein. Und dann soll sich die ungebundene Freiheit der Seele, die ungehemmte Individualität in ihnen verkörpern. Sie dürfen keiner Richtung dienen und von keiner Absicht begleitet sein, wenigstens darf man sich dessen nicht bewußt sein. Frei soll der Witz fein wie der groteske Berg, wie der graziöse Vogel, wie das Kind, das uns erheitert, ohne es zu' wollen. Die Witze sollen das Lächerliche grell beleuchten, überall, wo sie es finden. Sie sollen keine bestellte Arbeit darstellen» keiner politischen oder socialen Tendenz huldigen. (? D. Red.) Ein politischer Witz ist beißend, vergiftend, und gehört eigentlich schon mehr der Satire an. Daß der harmlose Humor mehr dem deutschen Gemüth entspricht als die beißende Satire, das braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden. Die spitze, giftige Satire ist eine fremde Pflanze auf deutschem Boden. Von diesem Gesichtspunkte aus will ich die sogenannten jüdischen und antisemitischen Witze, die geradezu zur Plage unserer modernen Literatur geworden find, beleuchten. Gibt es jüdische Witze? Gewiß, und ich wäre der Letzte, der eine jüdische Individualität im anthropologischen und psychologischen Sinne negiren wollte. Es gibt einen specifisch rheinischen und specifisch bayerischen Witz, warum soll es nicht auch einen jüdischen geben? Der Jude hat viel Witz, freilich ist er schärfer als der germanische. Ich zögere nicht einen Augenblick, den Witz eines Heine, die Satire eines Börne als jüdisch zu bezeichnen, womit ich aber durchaus nicht sagen will, daß die Hineinziehung dieser Witzgattung keine Bereicherung der deutschen Literatur bedeutet. Auch die Art Nordau's, ja auch die Harden's ist trotz aller Verschleierung jüdisch. Wer die Juden Rußlands kennt, der muß ihren sarkastischen Witz, ihre scharfe, schlagende Art bewundern. Freilich bezieht sich dieser Witz meistens auf rein jüdische Dinge, bewegt sich im rein jüdischen Milieu, ist mtt. dem talmudischen Geiste verschmolzen und schon daher den Juden Westeuropas fast gänzlich fremd. Diese Witze verlieren schon ihren Hauptreiz, wenn sie ins Deutsche übertragen werden. Die deutschen Juden besitzen nichts von dieser specifischen Art des jüdischen Witzes. Man muß schon ein feiner Kenner sein, um hie und da eine eigenartige Färbung, einen besonderen Ton in einem Witze zu finden, der auf das jüdische Wesen zurückzuführen ist. Von all' diesen Arten von jüdischen Witz wiffen unsere Witzblätter sehr wenig, und die Witze, die sie über die Juden machen, find ebenso öde und geistlos, wie die Witze, die sie die Juden selber erzählen laffen. Die Judenwitze, die zum beständigen Repertoire unserer Witzblätter geworden sind, find meistens alle nach einer Schablone fabricirt und oft an den Haaren herbeigezogen. Sie können dajüdische Leben nicht charakterisiren, weil sie gesucht und unecht find. Es steckt eben so wenig wirkliches Leben darin, wie in den Witzen