Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-12-26 · 52 (26.12.1902) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
52 (26.12.1902)
Date
1902-12-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021492--12332-3036920
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 62 Seite 849 Dr. Bloch's Wochenschrift. wicklungsproceß ein umgekehrter ist, als in jenen Kreisen angenommen wird. Zuerst will man die Juden hassen, und dann findet man schon Gründe dafür, derart, daß alle Belehrungsversuche rein vergeblich sind Ludwig Börne hat vor Jahrzehnten ein elastisches Wort gegen die Judenfeinde seiner Zeit einprägt, indem er ihnen zurief: „Ihr haßt nicht die Juden, weil sie es verdienen, sondern nur weil sie verdienen." Gibt es etwas Bequemeres, als den Nachbarn, der sich anmaßt, auch leben zu wollen, mit Berufung auf seine Stammes- oder Religionsangehörigkeit in Verruf zu bringen? In dieser niedrigen Gesinnung haben sie sich alle zusammengefunden, die religiösen Fanatiker, wie die Atheisten. Dem Einen ist das Judenthum als Religion verhaßt; der Andere ehrt die jüdische Religion, aber die Race ist in seinen Augen verworfen; wiederum Andere haben weder gegen das Judenthum, noch gegen die Race etwas einzuwenden, aber die Lebensgewohnheiten der Juden sind ihnen antipathisch, und auf Grund der persönlichen Antipathie halten sie sich für berechtigt, ein ganzes Volk niederzutreten. Diese Leute zu belehren, das ist wahrlich absurd!Als ob sie die Wahrheit wissen wollen! Der berühmte Gelehrte S. L. Rapaport erzählte in seinen Jugenderinnerungen, er sei einstmalen mit einem gebildeten Judenfeind zusammengetroffen, den er mittels des gesunden Menschenverstandes und der Logik zu belehren gesucht habe. Da schrie ihn der Mann an: „Ich will Ihre verfluchten Wahrheiten nicht hören!" So thun sie Alle, und wenn wir mit Engelszungen redeten, sie bleiben doch dabei, daß der Jude, wenn auch nicht verbrannt, wohl aber gewiß boycottirt werden müsse. Und wenn sie schon gar keine Gründe für ihren niederträchtigen Haß anzugeben wissen, so ist es die jüdische Nase, die ihnen nicht gefällt. Ich sage nicht/ daß die Inden diesen Angriffen gegenüber unthätig bleiben sollen. Gewiß müssen sie sich zur Wehre setzen. Dies ist aber meines Erachtens eine politische Angelegenheit und dabei muß man stets die gehörige Taktik beobachten. In der Politik kommt es nie darauf an, Recht zu habe n. sondern Recht zu behalten. Von dem Recht der Juden bin ich natürlich überzeugt, aber ich wünschte, wir hätten weniger davon und behielten es bester. Wer in dieser Frage andere Ansichten hat, den beneide ich um seine herzerquickende Naivetär. Noch vor Jahren hat der französische Historiker Albert Sorel sehr gut nachgewiesen, wie wenig die Moral in der Politik mitspricht; nicht einmal in der „guten, alten Zeit", als auf Erden Gottesfurcht und Züchtigkeit herrschte, war die Politik etwas anderes, als Macht und Treulosigkeit. Ich bewundere meine Stammesgenosten, deren Klugheit doch allgemein gerühmt wird, daß sie dies noch immer nicht einsehen und fortwährend mit ihrem Ideal von Menschenliebe und Gerechtigkeit kommen. Als ein deutscher Grenzsoldat einen Kosaken auf der anderen Seite ein Schwein fortschleppen sah, rief er ihm entrüstet zu: „Aber. Herr Kosak! Dies ist ja Diebstahl." Es gibt nur eine Art der Abwehrthätigkeit, der ich Geschmack abgewinnen und bei der ich Nutzen finden kann. Ich meine die Apologie gegen Angriffe auf das Judenthum. Natürlich ist mir nicht unbekannt, daß wir auch da auf Verstocktheit und auf blinden Haß stoßen können, d. h. auf Leute, die jeder Belehrung unzugänglich sind. Indessen liegt die Sache hier doch wesentlich anders, denn erstens ist diese Abwehr auch für einen großen Theil unserer Brüder selbst recht nöthig, die nun einmal das Judenthum nicht selbstständig zu beurtheilen im Stande sind und daher von den abfälligen Bemerkungen unserer Gegner sich beeinflussen lassen. Namentlich wenn es sogenannte gelehrte Angriffe find, die mit scheinbarer Ruhe und Objektivität vorgetragen werden. Außerdem läßt sich die Wirkung solcher apologetischer Schriften nicht nur für die Gegenwart, sondern für alle Ewigkeit kaum bemessen. Als Josephus seine noch immer lesenswerthe Schrift gegen Apion geschrieben hat, ist diese damals gewiß wirkungslos geblieben. Und doch war sie eine nationale That von weltgeschichtlicher Bedeutung. Auch unsere Zeit hat solche Aftergelahrte, wie der eitle und aufgeblasene Apion, aufzuweisen, d. h. Männer von Wissen ohne Wissenschaft, die durch die Gelehrsamkeit nicht belehrt worden sind. Diese Leute, die sich von ihren Vorurtheilen nicht befreien können, werden wahrscheinlich in ihrem Gelehrtendünkel jede Richtigstellung ihrer falschen Lehren ableynen, und doch ist es gut, ihnen ihre Jrrthümer stets nachzuweisen. Hin und wieder geschieht solches in einer jüdischen Zeitschrift, die aber leider da am wenigsten gelesen wird, wo es so dringend uoththäte. Diese Art der Abwehr müßte umfassender, intensiver und mit reichen Mitteln betrieben werden. Aus persönlichen Gründen kann ich nicht von manchem Erfolge sprechen, der auf diesem Gebiet bereits erzielt worden ist. Aber wohl soll einmal gesagt werden, wie die Abwehr wirkungsvoll sein kanu. Die Angriffe auf das Judenthum sind beinahe so alt wie dieses selbst. Der Abwehrkampf aber hat oft seine Form gewechselt, was sehr gut und ersprießlich war. Es gab Zeiten, wo die Juden eine solche unerschütterlich feste Ueberzeugung von den Vorzügen des Judenthums hatten, daß sie mit gutem Humor und mit Spott über das Treiben im anderen Lager hinweggehen konnten. Ich erinnere nur an die unvergleichliche Persiflage des öden Götzendienstes an Deutero-Jesaja. Aber bereits in der hellenischen Zeit sahen die gebildeten Juden ein, daß es mit dem bloßen Verspotten nicht geht, weshalb sie eine andere Art der Apologetik schufen. Die Hauptsache in solchen Fällen ist stets, sich auch auf den Standpunkt des Gegners stellen zu können und ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Ich halte es für verfehlt, wenn beispielsweise auf Angriffe gegen die Heiligkeit der Bibel geantwortet wird: „Aber hier handelt es sich ja um ein heiliges, göttliches Buch!" Wer diesen Glauben hat, der greift die Bibel nicht an. Thut er dies im Namen der wissenschaftlichen Forschung, so muß man ihm von diesem Standpunkt aus antworten. Sonst schadet man nur der Sache, der man dienen will. Noch mehr ist dies mit der Verteidigung des Talmuds der Fall, weil da das Lügen und Verleumden leider noch leichter ist. Von den bekannten gewerbsmäßigen Lügnern, denen zum Theil auch durch verdienstvolle Männer das Handwerk gelegt worden ist, will ich hier nicht reden. Aber es gibt auch ernste, ruhige Männer, die Falsches über den Talmud vortragen, und solche kann man belehren, wenn man nicht einseitig ist und auf Angriffe mit Lobeshymnen antwortet. Da kann aber nur die Wahrheit nützen, die Wahrheit, die wir Juden nicht zu scheuen haben. Seit Jahren empfinden wir es, wie nothwendig eine zeitgemäße Apologie des Judenthums wäre, warum kommt aber eine solche nicht zu Stande? Daran haben lediglich unsere berufenen Vertreter Schuld, die so wenig für das, was vor ihren Augen geschieht, Verftändniß haben. Ach, unsere Gemeindeverwaltungen! Da sitzen sie und berathen tagelang über Armen- und Waisenhäuser, und unterdessen geht unser Judenthum zu Grunde. Wird es denn bei uns niemals besser werden? _ D r. Bernfeld. Correspondenzen. Weihnachtsbaum und Chanuka-Abend. Eingesendet von Herrn Ingenieur I. Löwenbein. Der erste Chanuka-Abend fällt heuer mit dem Weihnachtsabend zusammen und dieser Zufall regt zu Betrachtungen an, wie es an diesem Abende in vielen jüdischen Familien ausfieht und wie es aussehen sollte. Wenn auch in den letzten Jahren sehr viele jüdische Familien zur Erkenntniß der schönen Bedeutung unseres Makkabäerfestes gekommen find, so finden wir dennoch fast häufiger den Weihnachtsbaum als die Chanukalichter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.