Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Lette 46 Dr. Blmtz's Wochsnschrifi. in die Hand gegeben, gegen sie vorzugehcn — und Recht zu behalten. Malkes Schrecken beim Anblicke der heimkehrenden Tochter ist unbeschreiblich. Jedoch als ihr Paula ganz unverhohlen ihr ganzes Elend geklagt und den Kol nidre - Abend geschildert hatte, sagte sie mit verzeihender Mutterliebe: „Also bleibe bei mir. Ich sehe jetzt, Du kannst mit einem solchen Posche Jisroel nicht länger unter einem Dache bleiben, Du, die Tochter nach einem so frommen Morenu. Ich hoffe, wir werden uns durchbringen." Sie richteten es sich ein und hofften, leben zu können. Jäh wurden die Frauen aus der scheinbaren Ruhe, in der sie lebten, aufgeschreckt, als an die junge Frau eine gerichtliche Aufforderung anlangte, in das Haus ihres Gatten zurückzukehren. Malke versuchte es, Paula zu einem Nachgeben zu veranlaffen, jedoch diese erklärte bestimmt, lieber sterben zu wollen, als nur einen Tag lang bei dem Verhaßten zu sein. Nun mußten sich die unerfahrenen Frauen erst an einen Advocaten wenden, doch war die Sache durch die unüberlegte Flucht der jungen Frau so verfahren, daß sie nicht mehr gut zu machen war. Der verlaffene Gatte hatte das Scheidungsgesuch eingebracht — wegen böslichen Verlaffens seiner Frau. Bei der anberaumten Tagfahrt, als diese zu ihrer Rechtsertigung vorbrachte, sie sei deshalb aus dem Hause ihres Gatten geflohen, weil dieser am Versöhnungstage das Theater besucht hatte, statt mit ihr in die Synagoge zu gehen, konnte sich der Richter eines spöttischen Lächelns über diese grenzenlose Naivetät der jungen Frau nicht enthalten. Em ausreichender Grund zum geheimen Verlassen des Ehegatten war dieses aber nicht. So verlor Paula, als die Einzig Schuldtragende, den Proceß, wurde zu allen Kost n verurthertt und mußte auf die ihr sonst zukommende Alimentation verzichten. Malke opferte ein gut Theil ihrer Ersparnisse, um die Sache bald zu schlichten, und Paula verzichtete auf alle Rechte, um den Verhaßten nur bald los zu werden. Wie sie sich nach der Freiheit sehnte? Wie sie arbeiten und ringen wollte, um selbstständig zu werden, nicht mehr von dem abhängig sein zu müffen, den sie so haßte. Die Versöhnungsversuche wurden in den von dem Gesetze vorgeschrieben Zwischenräumen vorgenommen, aber wie vorauszusehen war — erfolglos. Der Rabbiner, welcher sie vornahm, urtheilte weniger wegwerfend über den vorgebrachten Grund Paulas, als der nichtjüdische Richter. Ihm schien es wirklich für ein religiöses Gemüth furchtbar zu sein, den Ehegatten am heiligen Kol rüäre - Abend statt in der Synagoge im Theater zu wissen. So war der Tag der Scheidung angebrochen. In schlichtem schwarzem Gewände, das Gesicht von einem dichten schwarzen Schleier verhüllt, erschien Paula vor dem Tribunal. Im Halbkreise saß das Rabbinatscollegium ihrem Sitze gegenüber. Es bestand aus einem Vorsitzenden, demselben Rabbiner, welcher die Versöhnungsversuche vorgenommen hatte, und zwei Beisitzern. Zwei ehrenfeste, alte Männer fungirten als Zeugen bei diesem traurigen Acte. An einem mit allerhand Schreibutensilien besetzten Tischchen saß der Sofer, ein Blatt Pergament vor sich, auf welchem er nach dem Dictat des Rabbi den Scheidebrief im Namen des Gatten schreiben sollte. Malke hatte sich ungeschickt, ihre Tochter auf dem Marterwege zu begleiten. Doch diese verbat sich dies aufs Entschiedenste. „Davon möchte ich dich doch verschont wissen, mein gutes Mutterl. Laß mich allein gehen, ich werde es schon überkommen." Keines Blickes würdigte sie den Verhaßten, der mit einem höhnischen schadenfrohen Lächeln auf sie schaute. Endlos lange schien der unglücklichen Frau die Proctdur des Scheidungsverfahrens zu sein, und wenn ihr aus dem ihr fast unverständlichen Hebräisch der Name ihres Vaters entgegeutönte, dann zuckte sie immer schmerzlich zusammen. Hier sollte er genannt werden, in einer Sache entweiht werden, der allgeachtete Name chres würdigen, gelehrten Vaters! Endlich wurde ihr bedeutet, aufzustehen und den Scheidebrief in Empfang zu nehmen. Sie erhob sich von ihrem Sitze und richtete sich stolz empor. Wie zum Gebete mußte sie ihre Hände emporhalten, in welcher Hugo, der noch in dieser ernsten Stunde sein freches Lächeln beibehalten, den in Briefform gefalteten Scheidebrief gleiten ließ. Nun war es geschehen. Der Vorsitzende Rabbi nahm ihr dann den Brief aus der Hand und machte mit einer bereit gehaltenen Scheere einen Nr. g Schnitt in das Pergament. Paula war es dabei nicht anders, als gälte dieser Schnitt ihrem eigenen Leben, als wäre dadurch ihr ganzes Glück entzweigeschnitten. Als aber der Rabbi diesen Brief entfaltete, bildete der eine Schnitt in dem zusammengefalteten Briefbogen einen regelrechten Stern. Diese Wahrnehmung erfüllte die ideale Seele Paulas mit rrkuer Hoffnung. Volles Feuer flammten ihre Augen unter dem schwarzen Schleier auf, als sie diesen Stern bemerkte, welcher ihr zu sagen schien: „Dieser Schnitt in das Pergament hat Dein bisheriges trauriges Leben vernichtet, doch als neuer Hoffnungsstern strahle ich in der finsteren Nacht Deines Daseins!" Hoch richtete sie ihre schlanke Gestalt auf, kaum daß sie den anwesenden Rabbiner, Zeugen und dem Sofer ein kurzes Neigen des Hauptes als Gruß widmete, und hinaus schritt sie hocherhobenen Hauptes eine, WeltZ voll Zuversicht im Busen tragend. Draußen hinter der Thüre wurde sie von der dort harrenden Mutter in die Arme genommen und voll unendlicher, mitleidsvoller Liebe über und über geküßt. „Frei! Frei! mein Mütterchen!" entrang es sich fast jubelnd dem Munde Paulas. Drinnen aber sagten die Zurückgebliebenen: „Ein freches Weib das! Keine Thräae hat sie in diesen feierlichen Stunde verloren, gewiß hat sie nur um eines Buhlen willen ihren Ehemann verlassen. „Richtet nicht so strenge, meine theueren Freunde!" sagte der alte Rabbi, der bei dem traurigen Acte der Ehescheidung den Vorsitz geführt hatte. Trotz seines eifrigsten Bestrebens war es Werner nicht möglich, seiner Frau etwas anderes beweisen zu können, als daß sie ihn verlassen hatte — um direct in's Haus ihrer Mutter zurückzukehren. Bedenket doch, meine Freunde, in's Haus von Malke Eisner, dieser frommen würdigen Matrone, der Witwe nach meinen leider so jung dahingegangenen Collegen und Lehrer Mechuel Eisner. Wie läßt sich da denken, daß sie unehrenhafte Absichten bei ihrer Flucht hatte? Das erfahrene, durchdringende Auge dieser Frau hätte gewiß jedes unlautere Gebühren ihres Kindes erkannt und ihr nie und nimmer Vorschub geleistet. — Ganz im Gegentheile. Das ungeziemende, jedes jüdische Herz empörende Benehmen ihres Gatten am Jom Kipur, welches der Mann mit cynischem Gleichmuthe selber eingestand, hat dem Faß den Boden ausgeschlagen, so daß der letzte Rest ihrer Geduld daraus gewichen ist. Tags darauf' hat sie bekanntlich sein Haus verlassen. Der einzige Vorwurf, welcher dieser unglücklichen Frau gemacht werden kann, ist, daß sie sich nicht vorher mit einem Juristen berathen und unbedachter Weise einen Schritt unternommen hat, welcher sie alles Rechtes verlustig machte. Dies aber ist der größte Beweis ihrer Schuldlosigkeit für welche ich überall eintreten werde, wo es für sie nothwendig sein wird, wo eine Anklage gegen sie erhoben wird." O, er hätte viel zu thun gehabt, der alte, gute Rabbi, wenn er allen Angriffen auf die Ehrenhaftigkeit der geschiedenen j ragen Frau entgegentreten sollte. Wo man von ihr sprach, geschah es nur in den Ausdrücken der bittersten Verachtung, des grausamsten Hohnes. Die Beiden, Mutter und Tochter, wußten nichts davon, daß Letztere allgemein als eine Schuldige galt. Sie lebten eingesponnen in ihrer Arbeit und kümmerten sich nicht um die Vorgänge in der Welt. So viel Achtung besaß man doch vor der alten Malke, daß man ihr nicht direct von den Gerüchten erzählte, welche von ihrer Tochter im Umlaufe waren. Als Paula sich von den Aufregungen _ der letzten Zeit etwas erholt hatte, wollte sie fort vom Hause, um sich nach einem Posten umzusehen, eventuell sich durch Lectionen zu erhalten, nachdem alle Gesuche, die sie bis dahin schriftlich eingereicht hatte, abschlägig beschicken wurden, ohne daß ein Grund dafür angegeben wurde. Aber Malke wollte von einer Abreise der Tochter nichts wissen. In ihrem Geiste war die Ahnung aufgedämmert, was ihre Tochter draußen im Gewühle der Welt erwarte, ferne von dem schützenden Arme der treuen Mutter. „Kindleben!" sagte sie, „ich möchte Dich noch genießen die Zeit meines Hierseins. Wer soll mir die Angen züdrücken, wenn mein bitterer Tag kömmt, wenn nicht mein einzig Kind? Thu' mir die Lieb' und bleib' bei mir die kurze Zeit noch." Dieser Bitte konnte Paula doch kein Nein gegenübersetzen und so blieb sie bei der Mutter und half ihr getreulich bei ihren Arbeiten. An Aufträgen fehlte es der alten Frau nicht, und so brachten sie sich sehr gut fort. (Fortsetzung folgt.)