Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 62 Dr. Bloch's Wochrnfchrifk. Sette 847 himmelschreiende, und Niemand hat dieselbe mit so tieser Ueberzeugung und so trefflichen Worten charakterisirt, als Harnack selbst: „Eine solche Ungerechtigkeit" sagt er. (Z 50) »wie die der Heidenkirche gegenüber dem Judei,- thum, ist in der Geschichte fast unerhört. Die Heidenkirche streitet ihm Alles ab, nimmt ihm sein heiliges Buch, und während sie selb st nichts anderes ist, als transformirtes Judenthum, durchschneidet sie jeden Zusammenhang mit demselben: dieTochter verstößt dieMutter, nachdem sie sie ausgeplündert!" Dieses so zutreffende Urtheil bleibt auch dann noch in voller Kraft, wenn es Harnack auch sofort durch folgende Reflexion einzuschränken sucht: „Aber", so fügt er hinzu, „aber ist diese Betrachtung wirklich zutreffend? Auf. einer gewiffen Stufe allerdings, und vielleicht kann man Niemanden zwingen, sie zu verlasien. Aber auf einer höheren Stufe stellt sich die Sache anders dar: das jüdische Volk hat durch di; Verwerfung Jesu seinen Beruf, verleugnet und sich selbst den Todesstoß v?rsetzt; an seine Stelle rückt das neue Volk der Christen; es übernimmt die gesammte Überlieferung des Judenthums; was unbrauchbar in derselben ist, wird umgedeutet oder fallen gelaffen. In Wahrheit aber ist diese Abrechnung nicht einmal eine plötz liche oder unerwartete; unerwartet ist nur die specielle Form: das Heidenchristenthum führt doch nur einen Proceß zu Ende, der in einem Theile des Judenthums längst begonnen hatte — die Entschränkung der jüdischen Religion und ihre Transformation zur Weltreligion". Wird aber durch diesen Nachsatz Harnack's sein Urtheil über die dem Diasporajudentbum sortgeietzt zugefügte .unerhörte Ungerechtigkeit" abgeschwächt? Wir glauben nicht. Die Ungerechtigkeit bleibt, von welch hoher Stufe immer betrachtet, auch dann noch eine Ungerechtigkeit, selbst wenn sich das Judenthum durch die Verwerfung Jesu ins Unrecht gesetzt hätte. Sie bleibt es umsomehr, als ja die Heidenkirche. wie Harnack ein' äumt, nur weiter ausbaute, was das Diasporajudenthum begonnen hatte, und dafür hätte dieses ewigen Dank, nicht aber fiiw unerhörte Ungerechtigkeit verdient. Vom Jahrmarkt des Lebens Gloffen zur Tagesgeschichte. (AusdemKriegezweierWelten. — Antisemitismus und Kindermißhandlung. — Der mißliebige Prälat. — Vergant gratulirt dem Strobach.) Die Blüthezeit der antisemitischen Aera in Wien und in Niederösterreich fällt zusammen mit der Aera d?r furchtbaren Kindermißhandlungen, die von Zeit zu Zeit zur Kenntniß der Gerichte gelangen. Diese Processe, von den Eheleuten Hummel angefangen bis zu Stierschneider, der sein fünfzehn Monate altes Kind mit dem Kopfe an die Wand schleuderte, und zu den Eheleuten Riesner, die ihrem Pflegekind eine Wursthaut mit einem Staberl in den Schlund hinabstießen, sind die Wahrzeichen antisemitischer Cultur. Antisemitismus und Kindermißhandlungen fallen durchaus nicht zufällig in eine und dieselbe Epoche. Die Letzteren stellen nur die äußersten Ausläufer jener Verrohung dar, die vom Centrum der Bewegung ausstrahlt. In dem bekannten Werke „Der Krieg zweier Welten" wird von den auf die Erde gekommenen Marsbewohnern erzählt, daß sie ein eigenthümliches Geschoß abfeuerten, das an dem Orte, wo es sich niedersenkte, eine Wolke giftiger, erstickender Gase verbreitet, die alles Leben ertödten. Vom Herde des Antisemitismus aus verbreitet sich die vergiftende Atmosphäre des Hasses und der Rohheit, die alle Menschlichkeit erstickt. Die Kinderschutz- und Rettungsgesellschaft nimmt sich der bedauernswerthen Opfer herzloser Eltern an. Sie entreißt die unglücklichen Geschöpfe ihren Peinigern, und gute Menschen übernehmen die edle Pflicht, die Stelle von Vater und Mutter bei jenen Kindern zu versehen, die, obgleich ihre Eltern leben, wahrhafte Waisen sind. Wir haben bereits erwähnt, daß der christlich-sociale Gemeinderath dieser Gesellschaft eine Subvention verweigert hat, und der Fall Riesner ruft uns diesen gemeinderäthlichen Beschluß in lehrreiche Erinnerung. Das fünfjährige Kind, das als Zeugin vor Gericht erschien, mußte täglich sechs Vaterunser beten. Da stand die Pflegemutter mit dem erhobenen Stocke dabei, und wenn das Kind bei diesem schrecklichen Gebete fich irrte oder stecken blieb, dann sausten die Stockstreiche auf das zitternde Kind nieder. Eine gar fromme Person, diese Pflegemutter, die dem Kinde das Vaterunser mit dem Stocke einbläut! Und jene Gemeindeverwaltung, die ihre Pflegekinder einem solchen Schicksal preisgab, weil sie sich absolut nicht darum kümmerte, sie ist ebenfalls christlich-social und die Gemeinde entsendet antisemitische Abgeordnete in die Bertretungskörper. Kehren wir aber aus dem antisemitischen Mödling in das antisemitische Wien zurück, wo man das Ansuchen einer Kinderschutz-Gesellschaft um eine Subvention mit Hohn aufnimmt. Aus einer von der Gesellschaft veröffentlichten Erklärung haben wir erfahren, warum man ihr die Unterstützung verweigert hat. Sie sollte Ausschußstellen für den Gemeinderath reserviren, und sie hat das abgelehnt, weil sie ihre Thätigkeit außerhalb jeder politischen Tagesströmung gestellt wissen will. Mit anderen Worten: Antisemiten kann man bei Humanitären Institutionen, die allen Menschen ohne Unterschied der Confeffion dienen sollen, nicht brauchen, und in die Objektivität der christlich-socialen Parteimänner setzt man das größte Mißtrauen. An der Spitze der Gesellschaft stehen Männer von Rang und Ansehen, weder Juden noch Freimaurer. Allein der herrschenden Clique genügt es, daß eine noch so nützliche und wohlthätige Institution nicht antisemitisch ist, um sie in Acht und Bann zu erklären. Nur nebenbei sei bemerkt, daß die hochweise Majorität des Grmeinderathes die Kinderschutz- und Rettungsgesellschaft mit dem Verein „Treue" verwechselt, dem das Verdienst gebührt, unmittelbar nach dem Processe gegen das Mörderpaar Hummel die Frage des Kinderschuhes in Wien in Fluß gebracht zu haben. Die „Treue" soll allerdings mit den Freimaurern in Verbindung stehen, ja. was noch schrecklicher . sein m;g, es gibt auch Juden bei der „Treue", die es fich zur Ausgabe gemacht haben, verwahrloste Kinder zu retten und sie der menschlichen Gesellschaft zu erhalten. Ein solches Beginnen ist allerdings .echt jüdisch". Nun haben die so ausgezeichnet informirten Stadträthe irgend etwas von einer jüdisch-freimaurerischen Kinderschutz-Gesellschaft gehört, und lieber sollen schuldlose Kinder zu Grunde gehen, als daß man einen „verjudeten" Verein unterstützt. Das Verlangen aber, Ausschußstellen für den G meinderath offen zu halten, widrigenfalls jede Subvention verweigert wird, ist wieder einer jener zahlreichen Beweise dafür, daß der herrschenden Majorität das Partei-Jntereffe, das Bestreben, überall die Macht und den Einfluß zu erlangen, über jede andere Rücksicht gehe. * * ♦ Der Nicht-Antisemitismus allein genügt vollständig, um in den Augen der Bielohlaweke und Strobäche jede Achtung zu verlieren, und ihr großer Häuptling Dr. Lueger ist tactlos genug, um gegen den vom Kaiser ernannten Landmarschall zu demonstriren. Wenn ein sogenanntes Judenblatt es gewagt hätte, über den Prälaten Schmoll so zu schreiben, wie es die Antisemitenpreffe thut, so wäre Feuer am Dach des Antisemitenhofes. Die christlich-sociale Koterie hat einen Antisemiten zum Landmarschall haben wollen. Prälat Schmokk ist aber ein christlicher Würdenträger, der den Haß Andersgläubiger als unvereinbar mit dem Christenthum betrachtet. Mit den höheren Geistlichen und mit den Kirchenfürsten stehen unsere?. T. Antisemiten überhaupt auf recht gespanntem Fuße. Die Bischöfe antisemiteln nicht; im Gegentheil, es wurde mehreren Bischöfen schon nachgesagt, daß sie „mauscheln". Prälat Schmolk hat bisher freilich noch nicht „gemauschelt", aber er ist den Männern von der Sorte des Meister Stampiglius bereits ebenso verhaßt, wie der Abt Karl des Stiftes Melk, obgleich auch dieser noch nicht ausdrücklich „gemauschelt" hat. Es genügt, daß zwischen der Geistes- und Herzensbildung dieser kirchlichen Würdenträger und dem das Recht und die Menschlichkeit verhöhnenden Antisemitismus jede Gemeinschaft ausgeschloffen ist. Ja, den Pater Schnabel oder den Cooporator Dittrich, die hätte man sich, wenn schon der lange Alois nicht Landmarschall geworden ist, sehr gerne gefallen laffen, nicht aber einen Prälaten, der es ablehnen würde, mit einem Ernst Schneider Bruderschaft zu trinken. Wenn der Dr. Lueger eine feierliche Gemeinderathsfitzung eröffnet und ein Mitglied der Opposition rufen würde: „Wozu denn aufstehen?" — mit welchem Ausdrucke würde Herr Lueger ein solches Benehmen kennzeichnen? Das betreffende Wort ist dem Herrn Bürgermeister so geläufig, daß man es wirklich nicht hieherzusetzen braucht.