Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6l2 Dr. Bloch's Wochonfchrift. Nr. 50 der gewaltigen Kraftanstrengung, welche deren Aufschwung und deren Ausbreitung über das ganze Weltall zeitigte, bieten unsere österreichischen Industriellen ein Bild kläglicher Schwäche und jämmerlichen Kleinmuthes. Auch sie haben sich daran gewöhnt, von der Staatshilse Alles zu erwarten, auch sie sind dazu gelaugt, ihre Kräfte einrosten zu lassen, und gestehen wir es nur: Der Staat ist ihnen darin mit bösem Beispiele vorangegangen. Auf dem erwähnten Jndustriellentage hat der Generaldirector der Prager Eisenindustrie-Gesellschaft, Herr Wilhelm Kestranek, eine vielbemerkte Rede gehalten, in welcher er nicht nur seinen Standesgenossen, sondern auch dem österreichischen Staate einen Spiegel ihrer Sünden vorgehalten hat. Wie soll der Unternehmungsgeist gefördert, wie soll der Blick geschärft werden, wenn der Staat selbst seine Unternehmungen mit dem kleinlichsten Fiscalismus, mit der engherzigsten Beschränktheit verwaltet? Herr Kestranek führte unter Anderem an, daß die Staatsbahnverwaltung ein Gesuch seines Werkes, die vollständig ungenügende Verladestation neben demselben zu erweitern, mit dem Rathschlage beantwortete, das Werk möge seine Transporte, d. h. also auch seine Production vermindern. Er verwies ferner auf die durchaus unkaufmännische Gebahrung unserer Telephonverwaltung, welche neue Anmeldungen für dieses heute bereits unerläßliche Verkehrsmittel oft ein halbes oder gar ganzes Jahr unberücksichtigt läßt. Das sind die Beispiele, mit welchen der Staat unseren Industriellen vorangeht. Und ein merkwürdiger Zufall will es, daß an der Spitze jener Ressorts, welche mit dem Betriebe dieser staatlichen Unternehmungen betraut sind, die Herren v. Wittek und Baron Call stehen, deren Wahl- und Gesinnungsverwandtschaft mit den christlich-socialen Wirthschaftsreformern ja eine notorische ist. Wie lähmender Mehlthau legt sich die christlichsociale Wirthschaftsdoctrin auf unser ganzes ökonomisches Leben und schon heute hat der Antisemitismus in Oesterreich Erscheinungen gezeitigt, welchen wir in der Geschichte überall begegnen, wo die judenfeindlichen Lehren der Liechtenstein und Schneider zu praktischer Geltung gelangt sind. Die Leser der „Oesterreichischen Wochenschrift" haben jüngst aus einem glänzenden Vortrage des Herrn Sigmund Mayer ersehen, welch' mächtigen Einfluß jüdische Arbeit, jüdische Tüchtigkeit, jüdischer Fleiß auf das wirthschaftliche Emporblühen nicht nur der Reichshauptstadt, sondern ganz Oesterreichs genommen haben. Wenn Wien ein Mittelpunkt des Handels zwischen dem betriebsamen Westen und den Bedürfnissen des Ostens geworden ist, so hatten daran jene jüdischen Kaufleute, deren bürgerliche Existenz nicht einmal sichergestellt war, den größten Antheil. Wir haben erfahren, wie durch die Conceutrirung des Großhandels und des Zwischenhandels in jüdischen Händen Wien zu einer mächtigen und reichen Stadt geworden ist, wir haben aber auch gesehen, wie die Juden über diese ursprünglichen Gebiete hinaus sich mehr und mehr der Industrie zugewendet und diese zu eiuer reichen Steuerquelle für den Staat selbst gemacht haben. Kaufmännische Treue und Redlichkeit, aber auch rastlose Rührigkeit und scharfes Erfassen der jeweiligen, über den localen Consum hinausgehenden Conjunctur waren jene löblichen Eigenschaften, durch welche die jüdischen Handelsleute und Industriellen diese Erfolge errangen. Es ist überflüssig, zu sagen, daß dieselben dem ganzen Staate zugute kamen und das gesammte Wirtschaftsleben beftuchteten. Trotz aller Verfolgungen und Demüthigungen, trotz allem Druck und Zwang, denen sie heute ausgesetzt sind, sind die Juden diesen ihren kaufmännischen Tugenden nicht untreu geworden. Während unsere christlichen Industriellen sich noch immer auf den heimischen Markt beschränken, dessen Aufnahmsfähigkeit von Tag zu Tag sich verringert, streben die jüdischen Industriellen hinaus über die Grenzen des Reiches, werden sie Pfadfinder für neue Absatzgebiete jenseits des Weltmeeres, in Ländern, wo man den gemeinen Haß, den niedrigen Neid, die boshafte Verfolgungssucht nicht kennt, wo der menschliche Geist sich in voller Freiheit zu entfalten vermag. Und das will der Herr Abgeordnete Schneider mit seinem Gewerbegenossenschaftstage hindern? Es ist diesen Leuten gelungen, die wirthschaftliche Bedeutung Oesterreichs tief herabzudrücken, Wien beinahe zu decapitalisiren, einst wohlhabende Bevölkerungsschichten zu proletarisiren. Aber jenseits der österreichischen Grenzpfähle hat ihre Macht eine Grenze. Die jüdischen Kaufleute und die jüdischen Industriellen werden sich nicht abhalten lassen, auch fernerhin für die Ehre der österreichischen Production überall einzutreten, wo die Völker des Erdballes sich vereinigen zu friedlichem Wettbewerb; sie werden sich nicht hindern lassen, aus der Enge der heimischen Verhältnisse hinauszustreben ins Weite, und sie werden dabei von dem stolzen und patriotischen Bewußtsein erfüllt sein, daß sie damit die Ehre und den Ruhm unseres Reiches besser wahren, als ihre christlich-socialen Bedränger zuhause. Ci« rumänischer Minister als Geschichtsfälscher. Die Judenfrage ist eine brennende Wunde am Leibe Rumäniens, und so lange diese Wunde nicht heilt, krankt der ganze Organismus. Seit fünfzig Jahren bemüht sich Rumänien gegen alles göttliche und menschliche Recht, gegen die Natur, mit Feuer und Schwert diese Wunde gewaltsam zu schließen. Vergebliches Bemühen! Einem unnatürlichen Heilmittel folgt die Heilung nicht und der kranke Körper kann nicht gesunden. Qui mange du Juive en meurt! Je länger die Krankheit dauert, desto siecher wird der Organismus, bis zur Erschöpfung, und vergebens wendet man Schminke an, um den bleichen Wangen den Schein von Gesundheit zu geben. Bei den Serben wie bei den Rumänen war es früher Brauch — ist es zum Theile noch — die Leichen zu färben, um ihnen das Bild des Lebens zu geben,. An diese Sitte der Selbsttäuschung gemahnen die Bestrebungen der Rumänen, sich vor Europa den Schein unerschütterter Creditwürdigkeit zu geben. An diese Selbstbelügung erinnern die „Staatsmänner" dieses Landes, die immer von Neuem versichern, Rumänien sei ein Culturland und komme seinen materiellen und moralischen Verpflichtungen nach. Den Nachweis zu erbringen, daß diese Behauptungen Schminke sind, die den Moder bedecken, ist heute nicht mehr nothwendig. Die Welt, die nicht selbst getäuscht sein will, läßt sich auch nicht täuschen. Die amerikanische Staatsschrift und die sensationelle Ausschließung des rumänischen Gesandten vom Lordmayor-Bankett in London sind historische Documente, die aus der Geschichte nicht weggewischt werden können. So wahr und eindringlich ist ihre Sprache, daß sie nicht widerlegt, nicht entkräftet werden können. Diesen positiven Schuldurtheileu schließt sich aber auch ein unwiderleglicher indirecter Beweis au: das Schuldbewußtsein der Rumänen selbst. Wäre dies nicht vorhanden, so hätten sie es nicht nöthig, Europa mit Finanzbroschüren „bluffen", über ihre angebliche Creditfähigkeit „aufklären", über die Fortschritte des Landes „unterrichten" zu wollen. Wäre dies Schuldbewußtsein Rumäniens nicht vorhanden, seine Staatsmänner würden nicht immer von Neuem selbst die Judenfrage zum Gegenstand ihrer Darlegungen im Lande und außerhalb desselben machen und sich zu rechtfertigen suchen. Qui s’excuse s’accuse. Wer sich entschuldigt, klagt sich au, das Sprichwort trifft in vollem Umfange die Rumänen mit der Wahrheit des Volksurtheils und es trifft jeden ihrer Politiker, der coram publico Rumänien entlasten will, umsomehr, als die Entschuldigungen regelmäßig ebenso viele Unwahrheiten enthalten, als Behauptungen vorgebracht werden und als selbst die wahren Thatsachen von ihnen stets in falscher Beleuchtung vorgebracht werden. Schon der Umstand, daß kein anständiges oder unabhängiges Blatt sich dazu hergibt, die rumänischen Lügen in seine Spalten aufzunehmen, daß