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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-12-26 · 52 (26.12.1902) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
52 (26.12.1902)
Date
1902-12-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 52 ®eüe 861 Ar. Bloches WochrnfäLrU-d in dieser Angelegenheit gemeinschaftlich Vorgehen werden; aber ich hoffe, daß England und Amerika sich unter allen Umständen in dem Bestreben zusammenfinden werden, einen besseren Zustand zu Wege zu bringen. In Rumänien selbst setzen die Juden große Hoffnungen darauf, daß die großen jüdischen Bankbäuser einen finanziellen Druck ernstester Art auf die rumänische Regierung ausüben können, wenn diese demnächst ihren Beistand brauchen wird. Schatzanweisungen im Gesammtbetrag von 175 Millionen Francs werden im December 1904 fällig und werden erneuert werden müssen. Wenn diese Operation vorübergehen sollte, ohne daß ein bessere Behandlung für die jüdischen Unterthanen König Carols erwirkt wird, wird ihr Los in der Tyat ein beklagenswerthes sein. Aus New-Aork berichtet: Schade, daß nicht alle maßgebenden Staatsmänner Europas von demselben Sinne für Recht und Gerechtigkeit beseelt sind, wie Herr A. D. White, sonst würden die Bestimmungen des Berliner Vertrages längst auch in Rumänien, Macedonien und Armenien ausgeführt sein. — Mit dem im Briefe des Botschafters erwähnten „Roumanian Bulletin" ist eine Aufzählung der vielen Gesetze gemeint, die in Rumänien seit 20 Jahren erlassen worden sind, um die Erwerbsfähigkeit der rumänischen Juden einzuschränken und deren Kinder von den öffentlichen Schulen fernzuhalten. Auch das Schreiben, mit dem der amerikanische Staatssecretär Hay in hebräischer Sprache auf die Begrüßung des Rcv. Dubow von Evansville geantwortet hat, schließt sich obiger Erklärung würdig an. Es lautet in deutscher Uebertragung: „Mann Gottes! Ich erhielt deinen Brief und war erfreut, daß meine Thätigkeit für deine verfolgten Brüder im Königreich Rumänien bei dir Anerkennung gefunden hat. Friede mit dir und deiner Gemeinde B'nai Mosche. Ich bete zu Gott, daß er alle deine Brüder in Evansville in allen ihren Bemühungen, den körperlichen wie den geistigen, segne, und daß der Gott des Friedens mit dir sei in Ewigkeit. Ich bleibe dein Freund! John Hay." Prag. Im Verein zur Verbreitung und Förderung der Wissenschaft des Judenthums „Afike Jehuda" hielt am 18. d. Herr Rabbiner Dr. Nathan Grün einen Vortrag: „Leben und Wirken eines berühmten jüdischen Staatsmannes." Zu dem im großen Saale des „Hotel Bristol" ftattgehabten Vortrage hatte sich eine sehr zahlreiche Zuhörerschaft eingefunden, denn Dr. Grün ist als Vortragender bestens bekannt und versteht es, eine Fülle von Gedanken in anziehender Form zu kleiden und bei seinen Zuhörern belehrend und anregend zu wirken. Der berühmte Staatsmann war Don Jsak Abrabanel, dessen vielgestaltiges, wechselreiches Leben und dessen hervorragendes Wirken der Vortragende in anschaulicher Weise schilderte. Doch weniger dem berühmten Staatsmann als dem großen Juden galten die hochinteressanten Ausführungen des Redners, er würdigte eingehend die reiche literarische Thätigkeit Abrabanel's, wies nach, wie seine Werke das Gepräge eines großen Geistes und einer ausgcbreiteten Gelehrsamkeit tragen und wie sie alle von seiner Liebe für das Judenthum und für das jüdische Volk durchleuchtet sind. Besonders kommt diese Liebe in seinen nach der Vertreibung der Juden verfaßten Werken zum Ausdruck, die wehmüthige Stimmung liest man ans jeder Zeile, die Leiden seines Volkes erfüllen sein treues jüdisches Herz, es ist die heilige Weihe des tiefen Schmerzes über das Ganze ausgebreitet. Und ans diesem Schmerze rafft er sich auf, sein Volk zu trösten. Die beiden Werke: „Quelle des Heils" und „Heilsverkündigung", sollen die gebeugten Glanbensbrüder aufrichlen. Herr Dr. Grün nahm im Verlaufe seines Vortrages in zeitgemäßen Vergleichen auch auf die Ereignisse und Zustände der Gegenwart in trefflicher Weise wiederholt Bezug. Dem lehrreichen Vortrage folgte am Schluffe la: ganhaltender lebhafter Beifall. x. Berlin. An die Redaction der „Oesterreich i f ch e n Wochenschrift", Wien. „Ein Abonnent" stellt den Streitpunkt vollständig falsch dar. Es handelt sich nicht darum, alle Christen zu entlassen, sondern diejenigen Antisemiten, denen in einer jüdischen Brotstelle Gelegenheit zu politischer, antisemitischer Agitation gegeben ist. Hiezu ist mau moralisch nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet. „Ein Abonnent" scheint seinen Standpunkt insofern wenigstens modificirt zu haben, als er nicht mehr ethisch kommt, sondern seinen schlechten Rath mit der Klugheit zu rechtfertigen sucht, welche er im Gegensatz zu dem zwischen höhnische Anführungsstriche gesetzten Wort „charaktervoll" bringt. „Ein Abonnent" stellt die Sache so dar, als ob Juden im Allgemeinen von Christen nicht angefeindet würden und deshalb die Entlassung antisemitischer Hausmeister zu Repressalien führen würde. In Wahrheit sorgen unsere Gegner schon jetzt dafür, uns alle Unbill zu Theil werden zu lassen. Die Klugheit spricht nicht dafür, daß wir Leute, die uns gehässig befehden, in unseren Hausdiensten halten, sondern für das Gegentheil. In dem Stadium, in welchem wir uns jetzt befinden, gilt mit verdoppelter Stärke der Grundsatz, daß es immer klug ist, charaktervoll zu sein. Es ist dies meiner Ansicht nach ein schlagender Beweis von der sittlichen Depreffion, welche in jüdischen Kreisen durch die antisemitische Verfolgung eingetreten ist, daß man es wagt, Juden in einer jüdischen Zeitung aus dem Gesichtspunkt einer vermeintlichen Klugheit zuzumuthen, antisemitische Hausmeister in ihrer Stellung zu belassen, statt den Juden zu helfen, welche durch die antisemitischen Verfolgungen brotlos geworden sind. Hochachtungsvoll E'n reichsdeutsch-.r Leser. Berlin. In der heutigen, zahlreich besuchten Versammlung des Centralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glanbens widmete vor Eintritt in die Tagesordnung der Vorsitzende, Rechlsanwalt Dr. Horwitz, dem verstorbenen Abgeordneten Heinrich Rickert einen warmempfundenen Nachruf, jenem goldklaren und durchsichtigen Charakter, jenem Manne, dessen Liebe zum Vaterlande ihn auch zum Vertheidiger der Juden machte, der es als Schmach für Deutschland empfand, daß eine Bewegung wie der Aiitiseniitismns entstehen, wachsen und groß werden konnte. Alsdann hielt Herr Redacteur Klausner einen sehr interessanten und fesselnden Vortrag über: „Die Sprache und die Nationalität". Der Redner geht davon aus, daß die theoretische Begriffsbestimmung der Nationalität unbestimmt und schwankend fei, daß der Wille oder Nichtwille für die natioriale Zugehörigkeit innerhalb gewisser Grenzen entscheidend sei und bisher noch nicht als bedeutungsvoll in Geltung gewesen. In den deutschen Juden sei der Wille der Zugehörigkeit zur deutschen Nation m einer Zeit schon lebendig gewesen, da die meisten Vorfahren der jetzigen Deutschen von einer Nation überhaupt nichts gewußt und von der deutschen Nation gewiß nichts hätten wissen mögen. Der Beweis hierfür liege in dem Verhalten der deutschen Inden der deutschen Sprache gegenüber, die freilich allein die Nationalität noch nicht ansmache, aber unstreitig zur Bildung des NationalilätSgefühls in hervorragendem Maße beitragen könne. Wenn nun die deutschen Inden nicht blos während ihres Aufenthalts in deutschen Landen die deutsche Sprache angenommen, soüdern in anderssprachigen Landen sie festgehalten, gepflegt und weiter gebildet hätten, so sei der Wille der Zugehörigkeit der deutschen Juden zur deutschen Nationalität jedem Zweifel entrückt. Ter Jargon sei nicht nur ein vollberechtigter deutscher Dialect, sondern ein verbreiteter, interessanter und ausgezeichneter Dialect, zugleich ein Zeugniß für die rühmende und unvergleichliche Treue, die der deutsche Jude der deutschen spräche bewahrt habe, fernerhin ein in viel taufend Zungen redendes Zeugniß der Dankbarkeit für die Wohlthaten, die die Juden vor langen Jahrhunderten in Deutschland genossen, die sie aber durch fleißige Regsamkeit, durch fördernde Autheilnahme an aller Culturarbeit. deren ethische Grundlage erst durch die Juden der abendländischen Welt geschenkt worden sei, vergolten Härten. Der Redner bezeichnte es als selbstverständlich, daß die deutsche Sprache der vertriebenen Inden nicht die Wandlungen durchgemacht haben könne, wie in den deutschen Landen, wo sie zur neuhochdeutschen Sprache sich umgewandelt hätte. Das Mittelhochdeutsche der ostländischen Juden sei zu einem Dialect von ethymologisch ausgezeichneter Feinheit geworden, von einer Schmiegsamkeit und Biegsamkeit, wie sie kein anderer Dialect erreicht hätte. An vielen treffenden Beispielen zeigte der Redner alsdann, wie unverkümmerl der Jargon jene Vorzüge bis auf die heutige Zeit bewahrt hätte. Es sei kein Zufall und könne kein Zufall sein, daß unter den Vorbildern beiten deutschen Stils so viele Inden seien, deren Eltern nur den Jargon gekannt, und die selbst in ihrer Jugend den Jargon gesprochen hätten. Nach Moses Mendelssohn hätten die Juden sich nicht mehr begnügt, diesen Dialekt, den Jargon, zu sprechen, sondern sie hätten die neuen Formen der alten, veränderten Sprache angenommen und seien die gelehrigen Zöglinge der neuesten Classicität geworden. Der Jargon werde von mehr Menschen gesprochen als irgend ein anderer Dialect, und die Zahl derselben dürfte kaum hinter 7 Millionen Zurückbleiben. Noch hätte der Jargon seine Rolle nicht auSgespielt. Lebhafter, wiederholter Beifall folgte diesen Ausführungen. Der Vortrag bot in der That dem überwiegenden Theile der Versammlung völlig Neues. — Der Vorsitzende gab alsdann den üblichen Geschäftsbericht; er konnte die erfreuliche Thatsache constatiren, daß seit dem 1. October dem Centralverein 1000 neue Mitglieder beigetreten sind. Den auswärtigen Gruppen soll in der Organisation der Gruppenvorstände nunmehr eine festere Gestaltung gegeben werden, um im Sinne des Vereines eine regere Thätigkeit entfalten zu können. Er theilte der Versammlung mit. daß am 1. Februar ein Delegirtentag aller Gruppen des Vereines abgehalten und am 2. Februar in den Gesammträumen der Philharmonie das Fest der zehnjährigen Bestehens des Vereines gefeiert wird. Berlin. (Lesehallenwahlen.) Die Blätter luelden. das Ergebniß der Wahlen zum Directorium der akademischen Lesehalle. Das Directorium einer Lesehalle bat die Aufgabe, für ihre ordnungsmäßige Verwaltung, im Wesentlichen also für die Anschaffung und Instandhaltung von Büchern, Zeitschriften und Zeitungen zu sorgen. Da aber die Berliner Studentenschaft eine officielle Vertretung nicht besitzt, so bietet die Directoriumswahl für die Studenten die einzige Gelegenheit, ihre Kräfte zu messen. Seit Jahren steht im Mittelpunkte des Wahlkampfes die Judenfrage. Die Vertreter der antisemitischen Studenten, die fich aus begreiflicher Scham als „nationale Partei" maskiren, erklärten vo;

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