Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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>>ir. 52 . Dr. BLock's Wochenfchrrst. 'verte 855 Mädchen durchaus nicht in ihrem Plane. Nach Art vieler Mütter, welche von einer reichen Heirat ihrer Söhne die Mittel zu einem ruhigen sorglosen Alter nach einem arbeits- und entsagungsvollen Leben erwarten, sträubte sie sich anfangs gewaltig gegen seine Bewerbung um die Liebe des braven, aber ach, so armen Mädchens. Schließlich gab sie nach. Nicht der Umstand, daß sie ein wohlthätiges Werk stifte, wenn sie der Waise nach einem frommen Gelehrten zu einer in ihren Augen guten Partie behilflich war, sondern ein anderer Umstand hatte sie zu einem raschen Jawort bewogen. Hugo ließ seine Absicht durchschimmern, im Falle seine Mutter es nicht gestattete, daß er ein armes, aber braves Mädchen zur Frau nehme, sich seine Braut aus Kreisen zu erkiesen, die ihr noch weniger behagen würden. Von dem Charakter des Sohnes konnte sie Alles gewärtigen, Alles befürchten. Die Einwilligung des Mädchens schien Mutter und Sohn außer Frage zu sein. Sie mußte es doch als Glück betrachten, wenn sie überhaupt unter die Haube käme. So war es auch. Paula betrachtete es als Glück, eine solche Versorgung zu finden, überhoben zu sein, ihr ganzes Leben als Gouvernante zu verbringen, was ihr jetzt nicht mehr in so rosigem Lichte erschien, wie einstmals ihrer Mutter. Nicht zuletzt war es der Gedanke an diese, welche keinen anderen Wunsch mehr hatte, als ihre Perl unter die Chuppe zu führen, welcher sie zu einem freudigen „Ja" bewog. Als Hugo ihren schüchtern ausgesprochenen Wunsch, die Mutter nach der Hochzeit zu sich zu nehmen, erfüllte, da bildete sie sich selber ein, ihren Verlobten recht lieb zu haben. Nachdem Frau Malke Alles zu Geld gemacht hatte, um ihre Tochter auszustatten, sagte sie scherzend, daß sie jetzt erst den Ursprung der Redensart verstehe: Wenn ein Mädchen zur Welt käme, daß alle Wände des Hauses weinten. Natürlich, denn sie wissen im Vorhinein, daß sie einst all ihres Schmuckes entkleidet werden, um die Tochter auszustatten. Meine schönen Messingwandleuchter, meine Kupferplatten — und Pfannen, die meine Stube verzierten, mußten abgenommen werden, um das Kind auszustatten. Trotz ihrer unendlichen Liebe zu ihrem einzigen Kinde entschloß sich die alte Rabbinerin nur nach vielem Zureden und Bitten und Weinen der Tochter ihr gemüthliches Heim in B. zu verlassen und ihren Kindern nach Prag zu folgen. Sie that das erst dann, als ihr zugesichert wurde, daß sie auch daselbst ihr früheres Metier, die Stickereiarbeit, betreiben dürfe. Sie wollte keinem Menschen zur Last fallen. Malke vertrug sich gut mit dem Schwiegersöhne. Wer hätte sich übrigens nicht gut mit dem alten Mütterchen vertragen, das nur für Andere lebte und selbst so ungemein anspruchslos war. Es war ja gar nicht anders möglich, als daß Hugo freundlich gegen sie war. Trotzdem erklärte sie nach einem halben Jahre, daß sie zurück in ihre Heimat gehe, nachdem sie sich an das Leben in Prag nicht gewöhnen könne. Paula geberdete sich wie verzweifelt. .Mutterleben, wie kannst Du fortgehen, mich allein lassen?" „Allein? Du hast ja bis hundert Jahre Deinen Mann!“ „Nein, Mutter, wenn Du mich verläßt, bin ich ganz allein." „Darum eben gehe ich, Kind", sagte die Mutter in strengem Tone, „zwischen Eheleute soll sich Niemand drängen, nicht einmal eine Mutter. Jeder Dritte ist da zu viel/ Malke's durch die zärtlichste Liebe geschärftem Mutterauge war es nicht verborgen geblieben, daß es zwischen den jungen Eheleuten nicht so war, wie es sein sollte. Es kamen wohl keine Zänkereien, keine sogenannten Auftritte vor wie bei Leuten einer geringeren Bildungsstufe, aber eine Gleichgiltigkeit, ja Kälte nahm zwischen ihnen überhand, die der erfahrenen Frau gefährlicher schien, als etwaige Zornesausbrüche, die in den meisten Fällen mit Versöhnung und vermehrter Zärtlichkeit zu enden pflegten. Malke betrachtete sich selbst als die unfreiwillige Urheberin dieses Zustandes. Daß Hugo ihre Perl eigentlich gerne hatte, das stand bei ihr außer allem Zweifel. Warum hätte er sie denn geheiratet, er, der viele Tausende Mitgift hätte bekommen können. Wenn er trotzdem ein armes Mädchen wählte, so konnte dies ja nur aus Liebe geschehen. Darum betrachtete sie sich selbst als die Schuldige. „Wäre ich nicht da", so sagte sie sich, „wäre keine Entfremdung zwischen den Ehegatten eingetreten/ Darum wollte sie fo.r von ihnen, zurück in ihr altes Stübchen im Gemeindehaus zu B. Das war ja schließlich das Schicksal aller Mütter, wenn sie das Sehnen ihres Herzens erfüllt und die Tochter unter den Trauhimmel gebracht haben, einsam und allein den Lebensrest zu verbringen. Der weinenden jungen Frau sagte sie immer wieder: „Du hast die Zeit und die Aufmerksamkeit, welche Du für Deinen Gatten aufwend n solltest, mir gewidmet. Das war ein F-chbr von Dir und von mir, die ich dies geduldet habe. Du hättest keinen Moment daran vergessen sollen, daß er Dich als ganz armes Mädchen geheiratet hat, solltest ihm für diesen Edelsinn immer dankbar sein, nicht aber Dich wie ein trotziges Kind an der Schürze der Mutter halten, wenn Dir etwas an Deinem Manne nicht recht ist. Dem für die Folge auszuweichen, darum gehe ich weg." „Nein, nein, Mutter, das ist es nicht! Er hat Dich beleidigt, gekränkt, das soll er mir büßen, daß er Dich von mir sorttreibt!" „Du irrst mein Kind! Du thust ihm Unrecht. Er ist freundlich und gütig zu mir, aber ich sehe es ein, es ist bester, wenn ich Platz mache." (Fortsetzung folgt.) Literatur. Eine der interestantesten Publicationen auf jüdisch-zionistischem Gebiete, von der man seltsamerweise in Parteischriften nichts erwähnte, ist die Schrift des bekannten rumänischen Agitators und Gelehrten Dr. Med. K. Lippe: „Meine fünfundzwanzigjährige zionistische Agitation". Die Schrift bietet einen Extract aller im Verlaufe von 25 Jahren gehaltener Reden und Borträge des Verfassers über den Zionismus und seine Begründung in der jüdischen Literatur. Sie versucht die drei nationalen Gegensätze von Astimilismus, Antisemitismus und Zionismus im Verlaufe der ganzen Geschichte Israels aufzudccken; sie spricht von den Verfolgungen, deren Israel aus gesetzt war und ist, von dem Verhalten Israels unter den Nationen, von der Culturmiffion Israels unter den Völkern in so fesselnder und anregender Weise, daß man darüber manche Wiederholungen und den Mangel eines organisch gegliederten Ganzen übersieht. Auch stören zuweilen die vielen C'tate aus dem Schriftthum, deren sich der Verfasser zur Bekräftigung seiner Anschauungen bedient, den Zusammenhang. Allein mancher der sinnreichen Aussprüche ist als Probe rabbinischer Weisheit und Scharfsinnes intereffant. Bor Allem beachtenswerth ist aber die Einleitung der Broschüre als ein übersichtliches Bild der Thätigkeit Lippe's auf zionistischem Gebiete. Schon in früher Jugend interestirte sich Lippe für das heilige Land und für jede Botschaft, die aus demselben zu ihm drang. Im Jahre 1878 erschien das im jüdisch-deutschen Dialect verfaßte Buch eines gewissen Israel Bermann aus Palästina, worin er über seine landwirtschaftlichen Erfahrungen rn Jerusalem und über seinen Erfolg daselbst berichtete. Zu derselben Zeit erhielt Lippe aus Bucarest von Akiva Chaschmal ein Schreiben, worin ein gewiffer Lazar Rokeach aus Jaffa angekündigt wurde, der nach Rumänien kam, um die Colonisation Palästinas durch Juden anzuregen. Diese drei Männer haben sich nun mit einigen Anhängern zusammengethan und einen Palästina-Verein constituirt, dessen Leitung Lippe übertragen wurde. Im Jahre 1881 waren bei der ersten Generalversammlung in Fokschan bereits 65 Comites des Palästina-Vereines vertreten und im Jahre 1882 bezogen zwei Gruppen rumänischer Auswanderer zwei Ansiedelungsplätze in Palästina und gründeten die Colonien Ge-Oni (j-tzt Rosch-Pma) und Samarin (jetzt- Sichron Jacob). Die Colonien haben nicht reustirt. Nach einer Ausgabe von 300.000 Francs war man genöthigt, die Hilfe der Alliance anzurufen, und dennoch waren diese beiden Ansiedelungen späteren Colonisten von Nutzen, die aus den Mißerfolgen dieser Pionniere lernen konnten und so mancherlei Fehler vermieden. Aber nicht nur durch die Gründung dieser Colonien und durch seine Bemühungen zur Erhaltung derselben hat sich Lippe um die zionistische Agitation Verdienste erworben, auch als Redner