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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-12-26 · 52 (26.12.1902) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
52 (26.12.1902)
Date
1902-12-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 854 Dr. Blorh's Worhonfthrifk. Nr. 52 Breslau. Am 6. December verstarb Hierselbst im Alter von 90 Jahren eines der hervorragendsten Mitglieder der hiesigen Gemeinde, Herr Salo.mon Weigert. Der Verstorbene war Ehrenmitglied der Gesellschaft der Freunde und der Gesellschaft der Brüder, jahrzehntelang Mitglied der Armencominission. Wohlwollenden und milden Sinnes, voll Mitgefühl mit den Leiden seiner Nebenmenschen bethätigte er sich allzeit freudig auf dem Gebiete der Nächstenliebe und erwies sich den Armen und Bedrückten als ein Wohlthäter im edelsten Sinne des Wortes. Die Leichenfeier fand am 9 d. M. Nachmittag in der neuen Synagoge am Stadtgraben statt. Lange vor Beginn der Trauerfeierlichkeit war der monumentale Bau dicht gefüllt. Vor dem schmucklosen Sarg, um welchen Blattgewächse und umflorte Kandelaber aufgestellt waren, nahmen Vorstand, Repräsentantenversammlung, die Armencommission, die Commission der neuen Synagoge, der Vorstand der israelitischen Waisenverpflegungsanstalt mit einer Delegation von zehn Mädchen und Knaben 2c. Aufstellung. Zu Beginn der Feier stimmte der Synagogenchor unter den Klängen der Orgel das Lied an: „Alles Fleisch wie Gras", dann hielten die beiden Gememderabbiner Dr. Guttmann und Dr. Rosenthal tief ergreifende Gedächtnißreden, in welchen das Wirken des Verblichenen im Dienste der Gemeinde und besonders auf dem Felde der Wodlthätigkeitsvflege gebührend gewürdigt wurde. Nachdem das Chorlied „Empor zum Licht" verklungen war, trug zum Schluß der Obercantor Cerini noch das erhebende Todteufeierlied: „Herr, was ist der Mensch" vor. Sodann ordnete sich der schier endlose Conduct, den eine unabsehbare Reihe von Wagen beschloß. Mattes Schneellcht erhellte noch den scheidenden Wintertag, als man auf dem alten Friedhofe an der Lohestraße die sterblichen Reste Salomon Weigert's an der Seite seiner im Tode vorangegangenen Gattin beisetzte. Pasewalk. Der hiesige Rabbiner Herr Dr. E. F i n k e l vermählt sich am 25. December l. I. um 4 Uhr Nachmittags in Posen mit Fcäulein Wanda Rothholz, Tochter der Frau Helene Rothholz aus Czempin. Weener (Ostfriesland). Der bekannte plattdeutsche Dichter Louis Israels ist mit großer Majorität zum Bürgervorsteher wiedergewäblt worden. Die Antisemiten hatten gegen die Wiederwahl Jsrael's, der seine patriotische Gesinnung und seine Verehrung sür den Fürsten Bismarck in zahlreichen plattdeutschen Gedichten zum Ausdruck gebracht hat, eine heftige Agitation entfaltet, sind aber von der überwiegenden Mehrheit der hiesigen Bürgerschaft gründlichst abgewiesen worden. Feuilleton. Drei U. Novelle von Dabette Fried, Prag. (Fortsetzung.) UL So wie es die beiden Frauen an jenem trüben Wintertage besprochen hatten, so geschah es auch. Ihrer Schwester Fradl zu Liebe, welche bei der alten Rabbinerin immer Unterstützung fand, so oft sie dieselbe benöthigte, nahm Frau Werner Paula für ein mäßiges Kostgeld zu sich, und war ihr behilflich, sich zur Lehrerin auszubilden. Paula's Abschied von der Mutter war herzzerreißend. Sre sollte es erst lernen, ferne von der zu leben, deren Alles si2 war, von der sie Früh mit einem Kuffe geweckt und Abends mit einem Kuffe zu Bette gebracht wurde. Dann aber, so wußte sie. arbeitete die Mutter noch stundenlang beim Scheine der dürftigen Petroleumlampe, um ihr das Notwendige zu schaffen. Ihren Vater hatte Paula nicht gekannt, wenigstens wußte sie sich seiner nicht zu erinnern. Geschwister hatte sie niemals beseffen. Die ganze Liebe, deren ihr junges Herz fähig war, concentrirte sich in der Verehrung für ihr Mütterchen. In d:ese Verehrung mischte sich auch nicht wenig Stolz, wenn sie sah, wie ihre Mutter in der Gemeinde von Jung und Alt, Arm und Reich geehrt wurde ihres Fleißes und ihrer Sparsamkeit wegen, ihres Charakters wegen, der es nicht zuließ, daß sie von irgend Jemanden eine Unterstützung annahm, so oft ihr dieselbe auch von den reicheren Gemeindemitgliedern nach dem Tode des Rabbiners geboten wurde; geachtet auch wegen ihrer bei einer Frau ungewöhnlichen. Kenntniß der Bibel und anderer jüdischen Werke, ihrer reichen Erfahrung wegen, die sie gerne Jedem mittheilte, der sie zu erfahren wünschte. Jetzt sollte Paula dieses treue Mütterchen verlassen, welches sie so liebt-, auf welches sie so stolz war, sollte hinaus in die weite große Welt, in welcher sie sich verlor wie ein kleines einzelnes Sternchen dort auf dem dunklen Nachthimmel. Doch die verständige Mutter sagte ihr zu ihrem Tröste, daß auch diese Sternlein. Gott der Herr gezählt hatte, keines gehet verloren, jedes ist für sich eine Welt, welcher der Weltenschöpfer seine Bahn vorgeschrieben hat. „Auch du wirst im Menschengewühle der Stadt nicht verloren gehen, Gott wird dich bewachen und beschützen, daß du dein Ziel erreichst, das heißt, wenn du brav und fromm bleibst wie bisher und der Verführung der Großstadt nicht erliegst." Molke Eisner wollte nach der Abreise ihrer Tochter nicht allein in der kleinen Wohnung verbleiben. Sie nahm ihre alte Freundin Fradl. die Schwester von Frau Werner zu sich. Für diese war dies eine große Wohlthat, ersparte sie ja dadurch so viel an Miethzins, Beleuchtung und Beheizung und konnte sich hie und da mit Frau Malke satt effen. Die regelmäßig einlangenden Briefe von Paula bildeten den Lichtstrahl in dem einsamen Leben der beiden alten Frauen. Jährlich zur Zeit der Ferien kam Paula nach Hause, und da schlug Fradl gar oft verwundert die Hände zusammen über die große Gelehrsamkeit, welche das Kindleben entfaltete. Malke aber schüttelte den Kopf: „Das ist immer noch nichts. Das Fräulein in Prag hat viel mehr gekannt, die hat noch ganz anders zu sprechen verstanden, wie Perl." So waren 4 Jahre vergangen. Paula hatte fleißig gelernt und hatte ein glänzendes Abgangszeugniß erhalten. Voller Freude eilte sie zu Frau Werner, ihr das prächtige Zeugniß zu zeigen. Mein gutes Mütterchen, was wird D i e sagen, das war ihr immerwährender Jubelruf. Noch am Tage der Zeugnißvertheilung gab ihr der Director der Lehrerinnenbildungsanstalt die Adresse einer reichen Judenfamilie, welche für ihre Heranwachsenden Töchter eine Lehrerin, beziehungsweise Erzieherin und Gesellschafterin wünschte. Paula stellte sich vor. Gleich Cäsar konnte sie von sich sagen: Veni, vidi, vici. Sie kam, sah oder eigentlich wurde gesehen und nahm gleich durch ihr bescheidenes schlichtes Bcnehmen die Herzen der Dame des Hauses und deren Töchter gefangen. Am 1. August, dem damaligen ersten Ferialtage, hatte sie sich im Hause des reichen Fabrikanten Krakauer vorgestellt, und dem Willen der Hausfrau gemäß hätte sie sofort ihren Posten antreten sollen. Sie erbat sich aber die Erlaubniß erst am 15. kommen zu dürfen, weil sie vorher nach Hause möchte, um von ihrem Mütterchen Abschied zu nehmen und sich ihre Kleider, Wäsche und sonstigen Effecten in Ordnung zu bringen. Da die Familie erst Mitte August die Badereise, auf welcher Paula sie begleiten sollte, antrat, wurde ihr dieser Aufschub des Dienstantrittes gewährt. Als wohlbestallte Gouvernannte trat sie vor ihre Mutter und deren Mitinwohnerin. Der Traum Frau Malkes war in Erfüllung gegangen. So hatte sir sich das Los ihres Lieblings gewünscht. Ohne körperlich schwer arbeiten zu müssen, konnte Perl ein Fräulein spielen, schön gekleidet gehen, Clavier spielen und mit vornehmen Leuten verkehren. Wenn Malke allein war. faltete sie oft die Hände zum Gebete und ihre Lippen lispelten Dankesworte zu dem Spender alles Guten, dem Horte der Witwen und Vater der Waisen. Paula trat rechtzeitig ihren Posten an. Das Haus der Frau Werner war ihr die zweite Heimat geblieben. An den wenigen Tagen, an denen sie Urlaub hatte, besuchte sie die Frau, unter deren Schutz und mit deren Hilfe sie ihre harte Lehrzeit verbrachte. Dort sollte ihr Leben abermals eine Wendung erhalten. Frau Werner hatte einen Sohn, der viele Jahre hindurch vom Hause der Mutter entfernt war, da er eine gute Anstellung im Auslande hatte. Was draußen vorgefallen, hatte weder Frau Werner noch Paula jemals erfahren, so auffallend es ihnen auch war, daß er unvermuthet zurück kam, um sich in der Häusern Heimat eine Existenz zu gründen. Mit Empfehlungen von großen ausgerüstet, gelang es ihm nach längerem Suchen, die Stelle als Leiter einer technischen Unternehmung zu bekommen. Im Hause seiner Mutter lernte er Paula kennen und — lieben. Gewohnt, immer nur ohne Ueberlegung, dem Gelüste seines Herzens zu folgen, war es sein fester Entschluß, das Mädchen, das ihm gefiel, auch zu seiner Frau zu machen. Er sprach mit seiner Mutter darüber. Diese war von dem Entschlüsse ihres Sohnes wenig erbaut. So lieb sie auch Paula hatte, so lag die Verbindung ihres Sohnes mit einem ganz armen

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