Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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öeut 846 Dr. Sloch's WortzVNsrhrrst. Nr. 52 geheimnißvollen Erfolge seiner Mission in einem Menschenalter begreift man nur, wenn man sich vergegenwärtigt, wie sehr das Judenthum hier den Boden gelockert und vorbereitet hat." Aber diese großen und tiefgehenden Vorarbeiten des Diasporajudenthums konnten doch nicht über Nacht geleistet, konnten nicht erst in den Tagen Philo's begonnen und in der Spanne Zeit zu so erstaunlicher Blüthe gelangt sein! Es ist höchst interessant, hier dem Gedankengang und den Folgerungen Boufsel's ein wenig nachzugehen: „Phrlo", sagte er (S. 114 f). „ist so ziemlich frei von allem ethischen Particularismus; seine ethischen Aeußerungen tragen, wenn man etwa von seinen polemischen Schriften absieht.den humanen Charakter hellenistischer Philosophie. Dasselbe gilt von Ps. Aristeas, dem vierten Makkabäerbuch, Ps. Phokilides, auch von den Ausführungen des Josephus. Ueberall herrscht hier das deutliche Bestreben, das speosüsch Jüdische zurücklreten zu lassen, das Allgemeine in den Vordergrund zu rückm. Auf ausgesprochen humane Vorschriften beginnt man Werth zu legen. — Immerhin muß man sich hüten, nach den hier erwähnten Zeugnissen sich den ethischen Durchschnittscharakter des Diasporajudenthums zu construirea. Man darf einerseits nicht vergessen, daß Philo und Josephus weit über den Durchschnitt des Judcnthums hinüberragende Persönlichkeiten waren, die wahrscheinlich keinen sehr breiten und tiefgehenden Einfluß gehabt haben. War Philo auch bei seinen Volksgenossen als ein auch bei den Hellenen angesehener Gelehrter, der doch seinem Volke treu geblieben war, hochgeschätzt, so wird sein geistiger Einfluß doch nicht sehr weit über den engen Kreis seiner Schule hinausgegangen sein.") Der „Berräther" Josephus aber ist sicher ein einsamer Mann unter seinen Volksgenossen gewesen. Andererseits hat man sich zu vergegenwärtigen, daß die übrigen genannten Schriften ausgesprochen apologetische Tendenz tragen. So wird man keinen allzu großen Unterschied zwischen palästinensischem und Diasporajudenthum annehmen dürfen. Bei dem Durchschnitt in der Maffe dieses Judenthums i ft s i ch e r d e r inhumane Charakter der jüdischen Moral.der herrschende geblieben, und diese Exclusivität (amixia) hat sich seit dem augusteischen Zeitalter nur mehr und mehr gesteigert. Wir haben dafür ein bestimmtes Zeugnißin dem immer einstimmiger werdenden Urtheil griechischer und römischer Schrift st eller über den inhumanen, barbarischen Charakter des Judenvolkes." Also die Schriften eines Philo, „dessen geistiger Einfluß doch nicht sehr weit über den engen Kreis seiner Schule hinausgegangen sein wird", beweisen nichts. Jene des Josephus, „der sicher ein einsamer Mann unter seinen Volksgenossen gewesen", beweisen gleichfalls nichts. Den Zeugnissen der sonstigen jüdischen Hellenisten ist kein großer Werth beizumeflen, da sie ja „ausgesprochen apologetische Tendenzen tragen". Wohl aber sind hier die Zeugnisse der judenseindlichen griechischen und römischen Schriftsteller „über den inhumanen und barbarischen Charakter des Jude »Volkes" maßgebend und beweiskräftig. Wir aber meinen, daß Philo und Josephus, mögen sie auch weit über den Durchschnitt des Judenthums hinausragende Persönlichkeiten gewesen sein, doch in ihren Schriften lediglich daS ethische Bewußtsein ihrer Zeit und Umgebung wiederspiegeln, *) Bousset hat ja Recht — und wir selbst haben darüber wiederholt tiefe Klagen geführt — wenn er (S. 412) von- Philo sagt: „Er wäre spurlos verschollen, wenn nicht sehr bald die christliche Kirche sich dieses jüdischen Weisen bemächtigt hätte." Auch darin stimmen wir ihm unbedingt bei, wenn er bemerkt: „Hier" — nämlich in der christlichen Kirche — „hat er in einer erstaunlichen Weise Weiler gewirkt". Daraus jedoch zu folgern: „Innerhalb der Religionsgeschichte des Judenthums aber steht er als eine einsame Gestalt", ist denn doch ein wenig zu gewagt. Daß wir Philo und ebenso Josephus der Kirche verdanken, ist ebenso unbestreitbar als im Interesse der Erforschung der jüdischen Religionsgeschichte tief bedauerlich. Der Grund dafür aber, daß Beide im Judenthum verschollen waren, liegt darin, daß einerseits das Diasporajudenthum durch die grauenbasten, unter Kaiser Caligula in Alexandria und in der übrigen Diaspora ausgebrochenen Judenverfolgungen in seiner Blüthe geknickt wurde und seine Gcistesschätze in das in seine Fuß stapfen tretende Christenthum Überzügen; während andererseits das palästinensische Judenthum nach Vernichtung der Nation durch Titus sich ausschließlich auf die Pflege seiner traditionellen Schristauslegung zurückzog und, in dieselbe sich vertiefend, sich hermetisch vor der Außenwelt und vor Allem, was fremde Cultur verrieth, abschloß. zumal sie überdies im großen Ganzen nur reproducirend, in den seltensten Fällen aber schöpferisch auftreten wollen. Und was den apologetischen Charakter der übrigen jüdisch-hellenistischen Literatur anbelangt, so findet sich derselbe nicht minder in dem ganzen apokryphen und pseudepigraphen und last but non least, in dem neutestamentlichen Schriftthum ausgeprägt; und dennoch wird diesem die Glaubwürdigkeit nicht so schlankweg abgesprochen. Dem jedoch sei, wie ihm wolle, für Bousset sind die Urtheile der judenfeindlichen griechischen und römischen Schriftsteller über den inhumanen und barbarischen Charakter des Judenvolkes ein „bestimmtes Zeugniß", obgleich er selbst (S. 78) erklärt, daß ihre Judenfeindlichkeit durch das Anwachsen der jüdischen Kirche zu einer Weltmacht hervorgerufen wurde. „Und diese Urtheile", so fährt er (S. 115) fort, „beginnen bei alexandrinischen Schriftstellern mit dem Beginn des ersten vorchristlichen Jahrhunderts, auch bei den römischen Literaten zeigt sich der Antisemitismus bereits lange vor dem letzten großen Kampf des Judenthums und der Römerherrschaft. Allein aus Racenhaß sind diese Urtheile nicht hervorgegangen, bestimmte Veranlassung zu jener herben und feindseligen Beurtheilung muß das Judenthum in seinerMasse gegebenhaben." So sucht Bousset die judenfeindliche Anklage der Exclusivität zu begreifen. Wir aber erinnern uns, daß später das Christenthum dieselbe gehäfiige und herbe Beurtheilung seitens heidnischer Schriftsteller über sich ergehen lassen mußte, daß man auch diesem Exclusivität und Menschenhaß zum Vorwurf machte uno daß es diese Anklagen mit denselben Gründen und nach derselben Methode widerlegte, wie dies vor ihm die jüdischen Apologeten thaten. Diese letzteren wiesen den Vorwurf der Exclusivität damit zurück, daß die Juden nicht aus Menschenfeindlichkeit sich von ihrer götzendienerischen Umgebung fern halten, sondern um nicht von ihrer Religion abzufallen, um sich rein zu erhalten, sich nicht durch den Götzencult zu beflecken und im Verkehr mit Schlechten unterzugehen. Wenn wir nun lesen, daß diese selben Anklagen gegen das junge Christenthum erhoben wurden, so wird es uns nicht einsallen — wie dies Bousset dem Judenthum gegenüber thut — zu behaupten, daß das Christenthum „bestimmte Veranlassung zu jener herben und feindseligen Beurtheilung gegeben haben muß", wir werden in diesen chcistenfeindlichen Anklagen nicht ein „bestimmtes Zeugniß" dafür erblicken, daß bei dem Durchschnitt und der Masse des Christenthums sicher der inhumane Charakter der christlichen Moral der vorherrschende geblieben; wir wcrden vielmehr Harnack vollkommen beistimmen, der (S. 212) hierüber folgendermaßen urtheilt: „Die Pflicht, sich von aller Befleckung mit dem Polytheismus rein zu erhalten, galt als die oberste Christenpflicht, die allen anderen voranging. Sie galt als die negative Seite der Bekenntnißpflicht, und es ist mit „der Sünde des Götzendienstes" in den christlichen Gemeinden strenger genommen worden, als mit irgend einer anderen Sünde. Daß auch für diese Sünde Vergebung gespendet werden kann, zu dieser Anerkennung hat sich die Kirche sehr schwer und spät entschlossen, erst unter dem Druck der furchtbaren Folgen des decianischen Sturmes. — Das ist wohl verständlich, denn die Exclusivität war die Bedingung der Existenz der Kirche. Capitulirte sie an irgend einem Punkte mit dem Polytheismus, so war es um ihre Eigenart geschehen. So stand es wenigstes bis gegen die Mitte des dritten Jahrhunderts. Von da an konnte sie minder ängstlich sein." So versteht und beurtheilt Harnack die von heidnischer Seite stark angefochtene und viel verschrieene Exclusivität der jungen Kirche. — Warum aber legt man bei der Beurtheilung der Exclusivität der Synagoge einen anderen Maßstab an? Einen Maßstab, den die grimmigsten Feinde des Judenthums in der griechischen und römischen Welt in Anwendung brachten?. Man sieht, bei allem Bestreben der modernen christlichen Theologen, dem Diasporajudenthum, das ihnen bei der Darstellung der Entstehungsgeschichte des Christenthums auf Schritt und Tritt über den Weg läuft, gerecht zu werden, wird dies doch nur bis zu einem gewissen Grad erreicht. Das Diasporajudenthum bleibt auch jetzt noch ein ethisch minderwerthiger Psadbereiter des Christenthunis, und seine geistigen Schöpfungen, bleiben nach wie vor antiquarische Bausteine, denen nur insoferne irgend ein Werth innewohnt, als sie beim Bau der Kirche zur Verwendung gelangten. Die Ungerechtigkeit, die diesem Diasporajudenthum bis auf den heutigen Tag widerfahren ist, ist eine