Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 1 (2.1.1903)
- Date
- 1903-01-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 7 Vor Uebergang zum 6. Punkt der Tagesordnung übernimmt der Vieepräsident Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Engel den Vorsitz und bringt zur Kenntniß, daß die Reihe zum Ausscheiden aus' der Bereinsleitung diesmal die Herren Wilhelm Bach rach, Architekt Max Fleischer, k. k. Commercialrath Albert Janowitzer und kaiserl. Rath Adolf Ruzicka trifft, die Ausicheidenden sind wieder wählbar. Ferner bringt der Borfitzende Herr Dr. Engel ein Schreiben des Herrn Wilhelm Bach rach zur Verlesung, worin dieser sein Fernbleiben von der Generalversammlung mit einer dringenden Geschäftsreise entschuldigt und seine Bereitwilligkeit ausdrückt, eine Wiederwahl anzunehmen. Architekt Max Fleischer ergreift nunmehr als Candidat das Wort und bemerkt: Unser Verein hält noch an der Sitte fest, daß der Candidat sich persönlich um das Mandat bewerbe. Das hat seinen guten Grund. Wer um das Vertrauen wirbt und bittet, in deffen Herzen wird das Bewußtsein der übernommenen Pflichten stets lebendig bleiben. Somit bewerbe ich mich aufs Neue um dieses Mandat, um Ihnen zu sagen, wie gerne ich diesem Amte mich widme, welch' innigste Befriedigung meinem Herzen diese Thätigkeit gewährt. Solange die Vorsehung es mir gestattet, solange meine Kräfte reichen und Ihr Vertrauen mich begleitet, solange will ich diesem Vereine mit Herz und Seele dienen. (Lebh. Beifall.) Commercialrath Albert Janowitzer gelangt nunmehr zum Wort: Mit Wärme und Energie zur Ehre des Judenthums, für die Verherrlichung des Gottesdienstes zu arbeiten, das bildet sein von seinem unvergeßlichen Vater ererbtes Programm, das bildet das Banner, dem er von frühester Jugend das ganze Leben hindurch gefolgt ist. (Lebhafter Beifall.) In solchem Geiste habe er gewirkt innerhalb des Vereinsvorstandes und ist er bereit, wenn die Generalversammlung ihn neuerdings mit Vertrauen auszeichnet, weiter zu wirken. (Lebhafter Beifall.) Der Vorsitzende Herr Dr. Engel bringt zur Kenntniß, daß Herr kais. Rath Adolf Ruzicka in einem Schreiben den Wunsch ausgesprochen, daß von seiner Wiederwahl abgesehen werden möge. Allein der Vorstand ist der Ansicht, daß Herr kaiserl. Rath Ruzicka, der sich um die Verwaltung der Vereinsangelegenheiten durch 17 Jahre außerordentliche Verdienste erworben, aus der Vereinsverwaltung nicht scheiden darf. Wir wollen durch eine einstimmige Wiederwahl ihn bei uns festhalten. lLebh. Beifall.) Kais. Rath Adolf Ruzicka, dem die Generalversammlung eine Ovation bereitet, richtet an die Versammlung eine herzliche Ansprache: Siebzehn Jahre sind es also, seitdem man mich zum Eintritt in diese geehrte Vereinsleitung eingeladen, diese si> bzchn Jahre sind schnell verflogen, die Geschehnisse stehen lebendig vor meiner Erinnerung. Es war die Zeit des beginnenden Antisemitismus; wir Juden mußten uns zusammenschließen, organisiren; Jeder hatte die Pfl.cht, mitzugehen, wenn man ihn ruft. Er habe also die Einladung angenommen, allein besonders viel vermochte er nicht für den Verein zu wirken (L«>bh. P^otestrufe), alle Arbeit leistet der Präsident u rd der Cassaverwalter. Die übrigen Aufgaben werden vertheilt, und so möchte er denn gebeten haben, ihn in Gnaden zu entlassen. Er ist auch aus der Steuercommission ausgetreten, er hat sich von der Leitung der „Oestrrr.-Jsrael. Union" zurückgezogen und will zum Abschied nur noch den Collegen und Vereinsgenoffen herzlichst Dank sagen für die vielfachen Beweise der Freundschaft und Sympathie. Wenn man einmal zu einer speciellen Arbeit ihn brauchen sollte, so will er dann gerne kommen und bei der Arbeit mithelfen. Heute danke er den Freunden für das bisher gewährte Berti auen. Der Vorsitzende Herr Dr. Engel erklärt nochmals daß der Vorstand Herrn kaiserl. Rath Adolf Ruzicka nicht ziehen lasse und daß die Generalversammlung durch die einstimmige Wiederwahl den gleichen Entschluß manifestiren werde. (Lebhafter Beifall.) Zu Scrutatoren wurden berufen die Herren: Leopold Gollerstepper, Ignaz Klein, Carl Reiß, S. Lemberger Bei der Wahl wurden 49 Stimmen abgegeben. Davon erhielten je 48 Stimmen Fleischer, Ja nowitzer, Ruzic ka. 21 Stimmen fielen auf Bachrach, 22 Stimmen auf Hermann König, 5 Stimmen auf Adolf Rosen bäum. Bei der dadurch nothwendig gewordenen engeren Wahl erhielt König 24 Stimmen, Wilh. Bach rach 13 Stimmen. Nachdem gegen den Wahlvorgang von keiner Seite eine Einwendung erhoben worden, proclamirte der Vorsitzende die Neugewählten. Hieraus hielt der Schriftsteller Herr Adolf Gelber einen intereffanten und hochbedeutsamen Vortrag über Emile Zola. Die Versammlung lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit der tiefdurchdachten, an geistvollen Aper?us reichen, von glühender Begeisterung getragenen Rede und bekundete ihre Bewunderung durch wiederholte Ausbrüche stürmischen Beifalles. Gin Heim fnv schwachsinnige Kinder. Von Siegfried Rosenbaum, Erziehungsinspector in Repzin. Als vor etwa zwei Jahren in dieser Zeitschrift Artikel über ein Heim für schwachsinnige Kinder erschienen, hörte man von Interessenten vielfach die Hoffnung aussprechen, der fromme Wunsch des Schreibers dieser Artikel möchte in Erfüllung gehen. Allein es sind zwei Jahre verfloffen — eine lange Zeit — aber ein Heim für geistig zurückgebliebene Kinder jüdischen Glaubens besteht noch nicht. Wohl sind Versuche, ein solches zu gründen, gemacht worden, jedoch bisher ohne E-folg. Da drängt sich doch die Frage aus: Woran liegt dies? Sind nicht jüdische Kinder in genügendem Maße vorhanden, um eine Anstalt lebensfähig zu erhalten, oder fehlt es an der geeigneten Persönlichkeit, eine solche Anstalt zn leiten, oder aber ist schon in geeigneter Weise für unsere geistig zurückgebliebenen Kinder gesorgt? Ich muß alle diese drei Fragen mit einem entschiedenen .Nein" beantworten. Wohl die meisten jüdischen Lehrer haben unter ihren Schülern eines, oder leider oft mehrere Kinder, die durchaus nicht vorwärts kommen, die einen Hemmschuh für alle anderen besser gearteten Kinder bilden. Da der Lehrer jedoch weiterschreiten muß, um sein Ziel zu erreichen, bleibt das arme Geschöpf zum Theil unberücksichtigt, wird geistig immer schwächer und vegetirt dahin zum Unglück für sich, zum Kummer und Schmerz für seine Familie und jeden Menschenfreund. Kommt das Kind dann noch — und es geschieht ganz sicher — in schlechte Gesellschaft (Schreiber dieses kennt solche Fälle), so wird es zu bösen Streichen veranlaßt, verfällt der Fürsorgeerziehung und endet oft im Zuchthause. Wohlhabende Familien lasten ihren geistig zurückgebliebenen Kindern vielleicht Einzelunterricht ertheilen, jeder Einsichtige aber weiß, daß durch Einzelunterricht niemals fertige Menschen herongebildet werden können. Doch nicht nur dieses allein beweist, daß ein Bedmfniß vorhanden ist, sondern die große Anzahl der in unter christlicher Leitung stehenden Instituten untcrgebrachten Kinder. Und dennoch hat bisher kein Pädagoge das Unternehmen gewagt! Woran liegt dies? Fehlt es dem Lehreruande etwa an dem nöthigen Idealismus, da, wie seinerzeit in einem Artikel richtig bemerkt war. der materielle Gewinn kein hoch anzuschlagender sein wird? Ich glaube nicht! Lebt doch der jüdische Lehrer geradezu von Idealen. Bermuthlich scheuen die Lehrer das Risiko, das sie für sich und ihre Familie übernehmen. Wie, wenn ein solches Unternehmen fehlschlägt? Der Betreffende hätte sich nicht nur um seine Ideale, sondern womöglich um sein Brot — vielleicht nur trockenes — gebracht. Oder fehlt es an einer Person, die genug pädagogisches Talent besitzt, solche der Liebe doppelt bedürftigen Geschöpfe zu erziehen? Oder gar, wie Herr Seelig-Nordhausen in seinem Artikel zu meinen scheint — an einem Lehrer, der genügend praktisch ausgebildet ist für diesen Beruf? Nun auf diese Gefahr hin kann eine solche Anstalt begründet werden. Nicht Alle, um nicht zu sagen Keiner, waren zu Anfang Meister, die es in ihrem Beruf zu hoher Fertigkeit gebracht. Da brauchen die Eltern noch nicht zu fürchten, daß ihre Kinder Versuchsobjecte seien. Ein Lehrer, der eine Erziehungsanstalt für schwachsinnige Kinder gründet, dürfte außer angelernter pädagogischer Fertigkeit, noch angeborene Liebe zu den armen Kleinen und Unglücklichen besitzen, und wir wissen ja: die Liebe ist der beste Lehrmeister, und daß der Liebe Alles gelingt, wenn sie sich selber bezwingt (omnia vincit amor). Und nun zum dritten Punkte: Ist schon in geeigneter Weise für die jüdischen Schwachsinnigen gesorgt? Es mag ja recht tolerant klingen, wenn in einer christlichen Anstalt die vorhandenen jüdischen Kinder besonderen Religionsunterricht erhalten und sogar geplant wird, jüdische Küche einzurichten. Und dennoch ist dies nicht der Fall! Oder ist das Toleranz, wenn für 7 katholische Kinder ein katholischer Lehrer vorhanden ist, für 11 jüdische aber nicht? Und dann, werden die jüdischen Kinder in den christlichen Anstalten nicht nur „geduldet" sein? Wenn auch nicht von den Lehrern, so doch sicher von einem der Domestiken. Kann einem solchen Kinde nicht dasselbe passiren, was dem Schreiber dieses während der Lehrzeit im christlichen Seminar paffirte. daß der Pedell gelegentlich eines unschuldigen Scherzes zu ihm sagte: „Sie dulde ich doch nur im Seminar!" Davor müffen wir unsere jüdischen Kinder bewahren, und deshalb muß eine Anstalt für geistig zurückgebliebene Kinder gegründet werden. Schon vor Jahren hatte ich die Absicht, ein solches Heim für schwachsinnige Kinder zu gründen. Was mir damals nicht gelang, will ich jetzt ausführen. Wenn erst der Anfang gemacht sein wird, dann wird, so hoffe ich, auch auf dem für uns Juden