Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 30 Dr. Bloch's Wo^renschrist« Sin 2 Prag. Wie »Narodni Listy" melden, schweben derzeit die Verhandlungen über die gerichtlich festzusetzende Entschädigungssumme für jenen Theil des alten jüdischen Friedhofes in Prag, welcher durch den bekannten Expropriirungsproceß von demselben abgetrennt werden soll. Das Verfahren dürfte etwa drei bis fünf Monate dauern, worauf das betreffende Grundstück ins Eigenthum der Gemeinde übergeben werden wird. Purgstall. Am Donnerstag den 1. Jänner d. I. verschied hier nach kurzem Schmerzenslager Herr Max Hoffmann, einer der bestgeachtetsten Angehörigen unserer Cultusgemeinde, sowie der hiesigen Bürgerschaft. Der Verblichene, der das 69. Lebensalter erreichte, entstammte der altehrwürdigen Gemeinde Lackenbach in Ungarn. Der Heimgegangene Vater des Herrn S. Hoffmann, der als Ausschußmitglied unserer Cultusgemeinde und Schriftführer der Chewra-Kadischa seine Kräfte nach bestem Können dem Judenthume widmete, genoß allgemeine Verehrung. Nachod. Bei der am 25. December 1902 stattgefundenen Neuwahl des Cultusgemeindevorstandks wurden die Herren Jakob Pick, Max Goldschmid, Moriz Sommernitz, Leopold StrLnsky, Jonas Lewith, Hermann Pick, Ludwig Pick, Siegfried Pichl, Otto Pick und Jakob Munk als Mitglieder des Vorstandes, die Herren Josef Lederer, Jakob Sommernitz, Moriz Roubitfchck, Max Pollak, Leopold Hitschmann, Leopold Kafka, Max P ck, Moriz Stern, S. Holzner und Em. Kohorn als Vertrauensmänner in den erweiterten Vorstand gewählt. Als Ersatzmänner gingen bei der Wahl hervor: Herr L. Fanla, I. Wilhelm, Gustav Pick, Moriz Schulhof und Ernst Lewith. In die Umlagscommiffion wurden die Herren Josef Lederer, Jakob Sommernitz, Jakob Bondy und Adam Grundmann, als Cassarevisocen die Herren Edmund Fischer und Leo Weißenstein gewählt. In der am 1. Jänner 1903 stattgefundenen constituirenden Sitzung wurde Herr Jakob Pick abermals als Vorsteher, Herr Max Goldschmid . als Vorsteher-Stellvertreter, Herr Hermann Pick als Caffier, Herr S. Pichl als Rechnungsführer, die Herren Moriz Sommernitz und Jonas Lewith als Tempelvorstehrr gewählt. Infolge Anregung des Vorstandsmitgliedes Herrn Leopold StrLnsky wurde eine Sammlung zu Gunsten der armen israelitischen Schulkinder veranstaltet und am Chanukafeste sämmtliche armen Schulkinder mit warmen Kleidern bedacht, ebenso wurde jedem Schulkinde nach Absingung des Chanukaliedes eine Bonbonniere überreicht. Lemberg. (Gedenkfeier für David Räppoport.) Die Verwaltung des Moses Pins'schen Bethauses, wo der Verewigte 40 Jahre hindurch gebetet und die Mitglieder durch seine homiletischen Vorträge erfreut hat, veranstaltete am 14. d. M. einen solennen Trauergottesdienst für den Dahingeschiedenen. Profeffor Dr. Benjamin Grüll hielt eine die Zuhörer tief ergreifende Rede, in welcher er das reiche talmudische Wissen, gepaart mit bedeutender und gründlicher Kenntniß des Profanen, sein literarisch-poetisches Talent, wie auch das humanitäre Wirken des Verblichenen in beredten Worten hervorhob. Den choralischen Theil des Gottesdienstes absolvirte in weihevoller Weise unser berühmter Obercantor Herr Jsak Holpern. Dem tiefbetrübten verwaistes Bethause bleibt der erlittene Verlust unersetzlich. Saaz. Die Constituirung des Vorstandes der Cultusgemeinde ergab nachstehendes Resultat: Zum Vorsteher wurde Advocat Stadtrath Dr. Anspach, welcher diese Ehrenstelle bereits seit neun Jahren ununterbrochen bekleidet, einstimmig zum Viertenmale wiedergewählt, ebenso wurde kaiserl. Rath Sigm. Lederer zum Viertenmale zum Borsteherstellvertreter wiedergewählt; zum Tempelvorsteher wurde Fabrikant Leop. Bechert, zu deffen Stellvertreter Kaufmann Sig. Löwy, zum Cassier Hopfeuhändler C. Schwager, zum Rechnungsführer Spediteur Sig. Weiner, zu weiteren Mitgliedern des Vorstandes: Doclor Grünfeld, Ed. Kohn, Siegfr. Kohn, Ed. Löbl, Heinr. Melzer, M. Rindskopf, Jul. Sommer und A. Weil gewählt. Odeffa. Kaiserlich russischer Commerzienrath O. C h a y e s, Bankier in Odeffa, ist für seine Verdienste auf dem Gebiete der Völksaufklärung von Sr. Majestät dem russischen Kaiser mit dem Comthurkreuz des Stanislaus-Ordens ausgezeichnet worden. Herr Chayes, der bereits mehrere ruffische Orden besitzt, ist seit einige und zwanzig Jahren Gemeinderath der Stadt Odessa, Handelskammerrath, Börsenvorstand, ferner Präses des Vorstandes des israelitischen Waisenhauses und Curator der israelitischen Kronsschule. Feuilleton. Drei U. Novelle von Babettc Fried, Prag. (Fortsetzung.) V. Beten konnte sie nicht, Profanes lesen wollte sie an diesem heiligen Abende nicht. Was also thun? Zu Bette gehen, war das einfachste. Um dies zu können, mußte sie die über dem Bette aufgebreiteten Kleidungsstücke wieder in die Schränke einräumen. Als sie dies that, machte sie eine Bemerkung, die ihr alles Blut zum Herzen trieb, so daß sie mit einer Ohnmacht kämpfte. In dem Schranke befand sich eine kleine Lücke. Der Platz, wo sonst das Etui mit dem Opernglase zu liegen pflegte, war leer. Hugo hatte dieses Mittags zu sich genommen, wie er zu thun pflegte, wenn ec Abends aus dem Geschäfte direct ins Theater ging. Also nicht bei strenger, unaufschiebbarer Berufsarbeit war er geblieben, nicht in übertriebenem Pflichteifer hatte er die bedeutungsvolle Stunde des Anfangs des Versöhnungstages versäumt, nein, im Theater war er. *£>, das gottvergessene, elende Judenkind!" rief Paula ein über das anderemal aus. Mit einem solch' Verworfenen soll icd ferner leben, soll an ihn gefesselt sein mit unlöslichen Banden? Sie hielt inne. Unlöslichen? O Gott, lass' mich von ihm loskommen, auf irgend eine Art, wenn nicht anders, so durch den Tod!; Wie ein Kind hatte sie sich in den Schlaf geweint, so daß sie nicht hörte, wann Hugo heimgekehrt war. Als sie aus ihrem schweren, von fürchterlichen Träumen verfolgten Schlafe erwachte, kümmerte sie sich nicht um ihren Mann. Ihre Glieder waren von der abendlichen Aufregung wie zerschlagen, trotzdem stand sie zeitlich auf, kleidete sich an und begab sich in dre nahe Meifelschul, wo sie ihren Sitz hatte. Doch noch immer konnte sie nicht beten. Ein Druck lastete auf ihrem Gehirne, die Gedanken jagten in unheimlicher Eile in ihrem gemarterten Kopse umher. Alle die Frauen, die da saßen, waren in Begleitung ihres Gatten hieher gekommen, beteten inbrünstig für sein und ihrer Kinder Wohl. Nur sie allein war eine Ausgestoßene, war verurtheilt, an der Seite eines ehr- und gewissenlosen Gatten ein schmähliches Leben zu fristen. Als ihr Auge so umherschweifte, fiel es auf eine neben der Thüre stehende, in'ärmliche aber sehr reinliche Gewänder gekleidete Frauensperson, welche, ein altes zerblättertes Machsor in den abgemagerten Händen haltend, sehr andächtig zu beten schien. Tiefes Mitgefühl mit dieser armen Person überkam sie. Gestern Abend ist beim Beginne des Gottesdienstes die Aufforderung ergangen; die Missethäter an dem Gottesdienste theilnehmen zu lassen — und hier war die schuldlose Armuth ausgeschlossen, indem man es versäumte, ihr einen Sitz anzubieten. Paula erhob sich von ihrem Platze und ging auf die Fremde zu. Ihre Stimmung war eine so erregte, daß sie es nicht ertragen konnte, daß eine Glaubensschwester dort an der Thüre stehen bleibe. Bei der armen Frau angelangt, bot sie ihr an, den Sitz mit ihr zu theilen. »Ich möchte nicht gerne lästig fallen", sagte diese bescheiden. »Das werden Sie in keinem Falle, wir werden uns schon behelfen; im ärgsten Falle müssen die Nachbarinnen auch etwas zusammenrücken; wir sind ja Beide nicht stark und werden schon Platz finden. Stehen lasse ich Sie auf keinem Fall; mich stört es im Gebete, wenn ich selbst bequem sitzen und jemand Anderer das Machsor in den Händen, ^stehen soll. Sie würden es doch nicht lange so aushalten können. Mit herzlichen Dankesworten setzte sich die Fremde in die Bank neben die des Murrens ihrer Nachbarinnen nicht achtende Paula. Während des Schacharisgebetes nahmen die beiden Frauen keine Notiz von einander. Sie waren in ihr Gebet vertieft. Das Ausüben einer Wohlthat hatte den schweren Druck von Paulas Seele genommen, der darauf gelastet hatte. Sie vermochte zu beten. Wohl concentrirte sich ihr Gebet in dem Einen glühenden, alles Andere verdrängenden Wunsche, fortzukommen von ihm, den sie jetzt haßte, wie man nur den Inbegriff alles Bösen und Schlechten, wie man die Sünde selbst hassen konnte. Während der Vorlesung aus dem Pentateuch, dem Leinen, wandte sich Paula an die Fremde mit der theilnahmsvollen Frage, wie sie faste. Die Fremde war ob dieser Theilnahme ganz verwirrt, und stammelte als Antwort einige unzusammenhängende Worte. »Sie sind keine Hiesige?" srug Paula weiter.