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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-12-19 · 51 (19.12.1902) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
51 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 51 Dr. Bloch's Wochenfttzrist. Seite 829 liebe jenen antisemitischen Jrrlehrern voranleuchten könnte, die da sagen, daß die Nächstenliebe bei sich selber anfange und daß ein edles Herz nur in der Brust eines waschechten Christlich- Socialen schlagen könne. Es ist nicht die Schuld der Juden, wenn sie mehr und mehr von diesem interconfessionellen und kosmopolitischen Standpunkte abgedrängt werden. Aber wenn wir sehen, daß das Judengeld, das zur Linderung der interconfessionellen Armuth gespendet wurde, den Mischen Nothleidenden entzogen wird, wenn wir sehen, daß christliches Geld, welches wieder ohne Unterschied der Confession gegeben wurde, einzig und allein den Judenkindern vorenthalten wird, dann bleibt keine andere Wahl, als daß auch unsere bemittelten Glaubensgenossen sich endlich ihrer Pflicht gegenüber den jüdischen Witwen nnd Waisen, gegenüber dem furchtbaren Elend in unseren eigenen Reihen erinnern und fürderhin ihre Zuwendungen in einer solchen Form machen, durch welche jedem Betrug an jüdischen Armen vorgebeugt wird. » Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Kretinismus oder Antisemitismus. —Sie wollen die Inden vernichten. — Die Opposition im Gemeinderath. — Se. Durchlaucht, der Lügner. — Eine lächerliche Zumuthung.) »Der Cretinismus? bleibt Trumpf, so lange wir am Ruder sind/ damit schloß Herr Bielohlawek in der Budgetdebatte des Gemeinderathes seine famose Rede. Bevor Herr Bielohlawek uns eine Berichtigung nach § 19 Pr. G. schickt, wollen wir sie lieber gleich selbst hieher setzen. Thatsächlich sprach der ausgezeichnete Stadtrath nicht von Cretinismus, sondern er sagte: ^Antisemitismus ist Trumpfs, aber der Herr Stadtrath möge es uns auf's Wort glauben: in der Sache und in der Wirkung kommt es auf das Nämliche heraus, und aus seiner Rede konnten wir uns stellenweise überzeugen, daß die beiden Begriffe, genau so wie die berühmten Heine'schen vier Stände in Göttingen — Studenten, Professoren, Philister und Vieh — nichts weniger als streng von einander geschieden sind. Vom Geiste selbstgefälliger Dummheit durchweht, wirkten einzelne seiner Ausführungen wie die Naturlaute eines Nichtprofessors, so z. B. die heitere Passage über die Schulärzte. »Der Schularzt kann gar nichts machen. Soll er die Kinder ausziehen und abhorchen? Das kann er nicht. Oder soll er nun die Kinder fragen: Was fehlt Dir denn? Da wird das eine sagen, mir fehlt gar nichts, und das Andere, mir fehlt das und das, ich mag nicht in die Schule gehen. Also, die Schulärzte haben gar keinen Wertb." Einleuchtender kann die Ueberflüssigkeit der Schulärzte wirklich nicht bewiesen werden, als es in diesem »Gedankengang" geschieht, und dieser Bielohlawek, wie er leibt und lebt, ist Gemeinderath und sogar Stadtrath, er darf über öffentliche Angelegenheiten öffentlich sprechen und übt in den wichtigsten Fragen Einfluß auf die Entscheidung. Dieser redende Barriörestock ist das Musterexemplar eines christlich-socialen Gemeinderathes, sein Bildungsgrad und seine Intelligenz sind typisch für die herrschende Partei. Und da wundert sich Herr Dr. Lueger und erbost sich darüber, wenn in Zeitungen, die einen Pfifferling nach ihm zu fragen haben, die christlich-sociale Partei in Wien abfällig beurtheilt wird. Dieser Bielohlawek hat aber in seiner Schwatzhaftigkeit ein sehr unvorsichtiges Geständniß abgelegt, indem er erklärte: »Wir sagen die Wahrheit, wir wollen die Juden vernichten.^ Herr T o m o l a, ein städtischer Lehrer, hat ähnliche Erklärungen abgegeben, allein davon haben wir nichts gelesen, daß der Herr Bürgermeister, der den Eid auf die Staatsgrundgesetzr geschworen, diese Aeußerungen gerügt hätte. Herrn Dr. Lueger ist esja vielleicht doch nicht ganz unbekannt, daß nach der österreichischen Verfassung, wenigstens so lange sie nicht vom Bielohlawek sistirt ist, die Juden gleichberechtigte Bürger dieses Landes sind. Bon einem Gemeinderathe, der die Angelegenheiten der Stadt Wien gerecht zu verwalten hat, ist es ein frecher Mißbrauch des Ehrenamtes, das er bekleidet, wenn er es als seine Aufgabe betrachtet, seine jüdischen Mitbürger zu vernichten. Das öffentlich zu erklären, heißt nicht ehrlich oder wahr sein, sondern unverschämt. Wir Juden gedenken vorläufig uns von den Bielohlaweks noch lange nicht vernichten zu lassen und. verachten ihre Drohungen, mögen sie auch noch so ernst gemeint sein. Vorläufig schöpfen wir unsere Beruhigung in dem Gedanken, daß es der antisemitischen Verpöbelung noch lange nicht gelungen ist und auch niemals gelingen wird, aus den Herzen der christlichen Bevölkerung alles menschliche Empfinden und alles Rechtsgefühl zu reißen. Jener christlich-sociale Armenrath, der einer nothleidenden Frau den Rath ertheilte: »Hängen Sie sich auf", und auf ihre Frage, was denn dann mit ihren Kindern geschehen solle, erwiderte : »Werfen Sie sie ins Wasser!", der ist allerdings möglich in einer Stadt, in deren Gemeinderathssaal öffentlich erklärt werden darf: »Wir wollen die Juden vernichten". Daß aber vor einer solchen Gemüthsroheit und Gemeinheit ausgespuckt wird, das werden sich die Wiener nicht einmal inden Waggons der Straßenbahn verbieten lassen, obgleich hier das Ausspucken überhaupt verboten wird. Herr Dr. Lueger verlangt von der Regierung, daß sie die Correspondenten auswärtiger Blätter, welche die Verwaltung der Stadt Wien abfällig kritisiren, mit der Ausweisung bedrohe. Mag sein, daß einzelne Berichte gehässig oder übertrieben waren, und es fällt uns nicht ein, uns mit Allem, was über Wien irgendwo in der Welt geschrieben wird, auch nur im Geringsten zu identificiren. Allein es ist eine höchst sonderbare Methode, durch derartige Drohungen die öffentliche Meinung terrorisiren zu wollen. Wozu braucht übrigens Herr Dr. Lueger ins Ausland zu gehen, wenn er verdammende Urtheile über sich und feine Barriörestöcke lesen oder hören will? Alles, was in Wien nicht in Folge der Verhetzung antisemitsch denkt oder aus schmutzigen Beweggründen antisemitisch heuchelt, ist einig in der entschiedensten Verdammung der gesetzwidrigen, gemeinschädlichen und unmoralischen Hetze, wie sie vom Ernst Schneider und Alois Liechtenstein betrieben wird. Interessant ist es auch, zu lesen, wie glatt und ungestört im Gemeinderathe die Hetzreden gehalten werden können, während die Redner der Opposition in der Budgetdebatte fast nicht einen einzigen Satz Vorbringen konnten, ohne daß Dr. Lueger sie unterbrach, entweder um sie zurechtzuweisen oder um ihre Behauptungen als unrichtig zu erklären, so daß jede oppositionelle Rede in einen Dialog zwischen dem Redner und dem Bürgermeister aus artete. Bon Herrn Dr. Lueger Objektivität zu erwarten, hat man sich längst abgewöhnt; wie er aber in jener Debatte sich benommen hat, das war eine empörende Verhöhnung alles parlamentarischen Rechtes. Ein socialdemokratischer Redner hat dafür das einzig richtige Wort gefunden. Wie die Opposition im Gemeinderathe behandelt wird, ist ein Scandal. * * * Ein wahrer Scandal wäre es auch gewesen, wenn der lange Alois Landmarschall in Niederösterreich geworden wäre, und daß diese Forderung der Antisemiten nicht erfüllt wurde, zeigt uns, daß in Oesterreich noch nicht alles Schamgefühl abhanden gekommen ist. Bor einigen Tagen erst hat der lange Alois im Verein » Christliche Familie" seine Weihnachts-Judenhetze fortgesetzt, und dabei erzählte er seinen Hörerinnen, daß in den galizischen Dörfern die Rabbiner die Ausbeutung der christlichen Bevölkerung unter die Juden autoritativ vertheilen, daß jeder Christ'sozusagen als Leibeigener einem bestimmten Juden gehöre, daß ein Jude, der einem anderen Concurrenz macht, in den großen Bann gethan werde, und er zog daraus die Folgerung: »Derjenige Christ, der bei einem Juden kauft, ist ein Berräther und ein Feind seines eigenen Volkes." Die schlichten Frauen, denen das Alles vorgespiegelt wird, haben weder die Kenntnisse noch die Erfahrungen, um zu erkennen, daß jedes Wort, das der »Fürscht" da vorbrachte, eine nichtswürdige Lüge, eine niederträchtige Verleumdung ist, erdichtet vom Anfang bis zum Ende. Solche Lügen zu ersinnen, um sie als Waffen im Dienste einer giftigen Agitation zu gebrauchen, das ist ein Heldenstück, wie es gemeiner nicht von einem Ernst Schneider ausgeheckt und begangen werden könnte. Und nun denke man sich einen solchen Landmarschall. So viele Journalisten können aus Oesterreich nicht ausgewiesen werden, um die öffentliche Mißbilligung zu unterdrücken, die eine solche Ernennung hervorgerusen hätte. Traurig genug, daß ein Josef Strobach Landmarschallstellvertreter ist. * * * Für die Kinderschutz- und Rettungsgesellschaft soll die christlich-sociale Majorität eine Subvention bewilligen? Lächerliche Zumuthung. Aber die Debatte darüber hat viel zu lange gedauert. Mißhandelte Kinder soll man schützen oder retten? »Sollen sich aushängen!" t 8 e g r i m.

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