Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Dr. Bloch's Wochenschrift. Gelte 835 alte Frau ihr mitgebrachtes Gebetbuch hervor, um an dem Grabe, neben welchem sie stand, zu beten. Herzbrechendes Schluchzen mischte sich mit den halblaut vorgetragenen Worten des Gebetes, von einem Thränenstrom unterbrochen. Die Aufregung, welche die alte Frau ergriffen hatte, steigerte sich bis zur Ohnmacht. Beim Umsinken erfaßte die korpulente Frau die Zweige des in der Nähe des Grabes wild wachsenden Haselnußstrauches, um sich daran zu halten. Das Geräusch, welches das Knicken dieser Zweige verursachte, ließ Paula aufblicken, und mit einem leichten Schrei eilte sie auf die stürzende Frauengestalt zu. Bevor sie hinzukam, lag diese bereits, den Kopf auf das Grab gelehnt, bewußtlos am Boden. Paula brachte den Friedhofwächter nebst dessen Frau zur Stelle, mit deren Hilfe es ihr auch gelang, die anscheinend Leblose zum Leben wieder zu erwecken. Als diese ihrer Sinne so weit mächtig war, um zu begreifen, was mit ihr vorgefallen sei, bat sie die ihr unbekannte junge Frau, sie in dem Wagen, der vor dem Thore ihrer harrte, nach Hause zu begleiten, wenn es nämlich ihre Zeit gestattete. Bereitwillig sagte Paula zu. Nach einem rührenden Abschiede von dem Grabe ihres Gatten ließ sich die alte Frau von Paula zum bereits harrenden Wagen führen. Als es sich die beiden Damen in dem geschloffenen Landauer bequem gemacht hatten, frug Paula: „Wohin fahren wir, gnädige Frau?" „Etwa zwei Stunden Weges von hier, wohnt meine Tochter, welche an einen Gutsbesitzer verheiratet ist. Ich selbst bin in dieser Gegend ganz fremd; mein Mann hat vor einigen Monaten die Kinder besucht, um als Pathe bei ihrem jüngsten Söhnlein zu fungiren, da wurde er, ferne von der Heimat, jählings vom Tode hingerafft und hier auf dem nächsten jüdischen Friedhofe begraben. Mein körperliches Leiden hat mich bisher verhindert, sein Grab zu besuchen, doch jetzt, nachdem der Grabstein gestellt war, litt es mich nicht länger zu Hause, und so habe ich mich trotz meiner Kränklichkeit zu einer Reise zu meinen Kindern entschlossen, hauptsächlich aber in der Absicht, das Grab meines theuren Hingeschiedenen zu besuchen. „Und warum kamen Sie so ganz allein? Es ist dies, wie Sie sich selber überzeugt haben, nicht rathsam, andererseits widerspricht ein einsamer Fciedhofsbesuch einem allgemeinen Gebrauche." „Warum waren S i e allein dort?" lautete die Gegenfrage. Das ist ein anderer Fall. Ich bin jünger als Sie, bin vollkommen gesund und wollte hauptsächlich allein, ungestört an dem Grabe meiner Mutter beten. Das letztere ist auch mein Fall. So wie im Leben sich Niemand zwischen Ehegatten drängen soll, so sollen sie auch, wenn sie der Tod getrennt hat, Niemand zwischen sich dulden. Niemand sollte hören, was ich dem theuren Todten erzählte, was ich mir von ihm erbitten wollie." „Gnädige Frau! Diese Art von Todtencultus widerspricht meinen Begriffen vom Leben im Jenseits. Ich habe mir eine eigene Ansicht über den Gräberbesuch gebildet und diese ist: Entweder wissen die Todten von den Vorgängen hier auf Erden, — wie furchtbar muß es für sie sein, unsere Leiden zu kennen, ohne Abhilfe schaffen zu können. — oder sie wiffen nichts davon, und es ist nur zu unserer eigenen Beruhigung, ihr Grab aufzusuchen. Daß sie aber auch in ersterem Falle zur Unthätigkeit verdammt sind, da es ihnen nicht gestattet ist, auch nur mit einer frommen Fürbitte in unser Schicksal einzugreifen, glaube ich durch Hinweis auf mein eigenes Leben beweisen zu können. Gnädige Frau! Ich hatte eine Mutter, von deren Grabe ich eben jetzt komme, diese hätte ihr Blut tropfenweise für mich, deren Alles ich war, hergegeben, eine Mutter, deren Frömmigkeit und Gottergebenheit sprichwörtlich noch heute unter den Bewohnern der Gemeinde ist. Läßt es sich denken daß ihre Fürbitte nicht einen günstigen Einfluß auf mein so unsäglich trauriges Geschick hervorgebracht hätte?" „Und dennoch — wie soll ich das verstehen? — kommen Sie soeben von ihrem Grabe, Sie kleine Pessimistin," entgegnete die Andere fast scherzend. „Ich war dort, um zu beten, gewiß, das ist nicht zu leugnen. Aber vergebens würden Sie die Worte, in die ich mein Gebet gekleidet habe, in den Blättern irgend eines Gebetbuches suchen. Hier an der Stätte des Friedens hat mich zuerst nach langer Zeit die Bitterkeit verlassen, welche mich bisher zu einem Anflehen der Gottheit verhindert hat. Ein so schweres Herz, wie das meinige es ist, kann sich nicht zu jener Höhe hinaufschwingen, um zu dem Allerhöchsten sprechen zu können, wie ein Mensch zu einem andern, wenn auch weit höhergestellten. So nämlich stelle ich mir das eigentliche, richtige Gebet vor. Heute, wo ich von aller Welt verlaffen. verzweifelnd, jeder Hoffnung baar, mich nach einem Plätzchen sehnte, wo meine gequälte, bedrückte Seele den heißersehnten Frieden finden könne, da fand ich nur Eines — das Grab der Mutter. Dort hat mich diese gräßliche Verbitterung, dieses furchtbare Gefühl gänzlicher Trostlosigkeit verlaffen, das so lange schon wie eine hemmende Scheidewand zwischen mir und meinem Gotte stand, dort hat mich ein himmlischer Frieden angewehet, ich vermochte zu beten, — und fand Trost in diesem Gebete. Doch wie ich Ihnen schon sagte, mein Gebet war ein anderes, wie es an dieser Stätte verrichtet zu werden pflegt. Nicht, wie es gebräuchlich ist, den Geist des Dahingeschiedenen habe ich angerufen, nicht um ihre Fürbitte g» fleht. Ich wandte mich in meinem stillen Gebete an den Einzigen, den Gott Israels, in deffen Wegen meine fromme Mutter stets gewandelt und deffen Namen auf den Lippen sie auch entschlummert ist, und ein inneres Gefühl sagt mir, das dieses mein inbrünstiges Gebet auch Erhörung gesunden hat." „Wie wünschte ich das um Ihretwillen, Sie arme, junge Frau, Sie sind noch so jung und so tieftraurig, wie verstehe ich das, liebes Kind? Kann Ihnen denn das Leben in so jungen Jahren schon so arg mitgespielt haben, daß Sie Trauriges mit einer alltäglichen Miene aussprechen wie etwas Gewöhnliches, Gewohntes?" „Das ist es auch, gnädige Frau! Meine letzte Lebenszeit war derart, daß ich mit dem Kummer und der Sorge so vertraut wurde, mich mit ihnen auf Du und Du stellte. Kennen Sie ein größeres Leid, als verlaffen sein, so gänzlich verlaffen. Niemand zu haben, den wir lieben können, der uns liebet, für Niemanden sorgen zu müssen, als für sich selbst, für dieses egoistische undankbarste Ding?" „Sie sind auch Witwe", liebes Kind? „Ich habe keinen Gatten mehr." „Sie Arme, in so jungen Jahren! Das ist traurig. Auch mein Geschick ist kein glückliches zu nennen, wenn mir auch der gütige Gott vergönnt hatte, bis ins Alter an der Seite meines Gatten zu leben. Aber um so unglücklicher bin ich als Mutter. Mein ältester Sohn ist in schlechte Gesellschaft gerathen, hat uns Schande gemacht, man spricht sogar davon, daß er irgendwo im Auslande seinen angestammten Glauben gewechselt hat. Mein Mann hat dies während seines Verweilenbei unserer Tochter erfahren; das hat ihm den Todesstoß gegeben." „Das muß für eine Mutter sehr traurig sein", erwiderte Paula, „aber etwas ist Ihnen denn doch geblieben, etwas, woran Ihr Herz hängt, während ich ganz allein und verlaffen in der Welt stehe". Die beiden Frauen, welche vor kaum zwei Stunden sich gar nicht gekannt hatten, wurden während der raschen Wagenfahrt so vertraut mit einander, als wären es alte Bekannte, die sich Jahre lang nicht gesehen hatten und bei ihrem unvermutheten Zusammentreffen ihre Erlebniffe während der Zeit ihrer Trennung austauschten. Die ungewöhnliche Veranlassung, welche die beiden in Alter wie äußeren Verhältniffen so verschiedenen Damen zu einander führte, hatte sie auch seelisch einander genähert. Unter diesem und ähnlichen Gesprächen waren sie bis vor das Thor des Gutshofes gekommen, welches die Tochter der Frau Trebitsch bewohnte. „Jetzt sind Sie zu Hause, gnädige Frau!", sagte Paula, nachdem der Wagen gehalten hatte, „bitte sehr, mich noch in dem Wagen bis zur nächsten Station fahren zu lassen, von wo aus ich den ersten Zug zu meiner Heimreise benützen werde". „Wie, Sie sind nicht aus B?" fragte Frau Trebitsch sehr erstaunt. „Nein, ich wohne in Prag und reifte nur deshalb nach B. um das Grab meiner Mutter auf dem dortigen Friedhofe besuchen zu können. In der Stadt selbst habe ich mich nicht aufgehalten. Die Erinnerungen, welche meine ehemalige Heimat in mir erweckt, sind sehr traurige." „Hoffentlich werden Sie heute nicht in Prag erwartet?", warf Frau Trebitsch ein. Mit schlecht verhehlter Bitterkeit antwortete Paula: „Wer sollte mich auch wohl erwarten. Und wenn ich etwa gar nicht zurückkäme, würde mich auch Niemand vermissen, als etwa meine Quartiersfrau." „Also was haben Sie es denn gar so eilig? Steigen Sie mit mir aus, damit ich Ihnen Tochter und Schwiegersohn vorstellen kann und meine herzigen Enkerl!"