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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-01-02 · 1 (2.1.1903) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
1 (2.1.1903)
Date
1903-01-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Rk. 1 Dr. Bloch's Wochrnschrifk. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Aus dem Amtsblatt Wiens. Dr. Alfred Stern. Baumeister Zifferer. — Ein pietätvoller Sohn. — Das verleumdete Rumänien.) Das Secretariat der fortschrittlichen Parteien des neunten Bezirkes hat aus dem Amtsblatt der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien einen separaten Abdruck veranstaltet, dessen Verbreitung den Machthabern der Gemeinde keineswegs angenehm sein wird. Dieser separate Abdruck enthält nämlich die Rede, welche Gemeinderath Donath Zifferer in der Gemeinderathssitzung vom 10. December in der Budget-Debatte gehalten hat. Die Tagesblätter verfügen nicht über soviel Raum, um die Rede, von der allerdings die wichtigsten Stellen in den Blättern erschienen sind, im Wortlaute zu geben, und so darf man dem genannten Partei-Seeretariate dankbar dafür sein, daß es durch die vollständige Mittheilung dieser Kritik der communalen Wirtschaft den Wählern ein klares Urtheil ermöglichte. Dasselbe Thema, wie diese Rede, hat auch Dr. Alfred Stern bekanntlich in der »Neuen Freien Presse" mit jener gediegenen Sachkenntniß behandelt, die der Parteiherrschaft im Rathhaus schon so manche verdrießliche Stunde bereitet hat. Im Gemeinderathssaale, wo Herr Dr. Lueger und eventuell in seiner Vertretung der erste Vice-Bürgermeister von Wien, nämlich Herr Strobach, jede oppositionelle Ausführung nach Möglichkeit unterdrückt und der Chorus ihrer Parteigänger die oppositionellen Redner überschreit, da wird allerdings das Budget durchgepeitscht und es ist dann natürlich Alles in schönster Ordnung. So bleibt dann der Opposition nur die Flucht in die Oeffentlichkeit und wir empfehlen der Bevölkerung die genaue Lectüre dieser sachlichen Kritik, durch welche Dr. Alfred Stern und Donath Zifferer den Nachweis geführt haben, daß das Budget der Stadt Wien unehrlich abgefaßt, daß unter dem Walten der jetzigen Majorität eine horrende Schuldenlast der Gemeinde aufgehalst worden ist, daß die Umlagen bedeutend erhöht wurden, und daß Millionen und Millionen aufgewendet wurden, um die Kosten der Eitelkeit des Dr. Lueger zu bestreiten und die Partei - Angehörigen zu versorgen. Das Protectionswesen zu Gunsten antisemitischer Agitatoren, die gewissenlose Präterirung verdienter Beamten, ausschließlich aus dem Grunde, weil sie nicht Parteigänger find, alles das liegt erwiesen vor, und der läppische Versuch des Verganiblattes, mit einigen albernen Bemerkungen über die Persönlichkeit des Doctor Alfred Stern den Eindruck seiner Ausführungen zu verwischen, zeigen nur, wie tief Herr Doctor Lueger sammt seiner Partei durch die Ausführungen des Doctor Alfred Stern getroffen wurde. * * * Die Weihnachtstage haben das Gemüth unseres Bürgermeisters Doctor Lueger in Schwingung versetzt. Er hat einigen Journalisten Interviews gewährt, und in allen diesen Unterredungen sprach Doctor Lueger über seine dahingeschiedene Mutter, deren Andenken er, wie es ja Pflicht eines jeden treuen, dankbaren Sohnes, hoch in Ehren hält. Am interessantesten ist wohl folgende Aeußerung dieses Mannes: »Als ich in das politische Leben eintrat und Gemeinderath wurde, that es meiner Brüller stets in der Seele weh, wenn man mich angriff. Und sie rempelten mich oft an. Das kleine Porträt, das auf dem Tischchen dort steht, zeigt die Züge meiner Mutter. Sie lebt nicht mehr — ihr energischer starker Geist soll mich immer umschweben". Wir möchten den Herrn Doctor Lueger bitten, aus diesen seinen Erinnerungen insbesondere das Eine festzuhalten, wie schmerzlich seine verewigte Mutter durch Angriffe auf ihren Sohn berührt war. Und da möchten wir ihn denn auch fragen, ob nicht auch jede jüdische Mutter ihrem Kinde in Liebe zugethan ist, ob es nicht auch jeder jüdischen Mutter im Herzen weh thut, zu wissen, daß ihr Kind, so wie es unter seine Mitmenschen hinaustritt, verhöhnt und verfolgt wird. Wenn Doctor Lueger ein pietätvoller Sohn sein will, dann hätte er auch im politischen Leben an die edle Gestalt seiner Frau Mutter nicht vergessen dürfen, die jede Unbill, die ihrem Sohne zugefügt wird, gewiß schwer empfunden hat. Wie will es Herr Doctor Lueger vor dem Andenken seiner Mutter rechtfertigen, daß er in die Herzen der Bevölkerung die Haß- und Verfolgungssucht gcpflanzt hat, daß er an der Spitze einer Bewegung steht, die darauf ausgeht, Existenzen zu untergraben, sie ihrer staatsbürgerlichen Rechte zu berauben, sie in ihrem Fortkommen zu behindern und sie zu unterdrücken. Berabscheuenswerther Haß ist die Signatur der antisemitischen Bewegung, innerhalb deren kein Raum ist für Regungen des Gemüthes. Wenn von Müttern gesprochen wird, so sei denn Herrn Dr. Lueger anläßlich der Reminiscenz, die er selbst heraufbeschworen. zugerufen, daß auch jüdische Mütter ein Herz haben für ihre Kinder, daß es sie tief schmerzt, wenn ihnen Unrecht zugefügt wird. Auch eine Reminiscenz aus der seligen Schulzeit hat Herr Dr. Lueger einem Redacteur mitgetheilt, indem er erzählte, die Taubenschule war eine sogenannte Concordatsschule: »Wir Buben fühlten uns ganz wohl in der Anstalt und die Juden, die mit uns auf der Bank saßen, hatten keine Ursache zur Klage. Im Gegentheil, wenn gerauft wurde, nahm sich der Katechet der gehänselten Juden an." Sehr geehrter Herr Bürgermeister! Die Ermahnungen Ihres Katecheten scheinen bei Ihnen nicht auf guten Boden gefallen zu sein. Die Juden, die jetzt mit Ihnen auf denselben Bänken sitzen, auch sie werden gehänselt, aber kein Katechet ist da, der sich ihrer annimmt. Das find freilich keine Schuljungen mehr und auch ihre politischen Gegner nicht, aber die Ermahnung des Katecheten, daß man seines Glaubens und seiner Herkunft willen Niemand verspotten und Niemand unterdrücken darf, die hätten Sie sich doch merken sollen und Ihr Lebensgang wäre dann vielleicht ein anderer geworden. Sie haben das Recht verwirkt, das Andenken einer edlen Mutter heraufzubeschwören, deren Empfinden, wie aus Ihren eigenen Aeußerungen hervorgeht, mit Ihrem jetzigen Betragen als Politiker, als Oberhaupt einer großen Stadt, im Widerspruche steht. Ein Benehmen und Auftreten wie das Ihrige, das verletzt zartbesaitete Gemüther und der Genosse eines Ernst Schneider hat keinen Anspruch auf Schonung. * * * Im rumänischen Senat wurde vor einigen Tagen anläßlich des Ansuchens eines Juden um Naturalisirung von Verleumdungen gesprochen, die angeblich im Auslande über Rumänien verbreitet seien. Der Unterrichtsminister meinte, man werde schließlich im Auslande anerkennen müssen, daß Rumänien wohlwollend und tolerant gegen Jedermann, selbst gegen seine Feinde sei. Man dürfe aber den Verleumdungen keinen Borwand bieten. Zufolge dieser Ausführung des Unterrichtsministers wurde dem betreffenden Juden die Naturalisirung gewährt. Die rumänischen Juden, welche seit Jahr und Tag ihr Vaterland verlassen und in die weite Welt wandern müssen, weil ihnen in der Heimat die Existenz unmöglich gemacht wird, die find wahrscheinlich eine pure Eifindung! Die brutale Verfolgung der Juden soll wettgemacht werden dadurch, daß man einem einzigen Juden im Senat die Naturalisirung zugesteht. Wir erklären uns nun mit dem rumänischen Unterrichtsminister in dem Punkte einverstanden, daß den Verleumdern Rumäniens auch nicht der allergeringste Vorwand geboten werden möge. Die rumänische Regierung hat also gar nichts Anderes zu thun, als ihre jüdischen Unterthanen so zu behandeln, wie es allen gleichberechtigten Bürgern gegenüber in einem civilisirten Staate geboten erscheint. Sie kann dessen sicher sein, daß in dem Augenblick, in welchem den Juden in Rumänien die politische und sociale Gleichberechtigung eingeräumt wird, keine einzige Beschwerde gegen sie weder im Inlands noch im Auslands erhoben werden wird. Vorläufig leider geben die aus dem Lande vertriebenen Auswanderer mitleiderweckende Zeugen für die Ungerechtigkeit und Grausamkeit der rumänischen Regierung ab. Isegrim. Die Generalversammlung des israelitische« Tempelvereines fmr Mariahilf ««d Ueuba«. Montag den 29. December, Abends 7 Uhr, fand im Saale des »Hotel Savoy" die Generalversammlung des israelitischen Tempelvereines für die westlichen Bezirke Wiens statt und sie bot allen Theilnehmern ein erfreuliches Bild steten ununterbrochenen Fortschrittes und Gedeihens unter einer intelligenten. opferwilligen und zielbewußten Leitung. Der Präsident, Cultusvorsteher Architekt Max Fleischer, eröffnete die Versammlung, begrüßte die erschienenen Bereinsgenoffen und Ehrengäste, vor Allem die Damen, welche aus Anlaß eines angekündigten Vortrages des Schriftstellers Herrn Adolf Gelber sich ein-

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