Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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^wrn^s WochrnschritL Seite 51 Nr. G. Smith, Lenormant, Sayse und andere Forscher bejahen letztere Frage, indem sie mit Recht die Priorität der Bibel anerkennen, ja Professor E. Podiebrad (Prag) bemerkt wörtlich in seinem Aufsatz „Keilinschrift und Bibelwort": „Freilich ist die keilschriftliche Darstellung oft kindischer und roher als die biblische, welch' letztere jedoch um Jahrhunderte später abgefaßt wurde/ In neuester Zeit jedoch sucht Meister Delitzsch, dem die Lorbeeren seines Collegen Harnack nicht ruhen lassen, in seinem „Babel und Bibel" eine künstliche Uebereinstimmung assyrischer Sagen mit dem biblischen Berichte dadurch herzustellen, daß er annimmt, ursprünglich seien auch die Affyrer Monotheisten gewesen; ja er geht noch einen Schritt weiter und beweist, daß die angebliche Offenbarung der Genesis nichts anderes sei, als eine Umformung babylonischer Mythen. All' dieses entnimmt er dem Texte eines verwitterten Steintäfelchens, dessen Keilbild verschiedene Bedeutungen zuläßt. Und doch sollte es gerade ihm bekannt sein, daß die Forschungen der Assyriologen, weil durch Medien subjectiver Combinationen getrübt, zur Zeit noch mit größter Vorsicht und Reserve aufzunehmen sind. Dies erkennend hat Professor Barth in Berlin ihm auch die gebührende Widerlegung zutheil werden lasten. Was aber die Behauptung Delitzsch' betrifft, die jüdische Religion involvire und propagtre die Lehre des Egoismus, so ist dies eine wissentliche Unwissenheit, die er sich da zu Schulden kommen läßt, denn als Orientalist weiß er es nur zu gut, daß das Alte Testament nur solche Sätze enthält, die zum Sittengesetz der Menschheit geworden sind, und daß die Juden allezeit die größten Opfer gebracht, daß sie geblutet für ihren Glauben, daß sie Schimpf und Hohn trugen und daß sie den Scheiterhaufen bestiegen. Es ist dies eine maskirte Ignoranz eines gelehrten Mannes, der es nicht wissen will, daß es nur eines Wortes, ja eines Winkes bedurft hätte — und tausend Arme hätten sich geöffnet, um die Juden zu empfangen, und sie wären Edle und Fürsten geworden, überhäuft mit Gold und Ehrenstellen. Doch höher als Leben, Ehre und Gut stand ihnen das Judenthum: Das ist der Idealismus des jüdischen Stammes. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Der Schneider st rike und der Antisemitismus.— Wie Ernst Schneider sich selb st hinauswirft.) „Lauter Juden!" Diesen so allgemein beliebten und von unseren geschätzten Gegnern so gerne gebrauchten Ruf verzeichnet der Bericht des „Deutschen Volksblatt" über die große Versammlung der strikenden Schneider in der Volkshalle des Rathhauses. Tausende von Stückmeistern waren hier versammelt, um ihre Roth zu klagen und über die Mittel zur Abwehr zu berathen. Einstimmig beschlossen sie, solange im Ausstande zu verharren, bis die Confectionäre der berechtigten Forderung nach Lohnerhöhung nachgekommen sein werden. „Lauter Juden!" Auf wen bezog sich dieser Ruf? Auf die Mitglieder der Versammlung? Nein, denn die Majorität der Anwesenden waren Christen, wenn auch sehr zahlreiche jüdische Meister zugegen waren. Er bezog sich auf die Confectionäre, deren Zuschrift an die Schneidergenoffenschaft soeben verlesen worden war. Auf der Estrade saß der Mechanikus Schneider, und wir haben allen Grund, zu vermuthen, daß der Zwischenruf: „Lauter Juden l" von diesem Subject ausgegangen ist. Freudig mochte hiebei seine rothe Nase leuchten in angenehmer Erwartung einer kleinen Judenhetze und der alte Stampilius Bagabundus mochte sich vielleicht schon die Zunge zu weiterem Lecken an der Judenfrage hergerichtet haben. „Lauter Juden!" Der Zuruf fand kein Echo in der vieltausendköpfigen Versammlung, obgleich es bekannt ist, daß die meisten Kleingewerbetreibenden, also auch die Stückmeister bei den Schneidern, irregeleitet und verführt von den Schlagworten der Volksbetrüger, das Kanonenfutter der christlich-socialen Agitation und Parteiherrschaft abgeben. Im Gegentheile! Der Sechshauser Trunkenbold und Bewerber um falsches Zeugniß mußte es zu seiner größten Bestürzung sogar erleben, daß in der Versammlung, in welcher er sich kannibalisch wohlzubefinden gehofft hatte, jedes Hereinzerren der antisemitischen Hetze mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen wurde. Und nun war es überaus poffirlich anzusehen, wie der alte Stampilius sich scheu hinwegschlich aus dieser zu seinem großen Ensetzen nicht antisemitischen Versammlung . Nur nebenbei sei bemerkt, daß von den Confectionären der arische Großfabrikant Herr Esders die allerschlechtesten Löhne zahlt, die jüdischen Confectionäre Neumann und Rothberger die allerbesten Löhne zahlen. Gerade die jüdischen Confectionäre wie Neumann, M. und I. Mandl u. A. erklärten sich auch sofort bereit, Lohnerhöhungen zu bewilligen. Allein das ist vollständig nebensächlich. Es wäre auch ganz gut denkbar, daß zufällig ein christlicher Fabrikant die besten Löhne und ein jüdischer die schlechtesten Löhne zahlt. Wir sind nämlich der Meinung, die längst von allen einsichtigen Menschen gelheilt wird, daß die Ausbeutung der wirthschastlich Schwachen mit der Confesfion oder der Nationalität nicht das Allergeringste zu thun hat. Auch die Noth der Ausgebeuteten ist gleich groß, mögen sie Juden oder Christen sein, und in London schmachten bekanntlich Zehntausende jüdischer Schneider im größten Elend. Der Vorsteher der Schneidergenoffenschaft wies mit aller Entschiedenheit und feierlich den Verdacht von sich, als hätte die Lohnbewegung gegen die Confectionäre einen antisemitischen oder wie er sich ausdrückte, politischen Hintergrund. Dieser Verdacht saß verkörpert da in der Person des Mechanikus Schneider und der Verdacht kroch zur Thüre hinaus. Hier hatte er nichts zu suchen. Die christlichen und die jüdischen Stückmeister, die christlichen und die jüdischen Schneidergehilfen, sie leiden Alle unter der gleichen Noth und die Sympathien der gesammten Bevölkerung stehen auf der Seite der Unterdrückten — ohne Unterschied der Confesfion. Die Erklärungen des Genoffenschaftsvorstehers, feine entschiedene Zurückweisung jedes antisemitischen Beigeschmackes dieser Lohnbewegung ist vielleicht ein sehr werthvolles Symptom dafür, wie auch in den Kleingewerbetreibenden die Ueberzeugung zu dämmern beginnt, in welch ,richtswürdiger Weise sie seit Jahrzehnten vom Antisemitismus über die Ursachen der wirthschaftlichen Noth und über die Mittel der Abhilfe irregeführt werden. In flammenden Worten, welche die Theilnahme jedes fühlenden Menschen erregen, verwies der Genoffenschaftsvorsteher auf das frühzeitige Siechthum der Stückmeister, auf die Erbärmlichkeit ihrer Existenz, auf die Blutarmuth ihrer Kinder. Ja, ist denn die christlich-sociale Parteiherrschaft noch immer nicht lange genug am Ruder, um diesem Elend abzuhelfen? Sind noch nicht lange genug reactionäre Gesetze in Geltung? Hat der Kampfruf: Kauft nur bei Christen, noch immer nicht seine Wirkung gethan? Die Antwort darauf hat die Versammlung ertheilt, aus welcher der abscheulichste Repräsentant des Wiener Antisemitismus, der langjährige, patentirte Gewerberetter Ernst Schneider sich davon schleichen mußte, um nicht vielleicht in die Lage zu kommen, sagen zu müssen: Werft mich hinaus, ich bin der Schneider. Auf einem bekannten Bilde, das eine Ueberschwemmung in einem tropischen Lande darstellt, sieht man Löwen und Gazellen friedlich nebeneinander fitzen auf einem und demselben aus den Fluthen hervorragenden Baume. An dieses Bild einer alle Feindschaft zurückstellenden Wassernoth erinnert uns die Haltung der Schneidergenoffenschast in dieser Lohnbewegung. Herr Dolejs galt als christlich-socialer Antisemit, der gesammte Vorstand als antisemitisch. Die große sociale Noth aber drängt die Menschen auf neutralen Boden zusammen, und wenn die Wogen höher steigen, da ist keine Zeit, zu fragen, ob der Leidensgefährte Christ oder Jude sei, da heißt es, sich gemeinsam retten, um nicht im Elend zu versinken, und die energische Zurückweisung jeder antisemitischen Unterströmung in diesem Lohnkampfe ist ein nicht hoch genug. M schätzendes Symptom über den wahren wirthschaftlichen Werth des antisemitischen Gedankens. Werst ihn hinaus — es ist nur der Ernst Schneider! _ Isegrim. Die Jude« i« Croatie«. Staatsrechtlich gibt es wohl nur ein Croatien, doch in Oesterreich-Ungarn und im Auslande unterscheidet man noch immer mit Vorliebe nach den geographischen Bezeichnungen zwischen Croatien und Slavonien. In diesen Ländern wurde im Jahre 1900 die jüngste Volkszählung vorgenommen, deren Ergebnisse, in einem Ende des Jahres 1902 erschienenen Büchlein des statistischen Landesamtes in übersichtlicher Weise dargestellt sind. Auf Grund dieser neuesten Daten habe ich über die Juden Croatiens, deren Anzahl und Bertheilung in den verschiedenen Landestheilen mir eine authentische Zusammenfassung gemacht, die den Lesern dieses Blattes nicht unwillkommen sein dürste.