Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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»r. 50 Dr. Bloch's Wochsnschrifl. Sette 821 Kleidung erschienenen Herren und Damen gaben durch ihre gehobene Stimmung dieser patriotischen Feier ein besonderes Relief. Um 5 Uhr eröffnete der Director des hiesigen Gymnasiums Herr Johann Wittek, die Feier mit einer Ansprache, in welcher er zuerst sich an die Stipendisten wendete und sie sowohl aus, das patriotische Moment, wie aus den zu jeder Zeit zum Wohlthun geneigten Sinn der Badener Cultusgemeinde aufmerksam machte und sie ermahnte, diese Gesinnung sich für die Zukunft anzueignen und so dieser Gemeinde würdig zu sein. An den Vorstand richtete er tief- und warmempfundene Worte der Anerkennung für die in seiner Handlungsweise gelegene moralisch sittliche Förderung der Jugend und munterte ihn zu solchem Fortschreiten auf. Hierauf erhob sich Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Wilhelm Reich und richtete anschließend an die Worte seines Vorredners eine Ansprache an die Stipendisten, sie mit treuer Herzlichkeit wie ein Vater ermahnend, ihrer Abstammung, ihres Glaubens und ihrer Zugehörigkeit zu der jüdischen Gemeinde nie zu vergessen, und nur so werden die guten Engel, die sich der Mensch durch seine gottgefälligen Thaten schafft, sie auf ihrem Lebenswege begleiten und zum leuchtenden Ziele führen. Mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser schloß er seine Rede. Der Cultusvorsteher Herr Moriz L e i t n e r dankte beiden Rednern tiefergriffen für ihre wirkungsvollen Ansprachen, worauf durch den Director die Stipendien vertheilt wurden. Mit der Absingung der Volkshymne unter Harmoniumbegleitung und Executirnng in stimmungsvoller Weise des 150. Psalms durch den Cantor Herrn M. Seifert mit seinem vorzüglich geschulten Chore schloß die patriotische Feier. Hieronymus Lorm. Brünn, 5. December. Heute Vormittags wurde die Leiche des verewigten Dichterphilosophen Hieronymus Lorm (Dr. Heinrich Landesmann) zur Ruhe gebettet. In der Halle des israelitischen Friedhofes, wo die irdische Hülle Lorm's ausgebahrt war, hatte sich nebst den leidtragenden Familienangehörigen ein Kreis der Verehrer der Muse des Entschlafenen zur Trauerfeier eingefunden. Mit Befremden wurde wahrgenommen, daß aus jenen Kreisen, die sonst bei keiner Beerdigung irgend eines Functionärs, sei es auch nur mittleren Ranges, fehlen, zu dem Leichenbegängnisie eines so bedeutenden deutschen Dichters und Denkers Niemand erschienen war. Unter den Anwesenden befanden sich die Herren: der Vicepräsident des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde, Dr. Hieronymus F i a l l a, mit den Vorstandsmitgliedern; der Vicepräsident des Mährischen Gewerbevereines, Bildhauer Joh. E. T o m o l a, der Präsident des deutschen Journalisten- und Schriftsteller- Vereines für Mähren und Schlesien, k. k. Profeflor Emil Soff 6 mit mehreren Vorstandsmitgliedern, der Director der k. k. priv. mährischen Escomptebank, Victor Muntendorf, Wafserwerksdirector H e i n k e, Sparcasia-Oberbuchhalter G r e i s i n g e r, der Secretär und mehrere Solomitglieder unseres Stadttheaters u. s. w. Nach den rituellen Gesängen hielt Herr Landesrabbiner Dr. Placzek, welcher trotz seines leidenden Zustandes es sich nicht hatte nehmen lassen, dem Heimgegangenen Dichter einen Nachruf zu widmen, folgende Trauerrede. Nachruf gehalten an der Bahre Hieronymus Lorm's, am 5. December, vom Landesrabbiner Dr. B. Placzek. Wo über schwüle Wüstenei Sich wölbt der Himmel, glühend, Da streckt den schlanken Stamm empor Ein Bäumlein, einsam blühend. In seine Rinde gräbt und wühlt Des Eisens scharfe Schneide; Da quellen Tropfen, hell und klar. Dem Baume selbst zum Leide. Der Balsam, den so träufeln läßt Der Baum aus seinen Wunden. Bewirkt, daß Wunden Anderer Durch seine Kraft gesunden. Die klare Thräne, die da weint, Der Baum, der schwerverletzte, Von fremden Zähren stillet sie Manch Bitterniß versetzte.*) Ein solcher Balsambaum liegt hier niedergebrochen vor uns. In der goldenen Jugend schon legte das Unheil die bleierne Hand auf ihn. Seit mehr als 60 Jahren hat das Mißgeschick erbarmungslos eingeschnitten in sein Wesen, darin gewühlt bis in sein Herz, und aus seinen Wunden quoll ein wundersamer Balsam: herrliche, hehre Ideen, tiefsinnige, anmuthsvolle, melodische Lieder zur Heilung für fremde Wunden. Schwerbeladene, Tiefgebeugte, die auf ihn sahen, die an ihn dachten und an ihn jemals denken werden, wie er unter unsäglichem, beispiellosem Ungemach sich aufrecht erhielt, ungebrochen, geistesfrisch und schaffensfreudig blieb, der lernte und lernt noch fernerhin, eigenes Leid leichter tragen und verwinden. Den höchsten Triumph des Edelsinnes, der Seelengüte: Böses mit Gutem zu vergelten — er hat ihn gefeiert, verwirklicht. Frühzeitig waren ihm die beiden wichtigsten Pforten des äußeren Lebens verschloffen: Ohr und Auge, in jungen Jahren schon Licht und Klang versagt! Und wie vergalt er diesen Doppelraub des Geschickes? Er lohnte ihn mit dem Sphärentone der Dichtkunst, mit dem Lichte erhabener Gedanken — ein Ton, der nie verklingt, ein Licht, das nie erlischt. Ergreifend hat er besungen: Das Süße im Bittern, den Muth in Gewittern, das Tröstliche im Traurigen, das Liebliche im Schaurigen, Beglückendes im Leid, Versöhnendes im Widerstreit. Ist es nicht seltsam? Er, der ferne blieb jeder Wundergläubigkeit, stellte selber ein Wunder dar, ein Wunder, wie die Entwicklungsgeschichte der Menschheit kaum ein zweites kennt, das Wunder, daß der Geist unabhängig sein könne vom Leibe, daß der Geist, der bedeutsamsten Vermittlung der Außenwelt entrathend, eine eigene, von einem höheren Lichte verklärte Welt zu gestalten vermag für sich und zum Frommen auch für Andere. Eine vornehme Natur, echt und wahr, innerlich harmonisch ausgeglichen, geht mit ihm dahin. Das einzig Falsche an ihm war sein Pseudonym, sein Dichtername. Doch welchen echten Klang hat und behält dieser für alle Zeiten! Zweierlei Leidtragende schaaren sich um seinen Sarg: sichtbare und unsichtbare. Eine Gattin, eine Tochter, 2 Söhne, die Uebermenschliches geleistet, um das Erleben und Erfahren ihm zugänglich zu machen, den Zusammenhang mit Außendingen und Ereignissen für ihn herzustellen und die Schöpfungskraft seines erlesenen Geistes für die Welt zu erhalten. Eine überaus zärtliche, aufopfernde Gattin, eine feinfühlige, selbstverleugnende Tochter, der hier weilende Sohn, welcher die erprobte ärztliche Kunst mit rührendster kindlicher Sorgfalt verband, um, mit den anderen Lieben wetteifernd, sein Leiden zu lindern, sein Leben zu verlängern. Auch unsichtbare Genien umschweben trauerumflort diese Bahre: die seelenvolle Poesie, die weltweise Erkenntniß und weltumfassende Menschlichkeit. Doch alle Seufzer übertöne ein zuversichterweckendes Psalmwort: ^Du, o Gott, zündest mir nun ein neues Licht an, der Ewige wird mir auch erhellen die Grabesnacht." Am offenen Grabe richtete sodann Herr Profeffor Emil Söffe als derzeitiger Präsident des Deutschen Journalisten- und Schriftstellervereines für Mähren und Schlesien, dessen Ehrenmitglied Hieronymus Lorm war, folgenden Abfchiedsgruß an den Dahingeschiedenen, er sagte: Ein großer ist von uns gegangen, ein Fürst im Reiche der Gedanken und Phanthafie. Hieronymus Lorm! Nicht allein deine Lieben stehen heute trauernd an deinem offenen Grabe, Deutsch-Oesterreich, ja ganz Deutschland beklagt den Verlust eines edlen Dichters und treuen Sohnes seines Volkes, der die herrlichen Gaben, die ihn zu theil geworden, zur höchsten Blüthe entfaltete, trotzdem ein schweres Schicksal ihm zugemeffen ward, ein Schicksal, wie es grauenhafter nicht erdacht werden kann. Und wir, deine engeren Landesgenossen, zu denen du an der Schwelle des Greisenalters zurückgekehrt bist, wir fühlen umso heftiger den Schmerz der Trennung; warst du uns doch gleich einem jener ehrwürdigen Seher der Borwelt erschienen, du, der, den wilden Kämpfen des Tages entrückt, mit weisem, mildem Sinne das Gute und Rechte erkanntest, und ob du auch des irdischen Lichtes beraubt warst, klar und deutlich die Entwicklung der Menschheit vor dir aufgerollt sahst. — Du bist von uns gewichen; aber was du in den langen Jahren des Lebens geschaffen hast, wird bleiben. Das Vergängliche ist dahin, aber das Dauernde deines Wirkens ist uns und der Nachwelt erhalten. Hieronymus Lorm! Du hast dein Tagewerk redlich und ehrlich gethan. Schlafe ruhig! Dein Andenken ist gesegnet? *) Aus B. Placzek's Sammlung von Gedichten „Im Ernw".