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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-01-02 · 1 (2.1.1903) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
1 (2.1.1903)
Date
1903-01-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Iahrgini- XX Nr. 1 Dr. Bloch s Centralorgsn für die gessmmten Iiiterrlsen des Iudenthums. X= K. ft. Postsparcaffen-Arnt Clearing-Verkehr Ar. 810.976. Led.iction und Administrativ» Wien IX’l, Verggasse Ar 39. Tai8phon Nr. 14.847. U- Mien^ 2. Jänner 1903. =» Erscheint jeden Freitag. -n-—*- Brief-Adresse: Wien, IX/I, Berggasse 39. Telegramm-Adresse : Bloch e Wochenschrift, SEDtem =» Bcjugaprei» für Seit erreich ' ai i'jährig 8 Kronen. Ein;,'leremplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzetgeni Die 4mal gespaltene Pet!»;ei!c 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Jüdische Wohlthätigkeit. — Rumänische „Gerechtigkeit und Gleichheit". — In der Schonzeit. — VomJahrmarktdes Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Die Generalversammlung des israelitischen Tempelvereines für Mariahilf und Neubau. — Ein Heim für schwachsinnige Kinder. — Correspondenzen: Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes. Wien. Die Vorstände der israelitischen Cultusgemeinden sind Behörden. Rzeszow, Przemysl, Marienbad, Saaz, Witkowitz, Troppau, Budapest. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Dobrisch, Bisenz, Preßburg, Pistyan, Tyrnau, Sarajewo. — Feuilleton: Drei R. — Brieflasten. — Notiz. — Aufruf. — Inserate. Jüdische Wohlthätigkeit. Bei der Berathung des Cultusbudgets entwickelte sich über die Ausgaben für Wohlthätigkeitszwccke eine bemerkenswerte Discussirn, in welcher von der einen Seite betont wurde, daß die Cultusgemeinde angesichts der Thatsache, daß für verschiedene Wohlthätigkeitszwccke bereits 33 Percent des Gesammtbudgets verwendet werden, an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit nach dieser Richtung angelangt sei, während von anderer Seite eine Beschränkung des Gremiloth Chassodim für unstatthaft erklärt wurde. Gleichzeitig mit dem Berichte über diese Verhandlungen veröffentlichten wir eine Zuschrift, in welcher darüber Klage geführt wurde, daß hervorragende Personen unserer Cultusgemeinde eine Unterstützung der Wiener jüdischen Armenanstalt mit dem principiellen Einwande ablehnen, es solle zunächst eine Centralisirung und Fusiouirung aller öffentlichen und privaten Wohlthätigkeitsanstalten und die Einsetzung der geplanten Bezirksarmencommissionen platzgreifen. Alle diese Vorgänge beweisen, daß die Pflege der jüdischen Wohlthätigkeit in Wien an einem kritischen Punkte angelangt ist und daß früher oder später einer gründlichen Reform dieser wichtigen Agende unseres Gemeindelebens nicht auszuweichen sein wird. Von den oben citirten, scheinbar gegensätzlichen Anschauungen ist die eine wie die andere im gleichen Maße berechtigt. Eine weitere Belastung des Budgets der Cultusgemeinde durch Ausgaben für Armenpflege erscheint ohne eine neuerliche Erhöhung der Steuerlasten vollständig ausgeschlossen. Eine solche dritte Steuerreform aber würde doch wieder nur ein kurzlebiges Palliativ sein. Der Pauperismus unter den Wiener Inden nimmt erschreckende Dimensionen an. Während auf der einen Seite die politische Gemeinde sich ihrer Pflicht der Armenversorgung gegenüber den Angehörigen jüdischer Confession vollständig entschlägt, wächst der Zuzug des jüdischen Proletariats in die Reichshauptstadt unausgesetzt ins Unermeßliche. Da nun die private Wohlthätigkeitspflege immer nur auf denselben Kreis von wenigen Hundert Personen beschränkt bleibt, so ist es klar, daß diese Personen mit der Zeit eine immer größere und zuletzt kaum noch erschwingliche Steuerlast würden auf sich nehmen müssen. Aber gerade die hier geschilderten Verhältnisse geben auch jenen Stimmen Recht, die da sagen, daß eine Beschränkung der jüdischen Armenpflege gerade im gegenwärtigen Augenblicke durchaus unstatthaft wäre. Aus diesem Widerspruche gibt es keinen anderen Ausweg als eine durchgreifende Reform der jüdischen Wohlfahrtspflege auf Grund jener Principien, welche seinerzeit in der Armen Enquete in so überzeugender Weise verfochten wurden, ohne daß bisher leider zu ihrer Durchführung auch nur das Geringste geschehen wäre. Diejenigen, welche auf eine Centralisirung und Fusionirung aller privaten und öffentlichen Humanitätsanstalten drängen — es sind dies gerade die einsichtigsten Elemente unserer Cultusgemeinde — halten sich dabei ganz richtig vor Augen, daß die sociale Structur und die geographische Vertheilung der österreichischen Judenschaft im Laufe der letzten fünfzig Jahre eine grundstürzende Wandlung erfahren haben. Der Proceß der Entvölkerung und Verarmung alter, ehemals bemittelter und angesehener Cultusgemeinden in Böhmen und Mähren schreitet immer weiter und immer rapider vorwärts. Zuerst waren es die reichsten Leute, die aus den Provinzgemeinden in die Centren des Handels und der Industrie auswanderten. Die zurückbleibenden Elemente verarmten doppelt rasch, da nun die commer^ielle Befruchtung durch die fortgezogenen großen Kaufleute fehlte. Viele von ihnen folgten dem Beispiele der Bemittelten, in der Hoffnung, sich an den großen Sammelpunkten des Verkehrs leichter eine Existenz gründen zu können. Dazu kam die Ungunst der Verhältnisse in Galizien, wo durch volkswirthschaftliche Maßregeln, welche zunächst dem allgemeinen Besten galten, der einst blühende jüdische Handel unterbunden wurde, und wo später der wirthschaftliche Antisemitismus nackt und grell hervortrat und direct die Aushungerung der Juden proclamirte. Ein Strom von armen Leuten ergoß und ergießt sich seither unaufhaltsam in die Mauern Wiens. Man darf es ruhig aussprechen, daß diese Hochfluth proletarischer Elemente eine stetig wachsende Gefahr für den materiellen und culturellen Bestand der Wiener Cultusgemeinde bildet.

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