Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021491--12317-3036904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vr. Bloch's Wmtzvnschrifl. Sette 836 Nr. 81 Die Einführung einiger anderer Heimarbeiten, deren Erzeugnisse ausschließlich für den Export bestimmt find, ist vorbereitet. Gegenwärtig zählt der Hilfsverein in 33 Ortsgruppen 3500 Mitglieder, die circa L 30.000 Jahresbeitrag leisten. An Spenden sind dem Vereine L 51.000 zugekommen. Dieser Bericht wurde, ganz besonders wegen der großen Erfolge der Hilfsaction, mit allgemeiner Befriedigung zur Kenntniß genommen und dem Vorstände der Dank der Versammlung votirt. Es wurde jedoch auch der Wunsch ausgesprochen, daß die Agitation zur Gewinnung neuer Mitglieder und Organisirung neuer Ortsgruppen nunmehr eifriger betrieben werde, damit der Verein die zur energischen Fortführung seiner Hilfsaction nöthigen Mittel gewinne. Dies dürfte jedoch nicht schwer sein, da der Verein durch die bedeutenden Erfolge, die er in der kurzen Zeit seines Bestandes erzielte, sich das allgemeine Vertrauen erworben hat. Nachdem die Arbeitswilligkeit und die Ausbildungsfähigkeit der jüdischen Bevölkerung in Galizien unzweifelhaft erwiesen wurde, mögen jüdische Industrielle und Exporteure sich der galizischen Arbeitskräfte zur Erzeugung ihrer Exportartikel bedienen. Mit dem Danke an Alle, die den Verein besonders gefördert haben: das Curatorium der Baron Hirsch-Stiftung, der »Hilssverein der deutschen Juden" in Berlin, das »Hilfscomite für die nothleidenden osteuropäischen Juden " in Frankfurt a. M., der israelitische Humanitätsverein „Bnai Brith“ und die jüdische Presse schloß der Vorsitzende die Versammlung. Die ausgelosten Mitglieder der Bereinsleitung wurden wiedergewählt. Neugewählt wurde Herr Salo Tedesko-Wien. In den Aufsichtsrath wurden neugewählt die Herren Julius Granichstädten-Wien und Ferdinand Löwy-Wien. In das Schiedsgericht wurde neugewählt Herr kaiserl. Rath Heinrich Kling er, Präses der israelitischen Cultusgemeinbe Wien. Wien. (Die Wiener jüdische Armenanstalt.) Hochgeehrter Herr Redacteur! Gestatten Sie mir, zu dem gerade in dieser rauhen Jahreszeit actuellen Capitel .Jüdische Wohlfahrtspflege" das Wort zu ergreifen. Seitens des Vorstandes der Armenanstalt der hiesigen Cultusgemeinde erging vor Kurzem an einige mit den hiesigen Verhältnissen besonders vertraute Mitglieder die Aufforderung, im Interesse dieser eminent humanitären Institution für dieselbe im Kreise ihrer Bekannten Propaganda zu machen und diese zum Beitritte zur Armenanstalt zu bewegen. Ich interessirte mich angelegentlich für diese edle Sache, stieß aber hiebei gerade bei Personen, von denen eine bereitwillige Zusage zu erwarten gewesen wäre, auf Widerstand, der mit Nachfolgendem motivirt wurde: »Jnsolange seitens des Cultusvorstandes nicht die schon längst geplanten Bezirksarmen- Commisfionen ins Leben gerufen werden, treten wir einer Wohlfahrtsanstalt absolut nicht bei. Es sollen sich sämmtliche hiesige öffentliche und private Wohlthätigkeits-Anstalten fussoniren, alle an der Ausübung von Armenpflege und Wohlthätigkeit betheiligten Kräfte sich zur gemeinsamen Arbeit zusammenfaffen. Nur dadurch wird es möglich sein, zweckmäßige Verbesserungen und Ausfüllung der zahlreich vorhandenen Lücken auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege anzubahnen, dem unstatthaften Bettelwesen sowie dem Mißbrauch der Wohlthätigkeit endgiltiq zu steuern. Nur durch ein mit geschlossenen Kräften vereintes Wirken wird ein intensiveres und zweifelsohne erfolgreicheres Ziel erreicht werden können". So lautete die Begründung der Ablehnung ihres Beitrittes zur Armenanstalt seitens mehrerer Gemeindemitglieder, welche sonst Herz und Sinn für's Judenthum besitzen, deren Standpunkt bezüglich dieser Frage aber durchaus verfehlt ist. Denn wiewohl auch unbedingt zugegeben werden muß, daß ein inniger Contact zwischen den privaten und öffentlichen Wohlthätigkeitsanstalten, daß eine einheitliche Leitung derselben, die ihre Executivorgane in den geplanten Bezirksarmen- Commissionen besäße, die erste Bedingung zu einem wesentlichen Fortschritte auf dem Gebiete der Armenpflege wäre, so darf man andererseits die Thatsache nicht außer Acht lassen, daß dieses Ziel — aufs Innigste zu wünschen — vorläufig noch in weite Ferne gerückt erscheint und daß bei Aufrechthaltung jenes starren Principes, dem jene Herren huldigen, mittlerweile unsere armen Glaubensgenossen — verhungern können. Außerdem dürfen wir nie daran vergessen, daß unsere Armenanstalt, die bereits seit 81 Jahren in der segensreichsten Weise wirkt, unter allen Umständen stets die Centrale bleiben wird, von der aus der belebende Strom der Wohlthätigkeit hin zur Peripherie fließen wird. Unsere Religion gebietet uns, dem Armen und Hilfsbedürftigen so rasch als möglich unter die Arme zu greifen, ihm auf seine wehmüthige Frage, ob wir zu helfen bereit seien, eine bezahlte Rückantwort zu geben. Während nun bei privaten Wohlthätigkeitsvereinen oft genug mit Rückficht auf ihr Budget gewisse Schranken in der Ausübung ihrer Humanitären Acte gesetzt find und fie trotz bestem Willen nicht in der Lage find, allen Anforderungen gerecht zu werden, während sie sich oft genöthigt sehen, an den Bittsteller die Frage zu richten, woher er kam der Fahrt und wie sein Nam' und Art, gelangt in der Verwaltung unserer Armenanstalt das herrliche Princip der Armenhilfe, wie es in unserer Thora gelehrt wird, zur vollen Entfaltung, macht sich der Zug ins Große daselbst stets bemerkbar. In unserer Armenanstatt wird an den Hilfesuchenden nicht erst die hochvothpeinliche Frage gerichtet, ob er ortsangehörig sei, auch wird nicht erst genau untersucht, ob der Bittsteller aus Selbstverschulden in Noth gerathen sei u. s. w. Diese Umstände stehen der Gewährung von Unterstützungen durchaus nicht im Wege, entscheidend hiefür ist einzig und allein die Hilfsbedürftigkeit. Der Vorstand der Armenanstalt hat es sich zu einer seiner allerersten Pflichten gestellt, erwerbsunfähige, kranke und verschämte arme Glaubensgenossen in discreter Weise mit Geld, Medicamenten, Brennmaterialien re. zu unterstützen. Aber bereits seit einer Reihe von Jahren kämpft die Armenanstalt unserer Gemeinde einen schweren Kampf gegen das Ueberhandnehmen von Noth und Elend innerhalb der hiesigen jüdischen Bevölkerung. Neben der Ungunst der Zeitverhältnisse ist es vornehmlich die herrschende confesfionelle Richtung, welche die Erwerbsverhältnisse der dortigen Glaubensgenossen von Tag zu Tag immer mehr beeinträchtigt und sie, soweit sie gezwungen find, an die öffentliche Mildthätigkeit zu appelliren. gegenüber den Hilfesuchenden anderer Consessionen in Nachtheil setzt. Soll sich daher die Armenanstalt den dadurch immer steigenden Anforderungen, welche an sie herantreten, gewachsen erweisen, dann kann dies nur dadurch geschehen, daß sich der bewährte Wohlthätigkeitssinn unserer Gemeindemitglieder in erster Linie dieser heil- und segenbringenden Institution gegenüber bethätige, daß unsere wohlhabenden Glaubensbrüder als Mitglieder der jüdischen Armenanstalt beitreten und so zum Wachsen, Blühen und Gedeihen des ältesten Wiener jüdischen Wohlthätigkeitsvereines auch ihrerseits beitragen. B. Kanitz. Wien. (Verein zur Hebung der Gewerbe.) In der von einem distinguirten Publicum zahlreich besuchten Plenarversammlung am Samstag den 13. d. M. hielt Herr Stadtzimmermeister Frants D j ö r u p seinen hochinteressanten Bortrag über »Die Weltausstellung in St. Louis 1904*. Der Vortragende beleuchtete die Bauwerke und Institutionen, die Amerika zu dieser Ausstellung unserem Continente veranschaulichen will, durch Bilder und photographische Aufnahmen, die von Hand zu Hand gingen und allgemeines Interesse erweckten. Nach Beendigung des Vortrages, dem wiederholt allseitiger Beifall folgte, ergriff Präsident Brod das Wort: »Meine Herren und Damen! Wir befinden uns leider heute in Oesterreich in einem unerhörten wirthschastlichen Kampfe in eigener Mitte. Von einer Seite hört man nichts anderes als Klagen über schlechten Geschäftsgang, über mangelhafte Exportverhältniffe, über eine wenig erfreuliche Statistik aus überseeischen Gebieten, wie mangelhaft unsere Ausfuhr im Vergleiche zu anderen Staaten; wir lesen fast täglich von Fabriken und Eisenwerken, die ihre Betriebe theilweise oder ganz einstellen und Jndustrierath auf Jndustrierath tagen in Wien, damit Abhilfe in der angedeuteten Richtung von Seiten der Regierung erfolge. Wir hören dagegen von anderer Seite, daß eine mächtige reactionäre Partei täglich und stündlich bemüht ist, Handel und Gewerbe in Oesterreich möglichst zu unterbinden, man wünscht Gesetze, wie z. B. eine Gewerbe-Novelle, die alte und verrostete Einrichtungen Hervorrufen, man will auch den Handel mit einem Befähigungsnachweis beglücken, man will den Haufirern das letzte Stück Brod nehmen, das fie sich bis heute, ohne Handel und Gewerbe nachweisbar zu schädigen, im Schweiße ihres Angesichtes verdient haben; man prüft den Handlungs¬ und Geschäftsreisenden auf Herz und Nieren. Ja, wohin soll eine solche entgegengesetzte Thätiakeit auf wirthschastlichem Gebiete in einem Lande führen? Muß ein solcher Karren nicht verfahren werden, wenn man ein Gespann nach vorne und eines nach rückwärts zur Thätigkeit antreibt?