Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 1 (2.1.1903)
- Date
- 1903-01-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Vr. Bloch's Wochsnschrikk. Nr. 1 Ehe diese Wanderung der österreichischen Juden in die Großstädte begonnen hatte, war jede einzelne Cultusgemeinde in der Lage, für ihre wenigen ortsansässigen Armen selbst zu sorgen und auch noch ein erkleckliches Sümmchen für die Wanderbettler aufzubringen. Das ist heute nicht mehr der Fall. Immer häufiger gelangen Zuschriften von den Provinzgemeinden nach Wien, in welchen verlangt wird, daß für Witwen und Waisen, Kranke und Invalide jener Gemeinden durch Aufnahme in die Wiener Wohlthätigkeitsanstalten Sorge getragen werde, und auch die Frage der Regelung des Wanderbettels wird von den Proviuzgemeinden immer dringender aufgeworfen. Man betrachtet die Wiener Cultusgemeinde in ganz Oesterreich als das große Reservoir, von dem aus alle Armen und Bedürftigen gespeist werden sollen, ünd es ist klar, daß man schließlich an eine Grenzlinie gelangen muß, über welche hinaus auch die Mittel der Wiener Cultusgemeinde und der Wiener Privatwohlthätigkeit versagen müssen. Abhilfe ist da nur möglich, wenn in den weitesten Kreisen die Erkenntniß platzgreift, daß der jahrhundertelang geübte Modus jüdischer Wohlthätigkeit, der sich mit dem bloßen Almosengeben erschöpfte, einer neuen Form weichen müsse, einer Form, die sich den geänderten Bedingungen des Erwerbslebens, der geänderten socialen Schichtung und der geänderten geographischen Vertheilung anpaßt. Wir plaidiren keineswegs für eine Einschränkung des Gemilotli Cliassodim, wir plaidiren aber dafür, daß endlich auch in der österreichischen Judenschaft die Gesetze des socialen Lebens besser erfaßt werden als bisher. Die jüdische Wohlthätigkeit muß fürderhin darauf gerichtet werden, nicht dem Armen in seiner augenblicklichen Noth einen kargen Pfennig darzureichen, sondern durch klar durchdachte und wohlfundirte Wohlfahrtsemrichtungeu die jüdische Armuth zu bekämpfen und für das jüdische Proletariat neue Bedingungen des Erwerbes, neue Möglichkeiten der Arbeit zu schaffen. Nach dieser Richtung hin ist in den letzten Jahren bereits manches Verdienstvolle geschaffen worden. Es sind Corporationen entstanden, welche die Verbreitung des Handwerks unter den österreichischen Juden fördern; die Humanitäts-Vereine B'nai B'rith haben in dem Vereine für Arbeitsnachweis ein durchaus modernes und segensreich wirkendes Instrument geschaffen, um arbeitswilligen Glaubensgenossen die Verwerthung ihrer geistigen und physischen Kräfte zu vermitteln; derselbe Verband hat den „Galizischen Hilfsverein" ins Leben gerufen, mit der Aufgabe, zunächst die Heimarbeit in Galizien zu begünstigen und in weiterer Folge die Errichtung größerer Industrien zu betreiben, durch welche neue Haudelswerthe in Galizten selbst geschaffen werden können. Und als eine nothwendige Ergänzung all' dieser socialpolitischen Bestrebungen darf auch die Errichtung des Rechtsschutzbureaus der „Oesterreichisch-Israelitischen Union" angesehen werden, das berufen ist, nicht nur die staatsbürgerlichen Rechte unserer Glaubensgenossen zu schützen, sondern auch Behinderungen auf gewerberechtlichem Gebiete zu beseitigen. Hand in Hand mit all' diesen Anläufen zu einer Neugestaltung jüdischer Wohlfahrtspflege muß endlich mit entsprechender Energie die Forderung nach Centralisirung und möglichster Fusionirung aller einzeln wirkenden Corporationen durchgeführt werden, wenn einer Zersplitterung der Kräfte vorgebeugt werden soll. Es kann und soll aber nicht unterlassen werden, auf deu wunden Punkt hinzudeuten, an welchem all' diese neuen Institutionen, all' diese Reformpläne kranken. Ihre gedeihliche Wirksamkeit hängt zum guten, ja zum besten Theile davon ab, daß die jüdischen Großen, oder sagen wir deutlich: daß die reichsten Juden gleichfalls die Pfiichten erfüllen, welche die veränderten Verhältnisse ihnen auferlegen. Es ist ja richtig, daß sie sich, um ein modernes Schlagwort zu gebrauchen, „den Pflichten des Besitzes" bisher nicht entzogen haben. Aber die Ausübung dieser Pflichten hat sich in dem hundertjährigen ausgefahrenen Geleise des Almosengebens bewegt. Es wurde und es wird, das muß zugestanden werden, viel gegeben, allein es ist die Frage, ob am richtigen Orte und zum richtigen Zwecke gegeben wird. Man muß mit Bedauern constatiren,. daß unsere jüdischen Großen mit wenigen rühmlichen Ausnahmen den oben aufgezählten Wohlfahrtseinrichtungen noch immer ziemlich fremd und kühl gegenüberstehen, obzwar ja gerade sie es. find, welche durch die Fortdauer der gegenwärtigen Zustände und deren zunehmende Verschlimmerung zu allernächst in Mitleidenschaft gezogen werden müssen. Wen trifft denn jede neue Steuerreform zu allernächst und zu allermeist? An wen muß herangetreten werden, wenn die Geldmittel der Cultusgemeinde für die unausgesetzt sich steigernden Anforderungen nicht mehr ausreichcn? Doch immer an die Reichsten l Die Auslagen für die Armenpflege zu fruchtbringenden zu gestalten, schwankende Existeuzen zu stützen, gebrochene aufzurichten, ganzen großen Bevölkerungskreisen neue Erwerbsquellen zu erschließen, ihre bürgerlichen Rechte gegenüber feindseligen Angriffen und gegenüber der Mißgunst oder Indolenz der staatlichen Verwaltung schützen zu helfen, das Alles läge in unmittelbarstem und ureigenstem Interesse der jüdischen Patricier, und wenn sie ihre Stellung richtig begriffen, so müßten sie, statt kühl abseits zu stehen, an die Spitze all dieser Unternehmungen treten und die Führung in dieser neuen Art jüdischer Wohlthätigkeitspflege übernehmen. Langsam greift die Erkenntniß von der Richtigkeit dieser Erwägungen in den erwähnten Kreisen bereits um sich, aber viel zu langsam für die drängende Noth, für das wachsende Elend. Es ist ja gar keine Frage, daß der Rechtsschutz, der Arbeitsnachweis, die Hilfe für Galizien, die Förderung von Ackerbau und Handwerk unter den Juden viel rascher und viel segensreicher durchgeführt werden könnten, wenn sie unter der persönlichen Patronanz jener Männer stünden, die durch Besitz und sociales Ansehen unter ihren Glaubensgenossen eine hervorragende Stellung einnehmen und über bedeutenden Einfluß verfügen. Was wir hier ausgesprochen haben, soll nicht als Vorwurf gedeutet werden, denn wir anerkennen mit aufrichtigem Danke die großen Verdienste, welche sich das Wiener jüdische Patriziat um das Wohl unserer Cultusgemeinde und um die Linderung der Armuth erworben hat. Es soll eine Anregung sein für die Zukunft, ein Appell nicht nur an das jüdische Herz, sondern auch an den jüdischen Verstand, der die Berechtigung dieser Darlegung gewiß nicht bestreiten kann. Rumänische »Gerechtigkeit mb Gleichheit". Eines der liebenswürdigsten Märchen des Meistererzählers Grimm schließt bekanntlich mit den Worten: Wer's nicht glaubt, zahlt einen Thaler! Man muß unwillkürlich sich dieses Märchenschlusses erinnern, wenn man die neueste Enunciation eines rumänischen Ministers liest. Die Rede, die der Unterrichtsminister Spiro Haret im Senat bei Gelegenheit der Naturalisation eines, sage eines, Juden hielt, überfließt von „Gerechtigkeit" und „Gleichheit", er klärt die gegen Rumänien vorgebrachten Anklagen als „Verleumdungen, die er nicht näher beleuchten wolle", und schließt mit der Versicherung, daß „Rumänien tolerant und wohlwollend sei gegen Jedermann, auch gegen seine Feinde!" Sie sind ein Märchenerzähler, Herr Haret, aber noch lange kein Grimm, und Sie haben offenbar nur aus Vergeßlichkeit Ihrem Märchen den Schlußsatz nicht hinzugefügt: „Wer's nicht glaubt, zahlt einen Thaler!" Wir aber und, wie wir glauben, mit uns ganz Europa, mit Ausnahme der Antisemiten, entbehren doch der Naivetät, um solche Märchen für baare Münze zu nehmen, und darum