Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 1 (2.1.1903)
- Date
- 1903-01-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021495--12348-3036937- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 1 Dr. Bloch's Wochsnfchri^. Gelte 3 fügen wir selbst Ihrem Märchen den Schlußsatz hinzu: „Wer's nicht glaubt, zahlt einen Thaler!" Ja noch mehr, wer Ihnen glauben würde, der müßte viele Thaler blechen; denn Sie sind ja doch mit Ihrem Märchen nur auf den Fang von Finanzkunden ausgegangen, denen Sie jetzt mit salbungsvollem Tone und mit der Gemüthlichkeit eines Märchenerzählers vorlügen, Rumänien sei „tolerant" und „wohlwollend", in Rumänien herrsche „Gerechtigkeit" und „Gleichheit". Sie speculiren wohl auf das kurze Gedächtniß der Mitwelt, die vor dem Sensationsereiguiß des Heute die Brutalitäten von Gestern, Ihre Brutalitäten, vergessen soll! Allein neben Ihren Schulden in den europäischen Finanzbüchern sind auch Ihre Missethaten im großen Schuldbuch der Geschichte eingetragen, und keines Ihrer Märchen vermag dieses Conto zu verlöschen. Nur wenn Sie die Schuld bezahlen, können Sie mit einem Saldo abschließen und neuen Credit verlangen. Sonst aber bleiben Sie schwarz angeschrieben. Da Sie auf die Vergeßlichkeit speculiren, wollen wir — zu Ihren Gunsten — annehmen, daß auch Sie vergeßlich sind und nur aus Vergeßlichkeit von rumänischer „Gerechtigkeit" und „Gleichheit" sprechen. Wir erinnern Sie daher an Ihre eigenen Decrete, die Decrete, welche Spiro Haret's Unterschrift tragen, die Decrete, mit welchen das Schulgeld für Juden ins Ungemesseue erhöht wurde — ist das „Gerechtigkeit und Gleichheit?" — die Decrete, mit denen die Juden aus den Schulen ausgeschlossen wurden, indem die für diese Schulen vorgeschriebene Zahl angeblich mit Nichtjuden schon besetzt war — ist auch das „Gerechtigkeit und Gleichheit?" Haben Sie vielleicht vergessen, wie Sie, gerade Sie, Herr Haret, die Juden maltraitirten, als diese, von Bildungsdrang getrieben, unter schwersten Opfern eigene Schulen errichteten? War das „Gerechtigkeit und Gleichheit?" War es „Gerechtigkeit und Gleichheit", als Sie diese Schulen zu schließen befahlen, weil in denselben den Kindern, den religiösen Satzungen gemäß, am Samstag nicht gerade das Schreiben eingetrichtert werden sollte? War es „Gerechtigkeit und Gleichheit" daß Sie verlangten, es müsse an diesen Schulen — nicht der Lehrplan, denn der war der gleiche wie an den orthodoxen Schulen — sondern der Stundenplan der gleiche sein damit der Sabbath von den jüdischen Kindern nicht heilig gehalten werde? Wir haben absichtlich nur von den Ihr Ressort, Herr Haret, betreffenden Gewaltthaten gesprochen, um Ihre Versicherung von Gerechtigkeit und Gleichheit, Toleranz und Wohlwollen in Rumänien Lügen zu strafen. Wir hätten ebensogut die Decrete des Ministers des Innern anführen können, der die Erwerbsfähigkeit der Juden einschränkt, die des Reichskriegsministers, der das Avancement der Juden sperrt, des Handelsministers, des Justizministers, die ihre Existenzen untergraben. Sind alle diese Decrete ein Ausfluß von Gerechtigkeit und Gleichheit, von Toleranz und Wohlwollen? Wenn wir nicht Thatsachen angeführt hätten, welche das Verhalten der rumänischen Minister ins rechte Licht setzen, dann könnte vielleicht ein Senator dieses Landes oder ein Minister — sie sind gleichwerthig — davon sprechen, daß man Rumänien im Auslande „verleumde" — aber auch dann hätte Rumänien nicht das Recht, seine vertragsmäßigen Pflichten zu brechen, nicht das Recht, diejenigen seiner Mitbürger ihrer Rechte zu berauben, die an diesen angeblichen Verleumdungen unschuldig sind Denn nicht die Juden klagen Rumänien an, sondern die Rumänen selbst sind die Kläger. Ihr „Monitorul", Ihre Decrete, Ihre Gesetze, Ihre stenographischen Protokolle der Sitzungen des Abgeordnetenhauses und des Senates sind das Anklagematerial. Wenn Sie dieses wegschaffen werden — dann werden Sie Gerechtigkeit und Gleichheit üben. Sie behaupten, tolerant und wohlwollend zu sein, „selbst gegen Ihre Feinde"! Wen meinen Sie damit? Waren jemals die Juden „Feinde" Rumäniens? Haben nicht Juden mitgeblutet auf den Schlachtfeldern Rumäniens? Weist die Geschichte eine einzige Thatsache auf, daß Juden — wie es die Griechen gethan — mit den Türken oder zu Gunsten der Türken das Land verrathen oder verkauft haben? Werden die Juden etwa deshalb nur als „Feinde" von Ihnen vor Ihrem Volke denuncirt, weil diese armen Juden das ihnen vorenthaltene Recht begehren? Nicht die Juden sind die „Feiude". die Rumänen selbst sind die „Feinde", deren Unthaten vor ganz Europa und Amerika zum Himmel schreien! Sie haben jetzt einem, sage einem, Juden die Naturalisation verliehen, einem von 250.090! Und da glauben sie schon genügend gethan zu haben, um wie die Henne, die ein Ei gelegt hat, vor ganz Europa gackern zu können, seht her, wie tolerant, wie wohlwollend wir sind! Hält man in Bukarest ganz Europa wirklich für so dumm, daß man glauben könnte, diese Eine Naturalisation sei ein Beweis rumänischer Toleranz, rumänischen Wohlwollens? Für so naiv halten wir die Rumänen nicht. Sie wissen, was sie thun, sie wissen, was sie wollen. Wenn sie dem einen Juden jetzt die Natura isation gegeben haben, so haben sie sich sicherlich so einen „Musterjuden" herausgesucht, der reich genug ist, diese Naturalisation zu bezahlen, der vielleicht seine Glaubensgenossen als Parias ansieht und um die rumänische Freundschaft buhlt. Und sie brauchen diesen neugebackenen „Rumänen", um Europa zu sagen: Seht, wir Wilden sind doch bessere Menschen! Sie wollen gerade jetzt Europa „beweisen", daß sie den Berliner Vertrag erfüllen, da sich Rußland und Oesterreich anschicken, von der Türkei die Erfüllung des § 23 des Berliner Vertrages zu erzwingen. Deshalb mußte jetzt der Telegraph die Botschaft von rumänischer Gerechtigkeit und Gleichheit in die Welt Hinausposaunen. Möglicherweise hat aber die rumänische Declamation noch einen andern Zweck. Allzusehr klimpert man in Rumänien mit dem Geldbeutel, allzu oft erklärt man, wie reich das Land sei, wie gut es mit seinen Finanzen bestellt sei, als daß man nicht eine Absicht dahinter wittern müßte, die Absicht, Geld zu borgen, und da der Gläubiger noch nicht vergessen hat, daß der Schuldner im Vertraghalten kein Held ist, so glaubt man ihm jetzt vorschwatzeu zu sollen, daß er „Gerechtigkeit und Gleichheit" übe. Aber die Thaten des Schuldners zeigen nichts von Gerechtigkeit und Gleichheit und seinen Worten darf man daher nicht glauben. In der Schonzeit. So lange die Deutschen mit den Czechen, die Christlich- Socialen mit den Deutsch-Nationalen gegenseitig fich in den Haaren liegen, im Parlamente, in den Gemeindestuben, Gerichtssälen, Volksversammlungen und in der Presse raufen und sich, wie Heine sagt, mit Nachttöpfen, und keinen leeren, bewerfen; so lange die edlen Arier mit einander ringen, haben wir Schonzeit. Die Herren haben fich ihrer eigenen Haut zu wehren und keine Zeit, die unsere zu Markte zu tragen. Für uns ist dieser Kampf, dieser bestialische Bruderkrieg, in welchem man zwar nicht im Blut, aber über die Knöchel im Schmutz watet, eine zeitweilige Erholung, die leider jedoch nicht von ewiger Dauer sein wird, und wir können es bei dem Wandel der Dinge und dem so feilen Charakter der Führer erleben, die Herren Schönerer und Lueger. Brezanowsky und Wolf in brüderlicher Eintracht und Niedertracht ihr vereintes Gift über das Judenthum verspritzen zu sehen. Leben wir doch im Zeichen des Kampfes, des Hasses, der Verfolgung, und es dürfte noch lange währen, bis die entfesselte Bestie bezähmt wird und menschenwürdigere Gefühle aus der Stickluft der jetzigen Gesellschaft austauchen werden. Bei der allgemeinen Verwilderung der Gedanken und der Sitten, bei der guten Kameradschaft zwischen den Regierungen und den clericalen Umsturzparteien sind abermalige Judenverfolgungen durchaus nicht ausgeschlossen in der Zeit, wo der