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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-01-09 · 2 (9.1.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
2 (9.1.1903)
Date
1903-01-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 20 Dr. Bloch's Wochvnschrrfk. Nr. 2 Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffcn zur Tagesgeschichte. (Dr. Lueger's Vertheidiger. — Wenn das „Deutsche Volksblatt" discret ist. — „Nix zu erkennen"). Frechheit. Dummheit und Niedertracht sind die unveräußerlichen Attribute der Wiener Antisemitenpresse. Zur vollkommensten Entwicklung sind diese Eigenschasten bei jenem Blatte gelangt, für deffen Bestand noch zu Lebzeiten des Dr. Theodor Wahner in großen Placaten bei den Parteigenosien gebettelt wurde. Dieses Blart ist die sogenannte „Deutsche Zeitung", die io heißt, obgleich sie nicht deutsch geschrieben ist, und die auf der T-telseite in der letzten Zeit die Bezeichnung „christlich-sociales Organ" angenommen hat, um so als das officielle Leibblatt des Dr. Lueger und seiner Partei zu erscheinen. Mit Vergani steht nämlich das Oberhaupt der Wiener Antisemiten auf gespanntem Fuß. Doctor Lueger hat in ganz unverblümter Weise das dickleibige Subject, welches das „Deutsche Bolksblatt" herausgibt, öffentlich der Bestechlichkeit geziehen. Seitdem ist die „Deutsche Zeitung" mit verdoppeltem Eifer bemüht, durch die blödesten Beschimpfungen der Juden unter den Christlich-Socialen einen Leserkreis zu ergattern, und anläßlich einiger Bemerkungen, die wir unlängst über die Reminiscennzen des Doctor Lueger an seine Mutter machten, tritt das verkommene Blatt als Vertheidiger Doctor Lueger's auf. Es besorgt dies Geschäft ungefähr mit jener G.Schicklichkeit, mit der einst ein Affe eine Fliege verscheuchte, die aus der Nase seines Herrn saß. Er führte einen so wuchtigen Schlag auf die Fliege, daß die Nase des Herrn dabei in Trümmer ging. Herr Doctor Lueger erzählte bekanntlich, wie sehr es seiner Mutter weh gethan habe, wenn er öffentlich angegriffen wurde, und die „Deutsche Zeitung" citirt nun die Bemerkungen, die wir in der vorigen Nummer der „Oester- , reichischen Wochenschrift" über die gefühlvollen Aeußerungen des Herrn Dr. Lueger machten, und zwar insbesondere die folgenden Sätze, die wir der Bollftändigkeit halber und weil die Richtigkeit derselben dem Herrn Dr. Lueger sehr unangenehm zu sein scheint, hier wiederholen wollen. Wir schrieben: „Wir möchten den Herrn Dr. Lueger bitten, aus diesen seinen Erinnerungen insbesondere das Eme sestzuhalten, wie schmerzlich seine verewigte Mutter durch Angriffe auf ihren Sohn berührt war. Und da möchten wir ihn denn fragen, ob nicht auch jede jüdische Mutter ihrem Kinde in Liebe zugethan ist, ob es nicht auch jeder jüdischen Mutter im Herzen weh thut, zu wiffen, daß ihr Kind, so wie es unter seine Mitmenschen hinaustritt, verhöhnt und verfolgt wird. Wie will es Herr Dr. Lueger vor dem Andenken seiner Mutter rechtfertigen, daß er in die Herzen der Bevölkerung die Haß- und Verfolgungssucht gepflanzt hat, daß er an der Spitze einer Bewegung steht, die darauf ausgeht, Existenzen zu untergraben, sie ihrer staatsbürgerlichen Rechte zu berauben, sie in ihrem Fortkommen zu behindern und sie zu unterdrücken. Verabscheuenswerther Haß ist die Signatur der antisemitischen Bewegung, innerhalb deren kein Raum ist für Regungen des Gemüthes." Wir wiffen nicht, ob nun Herr Dr. Lueger das iviu christlich-sociale Organ mit der Polemik gegen die „Oesterreichisl^. Wochenschrist" betraut hat. Falls es geschehen sein sollte, so Häu er einen ungeschickteren und tactloseren Anwalt für seine Sache wohl schwerlich finden können. Das dumme Blatt schreibt nämlich : „So viel von der Mater dolorosa weiß auch ein Rabbiner, daß der Schmerz der Mutter zwar heilig ist, aber noch kein Menschenskind, nicht einmal Gottes Sohn retten konnte vor „Angriffen". „Jeder Dieb hätte Anrecht auf Schonung und Duldung, wenn seine Richter nach dem Herzen seiner Mutter richteten." Welche geschmackvolle Zusammensetzung! Die „deutsche Zeitung" ahnt nicht einmal, welche Blasphemie sie damit begeht, auf deren Details wir uns nicht einlassen wollen, weil es uns nicht darum zu thun sein kann, die Gefühle anständiger Christen zu verletzen. Jedenfalls hat die „Deutsche Zeitung" eine neue Species von Mutterliebe entdeckt, wonach es der Wunsch jeder Mutter sein sollte, wenn ihr Sohn ein Dieb ist, daß dieser freigesprochen wird. So steht die Sache keineswegs. Keine Mutter wird verlangen, daß, wenn ihr Sohn einen Diebstahl begangen hat, ihn die verdiente Strafe nicht ereile. Sie wird schmerzgebeugt das Schicksal über ihn ergehen laffen, und es wird ihr Herz kränken, daß ihr Sohn zum Diebe geworden ist. Das Einzige, was sie thun kann, ist, daß sie sein Schicksal nach Möglichkeit erleichtert. Was hat aber das Berhältniß einer Mutter zu ihrem Sohne, der ein Dieb ist, mit dem Hinweis des Dr. Lueger auf seine Mutter zu thun? Dr. Lueger schilderte die Kränkung, die es seiner dahingeschiedenen Mutter bereitete, wenn sie las oder hörte, daß ihr Sohn angegriffen wurde, und wir wiesen darauf hin, daß auch jüdische Mütter von gleichen Gefühlen für ihre Kinder beseelt seien. Darauf gibt nun die „Deutsche Zeitung" eine so bodenlos blöde und zugleich freche Antwort, daß wir Herrn Lueger ungeachtet des principiellen Gegensatzes, in welchem wir uns ihm gegenüber nothgedrungen befinden, ob der entehrenden Bundesgenossinschaft, in die er da gerochen ist, auf das Tiefste bedauern. Dos Antisemitenblatt nennt die Juden ein „trauriges Bock", bestehend aus Gaunern, Defraudanten, Mädchenhändlern, Bauernschindern, Kornwucherern, Wechselreiten, Concursschwindlern, und es meint, man könne nicht von den untergrabenen Existenzen reden, wenn man den Hamster aus seinem Bau vertreibt. Das ist ja eben die antisemitische Rohheit und Bornirtheit in ihrer widerwärtigsten Gestalt, die sich erfrecht, Tausende unbescholtener Mitbürger in den Koth zu zerren. Was das Bettelblatt den Juden nachsagt, das zurückzuweisen, ist wahrlich nicht der Mühe werth, aber das Eine sollte die „Deutsche Zeitung" nicht vergcssen, daß nirgends in der Welt die Defraudanten, die Wechselreiter und Wechselfälscher, die Cautionsschwindler und die Betrüger in so großer Anzahl vertreten waren und sind, wie in der chrchlich-socialen Partei. In demselben Artikel bespricht die „Deutsche Zeitung" die Thatsache, daß die City von London und Westminster beide einen Juden an der Spitze ihrer Verwaltung haben. Was folgt daraus? Daß die Hauptstadt Großbritanniens die Juden für würdig hält, zu den höchsten Aemteru berufen zu werden. Die Fünfmillionen- Stadt an der Themse kann es an politischer Reife, an Intelligenz und Bildung doch wohl noch mit der Stadt Wien aufnehmen. Die Engländer sind wahrlich reif und intelligent genug, um ihnen ein richtiges Urtheil über ihre jüdischen Mitbürger zuzumuthen, sie sind die größte und reichste Nation der Welt, u -d es gehört die Dummheit eines christlich-socialen Winkeldlättchens, wie es die „Deutsche Zeitung" ist, dazu, die Wahl eines Juden zum Lordmoyor von London als ein Symptom aufzufassen, daß die Engländer unter jüdischer Herrschaft stehen. * * * Die Verlogenheit und Heuchelei der Antisemitenpreffe zeigte sich auch in der sensationellen Affaire der Kronprinzessin von Sachsen und des Erzherzogs Leopold. Kaum waren die ersten Berichte über die Angelegenheit erschienen, da spielte sich sofort das „Deutsche Volksblatt" als den Anwalt zweier Dynastien auf. Es erklärte die Besprechung der Affaire als einen von den Juden ausgehmden Versuch, zwischen den beiden Dynastien und Völkern Zwiespalt zu erregen, um dann Beide beherrschen zu zu können. Die Albernheit dieser Zumuthung übersteigt, wenn dies möglich wäre, die Dummheit der „Deutschen Zeitung". Wie das die Juden anstellen sollen, um über die Völker und die Dynastien zu herrschen, und was für die Juden dabei herausschauen soll, das entzieht sich unserem Verständniß. Man hätte nun glauben sollen, daß wenigstens das „Deutsche Volksblatt" und die ihm gesinnungsverwandte Presse, wenn überhaupt bei diesem Gelichter von Gesinnung gesprochen werden darf, in der Berichterstattung über die verschiedenen Phasen des sächsischösterreichischen Romanes sich die von ihm selbst verlangte ehrerbietige Diskretion auferlegen werde. So weit es dazu gezwungen war, da es über eigene Berichte nicht verfügt, war das „Deutsche Volksblatt" auch überaus discret. Das dauerte freilich nur solange, bis die großen Blätter, von den Antisemiten Judenblätter genannt, ausführliche Telegramme und Interviews über die Angelegenheit veröffentlichten. In demselben Augenblick setzten sich sämmtliche literarische Diebe von der Antisemitenpresse und sämmtliche Scheeren in ihren Redactionen in schnelle Bewegung. Da wurde darauf losgeschnitten und aufgepickt — und siehe da, am nächsten Tag hatten die antisemitischen Journalisten mit verblüffender Fertigkeit die interessantesten Berichte aus allen Judenblättern zusammengestohlen, ohne jede Besorgniß, irgend eine Dynastie aus dem Herzen irgend eines Volkes zu reißen. Vergani insbesondere, geübt in derBerfaffung von Reisebeschreibungen Anderer, feierte wahre Orgien des Nachrichtendiebstahles. Dafür ist und bleibt er eben der Ehrenmann vom Scheitel aufwärts.

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