Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 64 Vr. Bloch's Wochvnfchrrfl. Nr. 4 gescheut umzustürzeu sich erkühnt hätten, antworteten sie: „Was überlegt war, hocken wir so überlegt, und was gethan worden, haben wir so gethan, wie es nur einem Manne ziemen kann. Wir haben uns des Heiligthums angenommen, das dem Herrn geweiht ist, und da wir den Werth unseres Gesetzes durch stäes Auhören desselben kennen gelernt, ist es nicht zu verwundern, wenn wir die Vorschriften, die Moses auf Befehl und Eingebung Gottes uns schriftlich hinterließ, heiliger halten, als deine Befehle. Mit Freuden werden wir den Tod sammt jeder Marter, die du noch mit demselben verbinden magst, ertragen, da wir uns bewußt sind, daß wir nicht als Bösewichter, sondern als Freunde der Wahrheit dem Untergang eutgegengehen." Ebenso sagten alle Uebrigen und bewiesen im Worte dieselbe Kühnheit, womit sie sich auch zur That entschlossen hatten. Nun schickte sie der König gefesselt nach Jericho und ließ dorthin die Häupter der Juden*) entbieten. Als diese sich versammelt hatten, wurden sie in das Theater berufen, und hier begann der König, der schon nicht mehr stehen konnte, auf einem Bette liegend, herzuzählen, wie viele Mühsale er um ihretwillen erduldet, mit wie großen eigenen Kosten er den Tempel gebaut, woran doch die hasmonäischen Könige während einer Zeit von hundertfüufundzwanzig Jahren nicht gedacht hätten, und wie er diesen mit kostbaren Bildwerken geschmückt, wofür er auch noch nach seinem Tode gepriesen und gefeiert zu werden hoffte. Nun aber fing er an zu brüllen, er könne nicht einmal bei seinen Lebzeiten sich ihrer Beleidigungen erwehren, sondern am Hellen Tage und vor aller Augen wagten sie seine Weihgeschenke anzutasten und heruuterzureißen. Sei dies auch dem Anscheine nach blos gegen seine Person gerichtet, so verdiene es in der That doch keinen anderen Namen, als den der Tempelschändung. — Da nun die Juden bei seiner Grausamkeit fürchten mußten, auch selbst seine Rache zu erfahren, sprachen sie sÄnmtlich i h r^e M i ß b i IX i g.u ng üb er jene That aus, die eine ernstliche Bestrafung verdiene. Trotzdem verfuhr Herodes ziemlich gelinde, entsetzte aber den Hohenpriester Mathias, als theilweiseu Urheber des ganzen Vorfalls, seiner Würde und übertrug dieselbe seinem Schwager Jozar. — Den andern Mathias aber, der den Aufruhr verursacht hatte, ließ er nebst einigen von dessen Genossen lebendig verbrennen. In derselben Nacht verfinsterte sich der Mond." Soweit Josephus, Antiqq. XVH 6, 2-5. Die beiden pharisäischen Märtyrer Judas und Mathias gehörten unstreitig zu den hervorragendsten und populärsten Schriftgelehrten ihrer Zeit. „Sie galten," wie uns Josephus berichtet, „als die gründlichsten Kenner und Ausleger des Gesetzes und standen beim Volke in höchster Achtung." „Die Jugend strömte ihnen in Hellen Haufen zu, so daß sie täglich von einem ganzen Heere junger Leute umgeben waren." „Wer der wahren Vollkommenheit nachstrebte, der war täglich in chrem Hause." — Männer, die infolge ihrer großen Gesetzeskunde eine solche Berühmtheit genossen, deren Schulen zu den beliebtesten und ftequentirtesten zählten, werden doch wohl, sollte man meinen, im Talmud erwähnt werden. Keine Spur! Nicht einmal ihre Namen werden hier der Nachwelt überliefert. — Ist eine solche Unterlassung nicht räthselhast? Aber nicht nur bedeutende Gesetzeslehrer waren unsere beiden Schriftgelehrteu, sie waren auch heroische Kämpfer für die Religion, für die Reinerhaltung der nationalen und religiösen Institutionen. „Sie haben sich für das Gesetz der Väter dem Tod ausgesetzt." Sie starben, jenen vielgerühmteu spartanischen Helden vergleichbar, „wie das Gesetz es befahl." „Sie feuerten ihre Schüler an. Alles, was der König ihren Gesetzen zuwider eingerichtet hatte, wieder abzuschaffeu, die gegen das väterliche Gesetz aufgerichteten Bildwerke zu zerstören," den römischen Adler auf der Tempelpforte zu zertrümmern. — Und von diesem heldenmüthigen Unterfangen, dafür sie freudig auf dem Scheiterhaufen starben, weiß kein anderer jüdischer Berichterstatter etwas zu erzählen, als der Römling Josephus! Freilich ist es eine peinliche Sache, zu berichten, wie sich bei dieser Gelegenheit die „Häupter der Juden," als sie von Herodes nach Jericho befohlen wurden, um über die Aufrührer zu Gericht zu sitzen, benommen. Josephus selbst gibt zu: „Herodes hatte allerdings in manchen Stücken das Gesetz übertreten, worauf Judas und Mathias sich berufen konnten." Unsere „Häupter der Juden aber sprachen, weil sie bei der Grausamkeit des Königs fürchten mußten, selbst seine Rache zu erfahren, ihre Mißbilligung über jene That aus, die eine ernstliche Bestrafung verdiene." Und die Hände in Unschuld waschend, überließen sie ihre für das Volk und seine heiligen Institutionen sich aufopfernden Lieblinge ihrem Schicksal. Dem Talmund allerdings darf man den Vorwurf nicht machen, er habe — was ja widersinnig wäre — etwa mit Absicht diese glorreiche That todtgeschwiegen. Denn einmal ist der Talmud kein Geschichtswerk; seine Ueberlieferungen sind lediglich gesetzlichen und ethischen Inhalts. Dann aber hat die Katastrophe vom Jahre 70 n. Ehr., welche dem letzten Scheine der Selbstständigkeit der jüdischen Nation ein Ende bereitet hatte, so betäubend und vernichtend gewirkt, daß selbst größere Denkwürdigkeiten der vergangenen Jahrzehnte in Vergessenheit geriethen; und es ist kaum anzunehmen, daß die Tradenten der Mischna nach der römischen Zerstörung des Tempels noch Kenntniß von dieser Begebenheit hatten. Aufgabe der modernen jüdischen Geschichtsforschung wäre es, zunächst die geistigen, längst der Erinnerung entschwundenen Großthaten unserer Väter aus der Zeit von Ezra bis zum Untergang des jüdischen Reiches — und es gibt deren mehr als unsere Schulweisheit sich träumen läßt — aus dem Schutte der Jahrtausende hervorzugraben. Es wäre dieses das einzige Mittel, unsere erstorbene Wissenschaft neu zu beleben, was ihr ungeahnte frische Säfte zuführen und unser religiöses Empfinden wecken und kräftigen würde. Aber, wird man sagen, unsere moderne jüdische Geschichtsschreibung wird doch wohl die Heldenthat der beiden pharisäischen Schriftgelehrten Judas und Mathias nach Gebühr gewürdigt haben? Als Antwort darauf wollen wir zeigen, wie sich der jüdische Geschichtsschreiber Grätz mit diesem Martyrium abfindet. Seine diesbezüglichen Ausführungen lauten! „Unter den den Römern feindseligen Pharisäern zeichneten sich zwei durch Eifer und Rücksichtslosigkeit aus: Juda b. Zippori und Mathias b. Margals, und waren deshalb sehr beliebt.*) Sobald sie von Herodes' schwerer Krankheit hörten, st a ch e l t e n sie ihre Zuhörer auf, der Tempelschändung ein Ende zu machen und den römischen Adler über dem Tempelportale herunterzuschleudern. Ein Gerücht, das sich in Jerusalem verbreitete, Herodes sei verschieden, begünstigte das gewagte Unternehmen. Sofort drangen viele Jünglinge mit Aexten zum Tempelportale, ließen sich an Seilen hinaufziehen und schlugen den Adler herunter. Bei der Nachricht von dem Volksauflaufe ließ ein Hauptmann die herodianischen Truppen aufmarschiren, auf die Adlerzerstörer fahnden und vierzig derselben sammt den zwei Führern gefangen nehmen. *) Das ist nicht richtig. Auch für Grätz ist hier Josephus die einzige Quelle, und dieser sagt ausdrücklich, daß die beiden Schrift gelehrten beim Volk deshalb sehr beliebt waren: „weil sie sich dem Jugendunterricht widmeten": andres Lai äemo prospbi leis äia paideiau ton neoterou. Antiqq. XVII. 6, 2. Also nicht Eifer und Rücksichtslosigkeit, sondern die Hingabe an den Jugendunterricht machte diese beiden Gesetzeslehrer beim Volke so beliebt. Grätz sieht in ihnen „peinliche" Gesetzesbeobachter schammaitischer Observanz, deshalb liest er auch diese seine Voreingenommenheit selbst aus den unzweideutigsten Worten des Josephus heraus. *) Joudaioan tous en. telei — Judaeoram primores.