Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021490--12305-3036891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 824 Dr. Bloch's Wvchenfchrifk. Nr. 50 theiligten sich Alt und Jung, sowie sämmtliche hier existirende Corporationen. Am Friedhofe widmete der Krakauer Rabbiner Ehrwürden R. Osias Thon dem Dahingeschiedenen einen erschütternden Nachruf, bei welchem kein Auge trocken blieb, worauf vom Verblichenen in ergreifenden Worten unser Bürgermeister und Landtagsabgeordneter Maryewski als ehemaligen Gemeinderath und fleißigen Mitarbeiter um das Wohl der Stadt Abschied nahm. Der Verblichene hinterläßt drei unmündige Kinder, die sich ihren seligen Vater zum Vorbilde nehmen mögen. Prag. (Beerdigung.) Am 3. d. M. fand unter überaus großer Betheiligung das Leichenbegangniß des greisen Stiftungsrabbiners Hermann Reach vom israelitischen Badhofe aus statt. Derselbe genoß hierorts wegen seiner großen talmudischen Gelehrsamkeit, seinen hervorragenden Charaktereigenschaften und seinem geradezu asketischen Lebenswandel das größte Ansehen. Der Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld hielt dem Verewigten einen tief ergreifenden Nachruf. Sodann bestieg der Sohn des Dahingeschiedenen, Rabbiner Dr. Julius Reach aus Raudnitz, die Kanzel, um in zu Herzen gehenden Worten dem Andenken des Verewigten gerecht zu werden. Üeber besondere Anordnung des Vorstandes der Beerdigungsbrüderschast nahm der Leichenzug den Weg zur Eingangspforte der Altneusynagoge. woselbst behufs Abhaltung eines stillen Gebetes Halt gemacht wurde. Den Dahingeschiedenen geleiteten zu Grabe der Präses der Prager israelitischen Cultusgemeinderepräsentanz Herr Dr. A. Rosenbacher und das Mitglied derselben Herr Schriftsteller S. Kohn, der Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde in Raudnitz Herr Adolf Braun und der Vorsteher-Stellvertreter Herr Ignatz Pollak, sämmtliche Rabbiner Prags, Rabbiner Dr. Isidor Hirsch, Karolinenthal, der Gesammtvorstand der israelitischen Beerdigungsbrüderschaft mit dem Obmanne Herrn David Lieben an der Spitze, die Vorstände der Altneusynagoge, Landesgerichtsrath Dr. Unger. Neubidfchow. Anläßlich der goldenen Hochzcitsfeier des Ehrenvorstandes und Großindustriellen Herrn Jonas Bergmann und seiner Gattin P a u l i n e fand am 8. d M. um 4 Uhr Nachmittags im hiesigen Tempel unter zahlreicher Betheiligung aller Bevölkerungskreise ein solenner Festgottesdienst statt. Der Gesammtausschuß, mit dem Vorsteher Herrn Moritz S a ch s e l an der Spitze, war erschienen. In einer schwungvollen Festpredigt gedachte Herr Rabbiner Sig. S ch r e ch e r der großen Verdienste des greisen Jubilars um die Gemeinde und seine Vaterstadt. Er bezeichnete Herrn Jonas Bergmann als richtigen „seif made man“, der aus nichts ein Unternehmen geschaffen, welches heute zu den größten Etablissements Oesterreichs gezählt wird. Auch seiner vielseitigen humanen Thätigkeit, wie die Erbauung des israelitischen Gemeindehauses, des städtischen Waisenhauses, verschiedener Stiftungen u. s. w, wurde gedacht. Nachdem der Chor mehrere Festgesänge in trefflicher Weise executirt hatte, schloß die Feier mit einem Gebet für die Gesundheit des jubllirendcn Ehepaares. Frankfurt a. M. König Oscar von Schweden hat den hiesigen schwedisch-norwegischen General-Consul Herrn Max Baer zum Comthur des Wasa-Ordens ernannt. Feuilleton. Drei R« Novelle von Babette Fried, Prag. I. »Eine Tochter wird man niemals los. Sein Leben lang hat man mit ihr vollauf zu thun, und wenn man gestorben ist, dann stört sie noch die Grabesruhe durch Weinen und Klagen/ So pflegte die selige alte Rabbinerin zu sagen. Ueberhaupt hatte die erfahrene Frau in ihrem Sprichwörterschatze sehr viele Sentenzen, welche sich auf Töchter bezogen. Selbst dann, wenn es keine landläufigen Redensarten waren, die sie citirte, sondern wenn sie über ihre eigenen Schicksale sprach, so erwähnte sie sehr oft ihrer Tochter. So machte sie sich einst den Borwurf, daß sie das Gebet, ihre Tochter betreffend, nicht gehörig aufgesetzt habe. Sie sei den lieben Herrgott immer angegangen, er möge ihr dazu helfen, ihre Tochter zu verheiraten und Gott, Lebern borchu, habe auch ihr Gebet wörtlich erhört; hätte sie aber darum gebeten, die Tochter zu versorgen, so wäre ihr auch das geglückt. Ihre Vertraute, Frau Fredl, der gegenüber sie dies mit bittersüßer Miene klagte, lachte herzlich über den unverwüstlichen Humor der Men, welcher so harmlos war, die Spitze der Satyre gegen sich selbst und gegen ihr über alles geliebte Kind zu richten, anstatt, Anderen gleich, über Andere herzufallen. So viel Berständniß hatte aber Fredl nicht, um die in diesen Worten liegende Bitterkeit herauszufinden, welche die unglückliche Mutter, um die hämische Welt über ihren eigentlichen Gemüthszustand zu täuschen, in das Gewand des Scherzes einkleidete. Auf das Gemüth dieser ihrer Tochter Perl, oder wie sie allgemein genannt wurde, Paula, machten die Scherze ihrer Mutter, welche sie und ihr Unglück zur Zielscheibe hatten, einen unauslöschlichen Eindruck. Und als die alte Rabbinerin, ihre Mutter, gestorben war, hatte es Paula vermieden, dem Gebrauche gemäß an jedem Rüsttag des Sabbathes und der Feste das Grab zu besuchen, um dort das übliche Menucbu Nechanu zu beten. Sie fühlte sich nicht stark genug, um an der Stätte, die Alles, was ihr im Leben theuer war, barg, ihre Gefühle eindämmen zu können. Die Leute in der Gemeinde, welche den Grund von Paula's sonderbarer Handlungsweise nicht kannten, nannten sie herzlos, ja undankbar gegen eine zärtliche aufopferungsvolle Mutter, wie sie eine beseffen hatte. War sie um den Grund dieses auffallenden Mangels an Pietät gegen die Verstorbene befragt worden, dann antwortete sie gewöhnlich: »Meine Mutter hat mir Zeit ihres Lebens niemals gestattet, ihretwegen auch nur einen kleinen Theil meiner kostbaren Zeit zu versäumen, sie würde es jetzt auch nicht gestatten, daß ich allwöchentlich mehrere Stunden mit dem Friedhofsbesuche verbringe/ Wenn Paula am Jahrzeittage das Grab besuchte, so geschah es auch nur der Leute wegen, um nicht gegen einen allgemeinen Gebrauch zu verstoßen. Niemand aber hatte sie an dem Grabe der Mutter eine Thräne vergießen sehen, Niemand hatte sie eine Klage aussprechen gehört. »Im Grabe sollst Du von mir Ruhe haben, mein treues Mütterlein, die Du im Leben so schwer und viel um mich gelitten hast'/ So sagte sich Paula, und tapfer drängte sie die hervorquellenden Thränen zurück, um ja die Ruhe der theueren, im Grabe Schlummernden nicht zu stören. So wie sie bisher, ihrer eigenen Kraft nicht trauend, das Grab der Mutter gemieden hatte — heute zog es sie mit unwiderstehlicher Gewalt hinaus auf das alte Beschajim. Auf der ganzen weiten Welt wußte die Arme kein Plätzchen, wo sie ihren Gram niederlegen, wo sie die Kraft zum Weiterleben schöpfen sollte, als das Grab der Mutter. Verdrängt von dem furchtbaren Schicksale, das über sie waltete und dem zu erliegen sie fürchtete, waren alle jahrelang gehegten Vorsätze, das Grab der Mutter niemals mit einer Klage zu entweihen, es nur dann aufzusuchen, wenn sie soviel Macht über sich haben werde, um trockenen Auges das vorgeschriebene Gebet, aber auch nur dieses — nichts über ihren eigenen Kummer, sprechen zu können. Der kleine Raum, der uns gegönnt ist, wenn wir unsere Erdenwohnstätte, sei es Palast oder Hütte, verlassen, dieser winzige Raum faßte so Vieles, so unendlich Großes für sie ein, das treue, liebevolle Mutterherz. Dieser nach alter Weise ungepflegte, nur mit Gras und von selbst sprießenden Feldblumen bedeckte Grabhügel wies als Schmuck nur einen sehr niederen Grabstein, aus grobem Sandstein kunstlos gehauen, auf. Und wozu einen größer»? Alle Vorzüge der darunter ruhenden Frau Malke Eisner herzuzählen, wäre eine Front der großen Cheopspyramide gerade groß genug gewesen. Für die zwei Worte, welche zum Lobe Frau Malke's in dem Steine eingemeißelt waren, erwies er sich groß genug, wenn auch in diesen Worten alles Lob enthalten war, welches einem jüdischen Weibe nachgerühmt werden konnte. »Esches chajil* wurde sie daselbst genannt. An diesen niederen Grabstein gelehnt, stand die junge Frau und betete. Keine hörbaren Worte kamen über ihre Lippen. So wie die fromme Channa, welche ihre Lippen im stummen Gebete bewegte, aber keinen Laut hervorbrachte, öffnete auch die in tiefe Trauer gekleidete Frau den Mund im stillen Gebete, und nur hie und da brachte sie den Ruf: Mutter! hervor. Ihr Herz aber, das überfloß in heißem, inbrünstigem Gebete. Ein Gebet war dieses, wie es auch einstmals die fromme Channa am Altäre des Herrn verrichtet hatte. Ein Gebet wie dieses, durchdringt alle Himmelsräume, wird von den Engeln in Empfang genommen und vor dem Thron des Ewigen niedergelegt. Das stille, aber desto auffälligere Gebühren der jungen Frau war nicht unbeobachtet geblieben. Unweit von der Stelle, wo sie stand, erbob sich ein hoher obeliskartiger Leichenstein aus schwarzem Marmor, hinter welchem eine ältliche Dame stand, von wo aus sie die junge Frau aufmerksam beobachtete. Als die letztere eine längere Zeit ihre Stellung nicht veränderte, zog die