Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 644 Dr. Bloch's Wochvnfchrifk. Nr. 52 cipation beginnt die Gemeinde wieder der Brennpunkt aller jüdischen Lebensfragen zu werden, und mit doppelter Schärfe erkennen wir, daß in der richtigen Erziehung unserer Jugend, in der Erhaltung jedes einzelnen Mitgliedes in unserer Gemeinschaft das Seil, die Zukunft, die fernere Existenz des Judenthums liegt, l Den geänderten socialen Verhältnissen entsprechend, hat auch die innere Struktur des Judenthums andere Formen angenommen. Die Pflichten des Besitzes gegenüber der Armuth werden immer gebieterischer. Die gewonnene Erkenntniß von Ursachen und Wirkungen der gesellschaftlichen Schichtung offenbart sich in neuen Einrichtungen, durch welche wir auf den socialen Kern der alten biblischen Gesetze zurückgreifen. Rechtsschutz, Arbeitsnachweis, Aufrichtung schwankender Existenzen, Schaffung neuer wirthschaftlicher Werthe — das Alles formt und gestaltet sich aus uns selbst heraus, als ein lebendiges Zeugniß unserer ungebrochenen Kraft^jals eine glänzende Probe des jüdischen Gemeingefühles. Die Gegner haben uns verleumderisch „einen Staat im Staate genannt". Wir erfüllen die Pflichten gegen die staatliche Gemeinschaft mit aller Hingebung und Aufopferung, aber neben dieser treuen Pflichterfüllung haben wir uns zu autonomen Leistungen aufgeschwungen oder vielmehr, es wurden uns solche Leistungen aufgezwungen, welche wahrhaftig auch die Bewunderung unserer erbittertsten Gegner erregen müssen: Und diese moderne Neuschöpfung, diesen Durchbruch einer bisher schlummernden und durch den Druck von Außen zum Leben erweckten Völkskraft zu fördern, zu ermuthigen, zu kräftigen, das ist eine große, dankbare und erhebende Aufgabe der jüdischen Presse, der wir uns mit wahrer Begeisterung widmen. Die „Oesterreichische Wochenschrift" wird auch fürderhin die Grundlagen ihres ursprünglichen Daseins nicht verleugnen. Sie wird, gestützt auf das reiche Arsenal des jüdischen Wiffenschatzes. gestützt auf Geschichte und Tradition unseres Volkes und auf die prophetische Ankündigung des allgemeinen Völkerfriedens, auch fernerhin mit ungebrochener Energie für die ewigen Grundsätze der Aufklärung, der individuellen Freiheit und des gleichen Rechtes eintreten. Sie wird nach wie vor treu auf der Wacht stehen gegen alle Anschläge und Anstürme unserer Widersacher, aber sie wird auch der inneren Neugestaltung und Widererstarkung des Judenthums mit aller Liebe und Fürsorge ihre Kraft wechen. Ueberzeugt, daß nur der Zusammenschluß Aller zum endlichen Siege führen kann, werden wir bemüht sein, unser Blatt zum Ausdrucke aller innerhalb des Judenthums wirkenden Kräfte zu machen und nicht blos einseitigen Parteibestrebungen zu dienen. In vieljähriger Erfahrung, in harten Kämpfen ist unser Blick geschärft, ist unser Urtheil für das Nächstliegende und Erreichbare gefestigt worden. Ohne uns der Nothwendigkeit idealer Anregungen für die Jugend zu verschließen, sind wir doch zu sehr politische Realisten, um von solchen Anregungen allein die Entscheidung in unserem Existenzkämpfe erhoffen zu können. Wir erachten es für gefährlich, bestehende Schutzwälle niederzureißeu, ehe neue aufgebaut werden können./Luser Programm bleibt nach wie vor: Das bestehende Gute zu erhalten, den lebendigen Gottesglauben zu pflegen, die heilige Sprache und das jüdische Schriftthum vor Verkümmerung und Rückbildung zu schützen, unsere Jugend jüdisch zu erziehen und auf die alterprobten Grundlagen fortzubauen im Geiste der modernen socialen Entwicklung. j Wer dieses Programm für das richtige hält, wird auch im neuen Jahre der „Oesterreichischen Wochenschrift" feine Freundschaft und Thellnahme nicht entziehen. Chaimka. „Das Gebet ist eine Leuchte, Die Thora ein Licht." Das Licht gilt bekanntlich als das Symbol der Aufklärung, der Freiheit, der Kultur und Bildung, des Fortschrittes und der Humanität. Und weil die Thora jede Art Knechtschaft und Bedrückung, jeden Classen- und Racenhaß, jeden Aberglauben und Fanatismus, (den religiösen wie nationalen,) entschieden verpönt und nur Nächstenliebe, Freiheit, Menschenachtung und Menschenverbrüderung lehrt und predigt, deshalb wird sie nach der tiefsinnigen Bemerkung unserer Weisen „Aur" Licht genannt. Ohne Thora kein Licht, ohne Licht kein Leben! „Die Lehre Gottes ist lauter, erfreut das Herz, erfrischt das Gemüth und erquickt die Seele, machkimat pesi, ja sie erleuchtet selbst den, dessen Geist umnachtet ist". Nur da, wo das Licht hell leuchtet, d. h. da, wo die schönen, herrlichen, religiösen und Humanitären Vorschriften der Thora hochgehalten und beherzigt werden, herrscht Leben, frohes, freudiges, weder durch Verleumdungen noch durch Verfolgungen getrübtes Leben! Wo aber das Licht der Religion zu erlöschen droht, wo Neid, Haß, Mißgunst, Ehrgeiz und Herrschsucht an die Stelle der Nächstenliebe, Menschenfreundlichkeit und Humanität getreten, da droht der ganzen sittlichen moralischen Welt Gefahr, in ihren Grundfesten erschüttert zu werden. „Gleich bei der Schöpfung, so bemerken unsere Weisen, (Sabb. 88) habe Gott zum Himmel und zur Erde also gesprochen: „Ihr seid von mir nur bedingungsweise geschaffen worden; die Bedingung, von der Euer Bestand abhängt, ist, daß Israel sich für die Thora begeistere, verweigert aber Israel die Annahme der Thora, so fallet ihr in Trümmer und das Tohu wawauliu, das vor Euch auf Erden war, tritt wieder an Eure Stelle". Das erste Wort, das Gott bei der Schöpfung des Weltalls gesprochen, lautete: „Es werde Licht!", denn das Licht der Freiheit, der Aufklärung und der Nächstenliebe ist das Element, das das Leben bedingt. Wir finden es daher begreiflich, warum bei den nationalgeschichtlichen Festen aus der nachbiblischen Zeit, bei Purim und Chanuka, die doch bekanntlich zu dem Zwecke eingesetzt wurden, damit sie uns an das Märtyrerthum jener Männer erinnern, die in einer Zeit, wo das Licht der Religion zu erlöschen drohte, mit ihrem Herzblute für den Glauben der Väter gekämpft, das Licht eine hervorragende Rolle spielt. Beide Tyrannen, Haman und Antiochus, waren nicht etwa Feinde des Volkes, sondern der Religion Israels, sie habe ihre gefährlichen Geschosse nicht gegen das Judenthum, nicht gegen die Nationalität, sondern ' gegen die Lehre Israels gerichtet. .. .. Warum aber gegen die Lehre Israels? Enthält denn die Thora sittenverderbende, Haß und Groll verbreitende Lehren? Sind nicht gerade die Vorschriften der Thora geeignet, das geistige und physische Wohl der Menschen nach jeder Richtung hin zu fördern? Ruft nicht der Psalmist aus: „Die Wege der Thora sind lieblich und anmuthig und alle ihre Vorschriften wollen nur Scholaum, Liebe, Frieden, brüderliche Theilnahme und wahre Humanität fördern"? Warum also wurde die Lehre Israels dennoch von Haman und Antiochus so sehr gehaßt? Diese Frage ist leicht zu beantworten. Ein Blick in die Geschichte genügt, um uns zu überzeugen, daß Constitution, Freiheit, Gleichberechtigung, Menschenachtung und Menschenliebe den Machthabern in der nachbiblischen Zeit fremde, unfaßbare Begriffe waren, daß sie alle dem Pharaonischen Grundsätze huldigten: lieddaä duadoäa, der Geist des Volkes muß niedergedrückt werden, das Volk muß in der finsteren Nacht der Verdumniüng schmachten, denn ein aufgeklärtes, intelligentes, freiheitliebendes Volk läßt sich nicht despotisch beherrschen. Bürger im modernen Sinne soll es damals überhaupt nicht, sondern nur Sclaven und Herren gegeben haben. In der Blüthezeit der griechischen Republiken war die, Bevölkerung der Sclaven fast überall zahlreicher, als, die der Freien. Wohl haben die griechischen Philosophen Plato und Aristoteles es offen erklärt, daß die Sklaverei gegen die menschliche Natur sei. nichts destoweniger ließen sie sie bestehen, weil die Existenz des Staates ohne dieselbe in Frage gestellt worden wäre. Das Judenthum allein macht hierin eine rühmliche Ausnahme, indem es jede Sclaverei, jede Knechtschaft und Menschenbedrückung entschieden verpönte. „Die Religion Israels fordert als Grundlage der staatlichen und gesellschaftlichen Beziehungen die Freiheit des Individuums, die Gleichheit Aller vor dem Gesetze, die Gleichheit Aller in Rechten und Pflichten, dem Vaterlande und dem Staate gegenüber." (Vergl. „Das Moralgesetz des Judenthums" rc. Wien, 1882.) Die Religion Israels lehrt, daß alle Menschen nur einen Vater haben, daß sie alle im Ebenbilde Gottes geschaffen seien, daher sie sich gegenseitig brüderlich behandeln, liebevoll umfassen sollen. Diese schönen, herrlichen Lehren des Judenthums waren es, um derentwillen die Machthaber in der nachbiblischen Zeit, nämlich nach dem ersten Staatsleben, wo die Juden nicht mehr ausschließlich im eigenen Lande wohnten, sondern mit den anderen Völkern in Berührung kamen, gegen die Religion Israels ihre Geschosse richteten. Sie glaubten, und nicht mit Unrecht, der Befürchtung Raum geben zu müssen, daß nunmehr durch die Israeliten die herrlichen, die Freiheit und Gleichberechtigung fördernden Lehren des Judenthums die weiteste Verbreitung finden, daß der freie Geist der Thora in alle