Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Berthold Feiwel 2× ep/1020654
- Ahad Ha'am 1× ep/1026162
- Avrom Reyzen 1× ep/1011110
- David Neumark 1× ep/1024382
- Ephraim Moses Lilien 1× ep/1004392
- Hugo Salus 1× ep/1000013
- Israel Isidor Elyashev 1× ep/1043294
- Israel Zangwill 1× ep/1026550
- Leon Kellner 1× ep/1023138
- Lesser Ury 1× ep/1025712
- Martin Buber 1× ep/1009258
- Morris Rosenfeld 1× ep/1006219
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Sette 848 Dr. Bloch's Wochsnschrifk. Nr. 52 Im Verganiblatt. das uns erst kürzlich mit dem Porträt seines Herausgebers erfreute, begegneten wir gestern den edlen Zügen des Herrn Josef Strobach. Seine liebenswürdigen Umgangsformen, seine gediegene Bildung, seine hervorragende Intelligenz und seine Menschenfreundlichkeit sind uns ja Allen wohl hinlänglich bekannt. Nun -rsahren wir auch, daß er ein .beliebter Volksmann" ist, den zu feinem .fünfzigsten Wiegenfefte" auch der Vergani beglückwünscht. Diese Gratulation hat er gewiß verdient. Auch aus Hetzendorf dürfte dem .seit macke mau" eine Sympathiekundgebung zugekommen sein. Isegrim. Der Jüdische Alrrmrmch. Unter der Redaction Berthold Feiwel's ist das erste Buch des jüdischen Verlages .Jüdischer Almanach" erschienen, als ein glänzender Beweis für die Kraft und Berechtigung der jungjüdischen Bewegung. Selten mag die erste Gabe eines neuen Unternehmens soviel Erfüllung bieten, wie dieses Buch, das in modernster, künstlerisch vollendeter Form und Ausstattung das Beste bietet, was die Talente des östlichen und westlichen Judenthums geschaffen, nicht als etwas Zufälliges, willkürlich Aneinandergereihtes, sondern als bewußte, machtvolle Aeußerung jüdischen Fühlens und jüdischen Denkens. Anknüpfend an uralte Tradition ist hier ein geistiges .Altneuland * entstanden; die jüdische Renaissance, die in Amerika das Monumentalwcrk der jüdischen Encyklopädie geschaffen, manifestirt sich in schönster Weise in diesem Jahrbuche, das nicht nur geben, sondern auch versprechen will, das ein Zeichen bedeuten möchte des neuen geistigen Frühlings, der alle lebenskräftigen jüdischen Geister zu gemeinsamen Schaffen und Streben eint. In einer prächtigen, mit hinreißendem Schwünge geschriebenen Einleitung berichtet Berthold Feiwel über Gewordenes und Werdendes, spricht von den Zielen und den Wegen der jungjüdischen Bewegung und betont, daß keine einseitige Parteitendenz die künstlerischen Zwecke des Buches beeinflußt hat. Wer von Schaffenden zu Worte kommen wollte, der konnte es, und so entstand eine anziehende Mannigfaltigkeit, bei der die Einheit der Grundstimmung doch durchaus gewahrt blieb. Namen von Klang und Bedeutung stehen neben Namen von jungen, fast noch unbekannten Talenten, und Mancher, der sonst fremden Schönheitsidealen gehuldigt, findet in dem Jüdischen Almanach den Weg zu heimatlicher, jüdischer Kunst. So verbindet sich Bekanntes und noch nicht Bekanntes, steter, dankbar empfundener Besitz und schon verloren Geglaubtes, um einen Reichthum zu schaffen, den nicht nur der Einzelne genießen, sondern der dem Volksganzen Würde, Stolz und Vertrauen in die eigene geistige Kraft, in den eigenen Werth und die eigene Bestimmung verleihen wird. Das Märchen von dem kunstfeindlichen Judenthum, es soll durch eine schöne lebendige jüdische Kunst wiederlegt werden, die das jüdische Haus schmücken, das jüdische Können erwecken, das jüdische Bewußtsein stärken und stählen wird. Und so kann der Jüdische Almanach als erstes Zeichen dieser neu erwachenden Kunst auch dort mit Freude begrüßt werden, wo kein extremer nationaler Standpunkt eingenommen wird. Der Inhalt des Almanachs zerfällt in drei große Theile; in die Beiträge der Schriftsteller, der Dichter und der bildenden Künstler, und es gibt aus allen dreien eine Fülle des Schönen und Bedeutenden zu berichten. Martin Buber spricht in einem gedankentiefen Essay über .Die Schaffenden, das Volk und die Bewegung", Dr. S. Bernfeld bietet eenen jedenfalls interessanten Aufsatz über .Das Wesen d es Judenthums". Leon Kellner's Skizze .Israel unter den Völkern" ist voller Stimmung und vornehm im Tone, Alfred Gold gibt eine außerordentlich feine psychologische Studie über die Schauspielerin Irene Triesch. Achad Haam spricht von dem Schöpfer und dem Bewahrer geistiger und moralischer Werl he von .Priester und Prophet". Dr. M. Ehrenpreis referirt über die junghebräischen Dichter Bialik und Tfchernichowski, Mathias Acher schreibt geistvoll und begeisternd über .Geist und Geld bei den Juden". Dr. David Neumark's tiefdurchdachter Aufsatz .Weltcultur und Nationalcultur", Dr. Eljaschoff's .Jargon und Jargouliteratur" wären nebst den Essays von Triesch, Münzer, Osias, Noffig und vielen Anderen zu erwähnen, auf die näher hinzuweisen nicht möglich ist. Von den Dichtungen Einzelnes zu nennen, ist noch schwerer; man kommt leicht in die Versuchung, alle Namen des Almanachs abznschreiben. Da sind formschöne tiefergreifende Gedichte von Abraham Reisen, S. Trug, Morris Rosenfeld, Israel Zangwill' der hier schon einmal abgedruckte reizende Kinderreim Hugo Salus erfreut neben einer zweiten Gabe des Prager Dichters, Gedichte von Lindner, Buber, Frisch, von Barber Donath, Feiwel, Löwenberg. Lutwak, Georg Hirschfeld, Marcou-Barouch u. s. w. sind schöne Beweise reichen poetischen Talentes. Novellistische Beiträge sind besonders von den osteurrpäischen jüdischen Dichtern interessant und bedeutend. Pinski's .Erwachen", Perez' .Der kranke Knabe", Asch, Naumberg, Scholem Aleichem wären da besonders zu nennen, ebenso Zangwill und Feuerstein. Auch das sind nur Einige aus der gebotenen Fülle, und ihre Erwähnung ist keine Würdigung, sondern ein Hinweis aus sie und ihre Genoffen. Der künstlerische Theil stand unter der Redaction E. M. Lilien's, der in der Buchausstattung ein Muster vornehmen Geschmackes geliefert hat. Auch seine Einzelgaben sind durchaus reizvoll und interessant. Den ersten Platz unter den Künstlern, die zu diesem Theile des Almanaches beitrugen, nimmt unbedingt der Altmeister Israels ein, von dem eine Anzahl wunderbar feiner stimmungsvoller Bilder reproducirt sind, deren direct musikalische Wirkung auch in der Nachbildung nicht verloren ging. Die Melodie der Bilder: .Thoraschreiber", .Erwartung", „Ein Sohn des alten Volkes" ist unendlich traurig, einfach, groß, schön, und Jedem unvergeßlich. Pasternak, Lesser Ury, Liebermann, sind in bekannter Weise trefflich, Antokolski's „Spinoza", .Iwan der Grausame" und .Schlaf" geben einen Begriff von dem großen Können dieses gewaltigen Meisters. Sehr fein ist ein Studienköpfchen von Aronson. Jehudo Epstein, Gottlieb, Struck, Trebacz, alle diese und noch viele Andere haben ihr Können vereint, um das erste Buch der neuen jüdischen Geistesbewegung zu schmücken. Und nicht nur Vieles wird geboten, sondern auch Viel. Und das Beste ist die Verheißung, die in dem Jüdischen Almanach liegt, eine so herrliche, frühlinghafte Verheißung, daß sie selbst in der kalten, finsteren Zeit der Verfolgung und des Haffes, des Abfalles und Niederganges den Glauben zu jubelndem Leben erweckt an eine lebendige, aller Wunder volle, scgenspendende Zukunft des Judenthums. . y. Abwehr gegen Antisemitismus. Der Antisemitismus, dieses Gemisch von menschlicher Niedertracht und Dummheit unserer Zeit, hat bereits seine Geschichte, wenn sie auch noch nicht geschrieben worden ist. Der Historiker, welcher dereinst an diese Arbeit, eine richtige Geschichte des Antisemitismus zu schreiben, Herangehen sollte, würde nur dann seiner Aufgabe gerecht werden, wenn er neben den historischen Forschungen auch die Volkspsychologie beherrscht. Das bloße Aneinanderreihen der Thatsachen genügt bei keiner geschichtlichen Darstellung, und in diesem Falle am allerwenigsten. Denn sonst würde es unerklärlich bleiben, wie sich Religionshaß, Racendünkel, nationaler Chauvinismus, niedrigste Profitgier, gemeinste Jnteressenpolitik u. s. w. vereinigen konnten, um eine derartige sittliche Verheerung anzurichten. Mir scheint, daß die Juden selbst am wenigsten der Natur dieser traurigen Erscheinung sich bewußt sind. Dies ist auch begreiflich, denn der Leidende ist selten über das Wesen der Krankheit, von der er heimgesucht wird, im Klaren. Einen Beweis für diese Meinung finde ich in den verschiedenen Vereinen zur Abwehr gegen den Antisemitismus, die nicht nur vor Jahren, als eben diese Bewegung begonnen hatte, sondern auch in der letzten Zeit in's Dasein gerufen wurden. Neulich haben sich Notable in Paris zu dieser Arbeit „zur Aufklärung" zusammengethan, natürlich in der besten Absicht, die Massen über den Antisemitismus und dessen schreckliche Folgen zu belehren und den gegen das Judenthum ansgestreuten Verleumdungen entgegenzutreten. Ich beneide die guten Leute um den Optimismus, den sie sich trotz der schlimmen Zeit gerettet haben. Sie nehmen an, daß die Judenfresser bona fide, d. h. im Jrrthum handeln, und daß sie ferner einer Belehrung zugänglich seien. Ich habe den Antisemitismus objectiv studiert und bin dabei zu der Ueberzeugung gekommen, daß der Ent-