Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Str. 50 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 813 nur der antisemitische Preßabhub sich die rumänischen Argumente zu eigen macht, müßte den Rumänen die Augen darüber öffnen, wie wenig finanziellen und moralischen Credit sie besitzen, und daß es vergebliche Mühe ist, durch Worte die Welt eines Besseren zu belehren, wo die Thatsachen jedes Wort Lügen strafen. So hat denn auch der ehemalige Kriegsminister Lahovary ganz vergebliche Anstrengungen gemacht, die Haltung der Rumänen gegenüber der „Judenfrage in Rumänien" zu rechtfertigen und ihre Lösung als eine schwierige hinzustellen. Die Lösung ist eine leichte — wenn man nur die Gerechtigkeit walten läßt, und sie ist eine unlösbare — wenn man das Unrecht in Permanenz erklärt. Man braucht nur die Frage der Confession außer Spiel zu lassen und die Frage ist von selbst gelöst. Man braucht in der Frage der Bodenständigkeit nur die Geschichte sprechen zu lassen und die Frage ist gelöst; man braucht in der Frage der Race nur der historischen Entwicklung in allen Ländern und Völkern zu folgen und die Frage verliert sofort alle Schwierigkeiten — wenn man Recht Recht sein läßt und nicht in Unrecht verdreht. Wenn man aber die statistischen Daten falsch auslegt, wenn man den gegebenen Thatsachen eine falsche Deutung gibt, wenn man die Wahrheit entstellt oder gar offenbare Unwahrheiten an ihre Stelle setzt, dann freilich ist die Frage unlösbar. Beschäftigen wir uns ein wenig von diesem Gesichtspunkte aus mit Herrn Lahovary. Er sieht in dem Verhältniß von 6 Millionen Seelen zu 300.000 Juden in Rumänien eine Gefahr. Ein Jude soll also 20 Rumänen Gefahr bringen. Wenn es wahr wäre, so würde hierin nur ein Beweis liegen, daß die Rumänen physisch und geistig viel schwächer sind als andere Völker, die von einem solchen Verhältniß zwischen Juden und Nichtjuden nichts zu befürchten haben, allein durchaus aber kein Beweis für die Gefährlichkeit der Juden. Worin soll denn die Gefahr bestehen, welche die Rumänen von den Juden zu besorgen haben? Ins rumänische Volk dringen die Juden nicht ein, weil keine Vermischung statlsindet; den Landbesitz dürfen die Juden vorerst nicht occupiren, und wenn sie sich mit Bodenarbeit beschäftigen würden, so käme dies nur dem Lande zu statten, das durchschnittlich nur 58 Einwohner auf den Quadratkilometer besitzt, und wenn man die Städtebewohner abrechnet, vielleicht nur 38. Rumäniens Boden braucht also Arbeitskräfte und dennoch stößt man sie fort. Daß der Jude Bodenarbeiter sein kann und sein will, hat er in Südrußland bewiesen — in Böhmen nicht minder. Er bereichert das Land durch seinen Fleiß, seine Tüchtigkeit, seine Nüchternheit, seinen Familiensinn, seine Sparsamkeit, und wenn er dabei selbst auf einen grünen Zweig kommt, so bereichert er das Land durch seine Steuerkraft. Das Land, das viele Steuerträger hat, besitzt eine sichere Einkommensquelle, wenn man aber die Steuerkraft verringert, so gräbt mau dem Baume die Wurzeln ab, von denen er seine Nahrung bezieht. Lahovary macht den Juden den Vorwurf, daß sie Handel treiben. Abgesehen davon, daß der Vorwurf der Wahrheit nicht entspricht und nur Zeugniß gibt, daß Lahovary entweder sein Land nicht kennt, oder die Wahrheit verschweigen will, liegt darin auch ein Beweis, daß dieser ehemalige Minister auch nicht einen Funken staatsmännische Fähigkeit besitzt, sonst müßte er wissen, daß gerade heutzutage der Handel der unentbehrlichste Factor der Staatswohlfahrt ist und daß der Staat zu Grunde geht, der den Handel mißachtet. Wenn sich die Juden vermehren, die Rumänen aber vermindern, so hat dies seinen Grund nicht in der Einwanderung der Juden, sondern in ihrer größeren Sittlichkeit, in ihrer Familienreinheit. Durch Vertreibung der Juden vermehrt Herr Lahovary die Rumänen nicht, und wenn er in seinem Volke Judenhaß nährt, so hebt er seine Sittlichkeit noch lange nicht. Die Vermehrung der Juden ist aber umso weniger eine Verdrängung der Nichtjuden, als das Land bekanntermaßen menschenarm ist. Den Rumänen ist aber nicht blos die Vermehrung der Juden ein Dorn im Auge, sondern auch ihre Glaubensstärke, ihr Nationalbewußtsein. Aus dem Munde eines Volkes, das auf seinen Glauben und seine angeblich historische Abstammung von den Römern — die bekanntlich trotz ihrer Riesenzahl ausgestorben sind — sich so viel zu Gute thut, ist dieser Vorwurf wohl die gröbste Jnconsequenz. Aber mehr noch! Man macht ihnen zum Vorwurf, sie bilden einen Sonderstamm! Ja, gibt es in der ganzen Welt nur Rumänen? Sind nicht die Rumänen auch ein Sonderstamm? Und hätten nicht dann alle Völker das Recht, — wenn es überhaupt ein solches Recht gäbe — sich eines Sonderstammes, also auch der Rumänen zu entledigen? Mit dem ..Stamm" hat das Recht civilisirter Völker nichts zu thun. Den „Sonderstamm" aufzufressen, ist Barbarenart. Wenn der Hottentotte den Somali vernichtet, weil er anderen Stammes ist, so mögen die Rumänen nach Afrika auswandern, wo diese „Sitte" noch herrscht, so weit nicht schon europäische Civilisation eingedruugen ist. In Europa sollte wohl für ein solches Sondervolk kein Platz sein. Herrn Lahovary erst erinnern wollen, daß die Juden länger in Rumänien ansässig sind als die Rumänen, hieße Eulen nach Athen tragen, und ihm die patriotischen Leistungen der Juden an Gut und Blut vorrechnen zu wollen, hieße ihm die absichtliche Unkenntniß der Landesgeschichte zum Vorwurf machen. Alle Ausflüchte, die er der Naturalisation der Juden entgegenstellt, sind hinfällig, und nichts bleibt davon übrig, als die Thatsache, daß ein rumänischer Minister vor Europa die Geschichte fälscht. Vom Jahrmarkt des Leben». Gloffen zur Tagesgeschichte. (Gutmann's Seelengröße und K. H. Wolfs reine Hände. — Der Ober-Cherusker und die Hebräer — Das Jubiläum der fünftausendsten Gemeinheit. — Das verspottete Elend.) Aus der Fülle unsympathischer Erscheinungen, die der Brüxer Schwurgerichtsproceß ins Tageslicht gerückt, strahlt eine einzige Gestalt in der Gloriole des Edelmuthes und der heroischen Selbstaufopferung. G u t m a n n ist's, der Bringer der Pauschalien, die in die Caffe der .Ostdeutschen Rundschau' geflossen sind und aus welchen der Gehalt des K. H. Wolf und seiner Redacleure bezahlt worden ist. Gutmann, wie edel hast Du Dich benommen. Du nahmst für Dich allein, aber Du gabst es Deinem Herrn und Meister, und als die compromittirende Enthüllung kam, die auf den Catonismus des Ober-Cheruskers einen trüben Schatten warf, da nahmst Du allein alle Schande auf Dein Haupt und ließest als schuldbeladener Sündenbock Dich allein hinausstoßen in die Wüste der Corruption. Wolf aber, dieses reine Teutoburger Kind, hatte nicht die leiseste Ahnung davon, woher die Tausender stammen; er nahm sie gläubig hin als Darlehen von dem bei ihm angestellten volkswirthschaftlichen Mitarbeiter und Verwalter der »Ostdeutschen Rundschau', diesem erhabenen Muster deutscher Gefinnungstüchtigkeit und deutscher Treue. Wenn in einem kleinen, dürftigen Haushalt, in welchem der Familienvater nur wenig verdient, die Frau plötzlich viel Geld nach Hause bringt, so wird es den Galten denn doch ein wenig intereffiren, woher der unerwartete Segen kommt, und wenn er Ehre im Leibe hat, so wird er der Quelle der reichlichen Einnahmen nachforschen. Er kann unmöglich mit einer fadenscheinigen Ausflucht sich beruhigen. Nun, im Haushalte der »Ostdeutschen Rundschau' ist es recht knapp zugegangen, obgleich Herr K. H. Wolf dieses Blatt nachgerade lange genug leitete, um einen großen Leserkreis zu erringen, wenn er ein tüchtiger Publicist gewesen wäre. Das Blatt war aber immer so seicht und oberflächlich wie der ganze K. H. Wolf, und hatte mit Ausnahme einiger fanatischer Alldeutscher so gut wie keine Leser. In dieses mit der Finanznoth blaßer Wehmuth behaftete Unternehmen schneit es nun plötzlich die Tausender hinein. Woher? Wofür? Das Allergeringste, was in dem Processe Wolf—Schalk bewiesen wurde, ist die vollständige Gleichgiltig-