Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 52 Dr. Bloch's Wochvnschrifl. Nr. 4 Croatien und Slavonien haben, was die culturellen, socialen und statistischen Verhältnisse der Hierselbst wohnenden Juden anbelaugt, beinahe gleiche Daten aufzuweisen. Die im Jahre 1890 vorgenommene Volkszählung stellte die Zahl der Juden in Croatien und Slavonien mit 17.600 fest, währenddem die vom Jahre 1900 eine Mische Seelenzahl von 20.032 ausweist. Im Laufe von 10 Jahren stieg mithin chre Zahl um 3000 Seelen. In den 5 Comitaten Croatiens weist das erwähnte Büchlein 8868, in den 3 Comitaten Slavonieus 11.328 (um 2440 mehr als in Croatien) jüdische Bewohner aus. Die Gesammtbevölkerung beträgt 2,416.304, die Juden bilden somit percentuell blos den (0'84°/„) vierundachtzighuudertstel Theil der Bevölkerung. Trotzdem sie aber kaum ein Percent des Volkes ausmachen, spielen sie doch im öffentlichen und politischen Leben des Landes eine bemerkbare und ehrenvolle Rolle. Nicht in ihrer Anzahl, sondern in ihrer Intelligenz liegt ihre Stärke. Ein großer Theil der croatischen Juden gehört selbstverständlich dem Kaufmannsstallde au, doch auch unter den Gewerbetreibenden, Großindustriellen, unter den Oekonomen, wie in der Beamtenschaft, namentlich in den juristischen Berufen, finden sich z-chlreiche würdige jüdische Vertreter. Die Vertheilung der jüdischen Bevölkerung im Lande ist eine ungleiche. Während dieselbe in Slavonien sowohl in den Städten als auch am flachen Lande dichter angesiedelt sind, finden wir sie in dem westlichen Theile Croatiens spärlicher. Das Comitat Lika-Krbava weist blos 7 jüdische Bewohner auf, das Modrus-Fiumaner 335, das Agramer 4559, das Comitat Virooitica 5044, das Pozsegaer 2390; Syrmien 3894, das Warasdiner 1016 und das Comitat Belovar 2271. Zu den größten Gemeinden des Landes, in welchen sich ein geregeltes jüdisches Gemeindeleben entfaltet hat, gehören die Städte: Agram . . mit 3237 jüdische Seelen Essek ... „ 2070 „ „ Warasdin. „ 728 „ „ Bukovar . „ 662 „ „ Binkovci . „ 658 „ „ Semlin. . „ 646 „ Diakovo . „ 627 „ „ Nasice . . „ 599 „ „ Virovitica „ 545 „ „ Daruvar . „ 458 „ „ Ruma . . „ 465 „ „ und Slatiua , 400 „ „ Die übrigen Gemeinden des Landes wie Kopreinitz (382 Juden), Kutiua (310), Krmevci (230), Gjurgjevac (246), Brod (172), Neu-Gradiska (322), Pakrac (346), PoLega (327), Novska (146) zählen unter die Gemeinden zweiten Ranges und zweiter Größe. Wie schon erwähnt, finden sich in der Gesammtjudenschaft Croatiens viele Vertreter der Intelligenz und bilden sie einen wohlgelittenen Bestaudtheil der Bevölkerung. Der Antisemitismus hat in Croatien und Slavonien trctz einzelner Wühler wohl Eingang, doch keinm festen Grund und Boden finden können, und zwar Dank der einsichtsvollen Natur der Bevölkerung und der gerechten zielbewußten Haltung der Landesregierung und der Ihr unterstehenden Behörden. Das Urtheil und die Meinung der ungarischen, österreichischen und ausländischen Judenschaft ist jedoch für die croatischen Juden selbst nicht sehr schmeichelhaft. Wohl ist es wahr, daß mit Ausnahme der Gemeinde Jllok wahrhaft jüdisches Wesen und Frömmigkeit selten im Gemeindeleben vorzufinden ist, doch trotz alledem ist das geringschätzige Urtheil der Welt über die „trefene Mediue Croatten und Slavonien" völlig falsch und unhaltbar. Heutzutage macht sich eine Wendung zum Bessern wahrnehmbar. Der Einfluß unserer gebildeten Rabbiner sowie der der Jutelligenzclaffe angehöreuden Vorstände macht sich »ach und nach geltend. Das im Laufe früherer Jahrzehnte wahrnehmbare Schwinden jüdischen Wesens beginnt einem auf gesunder Grundlage sich aufbauenden Judenthume Platz zu machen. In beinahe allen Gemeinden wendet man der Festigung jüdischen Lebens erhöhte Aufmerksamkeit zu. Der verdorrte Stamm des croatischen Judenthums beginnt wieder zu grünen und wird hoffentlich in nicht zu langer Zeit die Früchte wahren Judenthumes: Anhänglichkeit und Treue gegen die Religion, sowie auch Kenntniß des Hebräischen, des jüdischen Wesens und der Literatur unbeschadet ihrer patriotischen Gesinnung und ihrer Tüchtigkeit als Bürger — zeitigen. Aus diese Grundpfeiler des Mosaismus müssen die berufenen Werkmeister, wie Rabbinen, Gemeindevorstände * und die jüdische Lehrerschaft ihr besonderes Augenmerk richten. Es ist ein Gebot der dringenden Nothwendigkeit, daß die genannten Faktoren diese ihre Aufgabe richtig erfassen und die Assanirung unserer Judenschaft nach dieser Richtung hin anstreben und unentwegt bewerkstelligen. Nur auf solcher Grundlage kann der Entjudung der jüdischen Bevölkerung Einhalt geboten und für die Zukunft eine für ihren Glauben einstehende gebildete Generation herangebildet werden. Aus diesem Grunde ist es nothwendig, daß der hier zu Lande stark darniederliegende jüdische Religionsunterricht sowohl für die Volksals auch für die Mittelschulen geregelt und gehoben werde, daß die Heger und Pfleger der religiösen Idee auf der Höhe ihrer Aufgabe stehen, daß sie, durchdrungen von der Wichtigkeit ihrer Mission, jüdisches Wissen und jüdisches Leben nicht nur in der Schule, sondern auch im Hause, in der Familie wieder heimisch machen und zur Geltung bringen. Dies wäre die schönste Aufgabe unserer Rabbinen und Gemeindevorstände: Caveant consules! Mögen die berufenen Factoren darüber wachen, daß die diesem Ziele noch im Wege liegenden Hindernisse, der Schutt und die Trümmer einer jahrzehntelangen Vernachlässigung, beseitigt werdendann wird hoffentlich die Sonne der Freiheit und Gleichberechtigung in nicht zu langer Zeit auch in Croatien ein Judenthum bescheinen, welches deren Segnungen würdig ist. Was die politischen Ansichten der croatischen Juden anbelangt, sind sie zum überwiegend großen Thelle begeisterte Anhänger der Regierungspartei. Und dies ist ganz natürlich, da doch die Juden in Croatien gerade den liberalen Ideen der Regierung ihre gegenwärtige Stellung in der Gesellschaft zu verdanken haben. Ihre politische Haltung ist nur eine Folgerichtigkeit der Thatsachen. In anderen Ländern können und dürfen sich die Juden ihrer individuellen Neigung nach, jeder politischen Partei zuwenden, welche nicht ihre staatsbürgerliche Existenz gefährdet. Wer aber in Croatien die Ziele der oppositionellen Parteien kennt, in welchen clericale Tendenzen eine hervorragende Rolle spielen, der wird sich nicht im Geringsten wundern, wenn sich die Juden von den übrigen Parteien, die ihre Gegner find, abwenden und treu zur liberalen Regierungspartei stehen. Der moderne Staat kann eben des Fundamentes der Gleichstellung theoretisch und praktisch nicht entbehren. Erst dann, wenn sich auch hier zu Lande die Verhältnisse geklärt und die Gleichstellung der Juden in jeder Hinsicht gesichert sein wird, daß jede Erschütterung derselben als unmöglich und von jeder politischen Partei als unantastbar anerkannt wird, dann werden auch die croatischen Juden die Freiheit erlangen, ihren innern politischen Neigungen folgen zu können. Bis dahin müssen sie aber unbeirrt an dem Ausbau und an der Festigung ihres confessionellen Lebens arbeiten, damit sie, consolidirt und vorerst in sich geeinigt, in Zukunft als werthvoller Factor des öffentlichen Lebens in Betracht und zur Geltung kommen können. Essek, am 15. Jänner 1903. N. Schwarz.