Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 38 Dr. Bloch's Wochvnlchrifk. Nr. 3 geliehen, so konnte der Geschädigte das Pfandstück nicht herausbekommen, außer gegen Zahlung der Darlehenssumme sammt Interessen. Im Jahre «384 wurde den Juden der Ankauf eines Terrains zum Zweck der Anlage eines Friedhofs erlaubt, was wie folgt motivirt wurde: „Trotzdem die Juden der christlichen Gemeinde nicht angehören und deren Lehren nicht anerkennen, sind sie doch Menschen wie wir". Die Paduaner Juden hatten zu jener Zeit schon Schulen und Vorsänger. Kein Jude brauchte Erkennungszeichen auf den Gewändern zu tragen. Diese Herrlichkeit dauerte aber nur so lange, als die Cararra über Padua herrschten. Nach Eroberung der Stadt durch die venezianische Republik schlug die vortheilhafte Lage der Juden alsbald ins Gegentheil um-, sie mußten ihre Häuser und Grundbesitz verkaufen und es wurde ihnen nur von fünf zu fünf Jahren Aufenthaltsrecht bewilligt. Besonders feindete man sie wegen des jetzt zwischen 20 und 25 Percent schwankenden Zinsfußes an. Padua konnte aber ohne jüdische Gelder nicht auskommen; selbst der Bischof Albanio Michieli ließ sich von Mose aus Forli und Andern 500 Ducaten leihen; als Garantie wurden die Almosen der Kirchenbesucher gewährt. Wir wissen den Percentsatz der Zinsen nicht, den der Bischof gezahlt hat; seine Schuld wurde 141 l, zwei Jahre nach ihrer Aufnahme, getilgt. Als einst das Antoniusfest nahe war, lieh die Gemeinde 300 Lire von Juden, um die Stadtuhr in gehörigen Stand zu setzen. Studenten uud Soldaten hatten am häufigsten mit jüdischen Darleihern zu thun. Die Agitation gegen den Zinsfuß gewann jedoch an Boden, so daß man 1455 die Juden aus Padua verwies. Bald kehrten sie aber wieder zurück, mit der Erlaubniß, drei Tage in der Woche Darleihen zu gewähren. Um den Percentsatz herabzudrücken, ward 1491 das erste städtische Leihamt eröffnet, wo man Geld zu 5 Percent auf Pfand beziehen konnte. Diese Leihämter waren ganz den ursprünglichen jüdischen nachgeahmt, sie genügten aber dem Bedarf der Paduaner Bevölkerung bei Weitem nicht. Durch die Gründung des Leihamtes entstanden einige Mißbräuche: die Juden versetzten Pfänder und erhielten dafür Geld zu 5 Percent, es weiter mit höherem Zinsfuß verwerthend. Trotz des neuen Instituts vermehrten sich die jüdischen Leihbanken so, daß der Staat einschritt und sie auf zehn reducirte; später ließ er sie für kurze Zeit ganz schließen. Den hebräischen Firmen ward es verboten, Geld auf Hypotheken zu gewähren und noch strenger ward ihnen untersagt, Kirchengeräthe als Pfandstück anzunehmen; denn es ereignete sich des Oefteren, daß Priester, selbst Mönche diese Geräthe verpfändeten, die schließlich, oft zum allgemeinen Aergerniß, versteigert wurden. Verpflichtet waren die Juden ferner, in ihren Magazinen Katzen gegen Ratten zu halten und zweimal des Jahres die ihnen in Pfand anvertrauten Kleider abzustauben. An christlichen wre auch an jüdischen Feiertagen durften sie keine Geschäfte abwickeln. Bis 1546 waren ihre Verpfändungsscheine in hebräischer, später in italienischer Sprache geschrieben. Alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde hatten seit dem Osterfest 1603 im Ghetto zu wohnen, außerhalb desselben durften sie nur an Markttagen verkehren. Eine Beschreibung des ihnen angewiesenen Zwangswohnsitzes lautet wörtlich: „Die Häuser desselben sind, was die Lage betrifft, beinahe unbewohnbar, ohne Höfe noch Gärten, bar jeder Bequemlichkeit, wie sie andere Häuser der Stadt haben, trotzdeni zahlen wir den Eigenthümcrn hohe Miethe, die sie, wenn sie an Christen vermiethen würden, nicht erreichen könnten." Schon früher hatte die Republik verordnet, daß die Juden ein Erkennungszeichen tragen müßten. Im August 1394 wurden sie zum erstenmal gezwungen, sich ein gelbes 0 an die Kleider anzunähen; später, 1466, mußten beide Geschlechter gelbe Mützen tragen, im 17. Jahrhundert wurden sie gegen rothe vertauscht, zuletzt gegen solche von Wachsleinwand. Nur auf Reisen und am letzten Faschingstage, wo der Zulauf in die Stadt ein größerer war, durften sie dies Zeichen ablegen. Immer dispensirt von der Regel sind in dem Punkte die jüdischen Aerzte geblieben, deren Tracht keine Besonderheiten aufwies. Anno 1571 gab es in Padua 55 jüdische Firmen; 1615 besaß das Ghetto 84 Geschäfte, während Padua überhaupt 866 zählte. Die Gesammteiuwohnerschast betrug 35.463 Seelen, davon waren 665 Israeliten. Interessant ist noch dies: Die unterdrückten Juden durften weder Fleischer noch Holzhändler, weder Bäcker, Schneider und Schuster sein. Dagegen pflegten Viele die Goldschmiedekunst und selbstverständlich auch den Trödel: den Verkauf von Möbeln, Gewändern, Büchern, Stoffen, jeglichen Plunders, der von der Garderobe vornehmer Herren und Damen, Soldaten und Edelleuten stammte und gewinnreich an den Pöbel abgesetzt wurde. Erfolgte ein Diebstahl, so wendete sich die Autorität an den Pedell der jüdischen Gemeinde, der in der Synagoge öffentliche Anzeige machte. Wirthe, die im Ghetto Gasthäuser besaßen, durften nur Glaubensgenossen beherbergen. Doch jedes den Juden eingeräumte Gewerbe erregte die Eifersucht der christlichen Zünftler, denen oft mit zeitweiliger Schließung jüdischer Läden ein Gefallen erwielen wurde. Brokate und Damaste, Essenzen, Fächer und die feinsten Stahlklingen übten auf das kauflustige Publicum Anziehungskraft. Besonders in der Seideaindustrie erwiesen sich die Juden sattelfest, im 17. Jahrhundert beschäftigten sie 6000 Arbeiter in derselben; die Ausfuhr erstreckte sich nach Sicilien, Spanien, der Levante. Erst später, 1779, setzte man es durch, den Ghetto-Insassen diesen Industriezweig streng zu verbieten. Der gehäffige Neid christlicher Zünfte gegen die Juden war stets aufs Aeußerste zugespitzt. Die Signorie verlieh den Zunftpetitionen oft Gehör, nicht selten vertheidigte sie aber die Rechte der israelitischen Gemeinde. Verpflichtet waren die Juden in Padua, die vorübermarschierenden Soldaten mit Lagerstätten und Bettzeug zu versehen; Schöpfeimer und 25 Ducaten jährlich mußten sie für die Feuerwehr liefern. In den Kriegsjahren 1509 bis 1513 arbeiteten sie gemeinsam mit Christen an den Festungswerken der Stadt, die von den Truppen Kaiser Maximilians I. belagert war. Zu öffentlichen Lustbarkeiten wurden sie benutzt und ausgenützt: so beim Wettlauf von Huren und Eseln. Besteuert waren die Bedrückten über alles Maß: 850 Ducaten für das Leih amt, 200, später 300 fürs Aufenthaltsrecht, 480 als Beisteuer zur Miliz; als freiwillige Gabe brachten sie einmal durch längere Frist 400 Ducaten jährlich dem Staate dar. Der Stadt mußten sie anno 1691 nicht weniger als 16 300 Ducaten zu 4 Percent leihen, später 200.000. Schließlich ward das jüdische Volk so bedrängt und ausgcsogen, daß es selbst in Schulden gerieth und in Armuth verkam. Trotz alledem war das Dasein der Juden in Padua erträglicher als sonstwo, denn die Republik regierte nachsichtig. Die schlimmsten Feinde der Gemeinde waren die Mönchsorden, die gegen die Israeliten von der Kanzel herab wetterten und den Pöbel immer mehr ausstachelten. Dagegen nützten keine Papstbullen, keine Dccrete vom Senat und Rath der Zehn. — Gegen Ende des 16. Jahrhunderts blieb auch das Märchen vom Ritualmord nicht aus. Große Freude herrschte in der Stadt, wenn ein Jude oder eine Jüdin sich taufen ließ; feierlich verlief die Ceremonie und Edelfrauen wetteiferten, Pathe zu stehen. Ungeheueres Aufsehen machte es, als der Rabbiner Salon Cattelan, Vater von vier Kindern, im Jahre 1601 zum Christenthum übertrat. Die Taufe wurde im Dom, im Beisein der höchsten Würdenträger und der Aristokratie, vom Bischof vollzogen. Bis gegen Mitte des 17. Jahrhunderts ging der katholische Eifer so weit, daß man jedem Juden, der sich bekehren ließ, 50 Ducaten schenkte! Bald kam auch der Gebrauch auf, Kinder aus dem Ghetto zu stehlen, um sie zu taufen; merkwürdig genug ist es aber, daß die Ueberläufer unermüdlich bestrebt waren, Proselyten zu machen, so daß man ihren Enthusiasmus 1704 einen Dämpfer aufsetzen mußte und ihnen verbot, im Judenviertel zu verkehren. Im 17. Jahrhundert waren viele deutsche, spanische und portugiesische Juden eingewandert. Zu hohem Ansehen gelangte deren Druckerei zu Piove di Sacco, obgleich viele aus derselben hervorgegangene Talmud-Ausgaben den Flammen übergeben wurden .Man verbot aber andererseits auch Schmähschriften, Zeichnungen und Malereien gegen das Volk Israel. Christlichen Dienstboten wurde es streng verboten, Nachts in den Häusern des Ghetto zu verbleiben; 1721 ward das Gesetz verschärft und es durften jüdischerserts, bei Strafe von 100 Ducaten, weder Mägde noch Ammen katholischen Glaubens gehalten werden. Außerdem war es den Juden auch verboten, mit christlichen Frauen intim zu verkehren. Hatte sich ein Jude mit einer öffentlichen Dirne eingelassen, so mußte er Spießruthen laufen und sechs Monate Kerkerstrafe erleiden, auch wurde er aus Padua verbannt. Verheiratete Frauen, die mit Juden gesündigt batten, mußten mit diesen den Scheiterhaufen besteigen. Alles das hinderte nicht das Aufkommen von interconfessionellen Liebesverhältnissen, da Eros sich auch hier nicht um das Gesetz bekümmerte. Recht sonderbar benahmen sich die medicinischen Studenten der Universität den Juden gegenüber. Der Senat hatte den Israeliten gegen Zahlung von 100 Lire jährlich gewährt, daß ihre Leichen nicht im anatomischen Theater secirt wurden. Im 17. Jahrhundert stahlen trotzdem Studenten Leichname aus Särgen und Gräbern, einmal ließen sie mit Gewalt einen Begräbnißzug anhalten, rissen den Todten von der Bahre, und wenn sich die übrige Bevölkerung nicht widersetzt hätte, so wären sie mit ihm davongeeilt.Jm Februar 1680 gingen Studenten mit Pistolen bewaffnet ins Ghetto, um eine Leiche zu reclamiren, so daß die Republik endlich energisch eingreifen mußte, um in Zukunft solche Mißstände zu verhüten. Merkwürdig ist auch folgender Studentenbrauch: am ersten Schneetag schritt eine Abordnung mit dem Pedell an der Spitze ins Ghetto, worauf die Juden ihnen fünf Ducaten, sväter Bonbons darboten; so auch besuchten sie die Klöster, welche ihnen Kapaunen schenkten. Dafür unterließen sie es, Juden und Mönche mit Schneeballen zu bewerfen. Bereits bei der Gründung der medicinischen Schule zu Montepellier und Salerno hatten sich Juden, der Studien beflissen, betheiligt. Desgleichen versäumten sie nicht, in Padua zu promoviren. Vom Jahre 1517 bis 1619 studirten auf der Paduaner Universität 80 jüdische Aerzte und von 1619 bis 1721 nicht weniger als 149. Eigenthümlich war ein Herkommen, demzufolge jüdische Studenten, bevor sie den Doctorhut empfingen, dem Pedell 170 Pfund Bonbons in 35 Säckchen übergeben mußten, von denen jede Nation eins bekam. Oft erneuerte man die Einführung des alten Verbots, das den jüdischen Aerzten die Ausübung ihrer Praxis außerhalb des Ghettos untersagte, allein das Gesetz wurde überschritten. Uebrigens durften vier Juden aus besonderer Gnade auch juristische Studien treiben, aber lediglich behufs Erlangung der Fähigkeit, rechtsverbindliche Schriftstücke aufzusetzen. Endlich fing es in der altersschwachen Republik gewaltig zu gähren an. Noch immer lebten lockere Nobili und leichtsinnige Patricier-