Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Vlvch's WochrrMrifk« SE. SR Unverdient vergesse«. (Eine historische Reminiscenz.) Wer sich ein wenig mit der Geschichte der herodeischen Regierung, die zu dem Untergang des jüdischen Reiches und des Volkes fühtte, befaßt, fühlt sich tief ergriffen, wenn er von dem Martyrium zweier nationaler Helden liest, die mit unvergleichlichem Heroismus für das Gesetz der Väter in den Tod gingen. Um so peinlicher muß es berühren, daß diese beiden bewunderungswürdigen Männer, die schon wegen ihrer großen, zu ihrer Zeit vielgerühmten Gelehrsamkeit einen ersten Platz in der Geschichte der jüdischen Tradition verdient hätten, selbst nachdem sie für den Glauben der Väter im Kampfe gegen Einführung fremder religiöser Sitten den Märtyrertod heldenmüthig erlitten, nahezu ganz vergessen wurden, ja nicht einmal das bescheidenste Plätzchen in der großen Zahl der Tana'iten im Talmud gefunden haben. Wie ist das zu erklären? Vielleicht daß unsere Zeit, die doch national gestimmt, die doch nationale Helden und Denkmäler würdigen zu wollen geneigt scheint, sich dankbarer gegen diese beiden so unverdient vergessenen Helden erweisen wird. Es sind dies die pharisäischen Schriftgelehrten: Judas, Sohn des Sephoräus, und Mathias, Sohn des Margal. Hätte uns der doch sonst, ebenso wie die Herodäer, römisch gesinnte jüdische Geschichtsschreiber Josephus Flavins über ihren Heldentod mcht berichtet, dann würden sie für uns überhaupt nicht existirt haben. Und doch haben sie sich für ihre Nation geopfert. Lassen wir diesen Geschichtsschreiber über die beiden Märtyrer sprechen: „Es waren zwei Schriftgelehrte" — so berichtet Josephus in seinen jüdischen Kriege — „es waren zwei Schriftgelehrte in der Stadt, die als die genauesten Kenner des Gesetzes beim Volke in der höchsten Achtung standen, Judas, Sohn des Sephoräus, und Mathias, Sohn des Margal. Um ihre Gesetzesauslegung zu hören, strömte eine große Anzahl v o n I ü n g l i n g e n h e r b e i, so daß sich täglich ein ganzes Heer junger Männer um sie sammelte. Als diese vernahmen, daß Herodes krank darnieder liege, sagten sie ihren Schülern, jetzt sei die Zeit gekommen, Gottes Ehre zu rächen und die gegen das väterliche Gesetz aufgerichteten Bildwerke zu zerstören. Es sei Sünde, daß im Tempel Statuen, Büsten oder Bilder stehen, die den Namen lebender Geschöpfe trügen. Hervdes hatte nämlich über der großen Pforte einen großen Adler aufftellen lassen. Diesen Adler riethen die Gesetzeslehrer berabzustürzen; es sei schön, sagten sie, der Gefahr Trotz zu bieten und für das Gesetz der Väter sich dem Tode auszu setzen. Wer so sterbe, habe sich unsterbliches Leben und den Genuß ewiger Güter gesichert und nur gemeine, der Weisheit entfremdete Menschen, die nicht wüßten, was der Seele wahrhaft fromme, könnten es vorziehen, auf dem Krankenbette, statt auf dem Schauplatz würdiger Thaten zu enden. — Mittags nun, als eben viel Volk im Tempel war, ließen sich die Schüler au dicken Seilen vom Dache herab und zerhieben den goldenen Adler mit Aexten. Sogleich wurde es dem Befehlshaber gemeldet, der mit einem Haufen Soldaten herbeiellte, gegen vierzig der jungen Leute festnahm und vor den König führte. Auf die erste Frage des Herodes: „Ob sie es gewagt hätten, den goldenen Adler zu zerstören?" antworteten sie: „Ja!" Auf die zweite: „Wer hieß Euch das?" erwiderten sie: „Das Gesetz der Väter!". Als der König weiter fragte: „Warum sie sich so freuen, da sie doch sterben müßten?" gaben sie zur Antwort: „Weil wir durch den Tod in die Seligkeit gelangen." — Herodes, hierüber so sehr erzürnt, daß seine Leidenschaft für den Augenblick die Krankheit brach, begab sich persönlich in die Volksversammlung, vor welcher er die Schüler als Tempelschänder anklagte und ihnen Schuld gab, unter dem Vorwand des väterlichen Gesetzes noch Schlimmeres im Schilde geführt zu haben, weshalb die Strafe der Gottes veracht er auf sie angewendet werden sollte. Aus Furcht, daß eine Masse Menschen in Untersuchung verwickelt werden möchte, bat ihn das Volk, nur die Anstifter sammt den auf der That Ergriffenen zu strafen, die Uebrigen aber zu schonen. Kaum ließ er sich bereden. Die, welche sich vom Dache herabgelassen hatten, wurden mit den beiden S ch riftgelehrten lebendig verbrannt, die anderen Verhafteten dem Henker zur Hinrichtung übergeben." So Josephus Bell. Jud. I, 33, 2—5. Und in seinen Alterthümern kommt er wieder auf diesen Aufstand zu sprechen und schildert ihn, wie folgt: „Unter allen Juden galten Judas, Sohn des Sari* phäus, und Mathias, Sohn des Margal, für die beredtesten Männer und die kundigsten Schrift aus leg er*), und beim Volk waren sie um so beliebter, als sie die Jugend unterrichteten. Wem es um wahre Vollkommenheit zu thun war, der war täglich in ihrem Hause. Als diese nun erfuhren, daß die Krankheit des Königs unheilbar, feuerten sie die jungen Leute an. Alles, was der König ihren Gesetzen zuwider eingerichtet hatte, wieder abzuschaffen und in der unangetasteten Befolgung der Gesetze selbst den Lohn eines heiligen Kampfes zu suchen; denn blos deswegen, sagten sie, weil er den ausdrücklichen Bestimmungen des Gesetzes zuwidergehandelt habe, habe ihn zu allem übrigen Unglück, das ihn in ganz unerhörtem Maße getroffen, auch noch diese Krankheit ereilt. Herodes hatte nun allerdings das Gesetz in manchen Stücken übertreten, worauf Judas und Mathias sich berufen konnten. Ueber der größten Pforte des Tempels hatte er einen riesengroßen und überaus kostbaren Adler aus Gold aufstellen lassen; nun aber verbietet das Gesetz, Allen, die nach demselben leben wollen, an die Aufstellung von Bildern zu denken, oder irgend welche lebende Wesen bei Weihgeschenken abzubilden. Daher forderten jene Lehrer auf, den Adler herabzureißen, und sagten, auch wenn Manche dabei von einem sicheren Tod ereilt werden sollten, müßten Männer, die für die Rettung und Aufrechterhaltung des Bestehenden fielen, den dadurch erlangten Ruhm beiweitem den Freuden des Lebens vorziehen, indem sie sich dadurch einen ewigen Ramm verschaffen und nicht nur in der Gegenwart, sondern auch alle kommenden Jahrhunderte hindurch in jedem Munde leben würden.... Es sei doch eine große Beruhigung, bei hohen Thaten, zu denen die Gefahr rufe, zu sterben, und in diesem Falle erhielten auch die Kinder und alle Hinterbliebenen, Männer wie Frauen, Antheil an ihrem Ruhme. — Mit solchen Reden spornten Jene die jungen Leute an, da hieß es, der König sei gestorben. Dieses konnte dem Zwecke jener Lehrer nur frommen, und so zog man mitten am Tage hinauf, warf den Adler hinab und hieb ihn vor den Augen aller Derjenigen, die sich im Tempel aufhielten, mit Aexten zu Stücken. Als dieses dem königlichen Statthalter gemeldet wurde, zog derselbe, weil er der ganzen Sache mehr Bedeutung, als sie wirklich hatte, beimaß, eine ansehnliche Schaar zusammen, die der zur Zerstörung von Herodes' Bildwerken versammelten Menge wohl die Spitze bieten konnte, und fiel unversehens über dieselbe her. Wie nun das gemeine Volk sich immer mehr von einer augenblicklichen Auftegung, als von ruhiger Ueberlegung leiten läßt, wußten die Aufrührer bei dem Angriffe gar nicht, was sie in ihrer Unordnung beginnen sollten, und so kamen nicht weniger als vierzig junge Männer, die bei der Flucht des ganzen übrigen Haufens mannhaft ausgehalten hatten, sowie die Anstifter des ganzen Auflaufs, Judas und Mathias, die es für schimpflich hielten, bei seiner Ankunft sich zurückzuziehen, in die Gewalt des Statthalters, der sie zum König führen ließ. Als dieser sie bei ihrem Eintritt ftagte, ob sie sein Weih- V: i > ’) Et legis patziae interpretes praestantissimi. i