Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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m. ö Sette Bl Br. Bloch's Wochenschrift. „Nein ich bin vom Lande aus der Taborer Gegend. Ich wollte noch auf JomKipur nach Hause, aber es wurde mir zu spät, so mußte ich hier in Prag bleiben und da hat mich ein glücklicher Zufall her in die schöne Meiselschule geführt, wo sich eine so freundliche Dame meiner angenommen hat. Ich hätte nicht lange stehen können, ich bin zu schwach dazu." „Sie sind nicht von Ihrer Familie erwartet worden, die sich um Ihr Ausbleiben ängstigen wird?" „Ich habe keine Familie", sagte die Fremde, während große Thränen über ihre schmalen bleichen Wangen liefen, „ich lebe ganz allein in meinem kleinen Slübchen; Niemand erwartet, Niemand vermißt mich." „Sie Arme, Sie sind Witwe," sagte im Tone innigsten Mitgefühles Paula. Die Fremde blieb die Antwort auf diese theilnahmsoolle Frage schuldig, während sie tief erröthete. „Verzeihen Sie mir", fuhr Paula fort, „wenn ich einen wunden Punkt in Ihrem Leben berührte. Ich habe es gut gemeint." „O, das weiß ich, gnädige Frau, das zeigt sich aus Ihrem Benehmen gegen mich, unglückliches Weib. Aber was nützt das Leugnen? Mein Unglück liegt so offenkundig am Tage, daß es nicht verborgen bleiben kann. Ich bin nicht Witwe, mein Mann lebt noch, aber ich bin von ihm geschieden." Paula horchte bei diesen Worten athemlos auf. „Geschieden?" fragte sie, „ist dies denn bei uns Juden auch möglich? Ich habe von einem solchen Falle niemals gehört." „Ein solcher Fall gehört hier zu Lande zu den größten Seltenheiten, wo er aber eintrifft, hat die betreffende Frau viel zu leiden. Jedoch Alles trage ich gerne, wenn ich nur den Schrecklichen los bin, der mein ganzes Lebensglück vernichtet hat. Doch Sie können mich nicht verstehen, gnädige Frau, und Gott behüte Sie davor, mich verstehen zu können". Wie gerne hätte Paula zu dieser armen Frau gesagt: „O, doch! Ich verstehe Dich voll und ganz, ich bin ja ganz in der Lage, in der Du warst, als Du nach Erlösung schmachtetest, wie ein Verdurstender nach Wasser." Doch sie konnte es ihrem Stolze nicht abringen, dies auszusprechen, und doch hätte sie so gerne Näheres von ihr erfahren. In ihrer Seele war durch die Mittheilung der fremden Schnorrerin ein Sturm entfacht worden, welcher in dem Einen Verlangen austönte: Freiheit, Freiheit um jeden Preis. Sollte ich auch mein Brod wie dieses Weib vor fremden Thüren erbetteln müssen, nur frei sein von ihm! Sie frug weiter, und die Frau erzählte ihr die ganze Leidensgeschichte ihres unglücklichen Lebens. Der Wille ihrer Eltern hatte sie an einen, den schändlichsten Lastern fröhnenden Mann gebunden. Als dieser Alles, aber auch Alles, was sie besaßen, dem unseligen Kartenspiele geopfert hatte, ließ er sich bequem von ihrer Hände Arbeit ernähren. Als sie, von schwerer Arbeit ganz erschöpft, nicht alles Nothwendige mehr aufbringen konnte, versuchte er es, sie durch Mißhandlungen zu größerer Thätigkeitsentfaltung anzuspornen, bis sie einstmals unter seinen Schlägen kraftlos ^usammenbrach. Der Kranken hatte es an jeder Pflege gefehlt, und da schickte man sie nach Prag ins jüdische Krankenhaus. Unter den Herren, welche das Spital hie und da inspicirten, befand sich auch ein angesehener junger Advocat, welcher Menschenliebe im weitesten Sinne des Wortes zu seiner Devise erhoben hatte, welcher das Unglück aufsuchte, und wo er es fand, zu lindern strebte. Bon dem Spitalsarzte auf das schwerleidende junge Weib aufmerksam gemacht, suchte er bei seinen Besuchen ihr Vertrauen zu gewinnen, und da erfuhr er die ganze Leidensgeschichte dieser Unglücklichen. Als er von ihr schied, ließ er ihr seine Karte zurück mit dem Bedeuten, ihn in seiner Kanzlei zu besuchen, wenn sie aus dem Krankenhause entlassen werde. Es dauerte wohl viele Wochen, ehe sie so weit hergestellt war, aber endlich stand sie doch eines Tages in dem Wartezimmer des Advocaten, dessen Karte in den zitternden Händen haltend. Alle andern wartenden Clienten umgehend, ließ sie der menschenfreundliche Doctor zu sich rufen und setzte ihr auseinander, daß sie mit einem so rohen Menschen, der ihr solche ernste Verwundungen beigebracht hatte, nicht länger leben könne, daß sie sich von ihm scheiden lassen müsse. Sie war über diesen Vorschlag ganz glücklich, besonders da der Advocat ihr versprach, ihre Sache zu führen, so daß ihr keine Spesen daraus entstehen werden. Vorläufig bis ihre Angelegenheit entschieden sein wird, werde er ihr eine Beschäftigung verschaffen, damit sie getrennt von ihrem jetzigen Gatten leben könne. So bekam sie auf seine Verwendung Beschäftigung als Aufwärterin im jüdischen Rathhause. Der Scheidungsproceß wurde zu ihren Gunsten entschieden. Sie wurde von der drückenden Fessel befreit. In Prag aber war ihres Bleibens nicht länger, denn auch e r hatte hier Beschäftigung gesunden, und bedrohte sie. Die Unglückliche kehrte in ihr Heimatsdorf bei Tabor zurück, wo sie sich durch häusliche Arbeit bei den Bäuerinnen nothdürftig erhielt. Heuer aber sei ihre Heimat durch Hagelschlag und Mißernte sehr hart betroffen worden, so daß sie "nicht hoffen könne, sich über den Winter ohne fremde Hilfe erhalten zu können. Da habe sie sich, wenn auch mit blutendem Herzen, entschlossen, während der Zeit, wo alle jüdischen Herzen zur Milde geneigt sind, die Mildherzigkeit ihrer vom Glücke begünstigten Glaubensgenoffen in Prag um Beihilfe anzuflehen, habe sich aber verhalten, so daß sie über Jom K pur hier bleiben mußte. Die ergreifende Erzählung der schlichten Frau hatte aui Paula einen tiefen Eindruck gemacht. Auf sie wirkte das Wort: Scheidung wie ein Ruf nach Erlösung aus unerträglichem Joche. Doch um wie vieles glücklicher schien sie zu sein, als diese einsame Frau. Sie stand nicht ganz verlassen in der Welt wie diese, sie hatte noch eine Stätte, wohin sie flüchten konnte, wenn der Sturm des Unheils über ihr Haupt fahren würde — das Mutterhaus, das Mutterherz. Hier hoffte sie Trost und Ersatz zu finden für all das Traurige, das ihr das Leben gebracht hatte. So war es Abend geworden. Als die Letzten in der Fcauenabtheilung waren Paula und die Fremde geblieben. Erst als der Schall des Schofar den Ausgang des Festes verkündete, erhoben sich Beide. „Kommen Sie mit mir nach Hause, sich bei mir mit Speise und Trank zu stärken nach dem Fasten", lud Paula die Fremde ein. „£>, diese Güte, gnädige Frau", stammelte diese. Fast unwillig wehrte ihr Paula ab. „Lassen Sie das, sagte sie. Auch für mich ist es eine Wohlthat, gemeinsam mit Jemandem, der gleich mir unglücklich ist, zu speisen." Sie langten alsbald in Paulas naher Wohnung an. Diese war hellerleuchtet, gut durchwärmt und der Tisch gedeckt. Der Herr hat schon gespeist und ist in eine Vereinssitzunz gegangen. Paula war dies sehr lieb. „Gut", antwortete sie dem Dienstmädchen. „Tragen Sie auf!" Sie setzte sich mit der Fremden zu Tlsche, welche ihr indeß gründlich die Scheidungsprocedur auseinandersetzen mußte. Paula schrack vor nichts zurück. Frei werden um jeden P?eis! so tönte es in ihrem Innern. (Fortsetzung folgt.) Kriefkasten. E. Stein in L. Wir haben Ihre Karte dem Verlag, übermittelt. Wir bedauern, nähere Mittheilungen nicht machen zu können, wenn uns selbe vom Verlag nicht zugesendet werden K. Die Humberts und die Daurignacs, Heroen des Schwindlerthums, haben endlich die Partei gefunden, zu der sie gehören: Nachdem sie ertappt und ins Gefängniß gesteckt worden, haben sie die Flagge des Antisemitismus aufgezogen. Sie, die ungezählte Millionen zusammengegaunert und verschleudert, die alle Welt betrogen haben, klagen über „Ausbeutung" und beschuldigen die „jüdische Presse" der Ausbeutung. — Es ist herzerquickend, das zu sehen. Hier zeigt sich in Paradigmatischer Form Kern. Wesen und Blüthe des Antisemitismus. Er tritt nicht immer so großartig, aber immer mit den gleichen Grundzügen auf. Auch der Kurzsichtigste kann nicht umhin, zu erkennen, daß ein fast contradictorischer Gegensatz zwischen Unredlichkeit und Juden-'- thum bestehen muß. da die schlimmste und gewissenloseste Unredlichkeit mit Vorliebe die Form des Antisemitismus annimmt. S. Gegen den hessischen Amtsrichter Dr. Mahr, der vor Kurzem wegen Beleidigung eines jüdischen Kaufmannes zu einer Geldstrafe vernrtheilt wurde, ist auf Grund des hessischen Richtergesetzes das Disciplinarverfahren eingeleitet worden. „Alter Abonnent". Nichts gezogen. Neue Bücher. Dr. B. Plaezek, Landesrabbiner. Nachruf, gehalten an der Bahre Hieronymus Lorm's am 5. December 1902. Verlag von B. Epstein L Comp. in Brünn. Dr. R. Faerber. König Salomon in der Tradition. Ein historisch-kritischer Beitrag zur Geschichte derHaggada, der Tannaiten und Amoräer. Theil I. Als Inauguraldissertation eingereicht bei der hohen philosophischen Facultät der Kaiser Wilhelm-Universität zu Straßburg. Verlag von Josef Schlesinger in Wien 1902.