Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 21 „Nix zu erkennen." Unter diesem Titel bringt ein kleines antisemitisches Wochenblättchen einen Artikel über die Actien- Gesellschaft Mercur. Es erzählte von diesem Unternehmen, es habe die christlichen Angestellten der Firma Dutschka, die sich mit dem Mercur fusionirt, nicht übernommen, dagegen zwei neue Procuristen angeschafft, die auf die wohlklingenden Namen Rosenbaum und Schaden hören. Daß der Mercur eine vollständig jüdische Unternehmung ist, davon werde man freilich auch fernerhin nicht hören, er gibt sich „nix zu erkennen". Der Verfasser dieses geistvollen Artikels, der auf Seite 4 der „Wiener Neuesten Nachrichten" erschienen ist, hätte gut daran gethan, vor dem Druck des Blattes auch Seite 5 zu lesen. Denn da finden wir ein Inserat, lautend: ♦ Passendes ♦ ♦ ♦ ♦ Geschenk. ♦ Kanstgewerbe - Vereins - Lose ♦ ♦ ♦ ä 1 Krone Haupttreffer 40.000 Kr. ♦ ♦ empfiehlt Wecliselstuben-Actien- ♦ ♦ Gesellscüaft „Mercur" ♦ ♦ I.. Wollzeile. ♦ Das obscure Wochenblättchen hat also das Beispiel des Mercur, der sich „nix zu erkennen gibt", nicht befolgt. Es hat sich, ohne es zu wollen, selbst zur antisemitischen Praxis bekannt, die mit der rechten Hand die Juden angreift und mit der linken das Geld von ihnen nimmt. Das gesinnungstüchtige Blatt spottet auf der einen Seite über die „wohlklingenden Namen" Rosenbaum und Schaden, auf der nächsten Seite preist es die Weihnachtsgeschenke des Mercur gegen Bezahlung an. Das Inserat nun bringt ihm freilich keinen „Schade n". Was geschieht aber mit dem „Rosenbaum"? I s e g r i mi. Wie Ritualmorde entstehen. Herr Hans Arnold Schwer und sein Brotgeber Vergani sind um eine Hoffnung ärmer. Unter dem Titel: „Ein mysteriöser Knabenmord" hatten sie eine neue Affaire ä la Polna angekündigt und sie müssen nun dieselbe Enttäuschung erleben, die ihnen schon anläßlich der famosen Ritualmorde in der Pramkrgasse und in Hernals zutheil worden ist. Am zweiten Weihnachtsfeiertage begab sich der siebenjährige Sohn des Kaufmannes Tanek in Wosek bei Rokycan mit Erlaubniß seines Großvaters nach dem nahegelegenen Teiche, um daselbst Schlittschuhe zu laufen. Als der Knabe nach längerer Zeit nicht nach Hause kam, wurden die Angehörigen besorgt und wollten ihn holen. Doch auf dem Teiche war von dem Kleinen keine Spur zu bemerken. Man begann eifrige Nachforschungen, die jedoch vergeblich blieben. Erst am folgenden Tage wurde die Leiche des Knaben in einem Gebüsche unweit der Straße aufgefunden. An den Füßen trug der Knabe noch die Schlittschuhe; am Halse zeigten sich mehrere Verletzungen. Es verbreitete sich selbstverständlich das Gerücht, daß es sich hier wieder um einen Ritualmord handle. Und ebenso selbstverständlich fand sich eine alte Bäuerin, die gesehen haben wollte, daß zur kritischen Zeit ein Wagen die Stelle passirte, daß das Kind von einigen „häßlichen Menschen" erfaßt und weggeschleppt worden sei, und daß derselbe Wagen zwei Tage später wieder dieselbe Stelle passirt habe. Hieran knüpfte die erwähnte Bäuerin die Vermuthung, daß die Leiche nachträglich in das Gestrüppe hingelegt worden sei. Zum Ritualmord gehörte natürlich auch die Constatirung, daß nicht die geringste Spur von Blut zu sehen war, daß der Leib nicht angeschwollen, sondern weiß wie Alabaster gewesen sei. Durch das einstimmige Gutachten der Gerichtsärzte ist jedoch festgestellt worden, daß jeder Gewaltact ausgeschloffen sei, da an dem Halse der kleinen Leiche weder eine Stichnoch einc Schnittwunde, noch sonst etwa Zeichen einer Strangulirung vorgefunden werden konnten. Es wurden nur Ritzwunden constatirt, die offenbar durch dorniges Gestrüppe entstanden waren. Nach Ansicht der Gerichtsärzte ist der Knabe beim Schlittschuhlaufen eingebrochen, untergegangen und bei Eintritt des Thauwetters vom Wasser an das mit Dornengestrüppe bewachsene jenseitige Ufer getragen worden. Es ist also wieder nichts und die Ln gros-Speculanten in Ritualmord müssen auf bessere Zeiten warten. Bjornson und der Antisemitismus. „Als ich meine Pelzmütze kaufte", so nennt Björnson eine kleine Geschichte, die soeben durch die europäische Preffe geht. „Es war am 31. December 1881. Ich ging in Chicago von einem Pelzwaarenladen zum anderen; es war plötzlich kalt geworden, und ich wollte mir eine warme Pelzmütze leisten. Die vorrärhigen waren nicht groß genug, und kein Kürschner wollte mir fest versprechen, zum nächsten Bormittag 11 Uhr eine fertigzustellen. „Jetzt bleibt nur noch ein Geschäft", sagte mein Begleiter, „freilich das größte von allen, vielleicht gelingt's dort!" Bald standen wir vor 101—106 Washington Street, Hatter and Manufacturing Furrier, D. Ledemer. Während wir vor dem langen Ladentische Mütze auf Mütze probirten und alle wiederum zu klein waren, kam der Geschäftsinhaber. Wir fragten ihn, ob er bis zum nächsten Vormittag 11 Uhr eine Kappe fertigstellen könnte, und auch er verneinte umgehend. Ich sagte zu meinem Begleiter: „In Norwegen würde der Kürschner bejaht haben — und hätte die Mütze zwei Tage später geschickt." „Nicht allein in Norwegen", antwortete mein Begleiter mit amerikanischer Ueberlegenheit. „sondern in ganz Europa, vielleicht Frankreich ausgenommen. Wenn ein Handwerker so in Amerika verfahren wollte, würde er als unzuverläffig angesehen werden und könnte seine Bude schließen." Während dieses Gespräches hatten wir auf den Geschäftsinhaber nicht geachtet. Er hielt jetzt ein Fell in der Hand und sagte: „Sie sollen die Mütze morgen um 11 Uhr haben." Er breitete das Fell auf dem Ladentische aus und bemerkte, wir müßten es wählen, nur einmal habe er schon ein ähnlich schönes gehabt. Er belehrte uns, wie wir uns selbst von dem Werth eines solchen Felles überzeugen könnten. Ich mußte den Mann ansehen, denn er hatte feine Gesichtszüge. Er war dunkelhaarig und schlank, glich weder einem Engländer, noch einem Deutschen. Mein Begleiter sagte, er sei Franzose. Am nächsten Morgen stand er selbst um 9 Uhr mit der Mütze in meinem Zimmer in Palmer House. „Sie kommen selbst? Und so früh?" — „Ja. Während Sie vor dem Ladentische standen und mit Ihrem Freunde sprachen, kam eines meiner Ladenfräulein zu mir und bot mir an, zusammen mit einer Freundin nach Geschäftsschluß die Mütze herzustellen." Ich war förmlich gerührt. „Wohl eine Norwegerin?" sagte ich. „Ja, sie ist aus Norwegen." Ich bat ihn, sie und ihre Freundin von mir zu grüßen, und ihr zu versichern, sie habe mir eine Freude gemacht. Ich probirte die Mütze vor dem Spiegel und fand sie ersten Ranges. Ich bezahlte, vergaß die beiden Mädchen nicht, beschaute die Mütze und verwunderte mich, daß der Mann nicht fortging. In meiner Freude hatte ich gar nicht bemerkt, daß er sich ganz anders als gestern benahm, sah kaum, wie bleich er war. Er sagte: „Da ich jetzt weiß, wer Sie sind, komme ich selbst, um eine Frage an Sie zu richten." Er stockte und blickte vor sich hin. Ich ließ ihm Zeit, denn ich begriff, daß ihm etwas schwer am Herzen lag. „Ich bin Jude," sagte er. „Ich habe gehört — aber ich habe es nicht glauben wollen, in Europa wäre eine Judenverfolgung ausgebrochen. Ist es wahr?" Er blickte mich so seltsam an, daß es mir schwer fiel, antworten zu müffen: „Ja, es ist wahr." Er fuhr etwas zurück, wich meinem Blick aus, setzte sich hin und weinte. Er weinte wirklich! Schon lange hatte ich mich selbst über die Strömung geärgert, die man später Antisemitismus nannte. Ohne ihren späteren Umfang zu ahnen, ohne zu wiffen, wieviel Böses sie anrichren würde, empfand ich sie als einen unheimlichen Barbarismus, einen Appell an schlechte Leidenschaften. Aber es wirkt doch seltsam, vor einem Manne zu stehen, der die Leiden seines Volkes mit seinem Jnnengesühl verschmilzt und es mitbeweint. Auch in diesem Falle werden die feinsten Naturen am tiefsten verletzt, selbst wenn sie Tausende von Meilen entfernt find. Aus dem innersten Verwandtschaftsgefühl schluchzte er über das Unglück seines Stammes. Es hörte ja nie auf. Dieses Volk konnte ja keinen Frieden genießen und darin die gesunde Selbstvergeffenheit finden, deren wir Anderen nicht entbehren können. So oft mir seitdem die Spuren jener unauslöschlichen Borurtheile schrecklich entgegengetreten find, sah ich dieses feine,