Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr> Lloch's WortzrnfchrM Gette SIS Zur Schächtfrage. Eines der letzten Hefte der von dem „Deutschen Verein zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse in Prag" herausgegebenen „Sammlung gemeinnütziger Borträge" enthält einen »Ueber den Umgang mit Thieren" betitelten Aufsatz des Herrn H. D'xler, Professors der Thierarzneilunde an der deutschen Universität zu Prag. Hierin äußert sich dieser sicherlich kompetente Beurtheiler über das Schächten wie folgt: „Das Schächten hält man für eine grausame Schlachtmethode, einmal weil dies der allgemeinen Annahme entspricht, und dann weil wir an dem verwundeten Thiere heftige Bewegungen sehen, die wir uns als Ausdruck körperlicher Qualen übersetzen. Das Tödten der Thiere durch Genickstick dagegen erscheint weit besser, weil das gestochene Individuum „wie vom Schlage gerührt" niederstürzt und bewegungslos liegen bleibt. Beide Schlüsse sind falsch. Die Krämpfe verblutender Thiere beruhen auf keiner Bewußtseinsreaction; sie entstehen auch an Enthaupteten. Aber wenn auch der Zusammenhang zwischen dem Körper und dem Gehirne nicht aufgehoben wird, hat man nicht das Recht, von einer bewußten Schmerzäußerung zu sprechen, weil das Bewußtsein in dem Moment erlischt, in dem das Gehirn blutleer wird, was bei Eröffnung aller großen Blutgefäße sehr rasch geschieht." Der Bischof und der jüdische Doetor. Budapester Blätter melden: Anläßlich des jüngsten Katholikentages befand sich auch ein Bischof in Budapest, der noch nicht lange sein hohes Amt bekleidet. Einst, vor vielen Jahren, befand sich der Bischof als ganz junger Cleriker im Pazmaneum in Wien und dort besuchte ihn sehr häufig ein Studiengenofie aus dem Provinzgymnafium, das fie Beide absolvirt hatten, ein Jude, der in Wien Medicin studirte. Sie waren am Gymnasium außerordentlich befreundet gewesen und blieben auch in Wien gute Freunde, obwohl ihre Lebenswege weit auseinandergingen. Plötzlich verlor der junge Cleriker alle Lust am geistlichen Stande, wollte das Pazmaneum verlaffen und sich einem weltlichen Studium widmen. Seinem Freunde, dem jüdischen Mediciner, gelang es nur mit Aufgebot all' seiner Kraft, ihn zum Verbleiben zu veranlassen. Er vergegenwärtigte ihm das Entsetzen seiner armen Eltern, wenn sie hören würden, er habe den geistlichen Stand verlassen, er malte ihm die schöne Zukunft aus, die ihn, einen so klugen Kopf, in der mächtigen Hierarchie erwarte und schilderte ihm die unendlichen Schwierigkeiten im weltlichen Beruf. Wochen- und wochenlang mußte der jüdische Mediciner seine Ueberredungskunst aufwenden, bis es ihm endlich gelang, den Cleriker zum Verbleiben im Pazmaneum zu veranlassen. Und die Züt verstrich, es vergingen zwanzig, es vergingen dreißig Jahre und der junge Cleriker von damals wurde zum Bischof ernannt. Sein einstiger Freund gratulirte ihm zu seiner Ernennung, aber er antwortete nicht. Es mochte ihn vielleicht verdrießen, daß der ungarische Episkopat einen Bischof — einem Juden zu verdanken habe, denn er wäre niemals Bischof geworden, wenn er sich seinerzeit von seinem jüdischen Freunde nicht hätte überreden lassen. Und vor einigen Tagen trafen sie sich nach langen Jahrzehnten in Budapest, der Bischof und der jüdische Arzt. Sie blickten sich in die Augen, sie stutzten, doch der Bischof sammelte sich rasch und ging ruhig von dannen. Er fand wohl die Kluft zwischen einem katholischen Bischof und einem jüdischen Arzt viel zu tief, wenn fie auch einstens Herzensfreunde gewesen. Chanukabescheerung. Im vorigen Jahre war ich zum erstenmal Zeuge einer Chanukabescheerung. Es war nicht eine Feier im großen Styl, sie fand jedoch unter zahlreicher Theilnahme seitens der Schuljugend und der dieselbe beaufsichtigenden Personen statt. Außerdem waren noch einige Herren und Damen von den Veranstaltern geladen, und einer derselben, durch sein Amt dazu berufen, eröffnte die Festlichkeit mit einer Ansprache, welche den Ursprung und die Bedeutung des Chanukafestes in einer der Auffassung der jugendlichen Zuhörerschaft angepaßten Weise behandelte. Daß der Redner die Aufmerksamkeit zu fesseln und das Interesse für den Gegenstand wach zu halten verstand, bewiesen die leuchtenden Augen und die athemlose Stille, mit welcher seine Ausführungen angehört wurden, sowie der stürmische der am Schlüsse folgte. Das Programm von Veranstaltungen dieser Art wird wohl, als durch den Zweck derselben gegeben, allerorten ziemlich das gleiche sein. Das erste Licht an der Menorah wurde angezündet, das alte Lied Llo-autb-^ur wurde in seiner bereits ehrwürdig gewordenen Verstümmelung mit Pianobegleitung abgesungen, es folgte das Bortragen einiger Gedichte, welche ihrer Bestimmung, die Ruhmesthaten der Hasmonäer zu preisen, mit viel mehr gutem Willen als poetischen Geschmack nachkamen, endlich die sehnlich erwartete Jause und schließlich die Geschenkevertheilung. Frohe und glückliche Kkndergesichter find mir immer ein lieber und erheiternder Anblick gewesen. So viel Vergnügen derselbe mir auch diesmal gewährte, verließ ich die Stätte doch nicht mit der Empfindung völligen Befriedigtseins. Es fehlte mir etwas; etwas, wofür ich noch keinen Namen hatte. Erst allmälig rang es sich zur Klarheit durch — mir fehlte ein Lied — ein Lied, das die Kinder nicht blos singen, sondern auch verstehen, ein Chanukalied, das sie darum auch mit Lust und Liebe singen würden, ein Lied, dem keine steifleinene Moral hinten anhängt und das auch die Alten, wenn sie anders Lust und Stimme haben, mitsingen können. Und wie ich so diese Klarheit gewann, wurde mir der Wunsch gleichzeitig und ungewollt zur gestaltenden Ausführung. Ob mein Lied den Anklang finden wird, den ich ihm wünsche, muß sich erst erweisen. Es wirbt insbesondere um die Gunst der lernenden und studirenden Jugend aller Stufen. Es möchte nicht blos bei der Chanukabescheerung. sondern auch am Abend in der Familie und in der fröhlichen Runde des Commerses erklingen. Und bis vielleicht ein jüdischer Compositeur ihm die eigene Melodie schenkt, könnte es nach der Melodie eines andern bekannten Volks- oder Studentenliedes gesungen werden. („Die Hussiten zogen vor Naumburg", oder „Als die Römer frech geworden".) Und nun, auf gut Glück, fliege hinaus Mein Chanukalied! Antiochus, Syrerkönig. Antisem war er nicht wenig, Schickt ein Heer mit Mann und Roß, Schwert und Spieß und Wurfgeschoß Zu der Juden Knechtung. Den lebend'gen Gott absetzen, Aufzurichten todte Götzen, Diese große Schändlichkeit Glaubte er in kurzer Zeit Straflos zu verüben. Mathatias, also hieß der Fromme Mann und Altepriester, Der zu Modin in der Stadt Friedsam aufgeführt sich hat Bis die Syrer kamen. Söldnerbande, Götzenfratze Steh'n schon auf dem freien Platze, Und ein Rufer schreiet laut: „Auf, Ihr Juden, hört und schaut, Opfert diesem Gotte!" C" Willig bald zum Opfersteine Aus den Priestern tritt der eine, Doch der Alte, Schwert hervor. Haut ihm ab das linke Ohr Mit dem halben Schädel. Seiner starken Söhne Dritter Jude, wie ein Löwe stritt er, Ruft zusammen die Miliz, Drauf und dran als wie der Blitz Auf die frechen Gäste. „Jude!" schallet mit Gewalt es, Durch Gebirg und Wüste schallt es, „Heil Dir, Juda Makkabi, Der Du hämmerst mit Genie, Hämm're unverdrossen!" All die feilen Söldnerschaaren Treibt er überall zu Paaren, Bis das Land er hat befreit Und den Tempel frisch geweiht Mit dem alten Oele. Und zu Ehren dieser Glorie Sehet leuchten die Menore: Chanuka heißt dieses Fest. Heil dem Volke das nicht läßt Von der alten Treue! Flieg hinaus mein Chanukalied und mögest Du in den nächsten Wochen von recht vielen Lippen erklingen. Brünn. M. B.