Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Dr. Bloch’s Jahr,«,, XX Centralorgan für die gesammten Interelfen des Iudenthums. *= A. k. Postfxarcaffen-Amk Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Lrdartton und Admimstratior» wir» IX/1, Berssasse Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. -ä. Wie«, 23. Jänner 1903. -— -—— Erscheint jeden Freit a' g. -•> -j. - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse SS. Telegramm-Adresse: Block's Wochenschrift, Wien. »ezugsprei, für Srflrrrrtch Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare Sv Heller. 5Lr', Anslnud: Halbjährig IO Kronen. Banzjährig 20 . Anzeigen- Die4malgespaltrn« Vetiizeile 24 Heller. *r.-- - : Inhaltr Leitartikel: Die babylonische Verwirrung. — Delitzsch: Babel und Bibel. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Die Juden in Croatien. — Unverdient vergessen. — lieber jüdische und antisemitische Witze. — Correspondenzen: Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien. Wien. Die Agriculrur und das alte Judenthum. Die Auswanderung der Juden aus Galizien. Wien, Prag, Olmütz, Lemberg, Sarajewo. Dr. Marcus Herz. Hirschberg, Moskau, London. — Vermischtes: Kranzadlösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Floridsdorf, Ober-Hollabrunn, Brünn, Klattau, Zala,-Egerszeg, Karlsbad. — Feuilleton: Drei R. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die babylonische Uerwirrnng. Am 12. Jänner hielt Herr Professor Friedrich Delitzsch seinen zweiten Vortrag über „Babel und Bibel", wie er seine Ausführungen über das Verhältniß der babylonischen Forschungen zur'Bibelkunde, allerdings nicht sehr geschmackvoll, bezeichnete. Dieser Vortrag bildete die Fortsetzung und Rechtfertigung des ersten, den er vor einem Jahre über dasselbe Thema gehalten hatte. In ernsten, fachwissenschaftlichen Kreisen wurde Bedenken über die Art und Weise laut, wie der sonst gewiß verdienstvolle Forscher Dinge in das Laienpublicum wirft, die beiweitem nicht so unanfechtbar sind, als er sie vorträgt. Herr Professor Delitzsch setzte sich nun in seinem zweiten Vortrag mit seinen Kritikern auseinander, die er als dogmatisch befangen schilderte. Indessen haben seine Hypothesen im vorigen Jahre nicht nur bei Theologen, sondern auch bei ganz freisinnigen Forschern Bedenken hervorgerusen. Man braucht nur den jetzt gedruckt vorliegenden ersten Vortrag zu lesen, um bei unbefangener Kritik zu ersehen, daß Delitzsch Wahres und Falsches durcheinander wirft. Das Falsche allein wird nie gefährlich; erst der kleine Zusatz von Wahrheit macht es dazu. Was seine Behauptungen im zweiten Vortrage betrifft, so will ich abwarten, bis dieser im Druck erscheint, um mich mit ihm wissenschaftlich auseinander zu setzen, wie ich es auch hinsichtlich des früheren sing ira st 8tuäio gethan habe. Aber einen Punkt muß ich schon jetzt berühren, weil ich darin eine gewisse Methode finde. Herr Delitzsch machte viele Anstrengungen, um den Werth der Bibel oder richtiger der biblischen Moral und des altisraelitischen Monotheismus herabzusetzen. Er meinte, der Gottesglaube bei den alten Israeliten sei eine Art nationaler Engherzigkeit gewesen; die biblische Moral stehe vielfach hinter der der alten Babylonier zurück. Was den altisraelitischen Gottesglauben betrifft, der angeblich national-engherzig gewesen sei, so muß man leider constatiren, daß dies in der letzten Zeit in gewissen Kreisen zu einer Modekrankheit geworden ist. Immer und immer werden, um das Judenthum herabzusetzen, selbst dessen unleugbare Vorzüge verdunkelt. Zeigt man z. B., daß das Gebot der Nächstenliebe schon im dritten Buch Moses vorkommt, das doch jedenfalls älter als das Christeuthum ist, so wird darauf erwidert: Ja diese Nächstenliebe bezieht sich nur auf die Stammesgenoffen. Wenn man nun darauf hinweist, daß in demselben Capitel des dritten Buch Moses der Fremdling, also der Heide, in das Gebot der Nächstenliebe hineingezogen wird, so sind jene darum noch immer nicht um eine Antwort verlegen: Ja, diese Nächstenliebe ist doch gewiß nicht so allgemein und umfassend gemeint, wie jene, die in den Evangelien gelehrt wird. Gegen eine solche Argumentation ist man ganz machtlos. Dasselbe ist mit der „nationalen Engherzigkeit" des jüdischen Monotheismus der Fall. Die Herren lesen doch die Bibel, sie müssen also wissen, daß der universale Gedanke des Monotheismus, d. h. der Glaube an einen unsichtbaren Gott, dem die ganze Menschheit angehört und der wiederum den ganzen Menschen angehört,Jahrhunderte vor dem Entstehen des Christenthums im jüdischen Schriftthum gelehrt wurde. Aber mit großer Unverdrossenheit werden immer jene anderen Bibelstellen citirt, die angeblich den jüdischen Nationalstolz lehren. Man zeige uns aber auch nur eine Stelle in der Bibel, in der Haß und Verachtung gegen die Heiden aus nationalen Motiven gepredigt wird; stets werden die heidnischen Greuel angeführt und ihretwegen wird den Israeliten verboten, mit den Heiden Gemeinschaft zu haben. Ich kann mir denken, daß manche sich auf einen anderen Standpunkt stellen, indem sie das, was die Bibel verabscheut und als Gott verhaßte Greuel darstellt, für die Betätigung des Lebens, also als menschenwürdige Lebensgenüsse bezeichnen. Aber stehen die Herren Professoren auf diesen Standpunkt? Wenn Paulus, der jetzt so sehr in die Mode gekommene Heidenapostel, das jüdische Ceremoniell für überflüssig und lediglich den Glauben als die Grundlage der menschlichen Beziehungen zu Gott erklärt, sagt er auch nur mit einem Worte, daß ihm die heidnische Lebensweise gerechtfertigt erscheine? Es ist überhaupt ein komisches Ding mit all diesen Anklagen gegen die „nationale Engherzigkeit" der Juden. Sind denn die Christen jetzt.nach neunzehn Jahrhunderten, von jeder nationalen Ueberhebung