Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr. Bloch's Wochrnfchrifl. Sette 827 Harnack m«d Konstrl «der die historische Kede«t««s der „Diaspora der Helle«en". Von M. Friedländer. (Fortsetzung.) Abraham war für das Diasporajudenthum daS Nr- und Vorbild des Pcoselyten. Was verlangte dieses missionirende Judenthum denn von dem sich bekehrenden Heiden? Wir kennen diese Forderungen aus Philo: Abkehr von den Götterfabeln, von der bisherigen götzendienerischen Umgebung, Anbetung des einzigen Gottes, des Schöpfers des Alls, Einkehr in sich, gründliche Sinnesänderung — Metanoia — vollständige Besserung der ganzen Lebensführung im Sinne der mosaischen Ethik. Diese Bekehrungsformel nun findet sich in Abraham, dem Heidensohn, verkörpert: Um die Wahrheit zu erforschen und zum reinen Glauben zu gelangen, verläßt er seine Heimat, seine Familie, sein Vaterhaus, wohl wissend, daß seine bisherige, in Täuschung und Jrrthum befangene Umgebung die Gotteserkenntniß nicht fördern könne; weshalb er in Allem und Jedem »als Vorbild allen Proselyten dient, die dem Göttercultus den Rücken kehren, um sich der herrlichen, lebensfrischen Verfafiung anzuschließen, deren oberste Leitung und Führung in den Händen der Wahrheit ist". Also Abraham ist mit Nichten eine Stütze für die Verherrlichung des Geburtsadels, wohl aber ein rettender Anker für alle Menschen ohne Unterschied der Abstammung, denen er als Vorbild dienen und zum Vater werden könne, wofern sie sein Beispiel nachahmen. Und diese Botschaft wird selbst in Judäa unmittelbar vor dem Erscheinen Jesu verkündigt, wird jenen Juden, die auf ihre leibliche Abstammung von Abraham pochen, gebracht, tönt aus in den weithin erschallenden, den Geist der jüdischen Diasporg wiederspiegelnden Ruf: »Denket nur nicht, daß ibr bei euch wollt sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken . . . ." Von hier ist nur ein kleiner Schritt zu den einschlägigen Folgerungen des Paulinischen Galaterbriefes, die da lauten: »Gleichwie Abraham hat Gott geglaubt, und es ist ihm gerechnet zur Gerechtigkeit : so erkennt ihrja, daß die des Glaubens sind, das sind Abrahams Kinder. Die Schrift aber hat es vorhergesehen, daß Gott die Heiden durch den Glauben gerecht macht, darum verkündigte sie dem Abraham: »In Dir sollen alle Heiden gesegnet werden." Also werden nun. die des Glaubens sind, gesegnet mit dem gläubigen Abraham"?) Und so ist denn auch im Neuen Testament Abraham zum Vorbild und zum Vater aller Menschen, nicht blos der von ihm abstammenden Juden geworden. »Deshalb", sagt Paulus, »muß die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, aus daß sie sei aus Gnaden, und die Verheißung fest bleibe allem Samen, nicht dem allein, der unter dem Gesetz ist, sondern auch dem, der des Glaubens Abrahams ist, welcher ist unser aller Vater — wie geschrieben steht: »ich habe Dich gesetzt zum Vater vieler Völker" — vor Gott, der da lebendig macht die Todten und ruft dem, das nicht ist, daß es sei."-) Und so sind die Gottesfürchtigen aus dem Heidenthum »nicht mehr Gäste und Fremdlinge. sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen"?) Dieses ist das große von dem Paulinismus »offenbarte Geheimniß, welches nicht kunvgethan ist in den vorigen Zeiten den Menschenkindern, als es nun offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist, nämlich, daß die Heiden Miterben seien und mit einverleibt und Mitgenoffen seiner Verheißung in Christo durch das Evangelium."^) Dieses Geheimniß war aber, wie wir gesehen, schon in vorigen Zeiten den missionirenden Juden in der Diaspora offenbar gewesen. Wie vormals diesen, so wurde Abraham jetzt dem die Heidenmission übernehmenden Christenthum zum Vorbilde für alle gläubig Gewordenen, ohne Unterschied der Abstammung, bot dieser große Proselyt die Bürgschaft für die Erlangung der Seligkeit in und außerhalb der Beschneidung. Diese Vorbildlichkeit wird in dem Römerbriefe folgendermaßen zur Darstellung ') 6alat. 3, 6-10. 2) Röra. 4, 16, 17. *) Ephes. 2. 19. 4) Ephes. 3, 3—7. gebracht: »Was sagt denn die Schrift? »Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet." Dem aber, der mit Werken umgebt, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht. Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, aber an den glaubt, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit. Nach welcher Weise auch David sagt, daß die Seligkeit sei allein des Menschen, welchem Gott zurechnet die Gerechtigkeit, ohne Zuthun der Werke, da er spricht: »Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind und welchen ihre Sünden bedeckt sind; selig ist der Mann, welchem Gott die Sünde nicht anrechnet." Nun diese Seligkeit, geht sie über die Beschneidung oder auch über die Vorhaut? Wir müssen ja sagen, daß Abraham sei sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet. Wie ist er ihm denn zugerechnet? In der Beschneidung oder in der Vorhaut? Nicht in der Beschneidung, sondern in der Vorhaut. Das Zeichen aber der Beschneidung empfing er zum Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, welchen er noch in der Vorhaut hatte, aus daß er würde ein Vater Aller, die da glauben in der Vorhaut, daß denselben solches auch gerechnet werde zur Gerechtigkeit, und würde auch ein Vater der Beschneidung, nicht allein derer, die von der Beschneidung sind, sondern auch derer, die da wandeln in den Fußtapfen des Glaubens, welcher war in unserm Vater Abraham, als er noch in der Vorhaut war. Denn die Verheißung. daß er sollte sein der Welt Erbe, ist nicht geschehen Abraham oder seinem Samen durch das Gesetz, sondern durch die Gerechtigkeit des Glaubens. Denn wo die vom Gesetz Erben find, so ist der Glaube nichts und die Verheißung ist abgethan. Sintemal das Gesetz richtet nur Zorn an, denn wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Uebertretung. Derhalben muß die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf daß sie sei aus Gnaden und die Verheißung fest bleibe allem Samen, nicht dem allein, der unter dem Gesetz ist, sondern auch dem, der des Glaubens Abrahams ist, welcher ist unser aller Vater, wie geschrieben steht: Ich habe dich gesetzt zum Vater vieler Völker?) Solche Folgerungen, die schnurstracks zur Abrogirung der Gesetzes führten, waren allerdings dem Pharisäismus fremd und neu; sie waren es aber auch dem nationalgesinnten und gesetzestreuen Theile des Diasporajudenthums und waren es nicht minder der urchristlichen, unter Führung degesetzestreuen Jakobus stehenden Gemeinde in Jerusalem, die sich gegen diesen sogenannten Paulinischen Antinomismus auflehnen und mit aller Macht wehren mußte und sich auch thatsächlich gegen ihn wehrte. Das zeigt sich schon bei dem ersten Hervortreten des antinomistischen Gedankens in der christlichen Urgemeinde. welchem Stephanus, der ihn zu propagiren wagte, zum Opfer fiel. Das tritt ganz unzweideutig in der bei dieser Gelegenheit ausgebrochenen »Christenverfolgung" zutage, welche die Anhänger des Stephanus zwang, Jerusalem zu verlaffen, während die Häupter der Messiasgemeinde. die Apostel — wie ja die Apostelgeschichte ausdrücklich berichtet-) — unangefochten bleiben durften, was doch zur Genüge beweist, daß diese Verfolgung nicht der Christusbewegung, sondern der von Stephanus vertretenen hellenistisch-antinomistischen Richtung gegolten. IV. Harnack bekundet gelegentlich der Besprechung dieses so frühen Auftauchens des jüdischen Hellenismus auf urchristlichem Boden große Unbefangenheit und tiefe Einsicht. Er sagt hierüber (S. 33 f.): »Die Anfänge der Heidenmisfion sind nicht klar — Paulus ist nicht der erste Heidenmiffionär gewesen —; jedoch aus apriorischen Erwägungen und aus bestimmten Mittheilungen können wir folgern, daß der Uebergang zur Heidenmission ein allmäliger war, sich aber als solcher mit zwingender Gewalt aufdrängte. Auch hier war Alles durch die innere Lage des Judenthums bereits vorbereitet, nämlich durch die zum Universalismus strebende Zersetzung und den abgestuften Proselytismus. — Nach der Apostelgeschichte war die älteste jerusatemische Christengemeinde aus zwei Elementen zusammengesetzt, dem palästinensisch-hebräischen und dem Element der Diasporajuden. Zwischen beiden trat frühzeitig eine Spannung ein; sie führte zur Einsetzung der sieben Armenpfleger, die der zweiten Gruppe angehörten und sämmtlich griechische Namen trugen. Innerhalb dieser Gruppe, die wir uns im Ganzen als 1) Rom. 4, 3—18. 2) Ap. 8, 1.