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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-12-12 · 50 (12.12.1902) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
50 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 60 Dr. Bloch's Wochrnfchrifl. Sette SIS Correspondenzen. Generalversammlung des israelitischen Tempelvereines Brigittenau. Donnerstag den 4. d. M. fand im „Cafe Neptun* die Generalversammlung des Brigittenauer Tkuipelvereiius fialt. Der Vorsitzende Herr Hermann Eltbogen sprach zu Beginn derselben seine Freude über den außerordentlich zahlreichen Besuch seitens der verehrten Mitglieder aus, begrüßte den als Vertreter des Cultusvorftandes erschienenen Secretär Herrn Dr. Adler, widmete einige warme Worte des Nachrufes den während des Berichtsjahres verstorbenen Mitgliedern und skizzirte in übersichtlicher Weise die von dem Vorstande während des Jahres entfaltete Thätigkeit, wobei er auch des 70. Geburtstages des Herrn Cnltusvorstands-Präsidenten Heinrich Klinger gedachte, dem unser Verein aus diesem Anlasse ebenfalls eine Ehrung hat zu Theil werden lassen. Dieser Bericht wurde mit großem Beifall ausgenommen. Hierauf meldete sich das Bereinsmitglied Herr Josef K o h n zum Worte, um einige, den Brigittenauer Tempelverein sehr nahe berührende, höchst actuelle Fragen zu besprechen. Als solche bezeichnet er zunächst die im Vergleiche mit der jüdischen Bevölkerung des Bezirkes und der Zahl der Bereinsmitglieder geradezu unangemessen erscheinende, sehr unbedeutende „Subvention*, die von der Cultus gemeinde dem Tempelverein im Vorjahre zugewendet wurde und belegte dies mit zahlreichen von der Versammlung höchst beifällig aufgenommenen, statistischen Daten. Weiters setzte der Redner auseinander, daß jene Hoffnungen, welche man seinerzeit in den Kreisen der Cultuswähler an die Einsetzung der Bezirkscommissionen geknüpft hatte, sich leider noch immer nicht erfüllen wollten, und sprach hiebei das Bedauern darüber aus, daß der Cultusvorstand es seinerzeit versäumte, dem Bezirke Brigittenau eine selbstständige Cowmiffion zuzuweisen. Aus den von dem Redner zum Besten gegebenen Ziffern der letzten Volkszählung konnte man entnehmen, daß die nach der letzten Volkszählung von 11.234 Juden bewohnte Brigittenau mit Rücksicht aus die jüdische Bevölkerungszahl nur drei Wiener Bezirken nachsteht, u. zw. dem ll., IX. und l. Bezirk, letzterem allerdings mit kaum 100 Seelen, während alle anderen Commissionsbezirke, die bekanntlich zwei oder drei Gemeindebezirke umfassen, eine weit geringere, jüdische Bevölkerung haben. Es wäre also für den XX. Bezirk allein schon aus diesem Grunde eine besondere Commission zu ernennen, zumal derselbe eine solche auch dringend nöthig hat wegen der verschiedenen culturellen. in den Wirkungskreis einer solchen Commiffion gehörigen Aufgaben. In Verbindung damit berührte der Redner die Frage der Anstellung eines Rabbiners und die Frage des Religionsunterrichtes, gab aber dem Gefühle der innigen Dankbarkeit Ausdruck, welches jeder Brigittenauer Jude dem Cultus Vorstande entgegen bringen muß, für das dem Gebiete der Wohlfahrtspflege ihnen zügewandte, thatkräftige Wohlwollen. Der Cultusvorstand hat ja — um nur einige Beispiele anzuführen — im Vorjahre der Brigittenau zugewendet: für arme Wöchnerinnen Kr. 7800; für Schuhe Kr. 1000; für einen zu errichtenden israelitischen Kindergarten Kr. 2000 u. dgl. mehr. H IZum Schluß richtet der Redner an den Vorstand die Bitte, er möge mit Rücksicht auf die im Bezirke herrschende, namentlich für unsere arme Bevölkerung so drückende antisemitisch- Bewegung; mit Rücksicht darauf, daß den Brigittenauer Juden — das beweist die heutige Versammlung — nicht einmal ein entsprechendes Local zur Abhaltung einer Generalversammlung zur Verfügung steht, daß die Kindergärtnerin nicht in der Lage war, ein passendes Local für den jüdischen Kindergarten zu finden und ein solches auch nicht gefunden hätte, wenn nicht ein bekanntes, menschenfreundliches Vereinsmitglied — allerdings auf kurze Zeit —ldas Local hiezu zur Verfügung stellen würd-. und mit Berücksichtigung noch manch' anderer wichtiger Umstände sich es zur Aufgabe machen, möglichst bald für unseren Bezirk ein jüdisches VercinshauZ zu erwerben, welche Anregung von der Generalversammlung höchst beifällig ausgenommen wurde. Frau Marie Kohn spendete zu diesem Zwecke sofort eine Rente im Nominalbeträge von 200 Kronen. Ueber Antrag des Vereinsmitgliedes Flatter wurde dem Herrn Kohn für seine sehr interesianten und vom Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Ausführungen der Dank der Versammlung ausgesprochen. Herr Dr. Adler, Secretär der Cultusgemeinde, entgegnete hierauf mit einigen Worten und erklärte, daß er die von Herrn Kohn gegebenen Anregungen competenten Ortes zur Kenntniß bringen werde. Sodann sprach in gewohnter, meisterhafter Weise Herr Dr. Heinrich Schreiber glühende Worte dafür, daß der Bereinsvorstand unablässig bemüht sein müsse, das Ansehen unseres Vereines zu heben, und das könne er im gegenwärtigen Moment am besten dadurch, daß er sich für die Anstellung eines Gemeinderabbiners einsetze, der aber in unserem Bezirke wohnen müsse. Herr Leopold Fischer stellt den Antrag, dem Cultus- Vorstand eine Petition, betreffend die baldige Anstellung eines Rabbiners, zu überreichen. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Hierauf beantragte Herr R a u b i t s ch e k, den Rechenschaftsbericht zur genehmigenden Kenntniß zu nehmen, was auch von der Generalversammlung unter lautem Beifall einstimmig geschah. Sodann schritt man nach den Bestimmungen des neuen Statutes zur Wahl des Gesammtvorstandes, wobei 140 Stimmen abgegeben wurden, zwar wurden gewählt die Herren: Hermann Eltbogen, Adolf Feuer, Jacob Goldner, Adolf Kummermann. David Pollatschek, Dr. Ernst Rosenthal, Dr. Jacob Roth, Adolf Schreiber. David Spitz, Heinrich Weiner, Dr. Max Weißenstein und Josef Wünsch. Nach Verkündigung des Wahlresultates und Entgegennahme einiger Interpellationen schloß der Vorsitzende die Versammlung, welche deutlich bekundete, daß in dem XX. Bezirke für jüdische Interessen ein reger Eifer herrscht, und es wäre Aufgabe der competenten Factoren, darauf zu sehen, daß dieser rege Eifer nicht erlahme. Das Kinderheim Laa. Der Verein „Kinderheim* zur Gründung und Erhaltung von Heimstätten für verkrüppelte, schwache und reconvalescente Kinder jüdischer Confession veröffentlicht in Nr. 10 seiner „Mittheilungen* (November 1902) einen ausführlichen Bericht über seine erste Heimstätte, den Wirthschaftshof Laa bei Neulengbach, der auch auch weitere Kreise interessiren dürfte. Der Bericht zeigt, daß der Verein, dessen Präsident, Herr Johann E i ß l e r, sich um die Gründung desselben große Verdienste erworben, seine Thätigkeit in segensreichster Weise begonnen und ausbreitet und aus dem Wege ist, mit dem Kinderheime Laa eine Musteranstalt zu schaffen. Vom Bahnhofe der Westbahn in Wien erreicht man die Station Neulengbach in 50 Minuten. Von hier führt dann ein guter und bequemer Weg in ungefähr einer halben Stunde nach Laa, dem schönen Kinderheim. Was Alles von einer solchen Oertlichkeit zu fordern ist, und es ist nicht wenig, ist hier vereint. Gute, staubfreie Luft, trockene, lichte, luftige Wohnräume, ein ruhiges, keinen besonderen Schwankungen unterworfenes Klima und frisches, bacterienfreies Trinkwaffer werden nebst ausreichender Ernährung und guter Pflege den erholungsbedürftigen Kindern geboten. Das ganze Gehöft, mit den Wirthschafts- und Stallgebäuden, den Feldern, Wiesen, Gärten und dem prächtigen Hochwald ist 36 Katastraljoch groß und mäßig von Süd nach Nord abgedacht. Das Heim für die dem Verein anvertrauten Zöglinge liegt im nördlichen Theile des Gehöftes, 300 Meter von den Wirthschastsgebäuden entfernt, und ist durchaus von Gärten und Wiesen umgeben. Es ist ein einstöckiges, feuersicher gedecktes Gebäude, mit Hellen, freundlichen Schlas- und Wohnzimmern, einem Speisesaal, Bade- und Ankleidezimmern und luftigen, großen, gedeckten Veranden. Rechts und links von der Parterre-Veranda sind schattige Spielplätze und von da führen einige Stufen in den kleinen Ziergarten. Linkerhand von diesem liegt der große Obstgarten und einige Schritte davon der Wald. Steht nun den Pfleglingen eine mehr als 5 Hektar große Fläche für den Aufenthalt im Freien zur Verfügung, so sorgt die treffliche Wirthschaftsleitung, besonders durch Hebung der Viehzucht und Milchwirtschaft. für eine rationelle Ernährung der Kinder. Abseits vom Wohnhaus liegt das Kranken- und Dienerzimmer für infectiöse Kranke. Das Heim steht unter Leitung einer Hausve» walterin, welche sowohl das Hauswesen zu leiten als auch die Pfleglinge zu überwachen hat, während eine provisorisch ausgenommene Lehrerin die Kinder je nach ihrer Befähigung beschäftigt.

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