Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 1 (2.1.1903)
- Date
- 1903-01-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 14 Dr. Blmtz's Wochsnschrifl. Nr. 1 Pistya« Dienstag den 16. December fand die feierliche Jnstallirung Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiners Kalman Weber statt. Zu derselben hatten sich außer dem Vorstände der Gemeinde, m welcher Herr Rabbiner Weber bisher amttrte, auch Deputationen aus der ganzen Umgegend eingefunden. Aus Wien war in Vertretung der Talmud-Thora ein Vorstandsmitglied anwesend und auch einige Wiener Rabbiner waren erschienen. Mit einer ihm entgegengesanLtcn D putation traf um 11 Uhr Vormittags Herr Rabbiner Weber m Piftyan ein, wurde am Bahnhofe feierlich empfangen und erwiderte auf die ungarische Begrüßungsrede des Herrn Obmannstellvertreters einige paffende Worte. Nach derselben fuhr er im reich decorirten Wagen zum Gotteshause. Dort war eine Chuppe aufgestelll, unter welche der Rabbiner und ein Vorstandsmitglied sich stellten, das eine hebräische Begrüßungsansprache hielt. Hierauf wurde der Rabbiner in den schön geschmückten Tempel geleitet, wo er eine Antrittsrede hielt, die allgemeinen Beifall fand. Abends 6 Uhr fand ein Bankett statt, das bis nach Mitternacht währte. Tyrnau. In feierlicher Weise wurde hier die neuerbaute Schule eingeweiht. An der Feier nahm außer dem Gemeindeuud Schulvorstand und den Vertretern fämmtlicher Vereine ein zahlreiches, distinguirtes Publicum theil. Das Fest wurde mit der Absingung der ungarischen Volkshymne eingeleitet; hierauf hielt Herr Präses Hermann Messing er die Begrüßungsrede und übergab die Anstalt der Benützung. Nachdem noch namens des Lehrkörpers der seit 40 Jahren amtirende Lehrer Herr Salomo» K o h n gesprochen und Se. Ehrwürden Herr Oberrabbiner Maximilian Stein die Festrede gehalten, schloß die erhebende Feier mit dem Anzünden des Chanukalichtes. Sarajewo. Der Sohn des Gemeindebeamten der Preßburger isr. Cuttusgemeinde, A. L. Löwy, Herr Salamon L ö w y, Religionsprofeffor der isr. Bürgerschule in B.-Tuzla (Bosnien) wurde nach erfolgtem Probevortrag einstimmig zum Districts- Rabbiner gewählt. Rabbi Sal. Löwy gilt in seinem Fache als besonders befähigt und talentirt. Gründe conservativer Natur lasse« es jedoch noch fraglich erscheinen, ob der Erwählte auch diesen Posten anzutreten geneigt sein wird. Feuilleton. M-i R. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) IV. Und dabei blieb es auch. Was Malke Eisner einmal als Recht erkannte, das that sie auch, davon ließ sie sich von Niemand abbrivgen. Doch umsonst! Die beiden jungen Gatten kamen sich nicht um einen Schritt näher. Fremder noch als vorher standen sie sich gegenüber. So lange Hugo's Mutter lebte, war das Berhältniß beider Gatten zu einander wenigstens ein anständiges zu nennen. Paula bewies der würdigen Frau stets eine echt kindliche Zuneigung und Dankbarkeit. Hatte sie doch mehrere Jahre in ihrem Hause glücklich und zufrieden gelebt. Um ihretwillen duldete Paula stillschweigend jede Kränkung, welche ihr zugefügt wurde. Hugo wieder scheute sich aus dem Grunde, seinem Verdruß gegen seine Frau freien Lauf zu lasten, weil er die Vorwürfe seiner Mutter fürchtete. Er vermied es sorgfältig, den Anlaß zu der Frage zu geben : „Warum hast du es dir nicht bester überlegt, ich hatte es dir ja im Vorhinein gesagt, daß du deine Uebereilung einst bitter bereuen wirst! Die Furcht vor dieser Frage und dem damit verbundenen Vorwurfe hatte Hugo vermocht, bei Lebzetten seiner Mutter den Groll gegen seine Frau einzudämmen. Nach zwei Jahren hatte Frau Werner dieses Leben verlosten, und ungehemmt durch irgend welche Rücksicht brach Hugo's Groll gegen seine Frau hervor. Er ließ es sie bei jeder Gelegenheit Wien, daß die Heirat mit ihr seine Aussichten auf eine glänzende Zukunst vernichtet hat, welche ihn zu einer ewigen Abhängigkeit verdammte. Jetzt könnte er eine reiche Partie macken und die ersehnte Unabhängigkeit erlangen, könnte sein eigener Herr sein, wenn er sich nicht durch ihr glattes Lärvchen und ihre gleißende Zunge hätte bethören lasten. Er nannte sich ganz offen das Opfer einer Sirene. Paula ertrug all dies mit einer Ergebenheit, die sie selbst Wunder nahm. Aus dem Sprichwörterschatze ihrer Mutter suchte sie sich alle jene Aussprüche hervor, welche geeignet waren ihr empörtes Gemüth zu besänftigen, wenn es sich gegen die ihr gewordene unwürdige Behandlung auflehnen wollte. Wenn sie glaubte, vor Scham über die ihr gewordene unwürdige Behandlung in die Erde sii.ken zu müssen, dann führte sie sich den talmudischen Ausspruch zu Gemüthe, den ihre Mutter bei mancher Gelegenheit zu citiren pflegte: Es wird die edle Myrthe — Myrthe noch genannt, Wenn sie ein bös Geschick auch unter Dornen band. Zuweilen auch erinnerte sie sich der Selbstlosigkeit, mit welcher der selber nicht bemittelte junge Mann sie sich zur Gattin wählte, trotzdem ihm schöne Mädchen mit ansehnlicher Mitgift angetragen wurden. Und wie pflegte Mütterchen zu sagen? Im Talmud steht: Die Gutes uns gethan, Durch schnöden Undank kränken, Heißt Steine werfen in die Brunnen, Die uns tränken. So wirkte das fromme Wort und Beispiel ihres Mütterchens noch aus der Ferne veredelnd und ermuthigend auf Paula, welche daraus Kraft und Muth zu weiterem Dulden schöpfte. Hätte die unglückliche Frau ein Kind besessen, sie hätte gerne Alles geduldet, jeden Spott und Hohn, jeden Trotz ertragen, um dieses Kindes willen. Aber sie war allein, allein ohne eigentliche Berufspflicht, allein mit ihren bösen Gedanken, die sie um jeden Preis zu bannen suchte, des Friedens wegen. Trotzdem Paula wußte, daß ihr Mann den Freitag Abends ebenso wie den eines Werktages im Geschäfte verbrachte, versäumte sie es niemals, für diese geweihten Stunden Alles so herzurichten, wie sie es bei ihrer Mutter gesehen hatte. Der silberne Armleuchter, ein Erbstück nach ihrer Schwiegermutter stand auf dem Tische und vier brennende Kerzen beleuchteten das Speisezimmer. Die mit Mohn bestreuten knusperigen Sabbathbrode schienen nur desjenigen zu warten, welcher kommen sollte, Kidusch zu machen. Wenn der junge Hausherr kam, die Feder hinter dem Ohre, die Cigarre im Munde, beachtete er kaum die liebliche Gestalt seiner Frau, wie sie da im duftigen Negligshäubchen so anmuthig saß, den dicken Sidur vor sich aufgeschlagen. Er bemerkte es nicht, wie sie beim Anblick der brennenden Cigarre schmerzlich zusammenzuckte, als wäre sie von einer Schlange gebissen. B’lotibul, b’Io Brochu, wie der Volksmund sagt, ohne sich zu waschen oder ein Gebet zu verrichten, setzte sich Hugo zu Tische, nahm sein Mester aus der Tasche, und schnitt das Barches auf. Paula's Herz überfloß vor Bitterkeit beim Anblick dieser gegen sie begangenen Rücksichtslosigkeit. Das Leben an der Seite dieses rohen Menschen wurde ihr eine schier unerträgliche Last, Indessen sehnte sie ein kleiner Umstand einigermaßen mit ihrem Gatten aus. Er hat trotz Allem ein gutes Herz, sagte sie sich, an mir allein muß die Schuld liegen, daß unser Berhältniß kein innigeres geworden ist. Bon Selbsterkenntniß zur Besserung ist nur Ein Schritt. So war es mit Paula. Sie nahm sich vor, ihr Entgegenkommen für ihn zu verdoppeln, Allem selbst zu entsagen, und nur einzig für sein Behagen zu sorgen. Sie wußte sich in Ausdrücken der Dankbarkeit gegen ihn nicht genug zu thun. Das kam daher. In den letzten Tagen vor dem Neujahrsfest hatte er sie erinnert, an ihre Mutter ein Körbchen Obst zu Schechejonu zu senden. Er selbst brachte warme Wäsche und Schuhe herein, die sie der Mutter beipacken solle, damit sie nicht friere, wenn sie im Winter über den Stickrahmen gebeugt dasitze. Diese zarte Aufmerksamkeit für ihr verehrtes Mütterchen hatte ihm ihr Herz wiedergewonnen, und er mußte es gar arg machen, um mit einemmale ihre ganze Zuneigung zu verlieren. Nur allzubald kam es dazu. Noch ganz erfüllt von dem freudigen Gesichte, welches ihr das Dankschreiben ihrer Mutter eingeflößt hatte, machte Paula die umfassendsten Vorbereitungen, den Bersöhnungstag würdig zu begehen. Nachmittags schon lag der schwarze Anzug — einen Kittel anzulegen, war Hugo zu aufgeklärt — wohlgebürstet und geputzt aus der Decke ihres Bettes. Daneben lag der mit einer breiten Goldborte versehene Talis. Blüthenweiße sorgfältig geglättete Wäsche lag dabei, es fehlte auch die Serviette nicht, welche man, einem alten Gebrauche gemäß, über das Betpult breitete. Die Machsorim für Kol Nidre und Jom-Kipur waren auch zubereitet. In das letztere hatte sie frisch abgeschnittene