Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 834 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 51 daß wir oft vor Fällen stehen, wo wir uns der Hilfspflicht unmöglich entziehen dürfen. Deswegen dürfen wir uns nicht die Hände binden, sondern müssen jedesmal, unbeirrt durch präjudicirliche Beschlüsse, unvoreingenommen nach Pflicht und Gerechtigkeit Vorgehen. (Lebhafter Beifall.) Cultusvertreter Dr. K a tz a u wendet sich gegen die Ausführungen des Herrn Baurathes von Goldschmidt und constatirt, daß bei Uebertragung der Agenden an die Armenanstalt nicht in erster Linie Ersparungsrücksichten, sondern Rücksichten der Organisation und Centralisirung maßgebend waren. Redner bemerkt, daß die ins Budget pro 1903 eingestellte Erhöhung der Dotation um 10.000 Kronen lange nicht ausreiche, den zu gewärtigenden Mehrbedarf zu decken. Mit dieser Maßregel wollte man keineswegs die Ausgaben in die Grenze gewiffer Ziffern bannen, den Etat petrificiren, angesichts einer progressiven Steigerung der Roth. Redner führt eine Reihe von Ziffern vor, welche klar beweisen, daß thatsächlich bedeutende Ersparnisse erzielt worden sind, wenn sie auch äußerlich nicht zum Ausdruck gelangen, weil die Zchl der Unterstützungen ins Ungemeffene gestiegen. Seit Ende October 1902 sind mehr als 700 neue Arme zugewachfen. Der überaus strenge Winter, das neue Hausirgesetz sind Factorei', welche den Armenstand noch in bedeutender Weise erhöhen werden. Präsident kaiserl. Rath K l i n g e r wendet sich gegen die BemerUmg des Herrn kaiserl. Rath Pellak, daß die Beschlüsse nicht entsprechend zur Ausführung gelangen. Er müsse diesen Borwurf entschiedenst zurückweisen. Kaiserlicher Rath Wilhelm P o l l a k, (zur persönlichen Berichtigung): Ich habe mich zu einer persönlichen Berichtigung gemeldet, um die Worte des hochverehrten Herrn Mitgliedes des Vertreter-Collegiums, Herrn Ritter v. Tauffrg, dahin richtigzustellen, daß ich meine vorherigen Anträge schon in vielen Sitzungen gestellt habe, somit nichts Neues und auch nichts, was Geld kostet, anregte, sondern schon oft, sogar zu oft, die gleichen Beschwerden vorbrachte, die aber leider noch immer der Erledigung harren. Diese Thatsache dürste dem hochverehrten Herrn Vorredner, der erst seit zwei Jahren in unserer Mitte weilt, nicht bekannt sein. Nicht die Sucht nach Okffentlichkeit ließ mich diese Anregungen wiederholt hier Vorbringen, sondern die F l u ck t in die O ff nilichkni. Ich behaupte nochmals, daß die 10 fl.- Steuer sür oMe B amte, die gerne fünf Gu'den an Steuer entrichten würden, zu doch ist; wenn ich gefragt wurde, warum sich die B t> ff nden nicht freiwillig melden, so kann ich nur erwidern, daß wir eine Statistik der Idealisten, die sich freiwillig zum Steuerzahlen melden, bisher nicht haben. — Ich constatire weiters, daß sich vier Beamte meines Hauses, als ihnen eine 10 fl.-Steuer aufgetragenj wurde, zur Entrichtung einer solchen von fünf Gulden bereit erklärt haben. Ich bin dessen gewiß, daß man für unsere Institutionen, hauptsächlich für unsere Armeninstitution ein schönes Stück Geld hereinbrächte, wenn die 5 fl.-Steuer eingeführt wird. Referent kaiserl. Rath Hirsch ergreift das Wort: Hochgeehrte Herren! Im Namen des Vertretercollegiums habe ich die Ehre, Ihnen heute den Entwurf des Budgets pro 1903 vorzulegen. Nachdem die bisher durchgeführte Generaldebatte die einzelnen Capitel desselben nahezu gänzlich erschöpft hat, so erübrigt es mir nur noch. Ihnen die Gesammthöhe der Einnahmen und Ausgaben der Gemeindebedürfnisse des kommenden Jahres vorzutragen. Die Einnahmen ergaben die Ziffer von K 2,035.975 56, bit Ausgaben von.„ 2,196.217 27. Das Budget schließt sonach mit einem unbedeckten Betrage von.„ 110.241*71 in der ordentlichen Gebahrung und. . . . „ 50.000.— in der außerordentlichen Gebahrung, so daß _ ein unbedecktes Gesammterforderniß von . . L 160.241*71 resultirt. Hiebei kann ich nicht umhin, besonders hervorzuheben, daß bei genauer Zusammenstellung und Vergleichung aller Ziffern die Mehrerforderniffe an ordentlichen Ausgaben im Jahre 1903 gegenüber dem laufenden Jahre eine Steigerung von rund L 209.000*— ergibt und daß es Ihre Aufgabe bleibt, entsprechende Deckung für diese bedeutenden Mehranslagen, die übrigens auch für die Zukunft die Tendenz stetiger Steigerung in sich tragen, durch Stärkung der alten und womöglich auch durch Erschließung neuer Einnahmsquellen zu suchen und zu finden. Ich muß die negative Thatsache constatiren, daß angesichts der traurigen Erwerbsverhältnisse in unserer Stadt eine weitere Anspannung der Steuerkraft unserer Censiten in Form einer Erhöhung der Cultussteuer fast ganz ausgeschlossen ist. In vorliegendem Budget erschienen die Einnahmen aus der Cultussteuer um volle K 50.000*— erhöht, und ich fürchte, daß wir damit schon an die Grenze des Erreichbaren gegangen sind. Das lang ersehnte vollständige Gleichgewicht im Haushalte unserer Gemeinde wird daher insolange ein unerreichtes Ideal bleiben, als es uns nicht gelingt, neue Einnahmsquellen für die Gemeinde aufzufinden. Somit empfehle ich Ihnen die Genehmigung dieses Budgets. Cultusvorsteher Salo Cohn beantragt die eu bloe-Annahme des Budgets. Cultusvorsteher Dr. Markus Spitzer spricht sich dagegen aus und beantragt die capitelweise Specialberathung des Budgets. Bei der hierüber eingeleiteten Abstimmung wird dasselbe mit allen gegen eine Stimme eu bloe angenommen. Vorsitzender kaiserl. Rath Klinger bemerkt, daß im Sinne des ß 90 des Statutes der Voranschlag durch 14 Tage zur Einsicht der Gemeindemitglieder im Secretariate der Cultusgemeinde aufliegen werde und daß innerhalb dieser Frist Erinnerungen bezüglich des Voranschlages bei dem Cultusvorstand schriftlich überreicht werden können. Schluß der öffentlichen Sitzung 2 Uhr Nachmittags. Die Generalversammlung -es „Hilfsvereines für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" fand Montag den 8. December unter dem Vorsitze des Obmannes Herrn Maximilian Paul-Schiff bei zahlreicher Betheiligung der Delegirten der Ortsgruppen und der Mitglieder der Vereinsleitung in dem großen Saale des Humanitätsvereines „Wien" Bnai Brith statt. Von den Ortsgruppen Bielitz. Jglau, Krakau, Leitmeritz, Lrmberg, Linz und Prag waren Begrüßungsschreiben und Telegramme ein gelaufen. Der Präsident des Verbandes der israelitischen Humanitäts- Vereine Bnai Britü für Oesterreich, Herr Dr. Hamm er sch lag in Prag, sandte ein Begrüßungstelegramm und. ein Schreiben, in welchem er mittheilte, daß der Verband beschlossen hat, dem Hilssvereine als gründendes Mitglied mit dem Jahresbeiträge von K 1000.— beizutreten. „In diesem Beschlüsse soll nicht nur ein Beweis der dankbaren Anerkennung der bisherigen Leistungen und Erfolge des Hilfsvereines erblickt werden, sondern auch die Bereitwilligkeit, die vom Hilfsvereine in so zielbewußter Weise eingeleitete Hilfsaction jederzeit nach Kräften auch materiell zu fördern." Nachdem der Vorsitzende die Versammlung, den Präsidenten der israelit. Cultusgemeinde Wien Herrn kais. Rath Heinrich Klinger und Herrn Oberrabbiner Dr. Güdemann begrüßt hatte, erstattete er einen ausführlichen Bericht über die Hilfsaction des Vereines und den gegenwärtigen Stand seiner Organisation. Wir entnehmen diesem Berichte, daß in 75 Orten, die meist zu den ärmsten Galiziens gehören. Haarnetz-Lehrcurse veranstaltet und circa 6000 Frauen und Mädchen in dieser Heimarbeit unterrichtet wurden. Der Arbeitslohn, den der erste Unternehmer im Monate November dort auszahlte, betrug K 16.524*33. Ungefähr das Doppelte dieses Betrages dürften seine 9 großen und zahlreichen kleinen, dortigen Concurrenten an Lohn im Monate November ausgezahlt haben. Die meisten Arbeiterinnen sind noch Anfängerinnen. Bei zunehmender Fertigkeit wird auch der Lohn zunehmen. Mit der Erzeugung von Holz« und Spielwaaren für ein Wiener Exporthaus ist ein Anfanggemacht worden. Diese für Männer bestimmte Arbeit, die eine lange Schulung erheischt, kann sich nur langsam ausbreiten. Auch mit der Erzeugung von Cravatten in Galizien hat ein Wiener Exporthaus einen entwicklungsfähigen Anfang gemacht.