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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-01-02 · 1 (2.1.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
1 (2.1.1903)
Date
1903-01-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. i «Seite 4 Krieg, der jetzt die Parteien trennt, beendigt sein wird. Es ist allerdings nicht zu besorgen, daß sie nach Jndianerart über uns herfallen werden und uns einfach massacriren — da würden sie denn doch mit den Gesetzen, den Staatsanwälten und den Henkern in Conflict gerathen — aber ein weiteres Verdrängen aus unseren Positionen, eine Verschüttung unserer Nährquellen, wie es in Rumänien mit Erfolg geschieht und in Oesterreich durch das Hausirgesetz bereits eingeleitet wurde, stehen zu erwarten, weshalb es sich sehr empfehlen würde, ein Ausfallsthor aus dem engen Europa zu öffnen, durch das wir in eine weniger stickluftige Atmosphäre und in besiere Verhältnisse gelangen könnten. Die Bildung eines eigenen Judenstaates auf der Stätte unseres ehemaligen Reiches, war allerdings ein reizendes Phantasiegebilde, an dem wir uns Alle bei desien Auftauchen ergötzten. Wir sahen nach zweitausendjähriger Versunken- und Vergessenheit den jüdischen Staat wieder erstehen, den Tempel Salomons wieder erbauen, die gelehrten Priester das Volk leiten, die wehrhaften Männer die Grenzen schützen und einen Reichthum an Wein, Oliven, Weizen, Mais und Reis, an Datteln und Feigen erblühen. Als diese Herzl'sche Idee auftauchte, wirkte sie fasciuirend, wie eine Fata Morgana in dürrer Wüste. Wem schwoll nicht das Herz bei dem Gedanken an die Wiedererstehung alter Herrlichkeit, an eine Existenz ohne Drangsalirung, an ein Dasein ohne antisemitische Wegelagerer? Aber dieser farbenprächtigen Luftspiegelung folgte die Ernüchterung in ihrem grauen Mantel. Man gelangte zur Erkenntniß der Unmöglichkeit, den schönen Traum zu verwirklichen. Kein Punkt der Erde wird so ängstlich gehütet, wie die heiligen Stätten, in die uns nach zweitausendjähriger Verbannung unsere Sehnsucht sührt. Dort ist selbst der Sultan nicht souverän, dort gebietet nicht nur der Mohammedanismus in vollem Fanatismus, sondern auch die gesammte Christenheit mit ihren Patriarchen und Bischöfen und einer Armee schwarzer Ordenspriester, die niemals das Einströmen einer compacten und organisirten jüdischen Bevölkerung dulden werden. Abgesehen davon, daß die Repatriirung der Juden unter den herrschenden Verhältnissen kein großer Gewinn wäre. Ein großes, freies, ungetrenntes Gebiet, wo sich die Ansiedlungen zu einem Staate auswachsen könnten, gibt es in Palästina nicht mehr. Der Boden ist nicht so sehr dankbar und nicht so sehr billig. Religions- und Rocenhaß, der dort üppig treibt, würde das Leben der Juden umlauern und die Entwicklung stören. Ein anderes, vortheilhafteres, weniger umstrittenes, wenn auch weniger bestechendes Gebiet wäre als Zufluchtsstätte für die bedrängten Juden zu erobern, das Gebiet zwischen dem Euphrat und dem Tigris, wo ebenfalls in grauen Vorzeiten unsere Vorfahren lebten. Es gibt kein befferes, größeres und dankbareres Colonisationsterrain, als diese uralte Stätte der Menschheit. wo einst die Hauptstadt der Erde stand und die Trümmer Babylons eine sechstausendjährige Geschichte decken; eine Geschichte hoher Cultur, die später von barbarischen Horden zertreten wurde. Wenn in Mesopotamien, speciell in Babylonien, jene Canalisirung wiederhergestellt würde, die es zur Zeit Alexanders des Großen beseffen, so gäbe es dort nach Profesior Sprenger, der die Verhältnisse Borderasiens genau kennt. 10,000.000 Hektare trefflichen, productiven Bodens der, wie ehemals als der große Macedonier das Land eroberte, 1200 Kilo Getreide per Hektar ergeben würde. Dies Erdreich, dem man durch künstliche Wafferläufe strotzende Kraft zuführen kann, ist jetzt in weiten Strecken billig, fast geschenkt zu haben und würde nichts dem Wachsthum der Colonien entgegentreten, die hier auch nicht feindliche Beeinfluffung zu befürchten hätten, da dies Gebiet abseits vom Weltverkehr und der Eifersüchteleien der europäischen Staaten, vergeffen liegt und die Begehrlichkeit der Mächte nicht heraussordert. Und doch ist es die Stätte zahlreicher Erinnerungen für uns. In diesem jetzt so stillen Lande lebte und wandelte vor etwa 6000 Jahren unser Stammvater Abraham. Hier lebten vor dritthalbtausend Jahren unsere Vorfahren im Exil, sich in der milden Gefangenschaft so wohl fühlend, daß nur wenige heimkehren wollten, als Cyrus ihnen die Rückkehr nach Palästina freigab. Hier ließ der Prophet Ezechiel seine mächtige Stimme erschallen und hier ruht der Prophet Jonas unter einem riesigen Erdhügel. Ueberall Sagen aus der Bibel, die sich unserem jugendlichen Sin« einprägten, überall Spuren ehemaliger hoher Cultur, die begraben liegt aber geweckt werden kann. Lord Brabason bezeichnet im Novemberheft der Zeitschrift „The Nineteenth Century“ 1884 das Euphratgebiet als das fruchtbarste Land der Welt, wo man doch einen Morgen um weniger als ein Pfund Sterling haben kann. Allerdings ist zur Befruchtung des Landes und zur Wiederherstellung seiner früheren Ertragsfähigkeit die Reconstruction der ehemaligen Canalisirung erforderlich, was große Capitalien erheischen würde, die sich jedoch überaus reichlich verzinsen würden. Noch ein Umstand käme in Betracht. Die nomadisirenden Araberstämme machen es nothwendig, daß gleich am Beginn eine große, starke, wehrhafte Colonie oder deren mehrere, nahe bei einander angelegt werden, weil kleinere, räumlich getrennte Ansiedlungen den räuberischen Ueberfällen der Wüstensöhne, die übrigens feig sein sollen, ausgesetzt wären, oder sie müßten den bewaffneten Schutz der türkischen Regierung erkaufen. Der ehemalige Consul in Jaffa, Baron von Krämer, schrieb ebenfalls im Jahre 1884 über diese Colonisirung: „Niemand, der die wundervolle syrische Ebene kennt, wird bezweifeln, daß deutsche Landwirthe dort eine reiche Quelle des Wohlstandes schaffen könnten, nur ist es wichtig, daß die Ansiedler volle Rechtssicherheit genießen, daher es eine conditio sine qua non sein müsse, daß eine genügende Anzahl von Colonisten sich selbst schütze." Es unterliegt ja nicht dem geringsten Zweifel, daß Europa schließlich nach Asien wird hinübergreifen müssen, um dort den wachsenden Ueberschuß seiner Bevölkerung anzusiedeln und daß dann Mesopotamien der Cardinalpunkt sein werde. Nach den geographisch-statistischen Tafeln des Profeffors Hickman nimmt die europäische Bevölkerung jährlich um 0°88 Percent zu. Gegenwärtig 380 Millionen, wird sie 1910:420 Millionen, 1920 : 460 Millionen, 1950 : 600 und im Jahre 2000 : 940 Millionen zählen, somit um 560 Millionen Menschen vermehrt sein. Diese stattliche Nachkommenschaft wird auch leben wollen, arbeiten und erwerben müssen, während ihr der Raum fehlen wird. Man denke sich den schweren Kampf ums Dasein, fast um Licht und Luft, der dann entstehen wird! Ein großer Theil wird hinaus müssen in entfernte, schwach bevölkerte Weltgegenden. Afrika kann wegen seiner glühenden Landstriche und der fanatischen Mahdistenhorden wenig in Betracht kommen. Amerika wird in absehbarer Zeit gefüllt sein, da sich ein ununterbrochener Strom von Einwanderern dorthin ergießt. Derselbe wird sich alsdann nach Asien richten müssen — die Menschheit zu ihrer Wiege zurückkehren. Jetzt könnte noch ein weites Gebiet unschwer und untheuer erworben werden, das einige Jahre später nicht mehr zu haben sein dürfte. Bedenke man, daß Deutschland bei einer Bevölkerungsdichte von 97 Einwohner per Quadratkilometer (Oesterreich zählt blos 66, Ungarn 56) jährlich um eine halbe Million zunimmt, somit schon 1920 statt der jetzigen 52, 62 Millionen Menschen besitzen wird, so kann man bei dem impulsiven Charakter des deutschen Kaisers mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß er Erwerbungen in Asien suchen werde, um das eigene Land ein wenig zu entlasten. Ein Symptom dafür ist das lebhafte Interesse, welches Kaiser Wilhelm schon jetzt den Forschungen und Vorträgen des eben aus Babylonien rückgekehrten berühmten Assyriologen Professor Friedrich Delitzsch entgegenbringt, dessen am 12. Jänner in Berlin stattfindenden öffentlichen Vortrag „Unter den Palmen des Paradieses" der Kaiser beiwohnen wird! Wenn irgendwie und irgendwo ein „I u d e n st a a t" — natürlich im beschränkten Sinne großer, vereinter, autonomer Gemeinden — denkbar ist, kann es nur in Asien unter der Oberhoheit des Sultans sein, dem die anderen Mächte in dieser entlegenen Weltgegend nichts darein zu reden haben, da ihre Geistlichenorden hier weder heilige Stätten zu bewachen noch Reliquien zu suchen haben. Hier kann noch das Judenthum seine Fahne aufpflanzen! Allen Jenen, die an der Fronte des Judenthums marschiren, für seinen Bestand und seine Erhaltung sorgen, die den Verfolgten ein Asyl, den Bedrängten einen Ausweg und den Heimatlosen eine eigene Scholle schaffen wollen, möge jene erste und älteste Wohnstätte der Menschen empfohlen sein zur Einpflanzung eines „Astes von jenem Wunderstamme — der, gefällt, zerschmettert, doch nicht verdorrt — des Markes Kern versengt von Blitzes Flamme — des Wipfels Zweige, grünend fort und fort!" Teplitz. Leo Herzberg-Fränkel.

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