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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-12-12 · 50 (12.12.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
50 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 816 Dr. Bloch's Wochvnfchrrst. Nr. 50 Hilfsverein für die galizischen Juden. (Der Schluß meiner Schemini-Azereth-Predigt.) -Doch, wer darf behaupten, daß mtt dem Tode das irdische Leben ganz zu Ende ist? Erhält der Verstorbene nicht einen kostbaren Grabstein mit einer den Ruhm verkündenden Inschrift? So sei ein kurzes Wort der Betrachtung auch den Leichensteinen gewidmet. Diese sind ein Beweis unserer Verehrung und der schmerzvollen Erinnerung, und wir glauben da nie genug leisten zu können. Was wir auch leisten, bleibt weit hinter unseren Gefühlen zurück. Die Pietät ist ein heiliges, religiöses Gefühl, und für religiöse Gebräuche und religiöse Gerüche heißt eS: .DaS ist mein Gott, ich will ihn verherrlichen/ und zwar wie die Erklärer hinzufügen, nicht nur durch das Wort, sondern auch durch die schöne Form. Darum ist jeder Opfer, das man zur Verherrlichung und Verschönerung einer gottesdienstlichen Stätte bringt, eine fromme und preiswürdige That, sie dient dem Judenthum zur Ehre. Das ist richtig, gilt aber schwerlich für Grabsteine, und sie können und sollen sehr einfach sein. Wie aber? sie dienen doch zur Ehre des Verstorbenen, den wir doch so liebten, darf uns da ein Opfer zu groß erscheinen? Gewiß nicht! Vor einiger Zeit jedoch las ich auf einem sehr einfachen Grabstein folgende Worte: .Statt einer kostbaren Mazewa wurde zur Ehre des hier ruhenden, überaus frommen und wohlthätigen Mannes von seinen wohlhabenden Angehörigen einLereuLajernes gestiftet." Es war auch eine größere Summe genannt. Wer weiß, sagte ich mir, wieviel Nachahmung dieses Beispiel, das hier öffentlich gegeben wurde, gefunden hat, wer weiß, wieviel Thränen gestillt und Schmerzen gelindert wurden an Stelle der kalten, prunkvollen Grabsteine, die ja auch ein Raub der Zeit werden, denn auch Grabsteine haben nur ihre Zeit. Man wird vielleicht entgegnen, daß man ja Beides vereinigen könne, Wohlthätigkeit und kostbare Leichensteine. Ich frage aber: Sind denn schon alle Thränen gestillt, alle Schmerzen gelindert, daß Beides vereinigt werden dürfte? Wenn man die verschiedenen Friedhöfe, besonders in großen Städten, durchschreitet, kommt dem Nachsinnenden unwillkürlich der Gedanke: Wie viel Gutes hätte gestiftet werden können, wenn jeder nur einen einfachen Grabstein seinen theuren Todten errichtet und den Rest des Betrages für heilsame Zwecke verwandt hätte? Die Würde des Friedhofes hätte dabei nichts verloren und die Ehre des jüdischen Namens wäre vermehrt worden.*) Nur ein gerechter Einwand könnte erhoben werden: Gewiß ist eine wohlthätige, heilsame Stiftung der verstorbenen Person zu Ehren werthvoller als der kostbarste Leichenstein; ist aber nicht zu befürchten, daß, wenn sich diese Ansicht Bahn brickt. Viele weder das Eine, noch das Andere thun würden? Nein, das ist nicht zu befürchten, denn Jeder will seine Todten auf übliche Weise ehren, und wenn es der Eine oder der Andere doch nicht thut, kann die dankbare Nachwelt auf den kostbaren Grabstein sicherlich und erst recht verzichten. Es liegt mir fern, auch nur den leisesten Vorwurf erheben zu wollen. Die Pietät ist ein zartes Gefühl, und jede Berührung ist unsanft. Ich bin jedoch dazu da, um das zu verkünden, was noththut, und die unglückseligen Verhältnisse, unter denen die Meisten unseres Stammes und unseres Glaubens leben, verlangen große und neue Mittel. Das Unglück, das Gott über einen Menschen oder über ein Volk sendet, hat einen hohen Zweck. Es soll die Tiefen des Gemüthes enthüllen und zeigen, was im Herzen verborgen und unbewußt ruht, soll zeigen, was ein Mensch oder ein Volk werth ist, soll auch zeigen, was schadhaft ist, damit es getilgt werde. Ist man dies im Stande, dann wird man bester, edler und gefestigter. Diesen Zweck kann die gegen uns gerichtete Strömung für uns haben, damit wir sagen können: .Auch das ist zum Guten, die Noth hat uns nicht nur wieder beten, sie hat uns auch wirken gelehrt. Die Noth ist groß, sie wächst mit jedem Tage! Da hören wir Jammerrufe aus Rumänien, Klagerufe aus Galizien. Sollen *) In ähnlicher Weise gab R. Gamaliel II. am Beginn des H. Jahrhunderts das Beispiel zur einfachen statt der vorher üblichen prunkvollen Leichenbestattung. Jetzt bildet die einfache Bestattungswcise den Ruhm des Judenthums. die Leute dort verderben und elend zugrunde gehen? Nein, wir sollen ihnen helfen! ES haben sich viele falsche Begriffe und Borurtheile über unsere Brüder in Galizien festgesetzt. Man spricht viel von ihrer Unwiffenheit, Unehrlichkeit und Unmoral. Die Sache verhält sich aber ganz anders. Wer nur Gelegenheit hat, die Wanderbettler aus Galizien kennen zu lernen, unter denen in den seltensten Fällen ein Mustermensch zu finden ist, kennt nur den Abhub der galizifchen Juden. Wir geben Wanderbettlern zu eflen, weil sie arm sind und unser Mitleid zu erregen wissen, aber nicht, weil sie zu den Würdigen und Braven zählen. Die Würdigen und Braven werden kaum Wanderbettler. Es ist auch wahr, daß nicht alle Juden in Galizien selbst Mustermenschen sind, die unermeßliche Noth und das unsägliche Elend hat Einzelne auf eine solch tiefe Stufe hinabgedrückt, daß sie im moralischen Sumpfe leben, was übrigens begreiflich erscheint, wie wir ja täglich beten: .Führe uns, o Gott, nicht in Versuchung und nicht in Schande." Die Tiefstehenden sind aber nur die geringe Minderheit, die große Mehrzahl widersteht der Versuchung und bleibt stark, und viele, sehr viele der galizifchen armen Juden sind Mustermenschen. Ich stehe mit einem galizischen Juden in einem gelehrten Briefwechsel, er hat in einem kleinen Orte eine kleine Krämerei, sein Wissen ist der Quantität nach so groß wie das eines Universitätsprofessors. Ein Zweiter, ein armer Hausirer, veröffentlicht von Zeit zu Zeit em gelehrtes Werk. Ueber solche Menschen sollen wir zu Gericht sitzen wollen? Nein, helfen sollen wir ihnen! Dem Hilfsverein, der die galizischen Juden der Arbeit zuführen und dem Bettel entreißen will, müssen wir uns anschließen, und keiner, keiner darf Zurückbleiben. Leicht ist es, sich bei einem allgemeinen Hilfswerk davonzuschleichen und Andere wirken zu lassen, ehrenhaft ist es aber nicht und jüdisch ist es nicht und beglückend ist es auch nicht. Ich hegte den Wunsch, zu meinen Brüdern hineilen zu können, die Wunden, die ihnen Rohheit und Bosheit geschlagen, zu verbinden, das Blut, das ihnen der Schmerz erpreßt, mit meinen Thränen abzuwaschen, die Erfüllung des Wunsches ist mir versagt. Ich habe den Wunsch, eine solche Kraft der Rede zu besitzen, wie sie jener Prediger besaß, der es bewirkte, daß die Frauen ihren Schmuck abnahmen und vor die Kanzel legten, als er über Wohlthätigkeit sprach. Wenn ich doch wenigstens erreichte, daß Jeder sich an dem großen Werke, den armen Brüdern in Galizien zu helfen, um sie zu erheben, betheiligen wollte! .Gib den Armen ein Zehent von Deinem Ertrage^, schreibt die Thora vor. und unsere Weisen belehren durch ein hebräisches Wortspiel: .Gib den Zehent, damit Du reich werdest/ Keiner wird behaupten wollen, daß eine solche Lehre dem platten Wortsinne nach zu verstehen sei. Tiefer Sinn liegt darin: Ein Volk ist ein Körper. Fühlt ein Glied Schmerz, empfindet ihn bald der ganze Körper. Und wird den Juden in Galizien nicht bald geholfen, so werden sie, da sie doch auch ein Recht zu leben haben und leben wollen, in ungeordneten Mafien die anderen Länder überschwemmen und hier die Erwerbsverhältniffe der' Juden nicht besser machen, sondern verschlimmern. Unsere Weisen haben recht. Schütze Dich durch Wohlthätigkeit vor Armuth, denn alle Juden bilden eine Einheit, sie sind die Glieder eines Körpers. Nicht nur die Vergangenheit verbindet uns, sondern auch die Gegenwart und Zukunft verbinden uns. Ueberall ist Wechselwirkung, Zusammenhang. Seit Jahrtausenden kommen und gehen die Geschlechter, denn jedes Geschlecht hat nur seine Zeit. Auch wir haben nur unsere Zeit. Auch wir, die wir jetzt die Nachkommen sind, werden unsern Vorfahren folgen, und in einigen Jahrzehnten werden wir nicht mehr die Seelengedächtnißfeier für unsere Vorfahren abhalten, sondern unsere Nachkommen werden sie für uns abhallen. Mögen sie dann bei HasLaratü Neschamoth unser Andenken segnen und über unser Leben urtheilen, daß es ein wahres und richtiges genannt werden kann, weil es ein Leben des thatkräftigen.fruchtbaren Wirkens ist, ein Leben in unserer Gemeinschaft und für unsere Gemeinschaft. Saaz. Dr. Simon Stern.

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