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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-01-09 · 2 (9.1.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
2 (9.1.1903)
Date
1903-01-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 22 Dr. Vloch's Wochsnschrrfk. Sir. 2 traurige Gesicht vor mir, hörte ich dieses Schluchzen. Während der Dreyfus-Frage in vielen wachen Nächten, an manchem bangen Tage. Ich deutete es mit einigen Worten an, die ich auf ein Bild schrieb, das ich ihm kürzlich schickte. Hanfstängel in München hatte es mit der Mütze aufgenommen. Er Photographirte auch ein Porträt, das Franz Lenbach mit der Mütze gemalt hatte. Herr Ledemer hat mir wiederholt geschrieben. Ein Brief, den er mir zum letzten Geburtstag schickte, brachte mich auf den Gedanken, ich solle vielleicht Anderen erzählen, was ich am Neujahrsmorgen 1882 in Palmer House in Chicago lernte. B j ö n st j e r n e B j ö r n s o n. Phantasten eines Realisten. Vergleiche „Oesterr. Wochenschrift" Nr. 41 vom 10. October 1902. II. In dem jüngst gegen die „Staatsbürger-Zeitung" durchgeführten Preßproceffe wurde eine früher schon im österreichischen Parlamente von antisemitischer Seite colportirte Aeußerung wiederholt, die Graf Julius Andrassy bald nach dem Tisza-Eßlarer Proceffe gegenüber dem Prinzen Alois Liechten st ein gemacht haben soll. Diese Aeußerung lautete angeblich: Wir durften die augeklagten Juden nicht verurtheilen, weil sonst am anderen Tage hunderttausend Juden erschlagen worden wären."" Graf Julius Andrassy hatte sich bereits vier Jahre vor dem Tisza-Eßlarer Proceffe gänzlich ins Privatleben zurückgezogen. Es mußte daher schon die Pluralform, in der man ihn hier, gleichsam im Namen der ungarischen Regierung sprechen ließ, Zweifel in die Richtigkeit der wiedergegebenen Aeußerung erwecken. Verstärkt wurden diese Zweifel noch durch den befremdlichen Umstand, daß Prinz Liechtenstein volle siebzehn Jahre verstreicht n ließ und erst den Tod des Grafen Andrassy abwartete, ehe er die angebliche Bemerkung des ungarischen Staatsmannes durch den Mund seines Parteifreundes, des bekannten Ritualmord- Specialistcn Ernst Schneider, an die Oeffentlichkeit bringen ließ. Der Todte kann nun freilich keine Zeugenschaft mehr oblegen. Es ließ sich aber doch auf andere Weise ein Beweis dafür erbringen, daß die Behauptung, der Freispruch der angeklagten Juden sei nicht infolge des Mangels jeglicher Schuldbeweise, sondern infolge eines illegalen Einflusses der damaligen ungarischen Regierung auf das Gerichtsverfahren geschehen, absolut unbegründet ist. Der Schriftsteller Siegfried Fleischer in Wien hat sich mit Männern in Verbindung gesetzt, die entweder die Intentionen und die Haltung des 1883 im Amte gewesenen Ministeriums Koloman Tis za aus eigener Wahrnehmung genau kennen oder im Tisza-Eßlarer Gerichtsdrama an hervorragender Stelle mitwirkten. Folgendes ist das Ergebniß seiner Anfragen. Der ehemalige Minister am kaiserlichen Hoflager, Graf Julius Andrassy jun. erklärt, daß ihm von einem solchen Gespräche seines verstorbenen Vaters mit dem Prinzen Alois Liechtenstein nichts bekannt sei. Der Sohn des damaligen Ministerpräsidenten Koloman Tis za, Reichstagsabgeordnetcr Graf Stephan T i s z a, gibt folgende Erklärung ab: G e ß t, 14. October 1902. Sehr geehrter Herr! Ständig auf dem Lande weilend, bin ich nicht in der Lage, mit Herrn Fleischer persönlich zusammenzukommen. Bezüglich der von ihm aufgeworfenen Frage kann ich jedoch bereitwilligst mittheilen, daß ich während der ganzen Dauer. des Tisza-Eßlarer Proccsses oder doch während des größten Theiles desselben, mit meinem verewigten Vater in Geßt beisammen gewesen bin, mich an zahlreiche Acußerungen von ihm und an sein ganzes Verhalten genau erinnere und es auf Grund dessen für ausgeschloffen halte, daß die damalige Negierung auf den Gang und auf das Resultat des Proccffes irgendwelchen Einfluß hätte ausüben wollen. Meines Wissens haben sich die Verfügungen der Regierung damals darauf beschränkt, daß gegenüber gewissen Terrorisiruugsversuchen die Sicherheit und Unabhängigkeit der Judicatur gewahrt werde. So viel kann ich als Information in dieser Sache geben und stelle es mit Bereitwilligkeit zu Ihrer Verfügung. Mit aufrichtiger Achtung bin ich Ihr bereitwilliger Diener Graf Stephan T i s z a m. p. Der ungarische Reichstagsabgeordnete Karl von Eötvös, der berühmte Bertheidiger im Tisza-Eßlarer Proceffe, richtet an Herrn Fleischer folgende Zeilen: Sehr geehrter Herr! Auf Ihre Anfrage bezüglich der Aeußerung des Prinzen Alois Liechtenstein kann ich mir so viel sagen, daß ich nicht, glaube, daß Graf Julius Andrassy, dieser Mann mit der großen und starken Urteilsfähigkeit, der ebenbürtige Freund Franz Teaks, auch nur einen einzigen Augenblick diegegen die Tisza-Eßlarer Juden erhobene Blutbeschuldigung ernst genommen hätte. Offenbar hat ihn Prinz Liechtenstein niißverstanden, wenn er sich einer Aeußerung im entgegengesetzten Sinne zu erinnern glaubt. Graf Andrassy hat die vor zwanzig Jahren anläßlich des Tisza- Eßlarer Processes in Erscheinung getretenen socialen Verhältnisse sehr genau gekannt; er wußte ganz gut, daß Niemand die ungarischen Gerichte im Sinne einer Freisprechung der Angeklagten beeinflußt habe. Eher könnte auf Grund gewisser Symptome das Gegenteil behauptet werden. Graf Andrassy wußte unzweifelhaft auch, daß das Gericht, wenn auch nur die geringste juristische Möglichkeit vorhanden gewesen wäre, ein verurtheilendes Erkenntniß geschöpft hätte. Das war damals die allgemeine Auffassung. Daß trotzdem alle drei Instanzen die Angeklagten freigesprochen haben: diese Thatsache spricht nicht nur für das Rechtsgcfühl der Richter, sondern auch für den vollständigen Mangel an Belastuugsbeweiseii. _ Ein so ernster und großer Ltaatsmaun wie Graf Andrassy konnte eine diesem Sachverhalte widersprechende Ansicht nicht äußern. In jener Zeit haben sehr Viele die Meinung ausgesprochen, daß, wenn die Inden nicht freigesprochen werden, zu befürchten sei, daß andern Tags Tausende erschlagen würden. — Ein solche Aeußerung konnte möglicherweise auch Graf Andrassy getban haben. Das ist aber etwas ganz Anderes! Mit herzlichem Gruße Ihr getreuer B u d a p e st, 12. October 1902. Karl von E ö t v ö s. Der einstige Oberstaatsanwalts-Substitut und gegenwärtige Richter an der königlichen Curie, Eduard Szeyffert, erklär Folgende-: „Ich wurde zum Tisza-Eßlarer Proceffe als Staatsanwalt mit dem bestimmten Aufträge entsendet, Alles, was in meinen Kräften steht, aufzubieten, damit die reine und volle Wahrheit an den Tag komme. Ich habe nie einen anderen Auftrag erhalten. Mit aller Bestimmtheit erkläre ich, daß niemals, weder officiell noch privatim, weder von Seite der Regierung noch einzelner Organe der Justizverwaltung auch nur der Versuch unternommen wurde, die richterliche Ueberzeugung während der Dauer des Gerichtsverfahrens, geschweige denn vor Schöpfung des Endurtheiles, in einem vorgefaßten Sinne zu beeinflussen." Diese Zeugnisse werden für objectiv urteilende Leser wohl ausreicheu. 6. CorrespondenM. Aus der öffentlichen Sitzung des Wiener Cultusvorstandes vom 6. Jänner 1903 unter dem Vorsitze des Präsidenten kaiferl. Rath Klinger. Beginn: 10'/- Uhr Vormittags. Dienstag am 6. Jänner fand die erste (constituirendc) Sitzung des Wiener israelitischen Cultusvorstandes im neu begonnenen Verwaltuugsjahr statt. An derselben nahmen zum erstenmal die neugewählten Vorstandsmitglieder, die Herren Professor Dr. E h r m a n n, M. B. E i ß l e r, Sigmund Ka u ders und Heinrich Teltscher theil. Präsident Klinger eröffnet die Sitzung mit folgender Ansprache: Bereits gelegentlich der Agnoscirung der Wahlen haben wir der Befriedigung über die Wiederwahl jener Herren Ausdruck gegeben, welche die Reihe des Austrittes getroffen hatte. Heute sind wir in der angenehmen Lage, die vier neugewählten Vorstandsmitglieder zu begrüßen; es sind dies — der alphabetischen Reihenfolge nach genannt — die Herren Prof. Dr. S. Ehrmann, Moriz B. Eißler, Sigmund Kauders und Heinrich Teltscher. Ich darf wohl die Ueberzeugung aussprechen, daß sich die genannten Herren in werkthätiger Weise an den Arbeiten des Cultusvorstandes beteiligen werden, und gebe ihnen die Versicherung, daß sie im Vorstande der besten Collegialität begegnen werden. Gestatten Sie, meine Herren, daß ich. nachdem wir uns in der ersten Sitzung im neuen Jahre befinden, für wenige Minuten Ihre Zeit in Anspruch nehme; nicht so sehr, um ein Arbeitsprogramm zu entwerfen, als vielmehr in großen Zügen

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