Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 840 Vr. Bloch's Wochonschrrfk. Nr. 81 Reichenberg i. B., 15. December 1902. Am 25., resp. 27. d. M. feiert unser verdienstvolle, langjährige Tempelvorpeher Herr Eduard Soyka mit seiner Frau Therese, geborene Breslauer das Fest der goldenen Hochzeit. —I— Antwerpen. Nach einer Meldung aus Sofia an den hiesigen „Matin", hätte eine große Anzahl unserer Stammesgenossen aus Rumänien der bulgarischen Regierung eine Petition unterbreitet, worin die Erlaubniß um Niederlassung in diesem Lande nachgesucht wurde. Das Gesuch wurde jedoch nach vorangegangener Prüfung abgewiesen. Drei K. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) ü. In der kleinen Gemeinde B. im westlichen Böhmen lebte die Rabbinerswitwe Malke Eisner von dem kleinen Gnadengehalte, welchen ihr die Gemeinde, in welcher ihr Gatte bis zu seinem frühen Tode gewirkt hatte, zükommen ließ. Es wäre ihr nicht möglich gewesen, mit ihrem Töchterchen Perl davon leben zu können, wenn sie sich nicht durch kunstvolle Goldstickereien einen recht ansehnlichen Nebenerwerb geschaffen hätte. Trotz ihres traurigen Geschickes, das ihr den geliebten Gatten, ihren Ernährer und Beschützer, auf welchen sie mit berechligtem Stolze blickte, in der vollsten Lebenskraft inmitten seines engsten Schaffens entriß, hatte Frau Malke, oder wie man sie zum Unterschiede von der Gattin des in Wirksamkeit stehenden Rabbiners nannte, die alte Rebezzin, noch ein gut Stück ihres alten Humors in die Einsamkeit und Aermlichkeit ihres Lebens hinübergerettet. Gleich den Perlen, die sie unermüdlich in ihre Goldstickerei anbrachte, entquollen ihrem Munde geistvolle Gleichnisse und Sprichwörter, welche sie dem Leben, dem ureigenst jüdischen, entnommen, mit köstlichem Humor wiederzugeben vermochte. Wer die alte Rebezzin so dasitzen sah, die große Hornbrille auf der spitzen Nase, tief über den großen Stickrahmen gebeugt und ihre Gespräche so voller Geistesfrische anhörte, der hätte fürwahr geglaubt, die alte Frau arbeite blos zu ihrem eigenen Vergnügen an dieser kunstvollen Stickerei, und niemals hätte ein solcher geahnt, daß sie um des lieben Brotes willen so angestrengt arbette, so unausgesetzt einen Goldfaden an den andern reihte, bis unter diesen nimmermüden Händen Buchstabe an Buchstabe entstand und die wunderlichsten Arabesken sich gestalteten. Und wirklich, sie arbeitete auch zu ihrem Vergnügen, die alte Rebezzin. Niemand vermochte so sehr den Werth, den Segen der Arbeit zu empfinden, als es diese alte Frau that. In der Arbeit allein vergaß sie den Schmerz um den frühzeitigen Tod des gelehrten und liebevollen Gatten, die Sorge um das unerzogene Kind, das er ihr zurückließ. In der Arbeit fand sie Trost für alles Verlorene, aus der Arbeit schöpfte sie Hoffnung für die Zukunft. Eines aber gelobte sie sich, wenn sie so allein in dem dürftig avsgestatteten, aber sauberen Stübchen in der Fensternische bei der Stickerei saß: Stickerin oder auch nur Näherin sollte ihre Perl niemals werden! Wie, diese schlanke feine Gestalt sollte vorzeitig gekrümmt, diese blitzenden Augen trübe, diese rosigen Wangen bleich werden um einiger Groschen willen, die sich täglich durch diese mühsame Arbeit verdienen lassen? Nein, Perlleben hatte unberufen den eisernen Kopf ihres seligen Vaters siedrono livrochu, die muß lernen, und dann wird sie am Ende gar eine Gouvernante. Das fremde Wort imponirte der einfachen Frau gar gewalttg, und stolz erhob sie den Kopf im Vorgefühl der künftigen Größe ihrer Perl — als Gouvernante. So saß sie wieder eines Tages allein an dem gewohnten Plätzchen, während Paula noch in der Schule war. Draußen stürmte und wetterte es und der Wind trieb die großen Schneeflocken an das Fenster. Drinnen im Stübchen der alten Rabbinerswitwe aber war es still und warm. Der kleine Zugofen strahlte eine angenehme Wärme aus, und nichts war zu hören als das Knurren der grauen Katze, welche sich in der Nähe der Ofenröhre gar behaglich zu fühlen schien. Frau Malke mußte während ihrer Arbeit hinreichend Wärme haben, sonst hätten die alten Finger nicht so flink die Nadel führen können. An die Thüre wurde geklopft. Auf das Herein! der Rebezzin öffnete sich diese Thüre und herein trat eine alte Frau mit einem wollenen Strickstrumpfe in den Händen. Ei, ich wußte es, daß bei der Frau Nachbarin warm sein wird. Bei Ihnen thaut man auf, wenn man auch halb erfroren wäre. „Ja, warm muß ich halt haben", sagte Malke wie entschuldigend, „sonst kann ich nicht arbeiten. Also nehmen Sie sich einen Sessel und setzen Sie sich zum Ofen." „Ja dann könnte ich Ihnen nicht zuschauen, wie Ihnen die Arbeit unberufen so flink von der Hand geht, und könnte Ihnen die schönen Moschelech, die Sie erzählen, nicht zuhören. Da setze ich mich lieber her zu Ihnen." „Meinen Sie denn, Fradlleben, daß ich einen Waggon voll Moschelech im Borrath habe?" sagte die Rabbinerin lächelnd. „Ich habe Alles in Allem ein Faß! voll gehabt, mit dem bin ich schon am Ende, ganz am Boden." „Das wäre schad', Malkeleben, Sie wissen so hübsch zu erzählen. Aber was haben Sie da hier, was werden Sie mit dem rothen Sammt machen?" „Mit dem rothen Sammt werde ich eine Mizweh machen", war die Antwort. „Eine Mizweh? Wie so das, Malkeleben?" „Ganz einfach. Aus dem rothen Sammt wird ein Paroches werden, und wie steht es geschrieben? Hssissi Ji Peroches, mache mir ein Peroches, also erfülle ich ein göttliches Gebot, indem ich ein Peroches mache, ist dies keine Mizweh?" „Nu sehen Sie, dann sagen Sie noch, daß Sie keine Witze mehr haben, das war da ein gutes Wort, das haben Sie gewiß noch vom gottseligen Herrn Rabbiner her." „Ach nein, meine Gute! Der wußte nicht, daß ich Perochiser sticken werde, der würde sich im Grabe umdrehen, wenn er es erführe." „Ist es denn eine so schwere Arbeit, Malkeleben?" Nu probiren Sie es selber. Legen Sie gefälligst den Strickstrumpf aus der Hand und setzen Sie sich auf ein Weiler! an den Rahmen. Da haben Sie die eingefaßte Nadel, und die Brille borge ich Ihnen auch." Ja, seufzte die Andere, sitzen könnte ich schon dort, gar wenn es so schön warm ist, aber ob ich werde nähen können, das ist was anderes. Da werden Sie also Paulinka nicht Stickerin werden lassen, Malkeleben?" „Haben Sie einmal davon gehört, daß ein Schusterssohn Schuster, oder ein Lehrerssohn Lehrer würde? Nein, nicht wahr! Das kömmt daher, weil jeder Stand, so wie jedes Ding auf der leidigen Welt zwei Seiten hat — eine Licht, und eine Schattenseite. Der Mensch aber sieht bei seinem Stand nur die Schattenseite und bei einem andern die Lichtseite. Das ist schon einmal so eingerichtet. Darum wird der Schusterssohn sein Lebtag kein Schuster und der Lehrerssohn kein Lehrer. Darum wird meine Perl auch keine Stickerin werden." „Und was soll sie denn werden?" frug Fradl weiter. „Vor Allem muß sie in der Schule gut lernen, dann muß sie sich in der Wirthsch ft gut auskennen." „Heutzutage ist es aber Mode geworden, daß die armen Mädel auch etwas anderes lernen, damit sie, wenn sie chulile wechas keinen Schiduch thun, von was zu leben haben", warf Fradl ein. „Seien Sie mir mochel, Malkeleben, ich meine es wirklich gut mit Ihnen und mit Paulinka, aber etwas sollen Sie das Kind doch lernen lassen." „Also wenn es Sie beruhigt", antwortete Malke, „so sollen Sie es wissen: Gouvernante wird das Kind werden." „Kuhfernant? Was ist das? Davon habe ich noch nichts gehört." „Das glaube ich Ihnen! In B. ist sein Lebtag keine Gouvernante gewesen. Aber wie ich in Prag war, bei der Dame, welche das Peroches da machen läßt, um mir die Arbeit abzuholen, da Hab' ich in dem Haus ein so nobles Fräulein gesehen; ich war der Meinung, daß das die Schwester der Frau ist, weil si? so auffrisirt war und bei Tische mit der Herrschaft mitgegessen hat, und in einem feinen Kleid an Wochentagen gegangen ist, und sie mit den Kindern befohlen hat, mehr wie die eigene leibliche Mutter, so wollte ich ihr wie der Frau die Hand küssen, sie aber ist ganz erschrocken geworden und hat gesagt, daß sie nur die Gouvernante ist. Sehma Jisroel! Nur die Gouvernante. Was möcht' ich es mich kosten lassen, wenn mein Perlleben das Glück hätte, so eine Gouver-