Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Me «r Dr. Blmtz's WochsnfthrM. Nr. 4 frei? Blüht uicht vielmehr der nationale Dünkel in unserer fromm gewordenen Zeit in geradezu erschreckender Weise? Immer kommen die Herren mit der „nationalen Engherzigkeit" der Juden, die vor Jahrtausenden gelebt haben, anstatt lieber die nationale Engherzigkeit ihrer eigenen Zeit- und Volksgenossen, deren sittlicher Schaden unermeßlich ist, anzicklagen. *) Was die Beeinflussung des Judenthums durch die altbabylouische Cultur betrifft, so glaube ich nicht, daß wir Ursache hätten, uns darüber aufzuregen — selbst wenn die Ausführungen Delitzsch's etwas mehr als archäologische Steckenpferde wären. Au ein geistiges Autochthonenthum glaubt heutzutage kein vernünftiger Mensch mehr; die Völker haben von einander gelernt, und die es gethan haben, waren eben lernfähige Völker. Zu diesen gehört das jüdische Volk in erster Reche. Haben etwa die Griechen Alles sich" geschöpft? Und doch hatten sie eine Nationalcultur von unschätzbarem Werth. Es kommt stets darauf an, wie ein besonders begabtes Volk das von anderen Entlehnte verarbeitet. Wenn ein Marmorblock aus den Steinbrüchen von Italien nach Paris gebracht wird und da ein Künstler ihn sculpturisch verwerthet, so hat er ebenfalls etwas aus der Fremde entnommen, und doch wird es keinem Menschen einfallen, dem Künstler die Originalität seines Schaffens abzusprechen. Mögen die Juden den Babyloniern noch soviel entnommen haben — das Judenthum allein gehört der Weltgeschichte au und nicht die atten Babylonier. Professor Delitzsch kommt auf Grund einiger Inschriften, deren Text nicht einmal sicher ist, zu der Ueberzeugung, daß bei den alten Babyloniern die Frau, social genommen, höher gestanden hätte, als bei den Juden. Bei diesen war die unverheiratete Frau Eigenthum des Vaters, die verheiratete aber Eigeuthum des Mannes. Da ist wieder Wahres und Falsches durcheinander geworfen. Das Judenthum ist natürlich das Product einer tausendjährigen Entwicklung; es hat deshalb Zeiten gegeben, wo die jüdische Frau nicht aus derselben Höhe der Freiheit und der Unabhängigkeit stand, die sie später erklommen hat. Nur muß man stets bedenken, daß die geschlichen Bestimmuvgeu allein doch nicht die sociale Stellung der Frau festsetzen. Wenn man dies nicht beachtet, kann mau zu falschen Schlüssen auch hinsichtlich der Zustände unserer Zeit kommen. Das Mädchen war bei den Juden in alter Zeit „Eigenthum" des Vaters, d. h. doch nur. daß es unter dem Erziehungsrecht des Vaters stand. Dieser hatte das Recht, das unmündige Mädchen in den Dieust zu geben, der übrigens nicht länger als sechs Jahre dauern durste. Hat nicht auch heutzutage der Vater das Recht, seine unmündige Tochter in den Dienst zu geben? Und was bedmtet Äerhaupt das formale Recht? Das Sclaveuthum der Frau beruht aus den socialen Zuständen. Ich zweifle sehr, ob ein Dieustbote heutzutage, wo das unmündige Mädchen uicht „Eigenthum" des Vaters ist, besser und menschenwürdiger behandelt wird, als die jüdische Dienstmagd bei ihren Volksgenossen vor Jahrtausenden behandelt worden ist. Dazu kommt noch, daß in ziemlich alter Zeit das jüdische Mädchen mit zwölf oder dreizehn Jahren mündig wurde und aus der Gewalt des Vaters schied. Delitzsch meint, die Frau sei von ihrem Manne gekauft worden — so versteht er nämlich die uralte Sitte der „Morgengabe". *) Anmerkung der Redaction: Stuf eine Bemerkung in dem Vortrage muh besonders hingewiesen werden. Profeffor Delitzsch sagte nicht mehr und nicht weniger als Folgendes: „Es gibt keine größere Verirrung des menschlichen Geistes als den Glauben, die Bibel sei eine persönliche Offenbarung Gottes." Und sodann: „Hand aufs Herz, außer der Gottesoffenbarung, die jeder Mensch in sich trägt, brauchen wir keine." Solche Aussprüche sind nicht neu; sie zeigen aber, daß der Berliner Gelehtte weit hinter dem jüdischen Religionsphilosophen des Mttelalters zurückgeblieben, ja selbst hinter dem Talmudlehrer des vierten Jahrhunderts in Sueca 5a. Ich glaube, daß mit mehr Recht von unserer Zeit. gesagt werden kann, in ihr werde der Mann von der Frau „gekauft" — so verstehe ich nämlich die ganze moderne Einrichtung der „Mitgift". Im Allgemeinen geben uns die biblischen Erzählungen ein wahres Bild von der socialen Stellung der jüdischen Frau, die eine vorzügliche und durchaus würdige war. Wie bereits gesagt, will ich das Erscheinen des Vortrages im Druck abwarten, um ihn wissenschaftlich-objectiv zu beleuchten. Die Verdienste Delitzsch' um die Wissenschaft will ich durchaus nicht verkleinern. Noch vor Jahren habe ich darauf hingewiesen, daß seine assyriologischen Forschungen für die Ergründung der Bibel und noch mehr für die hebräische Sprachforschung einen außerordentlichen Werth haben. Auch sonst bin ich ganz unbefangen bezüglich der Bibelkritik, da meine Liebe zum Judenthum nicht auf Bücherverehrung beruht. Indessen kann ich nicht den Tadel unterdrücken, daß Professor Delitzsch in die Oeffentlichkeit Thesen bringt, die zum Mindesten noch stark bestritten sind. Kaum sind die Worte seinem Munde entfahren, da stürzt sich auf sie ein Heer von Reportern, die mit ein und derselben Schnelligkeit die Straßenereignisse und biblische Forschungen für die Tagespresse „verarbeiten". Wird Herrn Delitzsch vor dieser „Mitarbeiterschaft" nicht etwas bange? Offen gestanden, kommt es mir wie eine Profanalion der Wissenschaft vor, ohne daß ich die Behauptung wagte, daß dies in der Absicht des ausgezeichneten Forschers läge. Herrn Professor Delitzsch möchte ich den altisraelitischen Weisheitsspruch entgegenrufen: „Ihr Weisen, seit behutsam mit euren Worten!" Dr. S. Bernfeld. Delitzsch: Kabel «ab Kibel. Von Dr. Josef Hoff, Rabbiner in Bisenz. Das gewaltige Aufsehen, welches diese Schrift in der gesammten literarischen Welt erregt hat — seine Vorlesung in Gegenwart des' deutschen Kaisers hat dies Aufsehen nur noch mehr gesteigert — beruht nicht nur auf der Neuheit der in ihr entwickelten Meinungen und Sätze, als auf der überraschenden Kühnheit und dem rücksichtslosen Freimuth, mit dem jene Lehren im Gegensatz gebracht werden zu den wissenschaftlichen Anschauungen der Gegenwart. Bekanntlich haben die Ausgrabungen in den Ebenen und Niederungen des Eupraths und des Tigris fast zahllose in Stein gehauene Inschriften, ja ganze Paläste und Heiligthümer zu Tage gefördert. Thon- und Steintäfelchen geben uns Kunde von den Thaten der babylonischen und assyrischen Könige im Krieg und Frieden. Was aber die Assyriologie so überaus fesselnd und interessant macht, das sind die zahlreichen Beziehungen, welche zwischen dieser Wissenschaft und der heiligen Schrift — zwischen Babel und Bibel — bestehen. Denn bald finden die Keilinschriften eine Ergänzung durch die Bibel, bald werden die Erzählungen dieses heiligen Buches in der wünschenswerthen nnd wahrscheinlichsten Weise erweitert. Dies hat seine Giltigkeit nicht blos für jene Erzählungen von der Weltschöpfung, von der großen Fluth und dem Thurmbau zu Babel, sondern auch für jene historischen Thatsachen, die in den Büchern der Könige enthalten sind. Was also schon die ersten Assyriologen mit Recht vermutheten, daß die Assyriologie zum Berständniß der heiligen Schriften des Judenthums ein Bedeutendes beitragen werde, diese Bermuthung hat sich seitdem glänzend bethätigt. Denn nicht nur die Arbeiten unserer Glaubensgenossen Jules Oppert und Josef Halßvy (Professoren am College de France), sondern auch das bekannte Werk Eberhard Schrader's „Die Keilinschriften und das Alte Testament" vergleichen die Ergebnisse der Assyriologie mit den Angaben der Bibel und gelangen zu dem wichtigen Schluffe, daß diese beiden Quellen der orientalischen Geschichte einander ergänzen. Geht man aber näher auf die Resultate der Assyriologen ein, würdigt man besonders v. Gutschmid's treffliche Bemerkungen und Einwürfe in seiner Schrift „Neue Beiträge zur Geschichte des alten Orients", so muß man sich fragen: Findet das Alte Testament wirklich in den assyrischen Keilinschriften seine Ergänzung, Berichtigung und Bestätigung, oder Helsen vielmehr die biblischen Erzählungen jene dunklen Inschriften entziffern?