Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 37 Parteijargon zum Ausdruck gelangt. Darin wetteifert Dr. Weißkirchner mit Gregorig und Schneider und aus seinem Munde klingt dieser Jargon umso widerwärtiger, als man deutlich vernimmt, wie sehr er sich anstrengt, um in die Tiefe hinabzusteigen, in welcher sich das Niveau seiner Parteigenossen befindet. Dieser Jargon und die götzenhafte Anbetung Dr. Lueger's, das sind die hervorstechenden Eigenschaften des Dr. Weißkirchner und um dieser willen ist er zum Magistratsdirector ernannt worden. Nur mit tiefem Mißtrauen kann die ehrliche Bevölkerung dieser Ernennung begegnen und mit bangen Zweifeln muß man der Amtsführung des Magistrats unter dieser Leitung entgegensetzen. Und der Staat sieht geduldig zu, wie in seinem Namen parteigemäß amtirt wird! Zum medicinischen Congrrlsr in Kairo. Egypten. Bei der Eröffnung des medicinischen Eongreffes in Kairo, Egypten, wurde die wissenschaftliche Bedeutung des alten und modernen Egypten betont und eines Eongreffes „gelehrter Männer" gedacht, die angeblich ein Ptolemäer vor Jahrtausenden nach Alexandrien einberief« Gestatten Sie mir, hochgeehrter Herr Redacteur, über die alte egyptische Heilkunde, welche von den Priestern daselbst gehandhabt wurde, Folgendes mitzutheilen: Die egyptischen Priester bildeten schon 2000 Jahre vor der griechischen Zeitrechnung den Adel des Volkes. Sie besaßen das Monopol der Bildung, und da ihnen dieses die Herrschaft über alle übrigen Volksclassen sicherte, so suchten sie es auch sorgfältig zu bewahren. Daher der Unterschied zwischen Volksglauben und Priesterweisheit, selbst in Hinsicht auf religiöse Vorstellungen. Daher die Fassung der religiösen Anschauungsweise in Sinnbilder, deren Deutung nur dem Priester bekannt war, dem übrigen Volke aber stets Geheimniß blieb. Daher endlich die Ausschließung des Volkes von dem Gebrauche und Verständnisse der Hieroglyphen als der Schriftsprache der egyptischen Priester. Selbst der König, der zur Kriegerkaste gehörte, stand unter der unmittelbarsten, bindendsten Leitung der Priester. Kurz, Egypten war ein Priesterstaat. Die Priester besorgten sowohl die Regierungsgeschäfte als den Gottesdienst. Sie waren die Philosophen, Geschichtsschreiber, Astronomen, Astrologen, Naturforscher und Aerzte des Landes. Die Aerzte waren in dem gedachten Lande zahlreich; denn für jedes Uebel hatte man daselbst einen besonderen Arzt und keinem derselben war es gestattet, in das Fach eines anderen Specialisten einen Eingriff zu machen. Man fand daher Magenärzte, Kopf-, Ohren-, Nasen-, Rachen-, Zahnärzte u. s. w., wovon jeber Einzelne in seinem ihm zugewiesenen Fache thätig war. Wenn der Sitz des Leidens, wie dies nicht selten der Fall ist, an vielen Stellen war. so mußte dies sehr oft zu verschiedenen unerquicklichen Auseinandersetzungen Anlaß geben. Die egyptische Arzneikunde wurde (wie die moderne Gebetsheilung in Berlin) religiös betrieben und bestand aus heiligen Reccpten, die Thaut (Priester rc.) verfaßten (Hermes). An diese waren die egyptischen Aerzte gebunden; wer aber Muth hatte, davon abzusehen und ein neues Heilverfahren zu versuchen, der mußte es mit seinem eigenen Leben bezahlen, wenn der Versuch ein verfehlter war. Die medicinischen Wissenschaften im alten Egypten sollen sich übeshaupt beinahe nur auf die Kunst, Klystiere zu geben, Fasten zu verordnen und Brechmittel zu verschreiben, beschränkt haben. Die angeführten Mittel wurden von vielen Egyptern täglich angewendet, denn ihrer Meinung nach entstehen alle Krankheiten aus der Ueberladung des Magens und werden also durch den Gebrauch gedachter Mittel in ihrem Keime erstickt (Herodot). Bei außergewöhnlichen Krankheiten blieben die priesterlichen Aerzte rathlos: sie wußten gegen viele Krankheiten kein Mittel, mindestens kein bestimmtes Mittel. Platon war einmal so glücklich, durch eine Badecur im Meere, welche ihm ein Arzt ordinirte, einer bösen Krankheit los zu werden, weshalb er die Geschicklichkeit der egyptischen Priester in der Arzneikunde sehr rühmte. Platon jubelte und empfahl in seiner unendlichen Freude allen Leidenden das Baden im Meere als ein ausgezeichnetes Heilmittel gegen jede Krankheit, weil es ihm gelang, durch ein Bad geheilt zu werden (Plat. Phil.). In einem Lande, wo man die meisten Krankheiten durch Wunder oder Heiligencomödien geheilt hatte, konnte man sie auch mit sympathetischen Euren und Hokuspokus heilen; dies geschah in Egypten wirklich, mindestens in alten Zeiten. Wenn also Homer die egyptischen Priester die berühmtesten Naturforscher nennt, so kann das nur in Rücksicht der damaligen Griechen, welchen die medicinische Wissenschaft fast fremd war, wahr gewesen sein und das Lob blieb auch ohne weitere Bedeutung, denn bei den Griechen in Homer's Zeiten lag die Arzneikunde noch in der Wiege. In alten Zeiten fuhren zwar die Leidenden, besonders die Schwerkranken, nach Egypten; allein dies geschah nicht wegen der Berühmtheit der egyptischen Aerzte, sondern wegen der Fahrt, welche man bei Schwerkranken, die am Blutsturze litten, als ein probates Heilmittel betrachtete (?lin. hist. nat.). Da aber in Folge dessen die Leidenden aus allen Weltgegenden nach Alexandrien kamen, so begaben sich auch fast sämmtliche Aerzte Egyptens und der Nachbarländer dahin, und Alexandrien — diese berühmte Stadt im alten Egypten, auf der Landzunge zwischen dem Meer und dem Strandsee Mareotis, von Alexander den Großen 332 aut« gegründet, unter den Ptolemäern Residenz- und Landeshauptstadt, zugleich Sitz weltberühmter Gelehrsamkeit mit nahezu 1 Million Einwohner — wurde als Sitz der Medicin, als Aufenthaltsort der berühmtesten Aerzte ausgerufen. Es soll kein Säulengang in der herrlichen Stadt Alexandrien gewesen sein, wo nicht Aerzte wohnten und die Römer, welche sich von jedem unbekannten Kurpfuscher behandeln ließen, verlangten von dem behandelnden Arzte nur das Ehrenwort, daß er in Alexandrien studirte (Ammian. Marcell. L. 22). Aus den angeführten Daten ist zu ersehen, daß die ärztliche Kunst mit ihren Anfängen in den Händen der Priester lag, welche den hilfesuchenden Kranken Rath ertheilten. Die Zeiten aber haben sich gewaltig geändert und man kam selbst in Egypten — im Lande des Aberglaubens, des Götzendienstes und der Priesterherrschaft — zur Einsicht, daß die Gesundheit das beste, ja das theuerste Gut ist, welches dem Menschen von Gott gegeben wird; wenn wir uns nun verpflichtet halten müssen, dieselbe zu pflegen und nicht etwa durch unsere eigene Schuld zu verscheuchen oder zu vernachlässigen, so ist es auf der anderen Seite wieder eine heilige Pflicht (Talmud Berachot 60, a), bei dennoch eintretenden Krankheiten uns diejenige Hilfe zu verschaffen, welche uns tüchtige, aus modernen Hochschulen hervorgegangene Aerzte und gewissenhafte Rathgeber — wie wir solche in unseren hochachtbaren und hochgelehrten Aerzten in Oesterreich und in allen civilisirten Staaten finden - zu ertheilen im Stande sind. Wien-Josefstadt, 1. Jänner 1903. D r. Adolf Hahn, Rabbiner. Die Jude« in Padrra. Von L. Brosch (Venedig). Die Quellen der Geschichte der Juden in Italien fließen weniger reichhaltig als in anderen europäischen Ländern. Das Dasein der italienischen Juden verlief ohne häufige Greuelthaten der Christen. Es fehlte nicht an der Einsperrung ins Ghetto und mannigfacher Nnterdrückuna; aber zu Massenmorden kam es nie; zeitweilig herrschte auch einige Toleranz vor, so daß Juden selbst als päpstliche Hausärzte, wie bei Julius II., Verwendung fanden, oder von anderen Päpsten, z. B. dem gewaltigen Sixtus V. protegirt wurden. Was die neuere Forschung aus den Archiven Italiens zum Vorschein bringt, wirst nicht nur Schlaglichter auf die wirre Vergangenheit des Volkes Israel in Italien, es beleuchtet sogar manch dunklen Punkt der allgemeinen italienischen Geschichte. Deshalb dürste es weiteren Kreisen willkommen sein, in das vor einiger Zeit erschienene Buch: „Die Juden in Padua." (1300—1800) von Anton Ciscato,*) das fast ausschließlich auf bisher unbenutztem Material beruht, flüchtigen Eindruck zu gewinnen. Ciscato hat die Geschichte der Paduaner Juden, die beinahe ganz unbekannt war, endlich ans Tageslicht gezogen. Nach fleißigen Forschungen in den Archiven der Stadt, des Museums, der Notariatskammer und Universität, wie auch den Manuscripten der jüdischen Gemeinde Paduas ist es ihm gelungen, den Stoff zu einem faßbarenBilde herauszuarbeiten. Die Stadt, die unter der Herrschaft der Carrareser den Juden günstig war, gedieh, wurde jedoch im 14. Jahrhundert von großem Unglück heimgesucht. Die Scagliger verwüsteten die Umgebung: Hungersnoth und die im Jahre 1348 wüthende Pest legten Handel, I ldustrie und Landwirthschast brach. Erst die zweite Halste des Jahrhunderts brachte wieder einigen Aufschwung ins städtische Leben. Schon 1369 wurde eine offene jüdische Gesellschaft gegründet; sie machte Gelddarleihen, betrieb den Kauf und Verkauf abgetragener Kleider, Waffen, Möbel, kostbarer Metalle u. dgl. Die Vereinigungen dieser Art verbanden sich in der Regel für etwa drei Jahre und der Geschäftskreis der Paduanischen umfaßte nicht nur die Stadt, sondern auch die Provinz. Im Anfang müffen jene Kaufherren mit geringen Geldmitteln versehen gewesen sein, denn viele Paduaner suchten Credit bei den in Venedig lebenden Juden. Als jedoch reiche Glaubensgenossen aus Ancona einwanderten, mit obrigkeitlicher Bewilligung Häuser wie Ländereien erwarben, wuchs auch das Capital in Padua. Die Juden trieben Weinhandel und vermietheten den Christen Ackervieh. Der jüdischen Gemeinde war es erlaubt, Geld auf Pfand zu leihen, gegen Zinsen bis 30 Percent. Wenn wir bedenken, daß in Frankreich im Jahre 1360 nicht weniger als 86% Percent und in Oesterreich im Jahre 1244 sogar 174 Percent gezahlt wurden, und ferner das hohe Risiko in Betracht ziehen, so erscheint die Zinsforderung der Paduaner Kaufleute als eine mäßige. Verpflichtet wurden die Juden, das Pfandstück ein Jahr zu behalten; nach dreimaliger öffentlicher Anzeige gehörte es schließlich definitiv dem Darleiher. Wurde aber Geld auf gestohlene Waaren *) A. Ciscato: „Gli Ebrei in Padova." Padova.